Leben auf dem Rücken der Gesellschaft

Mindestlohn Der Mindestlohn versucht die Wogen zu glätten und einen Teil der Gesellschaft ruhig zu stellen. Doch die Thematik führt an der wahren Diskussion vorbei.
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Die Diskussion um den Mindestlohn ist gerade einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Wahrlich lässt sich die die Diskussion gut führen. 8,50€, mindestens! Das ist gut fürs Wahlkampfgeschäft, lässt sich also leicht an die Masse bringen. Dabei ist es nur eine Komponente von vielen, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen kann. Die wahre Diskussion bleibt aber außen vor.

Leiharbeit und andere prekäre Arbeitsverhältnisse boomen, selbst im Wirtschaftsaufschwung, wie wir ihn anscheinend gerade erleben. Dieser Aufschwung scheint unten allerdings nicht anzukommen. Vielmehr ermöglichte erst die starke Flexibilisierung des Marktes diesen Boom. Auf dem Rücken einer Gesellschaftsgruppe wird hier Wachstum und Wohlstand regelrecht durchgeboxt.

Da erscheint die Diskussion um 8,50€ pro Stunde wie der blanke Hohn. Selbst mit diesem Gehalt ist der Weg in die Altersarmutprogrammiert. Hinzu kommen aufgeweichte Verträge, die Leiharbeiter zu mehr Arbeit bewegen sollen. Denn der Druck ist hoch. Überstunden sind an der Tagesordnung, mit dem Versprechen auf eine baldige Festanstellung. Immer 100 Prozent flexibel in der Arbeitszeit sein, natürlich jeder Zeit austauschbar, keine Berücksichtigung bei Auszahlungen von Bonis und möglichst nicht krank sein.

Dass so etwas längst Alltag ist, ist jedem bewusst. In Zeiten der Globalisierung scheint man es aber einfach akzeptieren zu müssen. Mehr Produktivität und Effizienz an den Tag zu legen um mehr Gewinn einzufahren hat eben seinen Preis. Einen Preis, den auch Amazon-Gründer Jeff Bezos in Kauf nimmt. Amazon ist schon lange nicht mehr nur Online-Händler, aber gerade in dieser Branche beutet das Unternehmen gezielt seine Mitarbeiter aus.
Die schlechten Arbeitsbedingungen seien laut Branchenanalyst RJ Hottovy vom Investmentberater Morningstar der „Kern von Amazons Wachstumsstrategie“. (Zeit Online)

Freilich ist nicht nur Amazon schuld. Es ist nur eines der Unternehmen, die grandios die Lücken der Politik füllen und schamlos ihre Möglichkeiten ausnutzen. Die Automobil- oder Fleischindustrie ist da nicht anders, wie wir anhand von BMW oder Tönnies unschwer erkennen können. Grundsätzlich zeigt die Debatte um den Mindestlohn eigentlich nur auf, dass im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung die politische und damit gesellschaftliche Entwicklung nicht mitbedacht wurde oder werden konnte. Wir denken wirtschaftlich global, doch politisch und gesellschaftlich national. Dementsprechend ist die Einführung des Mindestlohns hier in Deutschland wie das Flicken eines grob zerlöcherten Radschlauches. Die Luft entweicht dann an anderer Stelle. Die soziale Marktwirtschaft ist so schon lange nicht mehr machbar und nur noch ein Mythos aus vergangenen Tagen.

Jahr für Jahr nimmt die Armut zu, bei Jung und Alt, Bundesland zu Bundesland und selbst europaweit gesehen. Die Antwort hierauf kann freilich nicht der Nationalstaat sein, wie Frau Le Pen oder Herr Wilders uns vorschwafeln. Dafür hat sich wirtschaftlich schon zu viel getan. Hier würde nur Ausgrenzung bestimmter gesellschaftlicher, meist schwacher, Randgruppen die Folge sein und irgendein Schuldiger bestimmt, der sich dann am Pranger wiederfindet. Vielmehr müsste global bedacht werden, was nach dem Erreichen eines gewissen Wohlstandes kommt, wie beispielsweise in Deutschland. „Wohin gehen wir?“ muss die Frage heißen und die Antwort darf nicht ein dauerhaftes Wachstum sein. Wachstum hat freilich zu Wohlstand geführt, doch Wachstum hat seine Grenzen. Der Mensch hat seine Grenzen – in Produktivität und Effektivität. Ob 8,50€ pro Stunde oder nicht ist hier nicht die Frage. Die Frage ist, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, wenn der Wohlstand vorhanden ist und ob alle den Wohlstand in Anspruch nehmen können. Somit würde sich eine Gesellschaft für die freie Entfaltung des Individuums entscheiden und den wahren Liberalismus erst ermöglichen. Denn aktuell kann sich ein immer größer werdender Teil nicht frei entscheiden – nehme ich den Job an, oder nicht. Sie müssen, sonst droht der vollkommende Absturz und das wiederum schafft den Arbeiter, wie wir ihn millionenfach heute sehen. Für ein bisschen Geld macht er alles und die Gesellschaft schaut zu.

14:44 22.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Jelinek

Europäer 🇪🇺 & Anhänger der Menschlichkeit. @Peter_Jelinek
Peter Jelinek

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