Oratorium von She She Pop

Premierenkritik Eine „Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“ nach Brechts Lehrstücktheorien im Berliner Hebbel am Ufer
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Oratorium von She She Pop

Foto: Jürgen Fehrmann/HAU

Einen Tag vor dem 120. Geburtstag des Dramatikers Bertolt Brecht bringt das feministische Theaterkollektiv She She Pop ihre neue Produktion Oratorium im Berliner Hebbel am Ufer zur Premiere. Das Stück nennt sich im Untertitel Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis. Dieses Geheimnis dreht sich um nichts anderes als das Eigentum. Ein eigentlich ganz materieller Begriff, dem Brecht in Zusammenhang mit der herrschenden bürgerlichen Gesellschaftsordnung aber auch ganz bewusst religiöse Züge nachsagte, indem er den Kapitalismus als „Religion, welche die Verwendung von Eigentum zum Zwecke der Ausbeutung heilig spricht“ bezeichnete.

„Eigentum verändert das Bewusstsein. Es trennt Freund*innen, es erteilt Macht über andere, es schließt aus. Eigentum ist selbstverständlich. Und man spricht nicht darüber. Nichts ist so konstituierend für unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben, nichts wirkt so trennend auf die Gemeinschaft wie das Eigentum.“ So umschreiben wiederum She She Pop ihren an Brechts Lehrstücktheorie orientierten, kollektiven Theaterabend, an dessen Anfang erstmal das Einüben von chorisch vorzutragenden Texten steht, die das Publikum von einem großen Teleprompter an der Rückwand der Bühne im HAU 2 ablesen muss. Ein Akt des solidarischen Handels, der das Publikum aber gleichzeitig auch wieder in verschiedene für sich sprechende Gruppen aufteilt, zum Beispiel in den Chor der aus dem Prenzlauer Berg Verdrängten, der Zugezogenen, der aus dem Ausland Kommenden, der Mütter ohne Absicherung, der Erb*innen, der Kinder von 68er-Eltern, der Studierenden, die ihr Studium selbst bezahlen, oder solcher mit Eigentumswohnungen. Womit wie dann auch beim eigentlichen Thema des Abends angelangt wären.

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Nach diesem schönen Einstimmungsprolog, an dem das Publikum zwar freiwillig teilnehmen kann, sich aber sozusagen aus der anonymen Masse heraus zu seiner Gruppenzugehörigkeit bekennen muss, bevölkert nun ein wenn man so will Brecht`scher Kontrollchor „der Delegierten“ die Bühne, der aus den drei She-She-Pop-Performerinnen Lisa Lucassen, Mieke Matzke und Berit Stumpf sowie sieben weiteren aus Berlin stammenden Performer*innen besteht. Unter ihnen auch Brigitte Cuvelier und Jean Chaize aus Frank Castorfs ehemaliger Volksbühnen-Familie. Sie marschieren mit bunten Fantasie-Fahnen auf, die sie sich später auch als Kostüme überziehen. Eine Demonstration von ernsthafter Geschlossenheit, die von Richard Koch an der Trompete und Karl Ivar Refseth am Vibraphon musikalisch ganz im Stile von Dessau, Eisler und Weill untermalt wird. Die Komposition lieferte Max Knoth. Die Solo- und Chortexte stammen aus zahlreichen Interviews mit Vertreter*innen verschiedenster Gruppen wie Alleinerziehende, Eingewanderte, Entmietete, Erbinnen, Hausbesitzerinnen, freischaffenden Lohnarbeitern, Mietern, Wohnungseigentümern und Vermieterinnen, die das Theaterkollektiv in einer Art Work in Progress über Monate gesammelt hat.

Das Spiel der Gruppenzugehörigkeiten geht auch unter den Performer*innen auf der Bühne weiter. Frei nach Brecht heißt es hier zwar auch: „Wir sind der Protagonist.“ Allerdings wird der Gang in die Entindividualisierung auch nicht ganz ohne Ironie dadurch gebrochen, dass man zwar kein Einzelschicksal darstellt, wie Mieke Matzke etwa als Beispiel einer prekären Schriftstellerin, die in einer dreiteiligen „Fabel von der Entmietung“ durch den Verkauf ihrer Wohnung als Eigentum entmietet wird, sondern aus dem Bühnenchor heraus immer wieder auch einzelne Gruppen wie Mieter, Wohnungskäufer oder Erben sprechen. Das Publikum wird via Teleprompter zwischendurch zu skeptischen Kommentaren aufgefordert, oder es kommen sogar einige potentielle Erb*innen auf die Bühne, deren Vermögen sich nach kurzer interner Evaluierung auf 6 ½ Millionen Euro belaufen soll.

In kleinen Zwischenstücken betet man den „Katechismus des Eigentums“ mit Zitaten aus der Geschichte des römischen Rechts auf das Land, John Lockes Begriff des Eigentums sowie mit Auszügen aus Texten von Wirtschafts- und Regierungsinstitutionen und Sprüchen von Bundeskanzlern wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl herunter. Oder Brigitte Cuvelier als Allegorie des schlechten Gewissens performt das „Lied von der moralischen Überforderung“ als kleinen Maskentanz. Das „Lied von der zynischen Empathie“ beklagt den Zwang zum Altruismus aus Sicht zweier natürlicher Erbinnen, deren Vater einen afrikanischen Flüchtling adoptieren will.

Heißt es in Brechts Gedicht vom Lob des Revolutionärs: „Er fragt das Eigentum: / Woher kommst du?“ wissen She-She-Pop in ihrem Oratorium: „Das Kriterium ist Geld.“ Dass sie dabei so bewusst auf den rein materiellen Vorgang des Erbens abzielen und diesen in Zusammenhang mit dem Erwerb von Eigentum in Form von Immobilien setzen, ist sicher aktuell der nicht nur in Berlin heiß diskutierten Form der Gentrifizierung und dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum geschuldet. Auch die bestehenden Ost-West-Unterschiede bezüglich der Kapitalanhäufung durch Erben spielen da sicher eine Rolle. Brechts Revolutionär fragt aber auch „die Ansichten: / Wem nützt ihr?“ Die Zusammenhänge von Privateigentum und Nutzen bleiben hier aber doch weitestgehend im Dunkeln.

Dass das Theaterkollektiv auch Marx gelesen haben muss, erfährt man zumindest am Rande, wenn von den Urformen kollektiven Eigentums und dem Zusammenhang von Eigentum und Produktion die Rede ist. Brechts Einstellung zum geistigen Eigentum ist bekannt. Aber nicht allein vom Recht am geistigen Eigentum ist hier die Rede, sondern von der entsprechenden Entlohnung für das entstandene Produkt. Der Künstler als Individuum und Produzent ist zwar Eigentümer seiner geistigen Arbeit, muss das Ergebnis seiner produktiven Kraft aber auch am freien Markt entsprechend der Nachfrage veräußern. Der Wunsch nach fairer Bezahlung ist da nur ein Gesichtspunkt.

Am Ende legen die Performer*innen ihre Kleider wie zu einem parzellierten Flickenteppich auf der Bühne aus. In einem Epilog spricht der nur mit einer Tasche aus Polen nach Berlin gekommenen Jan Sobolewski von seinem Blick von außen. Eigentum ist für ihn nicht wichtig. „Befreit euch von dem Gedanken, dass euch etwas zusteht, und ihr werdet mit dem Denken anfangen können.“ Da verengt der hiesige Blick auf die eigene Scholle vielfach noch die Sicht. Der Abend als szenisches Denkspiel ist da ein Anfang, auch wenn hier kaum ein gesamtgesellschaftlicher Abgleich stattfindet.

Die globalisierte Welt des Kapitals mit ihren neoliberalen Slogans der Selbstoptimierung, der „Lüge von der Leistungsgesellschaft“ und den Gesetzen der Wirtschaft, die gleich den Gesetzen der Schwerkraft dem Menschen das Haus über dem Kopf zusammenstürzen lassen, wird das selbst nicht erschüttern können. Wie man aus dem kapitalistischen System von Geld und Eigentum ausscheren kann, scheint ein ebenso wohlgehütetes Geheimnis zu bleiben. Aber vielleicht schaffen She She Pop im 25. Jahr ihres Bestehens und 200. Geburtstag von Karl Marx noch eine weiterführende Produktion zum brennenden Thema Eigentum und Gerechtigkeit. Derweil übt man sich mit dem Publikum bei einem abschließenden Summen im Treffen eines gemeinschaftlichen Tons, der zunächst im Einklang anschwillt und später in einen harmonischen Chor individueller Klangfärbungen mündet.

She She Pop
Oratorium
Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis
Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf sowie dem Chor der lokalen Delegierten: Susanne Scholl, Saioa Alvarez Ruiz, Brigitte Cuvelier, Jean Chaize, Wenke Seemann, Antonio Cerezo, Jan Sobolewski
Bühne: Sandra Fox, Kostüme: Lea Søvsø, Musik: Max Knoth, Trompete: Richard Koch, Vibraphon: Karl Ivar Refseth, Künstlerische Mitarbeit: Ruschka Steininger, Dramaturgische Mitarbeit: Peggy Maedler, Annett Gröschner, Technische Leitung & Lichtdesign: Sven Nichterlein, Produktionsleitung: Anne Brammen, Kommunikation: ehrliche arbeit - freies Kulturbüro, Tour-Organisation: Tina Ebert, Administration: Aminata Oelßner, Company Management: Elke Weber
Eine Produktion von She She Pop in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer Berlin, Festival Theaterformen, Münchner Kammerspiele, Schauspiel Stuttgart, Kaserne Basel, Schauspiel Leipzig, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, FFT Düsseldorf, Konfrontacje Teatralne Festival Lublin und ACT Independent Theater Festival Sofia.
Die Premiere war am 09. Februar 2018 im HAU Hebbel am Ufer, Berlin
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Weitere Termine: 23. - 25.03.2018 im Hebbel am Ufer (HAU2)
März 2018 im Schauspiel Leipzig
April 2018 in den Münchner Kammerspielen
Mai 2018 in der Kaserne Basel
Juni 2018 im Schauspiel Stuttgart

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

20:44 11.02.2018
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Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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