Volker Wissings Idee für eine Verkehrswende: Leuchtende Autobahnen

Meinung Für Volker Wissing bedeutet mehr Verkehr mehr Freiheit. Elon Musk ist sein Vordenker
Ausgabe 06/2023
Volker Wissing ist motorisiert vernetzt
Volker Wissing ist motorisiert vernetzt

Foto: Tobias Schwarz/AFP via Getty Images

Da verrate ich wohl kein Geheimnis, wenn ich sage: Wir müssen uns echt was dazu einfallen lassen, wie wir uns künftig fortbewegen werden. Es gab eine Zeit, in der wir uns das Träumen erlaubt haben. Da stellten wir uns vor, in einer nicht allzu fernen Zukunft auf Hoverboards durch futuristisch designte Städte zu schweben (Zurück in die Zukunft II, 1989) oder mit fliegenden Taxen durch endlose Häuserschluchten zu jagen (Das fünfte Element, 1997). In den Zukunftsvisionen von heute fänden wir es schon sagenhaft, wenn die Züge pünktlich kämen und mit ein und demselben digitalen (!) Ticket nutzbar wären. Es wäre vermutlich auch nicht schlecht, wenn die Klimaanlagen darin funktionierten und die Schienen genügend Sicherheitsabstand zu potenziell umstürzenden Bäumen hätten, denn – Sie haben es wohl schon einmal gehört – die Klimaerwärmung wird künftig für mehr Hitze und Stürme sorgen.

Um solche sogenannten Extremwetterereignisse noch abzuwenden, ist es schon zu spät. Dafür ist auch der Verkehrssektor verantwortlich. In Deutschland trägt er mit knapp 150 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten zu den nationalen Treibhausgasemissionen bei, das sind rund 20 Prozent. Der Verkehr ist der einzige Bereich, der in den vergangenen Jahrzehnten seinen Treibhausgasausstoß nicht mindern konnte – oder sollte ich sagen: wollte? Deutschlands diverse Verkehrsminister bleiben nicht unbedingt wegen ihrer Innovationsfreudigkeit in Erinnerung. Da bildet auch der derzeit amtierende Volker Wissing (FDP) keine Ausnahme, der kürzlich erst wieder verkündete: „Autofahren bedeutet Freiheit“ (der Freitag 05/2023). Das hätte auch eine Autowerbung nicht besser auf den Punkt bringen können.

Wissing will deswegen auch die Autobahnen weiter ausbauen, für mehr Freiheit sozusagen. Es sollen Wälder gerodet und neue Flächen versiegelt werden, damit darauf noch mehr Autos Abgase ausstoßen können. Studien haben gezeigt, dass mehr Straßen den Verkehr aber nicht entspannen, sondern zu mehr Verkehr anregen – seit 1995 hat die Fahrleistung in Deutschland um mehr als 20 Prozent zugenommen.

Trotzdem will Wissing an den neuen Autobahnen festhalten. Wenn Sie das ein wenig gestrig finden, dann haben Sie damit absolut recht, denn diese Ausbaupläne aus dem Bundesverkehrswegeplan stammen tatsächlich aus den 1980er und 1990er Jahren. Hunderte Kilometer neuer Autobahnstrecken will Wissing demnach durch Deutschland ziehen, viele Abschnitte plant er achtspurig, die A3 und die A5 in Frankfurt gar zehnspurig. Das ist ungefähr so innovativ wie Elon Musks großspurig angekündigte „Erfindung“ in Las Vegas: ein 2,7 Kilometer langer Tunnel, in dem man an Bord von beständig im Kreis fahrenden Teslas dem oberirdischen Verkehr entkommen soll. Ursprünglich sollten sich einmal viele solcher Tunnel durch mehrere amerikanische Städte ziehen, die Autos darin autonom fahren, mit Geschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern. Nun werden sie von Menschen gefahren, mit etwas mehr als 50 Stundenkilometern. Die Räder der Autos wollte Musk ursprünglich an die Schienen im Tunnel anpassen, daraus wurde aber ebenfalls nichts.

Wer unterrichtet den armen Mann nun davon, dass die U-Bahn schon 1870 in London mit dem Tower Subway erfunden wurde? Der Schienenwagen darin fuhr allerdings nur wenige Monate, weil die Betriebskosten zu hoch waren, danach wurde der Tunnel für Fußgänger freigegeben. Okay, Musks Tunnel kann in unterschiedlichen Farben leuchten, das ist schon krass futuristisch. Das ließe sich ja auch für die neuen Autobahnen von Volker Wissing überlegen, ich schlage dafür einen neuen Begriff vor: Futurewashing. Hauptsache, es leuchtet schön.

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