Für eine Handvoll Dollar: Das Internet muss kosten

Kolumne Das Internet sollte einst eine bessere Welt werden, doch von diesem Traum ist nichts mehr übrig. Ein Hauptgrund dafür ist Werbung als Geschäftsmodell. Es ist ein unangenehmer Fakt: Wir sollten für das Internet bezahlen!
Die Inhalte sind egal: Aufmerksamkeit ist die Ressource, nach der die Plattformen in unseren Köpfen bohren
Die Inhalte sind egal: Aufmerksamkeit ist die Ressource, nach der die Plattformen in unseren Köpfen bohren

Foto: Imago/Pond5 Images

Das Internet war nie kostenlos. Die Kosten waren versteckt, zeitlich und räumlich verschoben und häufig indirekt, was großen Tech-Unternehmen ermöglichte, sie zu leugnen. Aber sie waren immer da, sie sind hoch und wir zahlen sie täglich. Mit Fake News und polarisierten Debatten, mit informationeller Überlastung und fragmentierten Aufmerksamkeitsspannen. Vieles davon ist nicht einfach, wie das Internet halt ist. Es ist lediglich, wie wir es gestaltet haben. Es wird Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen: das Internet muss kosten.

Derzeit dominieren einige gigantische Plattformen das Netz. Vor allem auf Facebook, Instagram, TikTok, YouTube und Co. verbringen wir unsere Zeit. Sie sind gratis, man zahlt also nicht in Euro oder Dollar, wenn man sie nutzt. Stattdessen verkaufen sie uns und unsere Aufmerksamkeit weiter, indem sie Werbung schalten. Dazu gibt es die nette Weisheit „If something’s free, the product is you”. Aber leider ist es zehn Jahre her, dass man damit jemanden beeindrucken konnte. Wir haben uns alle längst daran gewöhnt, dass man uns alle zwei Sekunden etwas verkaufen will, dass wir von unseren Apps ständig überwacht werden, um uns immer präzisere Anzeigen auszuspielen.

Werbung ist die Erbsünde des Internets. Mit Werbung wird es Plattformen egal, was Leute auf ihnen angucken, solange sie immer weiterscrollen und währenddessen brav die Anzeigen ansehen. Also erfindet man suchterzeugende Likes, führt penetrante Pushbenachrichtigungen ein und kreiert bodenlose, algorithmisch geordnete Feeds, durch die man streifen könnte, bis unser Planet in die Sonne stürzt, ohne jemals an ihr Ende zu gelangen. Werbung bietet den Plattformen Anreize, nichts gegen Hatespeech, Trolle und Fake News zu unternehmen, denn diese provozieren Reaktionen und halten uns in den Apps. Unsere Aufmerksamkeit ist die Ressource, nach der die Plattformen in unseren Köpfen bohren und es ist ihnen egal, welche Kollateralschäden entstehen – sei es eine Krise in der mentalen Gesundheit von Jugendlichen, politische Verwerfungen oder fragmentierte Aufmerksamkeitsspannen. Von der ursprünglichen Vision einer besseren Welt online ist heute nichts übrig geblieben.

Verlässliche Informationen hinter Bezahlschranken

Doch eine bessere Version des sozialen Internets ist möglich. Sie ist leider: eine bezahlte. Verdienen Plattformen durch Abos ihr Geld statt durch Werbung, verschieben sich die Anreize. Plötzlich müssen sie Dinge bieten, die uns hinter die Bezahlschranken locken: verlässliche Informationen, netter Austausch, interessante Communitys. Natürlich hat es ein Geschmäckle, wenn „soziale“ Medien plötzlich exklusiver werden und Partizipation an den Inhalt des eigenen Portemonnaies gebunden wird.

Doch schon jetzt sind es ärmere, besonders nicht-westliche Länder, die unter dem derzeitigen Modell besonders leiden. Die Nutzer:innen dort haben im Schnitt nicht die Finanzen, um attraktiv für Werbekunden zu sein. Plattformen wie Facebook scheren sich daher nicht sonderlich um sie und investieren weniger in Dinge wie die Moderation von Inhalten. Das ermöglichte, dass auf der Plattform in Myanmar im Jahr 2016 ein Genozid gegen die muslimischen Rohingya des Landes organisiert wurde. Auch in Äthiopien kam es nach Posts auf Facebook zu blutigen Ausschreitungen.

Nicht all diese Probleme werden verschwinden, denn die Plattformen sind nicht ihr alleiniger Ursprung. Sie sind aber häufig genug ein werbefinanzierter Brandbeschleuniger. Auch Abo-Systeme verwandeln das Internet nicht in eine Utopie. Aber ein bezahltes Internet wäre wahrscheinlich fragmentierter und ruhiger, was gut wäre. Die Communitys wären kleiner und es wäre nicht mehr die ganze Welt in einen Raum gesperrt, wie es auf Facebook oder Twitter/X der Fall ist. Es wäre noch nicht das beste Internet, das möglich wäre – das Profitmotiv der Plattformen und ihr Wunsch „sozial“ zu sein, werden sich immer beißen – aber es wäre ein wichtiger Schritt. Das Internet muss kosten.

Titus Blome beschäftigt sich in seiner Kolumne Maschinentext mit neuen Technologien

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