Einfach nur Arschlöcher?

Chemnitz Während das Land noch über „Hetzjagden“ oder „Jagdszenen“ streitet, würde es sich auch lohnen, über einen anderen Begriff zu sprechen. Eine Dekonstruktion des Arschlochs
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Einfach nur Arschlöcher?
… einfach nur Arschlöcher?

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Am Ende hat sich das Land also mal wieder vor allem über Begriffe gestritten: Kam es vor zwei Wochen in Chemnitz nun zu “Hetzjagden” oder doch nur zu “Jagdszenen”? Ein Streit über Begriffe ist eine wichtige und gute Sache, es ist für die Erfassung der Realität relevant, wie Dinge benannt werden. Und es ist besser und im Zweifelsfall zivilisierter, mit Worten zu kämpfen als mit Fäusten oder Waffen. Ein solcher Streit um Worte trägt aber nur dann zur Zivilisierung von Auseinandersetzungen bei, wenn er zumindest einen Deut mehr an Besonnenheit aufweist als diese. Andernfalls kann er sie auch verschlimmern.

Leider eskalieren in Deutschland derzeit sowohl verbale wie nonverbale Auseinandersetzungen. Gewaltbereite Rechtsextreme entwickeln ein wahrlich beängstigendes Mobilisierungspotential, aber auch die öffentliche Debatte entgleist, die Grenzen des Denk- und Sagbaren verschieben sich immer weiter, wo man schon vor Kilometern denken mochte, es sei nicht noch mehr Entgleisung und Entgrenzung möglich. Angesichts der jüngsten Interview-Äußerungen von Alexander Gauland hat selbst einer der Verfasser des mit seinem Titel inzwischen fast schon zu einer ideologischen Wasserscheide gewordenen (und dabei wohl umso seltener gelesenen) Buchs Mit Rechten reden, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, eine rote Linie gezogen. Mit offensichtlich verfassungsfeindlichen Beteuerern ihrer Verfassungstreue wolle auch er nicht mehr reden.

In Anbetracht solcher Entwicklungen ist es umso bedauerlicher, wenn der Diskurs auch auf linker bzw. nicht- oder anti-rechter Seite entgleist und es auch hier zumindest zu digitalen Jagd- und Mob-ähnlichen Szenen kommt, und das auch noch gegen prinzipiell Verbündete. Die seit Jahren gegen rechts engagierte, konservative Publizistin Liane Bednarz etwa ist durchaus einiges an Gegenwind von beiden Seiten gewöhnt. Doch der größte Shitstorm schlug ihr jetzt von links entgegen, weil sie die Verwendung einer antifaschistischen Parole während des “Wir-sind-mehr”-Konzerts in Chemnitz kritisierte und bezweifelte, dass sich der Rechtsruck der Gesellschaft mit derlei Parolen stoppen lasse. Und die Autoren von Mit Rechten reden wurden gar für die Ausschreitungen von Chemnitz verantwortlich gemacht.

Noch kaum einen Monat alt ist außerdem die mal wieder geradezu ekstatische Spott- und Hohnkampagne gegen einen schließlich als #Hutbürger in die Hashtag-Annalen eingegangenen Dresdner Pegida-Demonstranten, der sein Recht am eigenen Bild auf allzu exponierte Weise verteidigte. Und wenn er vielleicht auch in der Tat selbst nicht gerade viel zur Vermeidung seiner ausgiebigen Verballhornung beigetragen haben mochte: Zeigt man so wirklich seine moralisch-intellektuelle Überlegenheit über einen politisch-sozial Degradierten? Am Ende steht nun doch nur wieder eine neue traurige Ikone des mitte-links-juste-milieu Wohlfühl-Klassismus. Als hätte es all die Debatten über dessen Mitverantwortung am Rechtsruck und über die Rolle von Opfer- und Märtyrerfiguren nie gegeben.

Wenn man nun schon über Begriffe streitet, dann doch vielleicht auch über einen gewissen anderen, der in der Auseinandersetzung mit Rechten sehr gerne gebraucht wird. So auch von Jan „Monchi“ Gorkow, dem Sänger der Band “Feine Sahne Fischfilet”. Er benutzte ihn beim Auftritt seiner Band auf dem “Wir-sind-mehr”-Konzert ausgiebig, auch wenn man ihm durchaus lassen muss, dass er versuchte, den Graben quer zu den politischen Konfliktlinien zu ziehen, als er seine Ablehnung auch auf die Mörder Daniel H.s ausdehnte: “Wer meint, einen Menschen abstechen zu müssen, wer meint, ein Messer ziehen zu müssen in irgendwelchen Streitigkeiten, ist ein verficktes Arschloch, scheißegal, wo es herkommt.” (ca. ab Min. 8) Und noch einmal anders gesagt: “Ob du Proll bist, Normalo, Student: drauf geschissen. Es kommt drauf an, ob du Arschloch bist oder nicht.” (ca. Min. 26)

Der stimmungsmäßige Höhepunkt des Konzerts dürfte dann allerdings doch der gewesen sein, als die Toten Hosen gemeinsam mit einem Mitglied ihres scherzhaften Erzrivalen in der deutschen Punkpopszene, Rodrigo González von den Ärzten, einen von deren bekanntesten Songs und zugleich die wohl bekannteste deutsche Hymne gegen Rechtsradikalismus zum Besten gaben, die vielen leider immer noch nur unter ihrem inoffiziellen Titel bekannt sein dürfte: “Arschloch”.

In diesem A-Wort kommt die oftmals frappierende Unterkomplexität einer leider allzu gängigen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus immer wieder aufs Neue zum Ausdruck. Dabei ist der Ärzte-Song “Schrei nach Liebe” von 1993 sehr gut geeignet, diese Unterkomplexität selbst aufzudecken, so sehr er ihr selbst anheimfällt. In ihm vermengen sich auf eigentlich ziemlich befremdliche Weise die übliche intellektuell-soziale Degradierung von Neonazis mit einer psychologischen Erklärung von (politischem) Hass und Gewalttätigkeit. Beginnt die erste Strophe gleich unmissverständlich mit “Du bist wirklich saudumm”, liefert der Refrain dazu eine deutliche Antithese mit dem titelgebenden Satz: “Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe”.

Doch den dramaturgischen Höhepunkt des Songs bildet nicht etwa auch nur die krudeste vulgärhegelianische Synthese dieser beiden Narrative, sondern ein ziemlich brutaler Doublebind. Nachdem zunächst die Gewalttätigkeit im Einklang mit gängigen sozialpsychologischen Erklärungsmodellen aus einem Mangel an Bildung und an positiver emotionaler Zuwendung hergeleitet wird, folgt auf die so realistische wie erschütternde und empathieheischende Textzeile “Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit” der musikalisch hochgegrölte, eigentliche Ein-Wort-Refrain, am Ende des Songs gar dreimal stakkatomäßig eingehämmert: “Arschloch! Arschloch! Arschloch!” Der psychologische Doublebind lässt sich dabei etwa in den folgenden Worten wiedergeben, mit denen sich die Botschaft des Ärzte-Songs scheinbar zusammenfassen lassen muss: ‘Ich verstehe dich und dein Leiden total, aber trotzdem – oder sogar eben deswegen – drück ich dir jetzt nochmal eins rein!’

Um nun etwas über die Küchentischpsychologie hinauszugehen: In seinem Buch Anatomie der menschlichen Destruktivität von 1973 hat der vor den Nazis in die USA geflüchtete jüdische Psychologe Erich Fromm in detaillierten Einzelstudien versucht, die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts psychoanalytisch zu erklären: Nicht weil Hitler, Himmler oder Stalin von Geburt an einfach böse oder gar “saudumme” Menschen waren, haben sie getan, was sie getan haben, sondern weil sie aufgrund der Dinge, die ihnen in ihrem Leben widerfahren sind, klinische Zustände von Sadismus oder Nekrophilie entwickelten. Man würde das Lebenswerk des marxistischen Juden Fromm aufs Gröbste missdeuten, wenn man annähme, es ginge ihm hier darum, den Faschismus zu relativieren. Er wollte im Gegenteil mit seinem psychoanalytischen und sozialpsychologischen Ansatz dazu beitragen, solche Menschheitskatastrophen zu verhindern.

In dem Film Das kleine Arschloch nach der gleichnamigen Comicfigur von Walter Moers wird zu Beginn die Geburt des Titelhelden gezeigt. Die aufgeregte Mutter fragt den Arzt, der den Jungen vor sich hält: “Herr Doktor, was ist es?” Und nachdem der Kleine ihm sein typisches “Prrffz” entgegentrötet, antwortet der Mediziner abgeklärt resigniert: “Es ist ein Arschloch.” Doch in psychonalytischer Betrachtung wird, anders als Moers es hier suggeriert, niemand als Arschloch, nekrophiler Neonazi oder sadistischer Diktator geboren. Man wird dazu durch das, was man in seinem Leben, besonders in der frühen und frühesten Kindheit, erlebt. Man ist es nicht, man wird es. Und deshalb lässt es sich durch präventive Maßnahmen eventuell auch vermeiden, oder man kann bereits entstandene Pathologien durch therapeutische Behandlung wieder zu heilen versuchen. Dazu aber sind Doublebinds wie der aus dem Ärzte-Song denkbar ungeeignet. Denn sie verstärken im Zweifelsfall nur immer wieder aufs Neue bestehende Muster.

(Dabei wäre übrigens das Arschloch für die Nekrophilie, die Fromm bei Hitler diagnostizierte, gar nicht die falscheste Assoziation. Kennzeichnet er sie doch nicht zuletzt durch eine Vorliebe für schlechte Gerüche und die zumindest verbale Obsession mit Exkrementen. So gesehen offenbarten dann aber auch alle eifrigen A-Sager ihre verborgenen Neigungen. Und das Bezeichnendste am Arschloch ist und bleibt nunmal, dass wir alle eines haben – auch wenn vielleicht doch nicht jeder eines ist, zumindest nicht immer.)

Um es zu wiederholen und nicht missverstanden zu werden: Es kann nicht darum gehen, Verbrechen zu relativieren. Jeder erwachsene Mensch ist für das, was er tut, verantwortlich und verantwortlich zu machen (es sei denn, er leidet unter einer solch schweren psychischen Beeinträchtigung, dass er auch im juristischen Sinne als nicht schuldfähig gilt). Aber Psychoanalyse und Sozialpsychologie lehren uns, dass er nie alleine daran schuld ist, was für ein Mensch er geworden ist.

Und dennoch kann es natürlich nicht (nur) darum gehen, Nazis zu umarmen. Wann immer Menschen andere mit Hass und Gewalt, gruppenbezogener oder anderweitiger Menschenfeindlichkeit behandeln und das gar in organisierter Weise und mit politischer Intention, müssen wir mit aller Kraft dagegen kämpfen. Und dazu ist es genauso nötig, Rechtsextreme Rechtsextreme zu nennen, Nazis Nazis und Verfassungsfeinde Verfassungsfeinde, und das A-Wort ist hier ja geradezu eine Verharmlosung.

Der Leitfaden Mit Rechten reden vertritt übrigens einen „nominalistischen“ Arschlochbegriff: „Niemand ist ein Arschloch“, man kann sich nur wie eines verhalten. Und sollte dann auch so genannt werden. Das aber nicht wegen der Ansichten, die man vertritt, sondern wegen der Art und Weise, auf die man sie vertritt. Eine äußerst hilfreiche Differenzierung. Allerdings wird die Arschlochlogik allein uns auf lange Sicht nicht dabei helfen, die nicht immer nur aus unsinnigen Gründen mit den Rechten sympathisierenden konservativen und/oder „besorgten“ ehemaligen Bürger der Mitte für diese Mitte zurück zu gewinnen.

Gegen in der Tat wohl immer stärker werdende protofaschistische Tendenzen ist es essentiell, dass sich in Reaktion ein noch stärkerer Antifaschismus formiert. Menschenfeindliche Gewalt muss aufgehalten werden, und wo in Einzelfällen der Staat sein Gewaltmonopol nicht zu verteidigen willens oder imstande ist, ist es geradezu geboten, dass Mutige diese Lücke schließen. Aber allein mit Gegengewalt werden wir einer echten Lösung gesellschaftlicher Konflikte nicht näher kommen. Denn vielleicht ist Gewalt meist tatsächlich nur ein stummer und letztlich hilfloser Schrei nach Liebe.

Dieser Text erschien zuerst auf demokratiEvolution.

Nachtrag: Eine "Theorie zur politischen Ökonomie des Arschlochs" hat gerade Georg Seeßlen gefordert.

10:27 12.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tom Wohlfarth

Politische Theorie, Kultur- und Sozialphilosophie; Autor und Blogger: www.tom-wohlfarth.de
Tom Wohlfarth

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