Menschrechtsaktivist Abdulkarim Sadi: Dschenin wurde zu einem Ort der Verwüstung

Interview Der israelische Menschenrechtsaktivist Abdulkarim Sadi fühlt sich selbst traumatisiert angesichts des Leids und der Zerstörungen, die von der Besatzungsarmee jüngst im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin verursacht wurden
Ein zerstörtes Haus im Flüchtlingslager in Dschenin
Ein zerstörtes Haus im Flüchtlingslager in Dschenin

Foto: Zain Faafar/AFP/Getty Images

Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet der Psychologe Abdulkarim Sadi als Human Rights Researcher im Norden der Westbank für die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Derzeit fährt er jeden Tag von Tulkarem, seinem Wohnort, über 50 Kilometer nach Dschenin in das dortige Flüchtlingslager, um für seinen Arbeitgeber und die United Nations Relief and Work Agency (UNRWA) Schäden aufzunehmen und mit den Einwohnern zu sprechen. Im Lager leben fast 24.000 Menschen, davon 7.148 Kinder.

der Freitag: Was war beim Einsatz der israelischen Armee Anfang des Monats anders als bei vorherigen Aktionen dieser Art?

Abdulkarim Sadi: Seit mehr als zwei Jahren dringen israelische Militärs regelmäßig in dieses Lager ein, um es zu durchsuchen. Normalerweise begann das mit Under-Cover-Einheiten in Autos oder Lastwagen mit palästinensischen Kennzeichen, gefolgt von Jeeps der Armee, um die Sicherheit der Soldaten zu gewährleisten.

Wie war es diesmal?

Ganz anders. Es wurde eine Operation gestartet, die Premier Benjamin Netanjahu „House and Garden“ genannt hatte. Sie begann damit, dass der Einsatz in israelischen Medien in arabischer Sprache angekündigt wurde. Alles geschah mitten in der Nacht. Zunächst wurden die Zufahrtsstraßen zum Camp und die Hauptstraßen – insgesamt 3,9 Kilometer lang – von Bulldozern bis zu einer Tiefe von einem Meter aufgerissen. Damit wurde das Lager vom Rest der Stadt getrennt, der Transport in Krankenhäuser für Verletzte erschwert und das Leitungssystem für Abwasser, Wasser sowie Elektrizität zerstört. Im gesamten Lager brannte kein Licht mehr. Es war schwer für die Menschen, sich in Sicherheit zu bringen.

Wie man hörte, kamen erstmals auch Drohnen zum Einsatz.

Ja, um aus der Luft ausgesuchte Ziele zu beschießen, bevor die Bodentruppen einrückten. Dabei wurden 32 Häuser zerstört.

Wie viele israelische Soldaten waren insgesamt beteiligt?

Nach israelischen Angaben etwa 1.400, darunter Spezialeinheiten, die sich Gefechte mit jungen bewaffneten Palästinensern lieferten.

Wie viele Tote und Verletzte gab es?

Ein Soldat wurde getötet. Auf palästinensischer Seite sind nach meinen Recherchen zwölf Menschenleben zu beklagen, darunter vier Kinder. 40 Kinder sind unter den 120 Verletzten.

Und Verhaftungen?

Etwa 140 Palästinenser, viele von ihnen unter 18 Jahre alt. Einige davon schickte die Besatzungsarmee inzwischen wieder zurück in das Camp.

Es hieß, das für das Lager enorm wichtige und von vielen Ländern auf der Welt unterstützte Freedom Theatre sei angegriffen worden.

Ja, durch Geschosse wurden das Dach und die Außenmauer dieses historischen Baus aus osmanischer Zeit beschädigt. Außerdem wurde von israelischen Soldaten auf Bewohner des Lagers geschossen, die sich in den Zuschauerraum des Theaters geflüchtet hatten.

Welche Schäden gab es außerdem?

Die an vielen Häusern und Wohnungen, etwa 3.500 Menschen verloren ihre Unterkünfte. Einige sind bei Verwandten und Freunden untergekommen. Andere mussten in ihre eigentlich unbewohnbaren Häuser zurück, weil sie keine andere Wahl haben. Die Bedingungen im Lager Dschenin waren nie gut, jetzt sind sie katastrophal. Das Lager ist ein Ort der Verwüstung.

Was sollte jetzt passieren?

Die aufgerissenen Straßen, die die Bewegungsfreiheit im Lager erschweren, müssen dringend repariert werden, sodass die Menschen vor allem wieder mit frischem Wasser versorgt werden. Sonst breiten sich Krankheiten aus.

Wie geht es Ihnen bei der Arbeit?

Über die Jahre habe ich viele Operationen der Besatzungsarmee miterleben müssen, aber mein Entsetzen und mein Ohnmachtsgefühl angesichts der Zerstörungen sind grenzenlos. Die Gespräche mit den traumatisierten und hoffnungslosen Menschen, vor allem den Kindern und Jugendlichen, fallen mir schwer. Ich fühle mich diesmal selbst traumatisiert.

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