RE: Die im Dunkeln frieren | 29.01.2021 | 11:00

"Bernd Siggelkow, der Gründer des Kinder- und Jugendhilfswerks „Arche“, sagte der Süddeutschen Zeitung, finanziell benachteiligte Kinder würden nun endgültig abgehängt: „Wir gehen davon aus, dass wir in ein, zwei Jahren erleben werden, wie Drittklässler weder richtig lesen können noch die Buchstaben oder die Zahlen richtig kennen.“"

Ja und nein. Es gibt auch Verwahrlosung auf hohem finanziellem Niveau. Ich würde jedenfalls nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass nur ärmere Eltern ihre Kinder nicht beschulen können.

RE: Mütter, macht euch lockdown-locker! | 07.01.2021 | 12:10

Sehr geehrte Frau Hobrack - im Großen und Ganzen kann ich Ihren Artikel zustimmen. Schuldgefühle und ununterbrochene pädagogische Selbstverpflichtung, die immer noch mehr bei den Frauen liegt, helfen überhaupt nichts weiter. Nur der Schluss ihres Textes hat mich sehr unangenehm berührt. Als wäre ein Hochschulabschluss die Bedingung für ein gelingendes Leben! Das aber sollte das Ziel sein, dass Eltern in Bezug auf ihre Kinder vor allem anderen am Herzen liegen sollte. Es klingt wie ein Spruch meiner Eltern, die in den dreißiger Jahren geboren worden. Aus der Tatsache, dass etwas so ist, wie es ist – Sie haben einen Hochschulabschluss, schreiben für den Freitag und sind offenbar mit ihrem Leben zufrieden –, folgern Sie, dass auch all das, was dem voraus lag, in Ordnung war. Es ist aber weder klar, ob das eine mit dem anderen kausal zusammenhängt, noch, ob es in Ordnung war. Mit freundlichen Grüßen, Wolfram Ette

RE: Rausgehen! | 06.01.2021 | 22:24

Ich würde sagen, was gegen den Tand hilft, sind Zeit und Gewohnheit. Seit Jahren drehe ich fast jeden Tag meine Runden im Wald, alles Spektakuläre hat sich verloren, aber langweilig ist es auch nicht. Im selbstverständlich Gewordenen flackert manchmal auf, dass es so selbstverständlich gar nicht ist: langsame Veränderungen, Aussichten, die zuwuchern, der Lauf der Jahreszeiten ... "Differenz und Wiederholung" eigentlich, ich habe das immer für eine gute Charakteristik dessen gehalten, was mich an der Natur interessiert.

RE: Wenn Bach wie Chopin klingt, spielt Lang Lang | 06.10.2020 | 10:14

Hier die Kritiken bei amazon.de, die diesen Namen verdienen. Lohnenswert vor allem die zweite von "Dr. Adrian Schäfer", ich zitiere in Auszügen, weil sie gegenüber meinem kurzen Text sehr viel musikanalytische Substanz reinbringt:

"(...) Ich bin kein Freund von Verrissen, lese sie ungern und schreibe sie erst recht nicht mit Wohlbehagen. Ich muss mich auch nicht auf einen Interpreten stürzen, dessen Metier mich eher peripher tangiert. Gerade bei Langs jüngsten, eher strukturlos und somit massentauglich angelegten Einspielungen würde ich mich niemals erdreisten, einen Kommentar zum Besten zu geben, weil es mich ganz einfach nicht interessiert. | Hier jedoch liegt der Fall anders, denn Lang hat sich mit BWV 988 nicht nur einem als musikalischen Achttausender geltenden Meilenstein der Musikgeschichte angenommen, sondern auch einem meiner ganz persönlichen Lieblingswerke. Ich kann daher nicht schweigen, wenn dieser Tage ein vom Zeitgeist und Label extrem hochgejubelter Pianist, man traut sich kaum, das Wort „Star“ in den Mund zu nehmen, nach vorgeblich zwanzigjähriger Beschäftigung mit der Partitur nunmehr neben bestehenden Einspielungen von Rang und Namen eine Duftmarke setzen will – und dabei in einer solch grausig-eklektischen Weise scheitert, daß die Fassungslosigkeit schneller dem Ärger weicht, als Kraut und Rüben einen vertreiben können. Ich bin wahrhaftig entsetzt. | Dabei ist es weder das überlange Zeitmaß beider Einspielungen (zusätzlich zur Studioaufnahme bekommt der geplagte Zuhörer auf der als „Deluxe Edition“ dieses Machwerks vertriebenen Ausführung auch noch einen Konzertmitschnitt aus der Leipziger Thomaskirche aufs Ohr gedrückt), noch das damit einhergehende Zeratmen der konzeptionellen Stringenz, die den Versuch in Gänze missglücken lässt. Vielmehr muss man bereits bei der Aria einigermaßen entgeistert feststellen, daß Lang, bei seinem fraglos vorhandenen pianistischen Talent einigermaßen ungeheuerlich, so gut wie kein Verständnis für eine polyphone Struktur besitzt und das Stück stattdessen mit einem solchen Unmaß an Rubato überflutet, daß es einfach nur noch nervt. Richtig gelesen – ich hätte nie für möglich gehalten, konstatieren zu müssen, daß mich die Aria der GV nervt! Und da will ich gar nicht von den geschmacklosen Phrasierungen anfangen, die mir zusammen mit dem immer aufdringlicher werdenden Rubato in der Reprise den Rest geben. | Ich will jetzt schon, dank Spotify bereits in der Nacht des 04.09. mit diesem Klumpatsch bedacht, hinschmeißen. Aber ich muss ja noch die ganzen Variationen erdulden. Während ich noch im Geiste meine 1981er Gould – Platte als Labsal und Mit-Referenz für eine in sich gekehrte, geradezu inwendige Interpretation für spätere Stunden aus dem Regal nehme, blökt Langs Gestümpere in meinen Ohren munter weiter. Einige Auszüge dieser Tortur: Variation 5, für gewöhnlich rubato-frei, auch bei Lang ausnahmsweise mal so angegangen, lässt die Bassfiguren übersteuern, kleistert rechterhand die Läufe mit Verzierungen zu – und plötzlich meint man, irgendwann im Musikunterricht nicht wirklich aufgepasst haben; hat nicht vielleicht doch Czerny die Goldberg-Variationen geschrieben!? Bei Lang ist man sich der Urheberschaft Bachens jedenfalls nicht mehr sicher. Variation 7 schafft es irgendwie, Rubato, Staccato-Epilepsien und unmögliche Verzierungen so miteinander zu verwurschteln, daß man glauben mag, der Pianist spiele von einem Teleprompter mit Schluckauf ab. In der Fughetta (10) kann sich Lang nicht zwischen Staccato und Tenuto entscheiden, das an und für sich grazile, anmutige Stück poltert grobschlächtig vor sich hin, als ob man einen Kastenteufel einem erwachsenen Publikum vorführe und das scheinbare Überraschungsmomentum auch noch nach dem drölfzigsten Male auf seiner Seite wähnt. E-kel-haft. In Variation 14 wollen mir die akzentuierten Schlusstöne der Läufe fast schon gefallen, aber wieder zerstört unmäßiges Rubato die Dichtigkeit, die o.a. Trick ansonsten durchaus hätte erzeugen können. 15 benötigt, erst recht, wenn es, wie bei Lang, zeitintensiver angegangen werden will, einen galvanischen Fluss, was Langs, Sie ahnen es, Rubato einmal mehr zunichte macht. Wie der Mensch es fertig bringt, bei dieser hochexpressiven, geradezu pergamentdünnen Notendichte gleich fünfmal(!) besagten Fluss fast abzuwürgen, wird mir ein Rätsel bleiben. Mit einem intensiven Studium der GV hat dies meiner Ansicht nach nichts zu tun. | Noch ein wenig mehr. Ich weiß, es tut weh, aber ich muss bei diesem Lang-Hype einfach Überzeugungsarbeit hinsichtlich der phänomenalen Minderwertigkeit dieser Aufnahme leisten. Es geht hier schließlich um Bach! Also: Variation 17 besitzt selbst in den GV eine unerhörte polyphone Dichte. Nun, wie bereits aufgezeigt, hat Lang keine Kenntnis von eben dieser polyphonen Struktur. Was passiert also? Wieder Czerny! Die Bassfiguren ordnen sich in Langs Spiel komplett unter, es findet kein besonders in dieser Variation so wichtiges Konzertieren statt, ich kann es nicht glauben! Im Alla breve (22) wird wieder der Kastenteufel ausgepackt; statt einer verhaltenen oder meinetwegen exaltierten Vortragsweise nervt mich ein ordinär aufgezogenes Crescendo. Ein Lully hätte sich hier wohl sicherheitshalber auch noch den anderen Fuß zerstampft. Um wenigstens Bach zu retten, übergehe ich Variation 25 einfach – zehn(!) Minuten für das Stück hätte nicht mal Celibidache rechtfertigen können (falls Sie jetzt einwenden wollen, daß dieser doch eher beim Bruckner dergleichen unternommen hat – ja, eben!). Dann höre ich noch schnell in 29 rein, stelle fest, daß die Läufe jeweils im Auslauf unsäglich vermatscht sind (Ehrenrettung für Czerny; das hätte es bei „seinen“ GV sicher nicht gegeben), und habe nun endgültig die Schnauze voll. Die zweite Einspielung (man erinnere sich, die an „heiliger Stätte“) ertrage ich an diesem Punkt nicht mehr – erst recht nicht, wenn ich bedenke, daß diese sich mit den Mitschnitten von Sokolov und Schiff messen müsste. Anders ausgedrückt und um einen Kabarettisten zu zitieren: Da könnte man auch einen Dreijährigen auf den Klitschko loslassen und diesen vorher warnen, daß der Kleine einen starken linken Aufwärtshaken hat. Vielleicht hole ich das Martyrium der zweiten Aufnahme in einer späteren Rezension nach, im Augenblick bin ich dafür leider nicht hinreichend masochistisch veranlagt. | Ich komme zum Fazit, welches eindeutiger kaum ausfallen könnte: Kaufen Sie sich diese CD NICHT! Nehmen Sie sie nicht mal geschenkt an, egal was für Pferdegeschichten man Ihnen irgendwann mal eingebläut hat. Wenn Sie die Goldberg-Variationen bislang noch nicht kannten, wählen Sie um des lieben Himmels Willen irgendeine(!) andere Aufnahme – Sie können es trotz möglicherweise gegensätzlicher Rezensionen nur besser treffen. Was die DGG sich mit dieser aggressiven Vermarktung und diesem unsäglichen Kaprizieren auf diesen Pianisten und speziell dieser Einspielung gedacht hat, wage ich mir nicht im Traume vorzustellen. Ganz, ganz miserabel verunglückt."

RE: Wenn Bach wie Chopin klingt, spielt Lang Lang | 01.10.2020 | 22:59

>Menschliche Einschätzungen< - die kann ich nicht liefern. Letztlich kann ich nur rückschließen von dem, was ich höre. Und ich muss betonen, dass ich mir (anders als im Artikel dargestellt) zunächst wirklich nur die Aufnahme angehört habe und mich erst dann durch die Doku und das Booklet durchgewühlt habe. Und da kann ich nur wiederholen, was ich oben schon angedeutet habe: Was LL da macht, ist mir peinlich.

RE: Wenn Bach wie Chopin klingt, spielt Lang Lang | 01.10.2020 | 22:55

Es kommt ja noch ein großes Kulturproblem hinzu, das ich in dem Artikel aussparen musste, dass aber zur Analyse des Phänomens wichtig ist. Natürlich tritt LL auch gegen das hartnäckige Vorurteil von den Asiaten als den seelenlosen Technikmaschinen an. Aber es ist SO VIEL Seele, so viel INSZENIERTE SEELE darin, dass man misstrauisch wird und sich fragt, ob das Vorurteil in diesem einen Fall gerechtfertigt sein könnte. Und es ist NUR Seele. Seele ohne Geist ist aber Kitsch. Und was ist Geist? Grob würde ich sagen: eine erkennbare Gesamtkonzeption, Arbeit am Werk, zu der auch ein wenig Demut, echte Demut gehört, nicht diese gespielte. Wenn Sie dazu kommen, hören Sie sich doch einmal die Gould-Einspielung von 81 an - die zu ihrer Zeit ja auch fast ein Pop-Event war -: ich glaube, man hört den Unterschied. Schöne Grüße!

RE: Wenn Bach wie Chopin klingt, spielt Lang Lang | 01.10.2020 | 22:49

Glenn Gould - Altherrenmuff? Keith Jarrett in der sehr guten Cembalo-Einspielung der 90er Jahre? Tatjana Nikolajewa? Ich weiß nicht ... das, was mir so auf die Nerven fällt, ist ja gerade, dass LL vom Nimbus der Unspielbarkeit zehrt. Und abgesehen von seiner chinesischen Klavierlehrerin sind es ja auch nur Männer, die er als große Meister konsultiert. Aber all das wäre entschuldbar, wenn er eine verbindliche Interpretation hingelegt hätte. Aber da unterscheiden wir uns wohl: Ihnen macht es Spaß, mir treibt es Fremdschamesröte ins Gesicht, wenn ich da zuhöre.

RE: Frauen stemmen die Krise | 26.03.2020 | 10:42

Alter DDR-Spruch, den ich gestern gehört habe: "Hauptsache, wir sind gesund und die Frau hat Arbeit."

RE: Brüllen, schreien | 09.11.2019 | 10:39

Jaja, die Geschichte geht weiter. Hatte auch überlegt, dazu einen kleinen Text zu schreiben. Vgl. auch den Joker-Film, dazu https://wolframettetexte.wordpress.com/2019/10/29/der-joker/

RE: Brüllen, schreien | 09.11.2019 | 10:32

Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar, der Theorie und Erfahrung so mischt, wie ich es auch versucht habe. Falls Sie dazu kommen, das Buch einmal zu lesen, würde mich interessieren, was Sie von dem Abschnitt "Opfertäter" halten. Richtig gut fand ich den Hinweis aufs Helfersyndrom als sozialverträglicher Auswuchs eines Machtstrebens, das seinerseits aus krassen Unterdrückungserfahrungen resultiert.