An der Front nichts Neues?

Die Erbstücke des FN Vor den Präsidentschaftswahlen präsentiert sich der Front national als ganz normale, "entdiabolisierte" Partei, weder links noch rechts. Man sollte genauer hinschauen
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An der Front nichts Neues?
Macht's weder besser noch schöner: Darbietungsformunabhängig bleibt die Botschaft des FN stets nationalistisch

Foto: FRANCK PENNANT/AFP/Getty Images

F comme fasciste!“ „N comme nazi!“ Das mag für einige Gruppen im Umfeld der Partei gelten. An einer Marine Le Pen aber perlen diese tausendfach wiederholten Vorwürfe ab. Schwierig ist es, im offiziellen Parteidiskurs rassistische, antisemitische oder auch offen homophobe Elemente aufzuspüren. Der FN präsentiert sich seit 2011 in neuen Kleidern: republikanisch und laizistisch. Marine Le Pen verkörpert immer weniger Jeanne d'Arc, dafür errscheint sie als Marianne. Extrem islamkritisch ist der Front weiterhin, aber ein „im Lichte der Aufklärung laizisierter“ Islam sei mit der Republik durchaus kompatibel, so Marine Le Pen im September 2016. Der Front national will als unbestechlicher Streiter gegen die libertizid genannte Globalisierung erscheinen, als Bewegung, die verläßlich für das „kleine Volk“, gegen die (neoliberalen) Eliten kämpft, als fundamental andere, aber doch normale Partei, weder „links noch rechts.“ Mit dem Ausschluss des unberechenbaren und rassistischen „Menhirs“ Jean-Marie Le Pen, so der gängige Diskurs, hat Marine Le Pen die Partei endgültig „entdiabolisiert“.

Grégoire Kauffmann hat eine etwas andere Sicht auf die Partei. Der Historiker hat ein neues Buch mit dem Titel Hin-und Rückfahrt-Spiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschrieben. Darin warnt er vor oberflächlichen historischen Analogien. Um plausibel und wirksam zu sein, dürfe die Analyse von Kontinuitäten „die Innovationen und den taktischen Charakter der frontistischen Dynamik nicht aus dem Blick verlieren“.

Frontgeschichte

Falsch ist zum Beispiel die vom FN verbreitete Version, die 1972 gegründete Partei sei eine Schöpfung des „Alten“. In Wirklichkeit ist sie aus einer neofaschistischen Splittergruppe, dem „Ordre Nouveau“, hervorgegangen, einem nationalrevolutionären Jungmännerbund, spezialisiert auf Straßenschlachten mit linksradikalen Studenten in der post-achtundsechziger Periode. Um die Eisenstange aus der Hand legen zu können und respektabel zu wirken, suchten seine Führer einen honorigen Parteichef – und fanden ihn im bissigen Nationalkonservativen und politischen Frührentner Jean-Marie Le Pen.

Die Wahlergebnisse der jungen Partei waren trotz der unbestreitbaren Rednerqualitäten des Chefs desaströs. Aus dem folgenden Machtkampf zwischen dem damals wirtschaftsliberalen Le Pen („der französische Reagan“) und den antikapitalistischen, weder „rechten noch linken“ Ordre-Nouveau-Führern ging der "Menhir"als Führer hervor – nach einem Kurswechsel. Zunächst hatte er sich als Vertreter der „volksorientierten, sozialen und nationalen Rechten“ im Kampf gegen die marxistische Linke positioniert ("rechts" zu sein war damals noch ein Stigma). Ende der 70er Jahre veränderte er – wie andere Populisten in Europa – das Feindbild in Richtung Einwanderer („Eine Million Arbeitslose sind eine Million Einwanderer zuviel“). Schließlich übernahm er nach dem Quasi-Verschwinden des kommunistischen Feindes 1995 fast wörtlich den faschistischen Slogan von 1934: „Weder rechts noch links: Französisch!“, was wiederum nicht wenige rechte bürgerliche Anhänger verstörte.

Interessanterweise finden sich Ideologeme des „Ordre Nouveau“ und anderer Nationalrevolutionäre des „Weder links noch rechts“ im heutigen Programm des „entdiabolisierten“ FN wieder. Der aggressive Antikommunismus ist natürlich verschwunden. Die Kontinuität besteht eher im ökonomischen Antiliberalismus. Grégoire Kauffmann zieht eine Linie vom sozial-autoritären Patriotismus der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts über den Parti populaire français der 30er Jahre zu Ideologen des Ordre Nouveau, und von diesen zum gegenwärtigen Diskurs.

Der Staat muss direkt aus dem Volk hervorgehen und von diesem kontrolliert werden; das Volk muss dem Staat und seinen Führungsorganen assoziiert sein. Die elitäre Pseudodoktrin, die die Staatsführung selbstbestimmten „Eliten“ überließ, ist aufzugeben,

schrieb François Duprat im „Manifeste nationaliste révolutionaire“ (1934). Ähnliches ist heute gängiger Diskurs der führenden FN-Politiker. Die Parole lautet: "Au nom du Peuple". Es wirkt wie ein Paradox: Die „Normalisiererin“ Marine Le Pen steht den eigentlichen Gründern des Front näher als ihr nationalkonservativer Vater in den 70er Jahren.

Gespenster

Die Dreißiger Jahre sind zurück! Immer wieder hört und liest man diesen antifaschistisch gemeinten Befund. Der Parti Socialiste veranstaltete im September dieses Jahres im (FN-regierten) Fréjus ein Colloqium zu diesem Thema, nur wenige Tage vor der „Sommeruniversität“ des FN am selben Ort. Für Kauffmann ist dies eine Art „Vogelscheuchenargument“, ein politisch nützliches zudem. Es werde übersehen, dass der FN unter Marine Le Pen eben nicht antirepublikanisch sei wie die faschistischen Parteien der Dreißiger. Schlüssiger sei der Vergleich mit dem Boulangismus, auch kontextuell.

Die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts fallen in die Ära der ersten Globalisierung mit einer "Kaskade von Bankzusammenbrüchen, Sinken der Agrarpreise, Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbrechen traditioneller Solidaritätsformen". Die Nation ist von Deutschland gedemütigt. Die Eliten der Republik jedoch erscheinen als sich selbst bedienende korrupte Kaste. Im autoritär-sozialen Programm des Generals Boulanger verdichten sich die Hoffnungen der Frustrierten, von taktisch agierenden Monarchisten, vor allem aber der antimarxistischen und nicht selten antisemitischen Linken (darunter viele ehemalige Communarden),in der nationaljakobinischen, partiell xenophoben Tradition von 1793. Die programmatischen Parolen des republikanischen Generals "Revanche" von 1888 lauteten:

Boulanger, das ist Arbeit! Boulanger, das ist Freiheit! Boulanger, das ist Ehrlichkeit! Boulanger, das ist Recht! Boulanger, das ist das Volk! Boulanger, das ist der Frieden!

Die Forderungen Boulangers finden sich, auch begrifflich, im Programm des FN wieder. Wie der General spricht Marine Le Pen von den „Vergessenen“, den „Ausgeschlossenen“, den Opfern des „Verrats der Repräsentanten des Volkes“, welches seine neu zu erkämpfende Souveränität neben Wahlen über Volksabstimmungen ausüben soll (wobei nicht nur Carl Schmitt zufolge die Fragen "von oben" gestellt werden. "Von unten" wird geantwortet).

Am Familientisch: Charles Maurras

Kauffmann entwirft folgendes Bild: Betrachten wir den FN als einen entfernten Abkömmling, der alte Erbstücke findet, einige für sich aussucht und andere ablegt, den Nippes, der noch dienen kann, aufpoliert und den Rest zum Trödel wirft. Die Vorsitzende bevorzugt seit einiger Zeit ostentativ (und taktisch) das linke Erbe (unter anderem den großen Sozialisten Jean Jaurès). Aber es gibt noch andere interessante Fundstücke. Kauffmann zufolge ist, ein Maurras in die Gene der extremen Rechte eingeschrieben. Er sitzt weiter am Familientisch. Schon als Student verkaufte der „Alte“ Zeitschriften mit Artikeln von Charles Maurras, dem Führers der Acton française. Natürlich stellt das riesige Werk des (agnostischen) “Papstes“ der Gegenrevolution und Vertreter einer Art „Gramscismus von rechts“ (Michel Winock) ein fast unerschöpfliches Ideenarsenal für den FN dar. Der politischen Verwendung kommt der apodiktische Stil des sehr notablen Ideologen entgegen - immerhin war er Mitglied der Académie francaise.. Maurras vertrat einen „integralen Nationalismus“. Er amalgamierte den traditionellen Konservativismus und den modernen Nationalismus. Im Gründungsartikel der Zeitschrift „Action francaise“ von 1898 werden folgende Ziele genannt:

Frankreich als Gesellschaft wiederherstellen, die Vaterlandsidee wiederherstellen, an die Traditionskette anknüpfen und diese verlängern, indem sie an die heutige Zeit angepasst wikrd, aus dem republikanischen einen organischen Staat im Innern machen.

Carl Schmitt bezeichnete übrigens in den zwanziger Jahren die Action française als die interessanteste Zeitschrift, die es heute gibt.

Der integrale Natonalismus benötigte den „inneren Feind“, für Maurras waren dies die Juden, Freimaurer, Protestanten und Metöken, für den FN vor allem die Immigranten. Maurras kritisierte den „bourgeoisen Individualismus“ und den liberalen "Demokratismus" („das legale Land“), deren Opfer die kleinen Leute waren („das wirkliche Land“). Als Verstandesmonarchist kritisierte er die (Dritte) Republik in fast genuin Le Penschen Tönen:

Unsere Republik der Genossen ist als erstes eine Republik von Vatersöhnchen, Schwiegersöhnen und Neffen, von Schwägern und Vettern (Mes idées politiques 1937)

Aus seiner Sicht folgerichtig diagnostizierte er den „Morbus democraticus“. Wer wahre Freiheit sagt, sagt Autorität. Für Maurras, der 1940 für Pétain eintrat, war es die Aufgabe einer wahren Regierung, zu "organisieren" (im organischen, "naturgesetzlichen" Sinn). Organisieren bedeute aber zu differenzieren:

Differenzieren ist das Gegenteil von Egalisieren. Eine Nation besteht aus Menschen, die hier, und nicht dort geboren sind. Sie impliziert Geburt, Erbe, Geschichte, Vergangenheit.

Eric Zemmour gebührt das "Verdienst", Maurras' Ideen im lesenden Bürgertum (wieder) akzeptabel gemacht zu haben, vor allem mit seinem "Suicide francais". Im FN scheint der kommende Stern des FN, Marion Maréchal-Le Pen, von einer neuen Generation Maurrassianer beeinflusst zu sein. Im Unterschied zu ihrer Tante bezeichnet sie sich unzweideutig als Rechte (wie ihr Großvater vor 45 Jahren). Sie bekennt sich zu einem so selbstsicheren wie aggressiven Katholizismus. Viel beachtet wurde ihre Beteiligung an den massenhaften „Demonstrationen für alle“ gegen die „Ehe für alle"mit dem Adoptivrecht für Homosexuelle. Es geht ihr um den "Schutz der Familie". Die Demonstrationen zeigten, dass der "natalistische Aspekt der Reproduktion des eigenen Volkes" (Claus Leggewie) weiterhin das traditionelle französische Bürgertum umtreibt. Willkommener Nebeneffekt: die Konservativen und extremen Rechten haben ihren "Mai 68": Wir sind die Gegen-Generation 68. Wir wollen Prinzipien, Werte, wir wollen Meister, denen wir folgen können, wir wollen auch einen Gott, so Marion Maréchal-Le Pen. Wie Maurras idealisiert die Abgeordnete des Vaucluse ihre Region:

Die Provence ist das Land der Identität und des Widerstands. Widerstand der provençalischen Fürsten gegen die Invasion der Sarrazenen, Widerstand gegen den revolutionären Terror, gegen die protestantische Reform, gegen den deutschen Besatzer, gegen das unheilvolle Projekt der europäischen Union.

Dem demonstrativen Republikanismus ihrer Tante steht sie distanziert gegenüber:

Frankreich, das ist nicht nur eine Republik. Das ist ein politisches Regime, und es gibt Monarchien, die demokratischer sind als bestimmte Republiken. Ich verstehe diese Obsession für die Republik nicht.

Ihre Ablehnung der Einwandererung von Muslimen ist in erster Linie religiös motiviert, während Marine Le Pen diese vom Standpunkt der Laizität verwirft. Der Antisemitismus eines Maurras scheint verschwunden, seine Elemente tauchen aber zumindest partiell im anti-islamischen Argumentationsmuster wieder auf. Auch die "Theorie des großen Austausches" eines Renaud Camus findet bei Marion, im Unterschied zu ihrer Tante, Resonanz.

Frontale Zukunft

Es gibt also zwei im Grunde widersprüchliche Hauptlinien im gegenwärtigen FN, die aber – wie auch sonst? – in der Familie bleiben. Beide sind Updates von Ideologien des 19. Jahrhunderts. Einerseits der Antikapitalismus und Laizismus Marines mit der Parole „weder rechts noch links“, andererseits der „neu-maurrassianische“ und katholisch-antimoderne Diskurs Marions, die sich unzweideutig der Rechten zurechnet – und damit in gewisser Weise zu den Anfängen des FN und ihrem Großvater zurückkehrt. Beide Linien sprechen arbeitsteilig unterschiedliche soziale Klassen an und garantieren damit den Erfolg des FN. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass Marine Le Pens Anti-Islamismus in letzter Zeit gemäßigter als der eines Sarkozy erscheint. Unter anderem gilt es, Jean-Luc Mélenchon Wähler abzunehmen. Auf der angesprochenen „Sommeruniversität“ des FN im September 2016 stellt sie sich als „freie Frau“ dar, unabhängig vom

Geld aus Katar, von den Banken und den Multinationalen, von der EU und von Deutschland, welches diese dominiert.

Marine Le Pen stellt sich als Verteidigerin der Frauenrechte gegen den Fundamentalismus dar (unter dem Applaus der mehreren Tausend Zuhörer). Sie vertrete das Frankreich von Victor Hugo, Lévi-Strauss, de Gaulle und Malraux, alle nicht unbedingt Ikonen der (radikalen) Rechten.

Immer wieder betont sie ihren „ökonomischen Patriotismus“: Es gibt keine Identität ohne Souveränität. Nicht zufällig trat auf der „Sommeruniversität“ via knapper Videobotschaft der linke Ökonom und Russlandexperte Jacques Sapir auf, der vor kurzem noch Jean-Luc Mélenchon beriet. Er erhielt für sein Anti-Euro-Plädoyer standing Ovations, ebenso wie der eher rechte populäre Schulkritiker Jean-Paul Brighelli (auch er einst Maoist).

Marion Le Pen spricht – ganz im Geist Maurras' und der Identitären – ihrerseits von Souveränität und Identität als den „beiden fundamentalen Säulen“. Der aggressive Anti-Islamismus scheint in verstärktem Maße ihr Aufgabenfeld zu werden. So stellte sie allein im Monat September 2016 in der Nationalversammlung zwei entsprechende Anträge, gegen den Einfluss islamischer Staaten auf dem „nationalen Boden“ Frankreichs und für den Austritt aus dem Schengen-Raum.

Allerdings müssen die beiden Linien à la longue in Widerstreit geraten.. Spannend wird es, wenn Marine Le Pen im Mai 2017 den zweiten Wahlgang gegen Sarkozy (Juppé oder gar Macron?) verlieren wird, wenn sich die alte gemeinsame Strategie der Wahlempfehlung bei den Republikanern und Sozialisten wieder bewährt. Wird sich in dieser dramatischen Situation der betont rechte Flügel der Partei durchsetzen – mit einer neuen Lichtgestalt, die dann auch für rechte Republikaner wählbar ist? Wird Marine Le Pen so aggressiv wie geschickt wie einst ihr Vater kämpfen, indem sie sich wieder nach rechts orientiert? Auch sie kann, wenn es sein muss, Maurras. Und wie wird sich die gerupfte Linke positionieren? Wird sie sich (endlich) ihrer Traditionen besinnen? Es sind recht gute Erbstücke darunter, hinter denen die des FN eigentlich verblassen müssten.

Grégoire Kauffmann, Le nouveau FN. les vieux habits du populisme. Paris 2016 (Seuil)

Claus Leggewie, Antieuropäer. Breivik, Dugin, al-Suri& Co., Berlin 2016 (Suhrkamp)

Charles Maurras, Mes idées politiques (1937)

17:35 25.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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