ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin
RE: Der Lumpenhund | 30.09.2015 | 08:17

Erst er, jetzt Karasek. RIP

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 29.09.2015 | 08:52

durch geiselnahme im säuglings-alter. so wird also auch marx ungeachtet seiner fundamentalen glaubens-kritik dem obskurantentum zugeschlagen. (wie kann man etwas nicht verlassen, im gegenteil?)

Ich weiß nicht, ob Dir die historische Faktenbasis fehlt, und Du deshalb meine - von Dir falsch zusammengefasste - Begründung nicht den Fakten zuordnen konntest, oder ob Du einfach mit dem Lesen Probleme hast.

1. als Kind - mit 10 oder 12 Jahren

wäre Karl Marx nicht mehr im säuglings-alter, als er getauft wurde, sondern schon im Konfirmanden-Alter.

Meinem Zusatz "... müsste ich nachschlagen, muss aber vielleicht nicht sein" muss ich aufgrund Deiner indirekten Bestreitung durch Nachschlagen zurücknehmen und präziser formulieren: Karl Marx wurde im Alter von 6 Jahren am 26. August 1814 getauft. Da war er noch nicht religionsmündig, aber auch nicht mehr "im Säuglingsalter".

Wenn Du ...

2. denn getauft und (?) nach Erreichen der Religionsmündigkeit konfirmiert wurdest ...

... dann liegt bei der betreffenden Person auch mehr vor als eine bloße Geiselnahme im Säuglingsalter , nämlich ein rechtsgültiger Willensakt im Rahmen einer bedingten Geschäftsfähigkeit, sofern nicht eine komplette Geschäftsunfähigkeit vorlag.

Wenn Du ...

3. ... bei einer anderen Taufe das Patenamt übernimmst ...

dann MUSST Du Dich in diesem Moment auch selbst als Christen sehen.

Das ist auf jeden Fall heute so, wo in der EKU folgende Grundsätze gelten:

Der Taufpate muss zur Übernahme des Patenamtes bereit sein und soll selbst Mitglied einer christlichen Kirche sein. Dabei soll nach Möglichkeit mindestens einer der Taufpaten selber evangelisch sein.Evangelische Paten sollen konfirmiert sein.Das Patenamt kann weder zurückgenommen noch abgegeben werden, „erlischt [jedoch], wenn die Patin oder der Pate die Zulassung zum Abendmahl verliert, insbesondere bei einem Austritt aus der Kirche.

(Zusammenfassung bei https://de.wikipedia.org/wiki/Pate )

Das war 1871 in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen nicht anders, als dort Karl Marx und Friedrich Engels das Patenamt übernahmen. Zum Ritus gehört her, dass die Eltern zusammen mit den Paten das Glaubensbekenntnis stellvertretend für den Täufling sprechen, wenn dieser noch nicht relgionsmündig ist.

Aus diesem historisch als Faktum gegebenen Bekenntnisakt schließe ich, das, was ich behauptet habe und was Du mit Deinem "Geiselnahme-im-Säuglingsalter"-Argument einfach zu kurz gesprungen anzugreifst.

Du müsstest schon sagen, woraus Du schließen möchtest, dass Karl Marx im Moment dieses Bekenntnisaktes komplett geschäftsunfähig war, dass er das Patenamt gegen seinen Willen übernahm, oder warum er gezwungen war, hier zu heucheln, oder warum er generell das Gegenteil von dem meint, was er sagt, oder das Gegenteil von dem sasgt, was er meint.

Dein Einwand

ungeachtet seiner fundamentalen glaubens-kritik dem obskurantentum zugeschlagen

enthält die von Dir stammende Wertung "Obskurantentum", die schon wieder etwas falsch zusammenfasst, nämlich Karl Marx' Religionskritik.

Sicher hat er - wie wir Theologen auch - mitbekommen, dass Jesus nicht zu Zeiten der Apostels wieder auf die Erde kam, um dort das Reich Gottes zu errichten und dessen Feinde zu vernichten. In diese Bresche ist mein - jedenfalls seinem mit 52 Jahren öffentlich wiederholten Bekenntnis zufolge Mitchrist - Karl Marx mit einer neuen Nah-Erwartung gesprungen, die die Welt ebenfalls verändern sollte, zum Guten wie zum Schlechten, ebenso ambivalent, wie ehedem das Christentum. Sein Anspruch, bei der Ersetzung der christlichen Eschatologie durch die sozialistische Kaffesatzleserei durch exakte Wissenschaft zu ersetzen, ginge allerdings genauso fehl wie beider Geschichtsprognosen, wenn man sie denn streng wörtlich nimmt und am besten noch Datum und Uhrzeit berechnet wie unsere Freunde mit den Wachtürmen das ab und zu taten.

Die Frage ist, ob wir es bei seinen Visionen mit etwas grundlegend Neuem oder nur um eine Adaption oder Transformation einer schon da Gewesenen Vision auf die Höhe einer neuen Zeit handelt, hatten wir beide hier in dieser Diskussion schon bei unserem Dissens im Gebrauch des Begriffs "Sozialkritik" und der Frage, ob dieses Rad erst im 19. Jh. erfunden wurde oder der Sache nach bereits 750 vor Christi mit den ersten Schrift-Propheten auftaucht (mit Verlinkung s.o.). Das ist im Grunde dieselbe Frage.

Die Religionskritik von Karl Marx funktioniert jedenfalls nicht über das Argument der Unwissenschaftlichkeit, Vorwissenschaftlichkeit oder des Obskurantismus. Ihr Kern ist das im Kern erst einmal nicht von der Hand zu weisende Argument, dass sie, indem sie eine Welt, die anders sein könnte, als sie ist, nur beschwört, die reale Welt nicht verändert, sondern zementiert.

Besonders hart und spitz konnte er werden, wenn christliche Sozialisten meinten, unter Berufung auf einen göttlichen Befehl zum Verändern der Welt die Mühen einer vorher nötigen und mit seinen Methoden möglichen kritischen Gesellschaftsanalyse überspringen zu können und sie damit die Höhe der Zeit verließen oder verfehlten. Aber das trifft nur bestimmte Kurzsspringer, die hier einem theologischen Irrtum aufsaßen, und trifft deshalb das Wesen des Glaubens oder gar der Theologie nicht im Allgemeinen - im Unterschied zu seinem Dope-Argument, das auf den unverzichtbaren Wesenskern der Relgion zielt, dem sie ihre Stärke verdankt (ganz im Sinne der Grundsätze der Kritik aus seiner Dissertation).

Deine stillschweigende Prämisse (?), dass man solche Kritik nicht äußern oder teilen kann, ohne sich gleichzeitig von jedwedem religiösen Glauben zu distanzieren, teile ich nicht. Und Karl Marx scheint sie ebenfalls nicht geteilt zu haben.

Wie das Christ und Marxist sein bei ihm zusammen möglich war, müsstest Du ihn selbst fragen, eine Quelle, wo dieser scheinbare Widerspruch von ihm selbst reflektiert wird, kenne ich leider nicht.

Ich könnte allenfalls für mich selbst sagen, wie ich seine im Kern hilfreiche und konstruktive Kritik positiv in mein Denken und Handeln integriere.

Man muss eigentlich nur die mönchische Formel "ora et labora" um die ins Beten und Handeln integrierte Sozialkritik erweitern, die seit den Tagen der Profeten schon immer dazugehörte, und sie mit gesellschaftsveränderndem Engagement verbinden, das einer kritischen Analyse im gesellschaftskritischen Diskurs standhalten kann (wozu man wiederum Schnittstellen zu diesem Diskurs benötigt). In dieser Konstellation würde die Opium Kritik nach dem Prinzip entschärft: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Mit entsprechender Drogen-Präventions-Aufklärung, kann man nicht nur geistige, sondern auch chemische Drogen kontrolliert so einsetzen, dass ihre positiven Effekte das menschliche Individuum stärken, ohne ihm zugleich den kritischen Geist zu vernebeln oder gar die Kraft zu rauben. Im Sport mag das als unfair gelten, aber in der Medizin wird es aus gutem Grund bei ärztlicher Kontrolle inzwischen immer stärker zugelassen und kann die leibseelische Genesung fördern. Warum aso - wenn diese Einschränkung beachtet wird - nicht auch im geistigen Bereich die leibseelische Genesung der Menschheit?

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 28.09.2015 | 10:54

"ev.mitchrist karl marx". ev=eventuell?

Falsch geraten, Denkzone8.

"Eventuell" wird meistens "evtl." abgekürzt. Ev. heißt im Kontext von "Christ" für gewöhnlich "evangelisch". Karl Marx ist als Kind - mit 10 oder 12 Jahren, müsste ich nachschlagen, muss aber vielleicht nicht sein - vom jüdischen zum ev. Glauben konvertiert. Später hat er die Religion als Philosoph zwar kritisiert, aber die ev. Kirche nie verlassen, im Gegenteil.

... bin aber nicht bereit, das entré-billet der christlichen taufe nochmal über mich ergehen zulassen.

Das ist auch nicht nötig in der ev. sog. Amtskirche, nur in baptischen oder pfingstlerischen Freikirchen, wenn Du zu denen konvertieren möchtest.

Wenn Du denn getauft und (?) nach Erreichen der Religionsmündigkeit konfirmiert wurdest und außerdem später nicht ausgetreten bist, wäre, ob Du in der Kirche ein von der Kirche verliehenes Amt übernehmen würdest, würde ich Dich ebenfalls als meinen ev. Mitchristen bezeichnen (müssen). Und wenn Du denn in der Kirche auch noch ein Ehrenamt übernimmst, z.B. statt Deine Taufe an Dir wiederholen zu lassen (was, wie gesagt, nicht üblich ist) bei einer anderen Taufe das Patenamt übernimmst, würde ich in Dir keinen fanatischen Gegner des ev. Glaubens sehen (der nur das Austreten vergessen hat), sondern ein Anzeichen dafür, dass Du nicht nur formal als Mitchrist zu bezeichnen wärst, sondern das auch nach wie vor sein willst.

Oder wie siehst Du das?

....im karlschen sinne: kritik ist eine waffe, sie hat nicht fair zu sein, sondern primär wirksam und zu-treffend.

Das klingt eher nach Lenin als nach Marx. Kannst Du das belegen? Ich hatte mich konkret auf Marx' (früher hätte man "Marxens" gesagt) Dissertation bezogen und kann, wenn Du bei Deiner Behauptung bleibst, er hätte das Gegenteil geschrieben, meine Behauptung auch gerne mit Zitaten belegen. Ich denke nur, dass das allgemein bekannt ist und Du nur auf einen späteren Sinneswandel hinweisen willst.

kritik ist eine waffe, sie hat nicht fair zu sein, sondern primär wirksam und zu-treffend

Eine dümmere Behauptung hab ich inhaltlich noch nie gelesen. Eine Kritik, die nicht fair ist, kann nicht zutreffend sein.

Hier ging es ja um den bekannten polemischen Kunstgriff, zunächst die gegnerische Position falsch zusammenzufassen und damit einen sog. "Popanz" aufzubauen, den man dann abschießt.

Die Schwäche dieser Art von Kritik ist, dass sie entweder durchschaut wird und dann sehr schnell nach hinten losgeht oder dass sie andernfalls - wenn sie nicht durchschaut wird - eine Verblendung impliziert, die dann mittel- oder langfristig im Super-Gau endet.

insofern ist sorgsamkeit beim auslegen(exegese) von sinn-haftem, erfassen und begreifen von strukturellem, zu trennen vom unbenommen-seinlassen selbstgängern gegenüber

Bei diesem Gegensatz ist mir der Bezug nicht klar. Klingt krypisch, könnte aber verstehbar sein, sobald man darauf kommt, was mit dem "unbenommen-seinlassen selbstgängern gegenüber" gemeint ist und worin der Gegensatz zum sorgsamen Erfassen, Begreifen und Auslegen von Sinnhaftem und Strukturellem besteht.

sozial-kritik ist auch kein nörgeln an mangelhaftem, skandalisieren von abweichungen von irgendeinem maß-stab, sondern aus einer system-analyse abgeleitete ein-ordnung von system-phänomenen, die einen stellenwert in einer widerstands-strategie bekommen.

Das halte ich für eine geschichtsverzerrende Begriffsverengung. Nicht jedes Rad, das die Geschichte bewegt hat, wurde erst im 19. Jh. erfunden.

https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/kult-und-sozialkritik/

...wenn schon weit-schweifigkeit das sub-motto dieser spalte ist und platz für selbst-verständigung da ist. smile on!

Kurz-schweifigkeit kann sachliche Richtigkeit weder belegen, noch ersetzen.

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 26.09.2015 | 15:27

Wieder einmal, ist ein Interview- Artikel in der Kommentierung gekapert worden und wurde zu dem elend verzerrten Gewäsch um das Ehrenamt, das von Profis übernommen wird, weil es was zu verdienen gibt, ausgenutzt.

Gegen diese Falschdarstellung möchte ich mich entschieden verwahren.

1. Das ehremamtliche Engangement war Thema des Interviews und der Diskussion - bezogen auf die Flüchtlings-Arbeit und dort unter "Kollektives Helfersyndrom" subsumiert.

Man muss anderer Meinung sein dürfen als Autor und Interviewter und die kritisierte Meinung auch in einen allgemeinen Kontext einordnen dürfen. Das ist kein "Kapern" einer Diskussion für ein offtopic-Thema. Man darf auch der Meinung des Artikels sein und den Kritikern sachlichen Irrtum vorwerfen, aber nicht, dass sie das Thema verlassen, sobald sie Kritik üben. Das ist dann kein redlicher Dialog mehr zwischen unterschiedlichen Analysen, von dem jede Diskussion lebt.

2. Mein geschätzter ev. Mitchrist Karl Marx hat in seiner Dissertation etwas wichtiges über die Grundsätze der Kritik wiedergegeben: Sie muss das Kritisierte zunächst einmal nachvollziehen. Letzteres vermisse ich bei dieser Zusammenfassung, zumindest ist sie missverständlich. Die Profis kommen immer, weil es etwas zu verdienen gibt, und das sei ihnen unbenommen und ist ein selbstgänger. Meine Kritik zielte auf die Motive der Geldgeber bzw. den Organisatoren der Geldströme, die das weit schwerwiegendere wirtschaftliche Interesse haben, dagegen sind die Profis selbst kleine Fische, Wenn tatsächlich "weil es was zu verdienen gibt" sich auf diese Millionen oder Milliardengeschäfte bezieht, würde ich sie nicht als verfälschend, aber doch als leicht missverstehbar bezeichnen.

Meine Bitte also: Gerne kritisieren, aber doch bitte etwas fairer und mit noch etwas mehr Sorgfalt beim Nachvollziehen des Kritisierten.

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 24.09.2015 | 23:32

... immer mehr als diejenigen, denen sie schaden. Ist bei der Waffenlobby genauso. Ein unabhängiges Institut gibt es auf dem Sicherheits-und-Rüstungs-Sektor ja seit ca. 20 Jahren, aber es befindet sich - aus rein materiellen Gründen - in Abwicklung und war zum Schluss sowieso nur durch Aufträge von Seiten der Bundeswehr zu halten.

Das ist tatsächlich ein Systemfehler.

Die Frage ist, ob es subversive Gegenstrategien gibt.

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 24.09.2015 | 23:24

Zum Teil ist meine Botschaft angekommen, hab ich den Eindruck. Den anderen Teil hab ich wahrscheinlich schlecht erklärt.

Ich hätte vor allem differenzieren müssen zwischen Ehrenamt und Ehrenamt. Es gibt da, meine ich grundsätzlich zwei Typen und wenige Mischformen: Das dienende und das mandatierte, beaufsichtigende Ehrenamt, z.B. ub Aufsichtsräten, Gemeinderäten, ehrenamtlichen Vorständen, die hauptamtliche Mitarabeitende beschäftigen und beaufsichtigen.

Die letzteren sind tatsächlich eigentlich ein Instrument demokratischer Kontrolle gemeint zur Verhinderung von Seilschaften und Korruption, die sich unter Profis schneller zum Schaden aller bilden.

Aber dieses Kontrollsystem muss zwangsläufig immer wieder versagen, wenn es als ungeschriebenes Gesetz gilt, dass diese Ehrenamtler alles dürfen, nur nicht das, was sie sollen: wirksame Kontrolle ausüben. Wenn es eine handhabe gibt, sie trotz Wählermandat von oben aus ihren Ämtern zu entfernen sobald sie unbequem werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen, die Kontrolle ausüben sollen, bei Finanzskandalen wie in Limburg oder Missbrauchsskandalen lieber weg als hinsehen - und dann irgendwann der Supergau kommt. Den gab es ja schon diverse Male, über diese Dinge haben auch Kirchenferne oder selbst bekennende Atheisten gesprochen, und letztere besonders gerne. Aber das läuft überalls so und hat mehr mit Abhängigkeit-Unabhängigkeit als mit Glauben zu tun. Dasselbe Prinzip wie bei den Autobauern jetzt.

Wenn Du von Vereinen und Initiativen sprichst, sind wir auch wieder beim Ehrenamt, denn die leben ja davon, dass ihre Vorstände nicht gewinnorientiert arbeiten und deshalb auch allenfalls Anspruch auf Aufwandsentschädigung haben.

Alles andere wäre schon wieder Kommerz. Aber was passiert, wenn eine Initiative oder ein Verein anti-kommerziell arbeitet, wenn eine Initiative z.B. im Interesse von Patienten die Pharma-Industrie oder andere semi-mafiöse Strukturen ins Visir nimmt?

Die rentabelste Gegenstrategie zur Absicherungen der kommerziellen Interesse wäre doch, Geld in die Hand zu nehmen, eine parallele Initiative mit demselben Anspruch zu gründen und die professionell arbeiten zu lassen, mit vielen gut bezahlten Hauptamtlichen und einem ausgedienten Politiker als ehrenamtlicher Spitze z.B..

Denen, die da mithalten wollen und eigene Wissenschaftler und Kommunikationsstrategen aus Betroffenen-Spenden oder solidarischen Spenden bezahlen, geht irgendwann das Geld aus. Diejenigen, die an einem Schwindel verdienen, haben

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 24.09.2015 | 00:31

Mit "die wichtigsten IS-Gegner" waren die PKK-nahen Kurden gemeint aus HPG und YPG. Das waren diejenigen, die den IS bisher am häufigsten aus seinen Stellungen vertrieben oder die Christen und Yeziden im Kandil-Gebirge vor Mord und Sklaverei bewahrt haben. Diese wichtigen IS-Gegner griff Erdogan an, aber nicht statt der tatsächlichen oder eingebildeten Türkei-Gegner, sondern weil er sie - trotz des Friedensprozesses, der einigermaßen funktioniert hatte - für Gegner der Türkei hielt oder sie als solche hinstellen will oder sie in diese Rolle drängen will.

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 23.09.2015 | 22:33

Wo siehst du diese Veränderungsoptionen?

Im Vorspann bzw. in dem, was er fälschlicherweise als Thema ankündigt: "über Fluchtursachen zu sprechen".

Näheres dazu und zum Realitätswert findest Du, was den Anteil vor der dem Vernehmen nach stärksten und bedürftigsten Flüchtlingsgruppe betrifft, wenn Du auf mein Bildchen hier klickst und meine letzten Beiträge und die Diskussion dazu verfolgst, die aktuellste Begründung steht in meinem momentan letzten Kommentar zu meinem jüngsten Beitrag.

Die liegen zwar nicht vollständig jenseits von Aushandeln und Loslassen, weil sich neue Verhandlungs-Ansätze jetzt ergeben. Aber der entscheidende Impuls dazu, dass die Amerikaner jetzt in größerer Runde - unter Einbeziehung Assads - verhandeln wollen, kam durch vollendete Tatsachen, die die Russen ohne jedes Aushandeln einfach zu schaffen begonnen haben. Und spätestens seit der Unkraine-Krise ist klar, dass dagegen nichts hilft. Also schwenkt der Westen um - nur Erdogan hat das offenbar noch nicht verstanden, aber es dämmert ihm. Und dabei hatte er ähnliche Pläne gehabt - versprechen, dass er den IS mit bekämpft, um syrisches und irakisches Gebiet unter Beschuss nehmen zu dürfen, und dann dort erst einmal die wichtigsten IS-Gegner ins Visier zu nehmen. All das trägt über deren absolute Zahl mehr für die Frage aus, wieviel Flüchtlinge wir hier aufnehmen müssen, als das Aushandeln der Quoten mit anderen europäischen Ländern oder der psyhiatrische Rat, sich mit der Tatsache anzufreunden, dass sie kommen, durch nichts aufzuhalten sind und bleiben werden.

In den alltäglichen Kontexten außerhalb der Flüchtlingskrise, wo das Beispiel mit dem Anwalt vs. dem Psychiater her stammt, liegen solche Veränderungsoptionen das natürlich andere Dinge, z.B. geschickte Prozess-Inverentione, durch die man schnell gewinnen oder verlieren kann, die kleverer Anwalt als eigene oder gegnerische Strategie eher rechnet als ein Psychiater, schon weil der sich darin nicht auskennt oft nicht weiß, dass das überhaupt möglich ist.

RE: „Das ist keine ehrliche Reaktion“ | 23.09.2015 | 21:50

Wir kommen ins Grundsätzliche.

Ehrenamt ist doch hoch willkommen. Auch weil der Staat sich ja immer mehr zurückzieht, während gleichzeitig die Ansprüche und der Bedarf wohl gestiegen sind. Integrationshelfer, Nachhilfeunterricht, Altenbetreuung, Vorleser im Kindergarten etc. reicht dir das nicht?

Das ist noch leichte Kost. Ich hatte mit Ehrenamt im kirchlichen Kontext zu tun und im gesetzlichen Betreuungswesen.

Bei letzterem ist die Lage eindeutig und oft genug etwa von Transparency International in einer - zugegebenermaßen teilweise angreifbaren - Korruptions- und Transparenzmängel-Studie von 2013 oder von Prof. Thieler (z.B. als Gast in der Sendung von Sandra Maischberger) oder von diversen Landesrechnungshöfen kritisiert worden. Das Gesetz schreibt einen Ehrenamt-Vorrang bei der Errichtung von Betreuungen vor. Und die Betreuungsvereine haben die Aufgabe, ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen und zu schulen. Aber das passiert oder gelingt nicht. Und das hat Gründe, die damit zusammenhängen, dass man an Betreuungen und an Betreuten auch gut verdienen kann. Details gerne auf Anfrage oder z.T. auch in der TI-Studie.

Die Regel heißt jedenfalls: Sobald es eine staatliche Förderung für menschliches Helfen gibt, Bilden sich Berufsstände und verstehen Profis das Ruder in die Hand zu nehmen und Ehrenamtler an den Rand zu drängen und auch sie finanziellen Interessen dienstbar zu machen - ohne dass sie dazu mitverdienen müssten.

Auch in der Kirche gibt es die ungeschriebene Regel: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Werden hauptamtlich Mitarbeitende von ihren Posten durch dazu berechtigte oder nicht berechtigte zu Recht oder zu Unrecht entbunden, können sie das häufig gerichtlich überprüfen lassen. Ehrenamtler kann die Kirche, wenn sie irgendwie aufmucken oder dumme Fragen stellen mit Schimpf und Schande zum Teufel jagen, ohne nach Recht oder Unrecht zu fragen, weil ihnen als bloßen Ehrenamtlern weder weltlich noch kirchlich ein Klagerecht zukommt. So kann mabn Mehrheiten in gewählten Gremien verändern und die zur Kontrolle berufen Ehrenamtler z.B. eines sehr freigiben Bischofs, an den wir jetzt vielleicht denken, tun gut, wenn sie nicht aufmucken, sonst hätte ihr jahrelanger ehrenamtlicher Einsatz ähnlich schmählich enden können wie bei mir bekannten Protestanten, die manchmal auch bloß simple Fragen gestellt hatten wie "Wo ist das Geld geblieben, das wir mit der Gemeinde gesammelt haben?"

Damit sind wir auch schon bei der Frage nach meiner Wertschätzung des Subversiven. Stabilität ist nichts "prinzipiell Schlechtes", aber auch kein Selbstwert.

Ein stabiles Festhalten an bestimmten Bischöfen, die erkennbar mehr Schaden anrichten als eine Trennung von ihnen, kann unvernünftig, aber doch das kleinere Übel sein. Aber ohne ein Verhalten von Gefolgsleuten, das von Stabilitäts-Versessenen als "Subersion" aufgefasst und sofort entsprechend sanktioniert wird, schiebt sich der Super-Gau nur hinaus.

Die "demokratischen" Gesellschaften des Westens funktionieren auch anders. Da darf jeder sagen was er will, es hört nur niemand hin, Die "demokratischen" Gesellschaften des Westens funktionieren auch anders. Da darf jeder sagen was er will, es hört nur niemand hin, wenn man nicht wiederkäut, was das Großkapital hören will...

Wirklich? Anstelle von Snowdon, Mannings oder Assenge wäre ich mir da nicht so sicher, ob man hier wirklich alles sagen kann.

Wenn man (a) etwas Brisantes weiß, was nicht jeder weiß, es außerdem (b) geschickt platziert und damit (c) einen noch nicht bekannten Schwindel aufdeckt - wovon es mehr als genug gibt - kann das nach wie vor sagenhafte Wellen bewegen, es muss nicht einmal stimmen oder wirkliche Brisanz haben.

Subversion ist sicher nicht nötig gegen den demokratisch verfassten Rechtsstaat als solchen, wohl aber gegen die, die davon leben, seine Lücken und bestehende Reste an Vertrauenskultur und kontrollfreien Räumen auszunutzen, um mit Lug und Trug noch mehr Profit zu machen, als das System ihnen ohnehin zusteht, oder davon, wegzusehen und sich schützend davor zu stellen.

Die "kriminelle Kreativität", die bei VW am Werk gewesen zu sein scheint, hätte frühzeitig aufgedeckt werden müssen. Das hätte VW und dem Land mehr geschadet als genützt. Die Chance zu einer solchen Schadensbegrenzung wurde - obwohl das Problem abstrakt lange bekannt war - politisch aus meiner Sicht vertan, mit Rücksicht auf wen oder was auch immer.

Wenn Subversion also Not tut, dann zunächst nicht gegen das System als ganzes, sondern gegen die Missstände, die er ermöglich - und damit letztlich auch gegen das System, wenn es dazu neigt, diejenien zu schützen, die in seinem Namen Vertrauen und Macht missbrauchen.

Die jüdisch-christliche Tradition verfügt seit den ersten Propheten über ein subversives Potenzial, das marode Systeme latent bedrohen kann, in sog. prostestantischen Revolutionen hervorbricht, aber durch Konstantinische Wenden dann wieder entschärft oder gar in ein Machterhalt-Instrument umetikettiert wird (ohne jedoch das subversive Potential vollends eliminieren zu können, sonst gäbe es danach keine Ketzer/Dissidenten/innere Kritiker). Säkulare solidarische Initiativen haben schon vom Ansatz her verwandtes Potenzial und zuweilen dadurch ein ähnliches Schicksal, so meine These.