Liberaler Antirassismus: Oft nicht mehr als moralische Selbstvergewisserung

Diskriminierung Wir müssen über den Kapitalismus reden und danach endlich anfangen, über Rassismus zu sprechen. Denn: Rassismus ist mehr als ein Vorurteil. Er stabilisiert die Klassengesellschaft. Und ist ein politisches, nicht bloß moralisches Problem
Ausgabe 40/2022

Heute gehört Antirassismus quasi zum guten Ton. Bis in konservative Kreise will kaum jemand „rassistisch sein“. Das merkt man etwa, wenn es zu spektakulären Fällen rassistischer Gewalt kommt. So löste die tödliche Polizeigewalt am Afroamerikaner George Floyd im Juli 2020 weltweite Proteste aus; hierzulande gingen 200.000 auf die Straße. Es gab dann auch eine kurze, intensive Phase der Auseinandersetzung mit dem „strukturellen Rassismus“. Mit der Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin-Mitte ging es plötzlich schnell voran. Unternehmen stellten „Diversity-Beauftragte“ ein – und Bücher, die Weiße auffordern, Rassismus und ihre „Privilegien“ zu „reflektieren“, verkauften sich noch mal ein bisschen besser.

Gut so? Nur zum Teil. Antirassismus fungiert hier vor allem als eine selbstreferenzielle moralische Selbstvergewisserung, welche Symptome problematisiert, aber an den Voraussetzungen nicht rütteln will. Denn der Rassismus ist mehr als ein falsches Vorurteil, das sich durch „Dekonstruktion“ auflösen lässt. Er ist ein soziales Verhältnis innerhalb von Klassengesellschaften; es kommt ihm materielle Realität zu. Der liberale Antirassismus, der heute so weit verbreitet ist, verschreibt sich hingegen zwar dem Kampf gegen Rassismus, scheitert aber an seinen eigenen Voraussetzungen: dem Liberalismus und seinem eigentlich nicht vorhandenen Gesellschaftsbegriff. Man sei erinnert an Margaret Thatchers Satz: „Es gibt keine Gesellschaft, nur einzelne Männer, Frauen und ihre Familien.“

Der liberale Antirassismus hat zwei Schattierungen. Sein rechter Flügel meint, eine „Farbenblindheit“ reiche aus, um dem Rassismus zu entkommen. Das leugnet nicht nur die materielle Realität von Rassismus, sondern äußert sich dann auch in Scheindiskussionen zu „umgekehrtem Rassismus“ und Deutschenfeindlichkeit: Wenn Rassismus nur ein Vorurteil ist, kann sich das gegen alle richten. Eine zynische Diskussion, wenn man an all die Gewalt gegen Geflüchtete und andere Migrant:innen allein seit den 1990ern denkt.

Der linke Flügel des liberalen Antirassismus versucht sich in der Rede vom „strukturellen Rassismus“ immerhin an einer umfassenden Perspektive. Doch „struktureller Rassismus“ heißt dabei nicht mehr als „in der Gesellschaft weitverbreitete rassistische Einstellungen“. So reduziert sich die Praxis auf eine Auseinandersetzung mit Sprache, Bildern und Denkmustern. Und die mangelnde Diversität in Politik, Medien und Führungsetagen erscheint als Folge individueller Diskriminierungen – und davon, dass diese Institutionen eine bestimmte Klassendynamik abbilden.

Dabei existieren rassistische Ideologien in genau diesem Spannungsfeld. Sie rationalisieren bestehende Ungleichheit; ob sie mit genetischen Unterschieden argumentieren wie einst Thilo Sarrazin in Deutschland schafft sich ab – oder „kulturell“.

Dass Menschen mit Migrationshintergrund einem überdurchschnittlichen Armutsrisiko ausgesetzt sind, ist Realität. Doch die liberale Rassismuskritik skandalisiert nur die Verteilung der Armut – nicht deren Existenz. Der Diskurs um „Diversity“ erschwert es sogar, über migrantische Armut zu sprechen: Indem er Einzelnen aus Minderheiten zum Aufstieg ins Bürgertum oder in staatliche Institutionen verhilft, unterstreicht er die Ideologie namens „Alle können es schaffen“. So werden die sozialen Unterschiede kaschiert, die so tief sind wie noch nie. Denn noch immer sind hauptsächlich Migranten im Niedriglohnsektor tätig. Eine Quote in Dax-Vorständen wird da nichts nutzen.

Auch eine „buntere“ herrschende Klasse wird den Rassismus nicht beenden. Solange man das System schont, das er stabilisiert und das ihn immer wieder reproduziert, bleibt der Kampf gegen ihn ein Sisyphosjob. Wer den Rassismus abschaffen will, muss also verstehen, dass er ein politisches Problem ist, kein moralistisches.

Bafta Sarbo hat gerade mit Eleonora Roldán Mendívil bei Dietz Berlin den Band Diversität der Ausbeutung herausgegeben

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