Vom Angsthasen zum Kriegsreporter

Schicksal Unser Autor hat aus Afghanistan und dem Kongo berichtet, aus Somalia, Irak, Darfur und dem Sudan. Doch keiner dieser Kriege ist vergleichbar mit dem Konflikt in Syrien
Vom Angsthasen zum Kriegsreporter
Trümmermänner: Helden, die auch im schlimmsten Chaos ihre Menschlichkeit bewahrt haben

Bild: Zein Al-Rifai/AFP/Getty Images

Aleppo, Juni 2014. Ein paar Kilometer entfernt hat die Bombe eingeschlagen. Sie hat Balkone abgerissen, Mauern zerstört, Autos zusammengefaltet, als ob sie aus Pappe wären. Menschen taumeln durch dieses Inferno, wankend, hustend. Unter einem Schuttberg ragt ein abgetrenntes Bein hervor. Einem Jungen, zehn, elf Jahre alt, läuft Blut aus dem Mund, in der Stirn klafft ein Loch. Ein Sanitäter sucht den Puls, schüttelt den Kopf. Drei Tage zuvor bin ich in Aleppo angekommen, begleite seitdem junge Zivilisten, die täglich ihr Leben riskieren, um Verschüttete aus Trümmern zu retten. Seit Dezember 2013 wirft die syrische Luftwaffe Fassbomben ab; mit Sprengstoff und Eisenschrot gefüllte Ölfässer, die meist Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser oder Märkte treffen. Tausende Menschen sind so bislang gestorben.

Als Journalist beschäftige ich mich mit Syrien, seitdem 2011 Oppositionelle damit begannen, mehr Gleichheit und Reformen zu fordern. Sie demonstrierten für Werte, die auch mir wichtig sind: Redefreiheit, Pressefreiheit, unantastbare Würde für jeden Menschen.

Im Juli 2012 kroch ich das erste Mal durch das Loch eines Zauns an der syrisch-türkischen Grenze. Auf das, was mich erwartete, war ich nicht vorbereitet. Ich habe aus Afghanistan und dem Kongo berichtet, aus Somalia, Irak, Darfur und dem Sudan. Ich kenne Gewalt, Elend, Tod. Doch keiner dieser Kriege ist vergleichbar mit dem Konflikt in Syrien. Ich will den Menschen in Deutschland von diesen Schrecken berichten, möchte aufschreiben, wenn mich Syrer fragen, warum ihnen die Welt beim Sterben zuschaut. Mehr als 2.000.000 Tote sind in diesem Bürgerkrieg schon zu beklagen, und manchmal habe ich das Gefühl, kaum jemand will wissen, was sich vor unseren Augen abspielt.

Deshalb fahre ich immer wieder in Krisengebiete. Vielleicht erkennen die Menschen nach der dritten, vierten oder fünften Reportage, dass wir nicht gleichgültig sein dürfen. Die Risiken sind mir bewusst. Mit Mut hat das nichts zu tun. Ich bin ein Angsthase, denke ständig daran, dass auch ich entführt werden könnte. Im November 2012 wurde mein Freund Jim Foley entführt. 635 Tage hatte ich die Hoffnung, dass Jim lebt, dass er irgendwann freigelassen wird. Wir ahnten, dass er sich in den Händen der Terrormiliz befand. Wie Dutzende Kollegen. Das größte Risiko für Journalisten, die aus Syrien berichteten, waren nun nicht mehr die Scharfschützen, Bombenangriffe und Granaten der syrischen Armee, sondern die Checkpoints der schwarz gekleideten Irren, die Syrien zu ihrem Kalifat machen wollten und ausländische Journalisten en masse entführten. Aus diesem Grund habe ich Aleppo über ein Jahr lang nicht besucht, reiste stattdessen in andere Teile Syriens, wo es keinen IS gab. Ich wollte mir Jims Schicksal ersparen.

Erst im Juni dieses Jahres traute ich mich wieder, nach Aleppo zu reisen, um über die Trümmermänner zu berichten, zu zeigen, dass diese Helden auch im schlimmsten Chaos ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Acht Tage war ich mit ihnen unterwegs. Nach besagtem Bombenangriff legen sie die Opfer auf die Ladefläche eines Lasters. Kurz darauf schlägt zwei Straßenzüge entfernt die nächste Fassbombe ein und tötet einen Mann. Ein ganz normaler Tag in Aleppo. Keine vier Flugstunden von Deutschland entfernt.

Carsten Stormer ist Reporter der Agentur Zeitenspiegel und berichtet seit zehn Jahren aus Krisengebieten

11:00 05.01.2015
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