Eintritt für Geflüchtete nur mit Deutsch!

Integrationspolitik Keine Aufenthaltserlaubnis ohne Sprach- und Integrationskurs, fordert Thomas de Maizière. Doch es mangelt nicht an Lernbereitschaft - was oft fehlt sind Sprachangebote
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Eintritt für Geflüchtete nur mit Deutsch!
Foto: Alexander Koerner/AFP/Getty Images

Zweifellos sollten Geflüchtete so schnell wie möglich Deutsch lernen, und zumeist wollen sie das auch. Denn die Landessprache zu erwerben ist der Schlüssel für Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Integration. Nur ist das leichter gesagt als getan. Wo sind die Engpässe und Hürden? Welche Initiativen gibt es? Und was wird erreicht?

Für Erwachsene bietet der Bund Integrationskurse einschließlich Deutschunterricht an. Doch bei ihrer Ankunft haben Geflüchtete noch keinen Anspruch darauf. Laut Einwanderungsgesetz von 2005 dürfen Asylbewerber die Integrationskurse erst nach Abschluss ihres Verfahrens besuchen – das kann Monate, manchmal Jahre dauern. Sie müssen für den Kurs eine Aufenthaltsgestattung, eine Duldung oder eine Aufenthaltserlaubnis vorweisen. Neuerdings können zwar Personen aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak schon nach ihrer Ankunft an einem Integrationskurs teilnehmen. Aber bürokratische Hürden versperren den Zugang: Nur diejenigen erhalten eine Berechtigung zum Kursbesuch, die sich nicht vorher in einem anderen europäischen Land als Flüchtling haben registrieren lassen. Und auch diese Überprüfung dauert Zeit.

So sind die meisten Geflüchteten zunächst auf sprachliche Improvisation angewiesen. In vielen Erstaufnahmeeinrichtungen übernehmen Ehrenamtliche den Deutschunterricht. Verschiedene Apps unterstützen Flüchtlinge ebenfalls dabei, die für sie fremde Sprache zu lernen (vgl. die Initiativen in unserem Beitrag "Refugees im sprachlichen Neuland"). Das alles ist hilfreich, aber kein Ersatz für systematischen Deutschunterricht. Gerade bei den Sprachlern-Apps fehlt die direkte, soziale Interaktion mit Muttersprachlern. Es gibt auch hervorragende Lehrbücher und Materialien zum Deutschlernen, nur nützen diese wenig ohne didaktische Vermittlung. Das Land Berlin hat zur Überbrückung eigene Deutschkurse an Volkshochschulen auf den Weg gebracht, die im vergangenen Jahr fast 6000 Menschen erreichten. Auch von anderen Bildungsträgern gibt es hier Angebote.

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Und was bietet der bundesdeutsche Integrationskurs? Er enthält 600 Stunden Deutsch plus einen 60-stündigen Orientierungskurs und erstreckt sich normalerweise auf 6-8 Monate. Ein Problem dabei: es ist ein Einheitskurs. Für Teilnehmer mit hohem Bildungsniveau und Vorkenntnissen in Deutsch reicht er aus, nicht jedoch für Ausländer, die kaum eine Schulbildung erhalten haben. Für besonderen Bildungsbedarf werden spezielle Kurse zu 900 Stunden angeboten. Der reguläre Kurs führt zum Niveau B1 des europäischen Sprachzertifikats. Darunter versteht man eine "selbstständige Sprachanwendung" (siehe hierzu und nachfolgend Info zu Niveaustufen). Teilnehmer ohne Vorbildung bzw. Analphabeten streben meist die darunter liegende Stufe A2 der "elementaren Sprachanwendung" an. Insgesamt erreichen nur 6 von 10 Teilnehmern aller Deutschkurse das erwünschte Niveau.

Initiativen sind vor allem für die berufliche Sprachförderung gefragt. Das Niveau der Integrationskurse reicht zwar zur Verständigung und allgemeinen Vorbereitung für eine Beschäftigung, aber nicht unbedingt für eine erfolgreiche Vermittlung in den Arbeitsmarkt. In vielen Berufen wird mindestens B2 verlangt, im akademischen Bereich C1 ("Kompetente Sprachverwendung"). Auch der Sinn der Sprachkurse, die die Bundesagentur für Arbeit finanziert, ist umstritten: Das Geld wurde an Bildungsträger verteilt, die z.T. überhaupt keine Erfahrung mit Sprachkursen haben. Einen neuen Ansatz hat die IG Metall entwickelt: sie fordert ein betriebliches Integrationsjahr - vier Tage arbeiten und einen Tag lernen. Es soll Geflüchteten ein finanziell selbstständiges Leben ermöglichen und ihnen trotzdem Zeit geben, die Sprache zu lernen und mehr über ihre neue Heimat zu erfahren.

Wie können die zugewanderten Kinder möglichst schnell Deutsch lernen? Ihr Zugang zu Schulen ist von Land zu Land unterschiedlich geregelt. In Sachsen gibt es überhaupt kein entsprechendes Gesetz, in Baden-Württemberg gilt die Schulpflicht nach sechs Monaten, in Berlin vom ersten Tag an, doch in der Praxis gibt es auch hier Verzögerungen. Deutsch lernen die Kinder zunächst in Vorbereitungsklassen möglichst direkt an den Schulen, doch aus Platzgründen auch in ihren Unterkünften (nachteilig für die Integration!). Die Zeit zum Deutschlernen ist z.B. in den Berliner Willkommensklassen auf 6 bis maximal 12 Monate kalkuliert. Für die meisten Kinder reicht das nicht aus. Auch ist fragwürdig, ob die angestrebte Niveaustufe A2 ein Kind bereits dazu befähigt, im Regelunterricht zu bestehen. Als Ausgleich ist eine begleitende Sprachförderung vorgesehen.

Unzureichend sind schließlich die Chancen der kleinen Kinder, in Kitas zu gehen und dort Deutsch zu lernen. Die Senatsverwaltung in Berlin z.B. sieht für die geflüchteten Kinder keine sofortige Nutzung von Kitas vor. Anspruch auf einen Platz besteht erst, wenn ein mindestens dreimonatiger Aufenthalt gegeben ist. Zudem erschweren die bürokratische Antragsverfahren die Suche der Eltern nach einem Kitaplatz. Im August 2015 besuchten in Berlin nur 15 Prozent der geflüchteten Kinder unter sechs Jahren eine Kita. Vor allem fehlt es bundesweit an Kapazitäten. Für 2016 schätzte das Ministerium einen Bedarf an 80.000 zusätzlichen Kitaplätzen.

Ein Engpass sowohl an Schulen und Kitas als auch bei den Integrationskursen ist das Personal: 2016 sind für die Schulen 20.000 zusätzliche Lehrer und für die Kitas 14.000 Erzieherstellen erforderlich. Tatsächlich aber müssen sich die Schulen mit 8.500 neuen Stellen begnügen. Als Notlösung werden oft Hilfskräfte oder sogar Ehrenamtliche eingesetzt, mit prekären Beschäftigungsverhältnissen. An den Volkshochschulen fehlen zehntausende Stellen, um Deutschkurse anzubieten. Vor allem mangelt es an Lehrern, die eine besondere Ausbildung im Bereich "Deutsch als Fremdsprache" absolviert haben. Auch private und öffentliche Bildungsträger suchen händeringend nach Deutsch-Dozenten, und die Anforderungen an das Personal sinken. Selbst die qualifizierten Dozenten werden völlig unzureichend als Honorarkräfte auf Stundenbasis bezahlt. Es gibt bundesweit praktisch keine Lehrer mit regulären Arbeitsverträgen für erwachsene Deutschlerner.

Fazit: Unser Überblick zeigt, dass eine beträchtliche Lücke zwischen dem Anspruch sprachlicher Integration und dem tatsächlichen Deutschangebot für Flüchtlinge klafft. Hervorzuheben ist jedoch das große Engagement, das Bildungseinrichtungen und Lehr-/Erziehungskräfte aufbringen, um den Geflüchteten bestmögliche Deutschkenntnisse zu vermitteln. Um diese Bemühungen zum Erfolg zu führen, gibt es noch eine Menge politischen Handlungsbedarf. Vor allem brauchen wir eine neue landesweite Bildungsoffensive, für Deutsche wie für Flüchtlinge gleichermaßen!

Quellen zum Text:

  • Beyes-Corlais, Aglaja: Prekär von Staats wegen. Junge Welt v. 10./11.10.2015
  • Füller, Christian: Versetzungsgefährdet. Der Freitag v. 28.1.2016
  • Goethe-Institut: Integrationskurs - häufige Fragen [Link]
  • IG Metall: Integrationsjahr. Info v. 9.2.2016 [Link]
  • Laak, Claudia van: Integration - Ist Sprache das einzige Kriterium? Deutschlandfunk v. 7.2.2016 [Link]
  • Ludwig, Michaela: Einfach Kind sein. Erziehung und Wissenschaft 03/2016
  • Olbrisch, Miriam: Papa bumm. Der Spiegel No 8/2016
  • Stemmler, Karin: Deutsch zum Billigtarif. Berliner Zeitung v. 9.3.2016

Quelle zum Foto:

kellinahandbasket: Deutschkurs 3: Sumeye (Turkey), Ozgur (Turkey), Oscar (Peru), Ruipig (China), Zeynep (Turkey) on the last day of class in Volkshochschule [Link]

Hinweis:

Eine erste Fassung meines Beitrags (mit Diskussion!) ist im Blog 'Multisprech' unter dem Titel "Geflüchtete auf Deutschkurs" erschienen.

16:34 26.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sabine Manning

Bin sprachkritisch, denke alternativ und europäisch, blogge auf anglilupe.org, multisprech.org und sprachkritik.org
Sabine Manning

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