Ein Gespenst geht um in Europa: Krieg.

Schwert&Pflugscharen Der Ukraine-Konflikte dominiert Politik, Medien und Gehirne. Ein Drittel der Deutschen erwartet einen Krieg mit Russland. Krieg ist ein Wort der Angst und der Lust.
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Ich habe mein Leben lang im Schatten von Kriegen gelebt, von Kriegen vor meiner Lebenszeit oder in weit entfernten Gegenden Welt.

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Ich erinnere mich gut, an die Kriegsberichte vom Russlandfeldzug in der Familie, an die Vorbereitungen auf den Atomkrieg in den 50ern, an den Protest gegen den Vietnam Krieg, gegen die Kriege in Somalia, Irak, Afghanistan.

Dennoch, diese Schatten-Kriege waren fuer mich in Deutschland kaum vorstellbar, auch der Atomkrieg war undenkbar und blieb deshalb kalt wie die vergessenen Opfer von Auschwitz.

Selbst waehrend der Krisen im "Ostblock", '53 in Berlin, '56 in Budapest, '69 in Prag oder '80 in Gdansk redete im Westen kaum jemand von Krieg.
Der Vertrag von Jalta, in dem Stalin, Truman und Churchill ihre Einflussgebiete abgesteckt hatten, hatte den Krieg in Mitteleuropa gebannt.

Heute ist der Vertrag von Jalta Geschichte, Stalins Reich ist zerfallen, die USA beherrschen die Welt. Pax americana. Krieg ist wieder moeglich, sofern die Weltmacht USA den Krieg will.

Seit Anfang des Jahres wird in Deutschland zunehmend ueber einen Krieg zwischen der Ukraine und Russland spekuliert.

Serioese Journalisten vergleichen die Zahl von Panzern und Kampfflugzeugen beider Seiten, versuchen militaerische Ueberlegenheit und Unterlegenheit einzugeschaetzt und denken sich alternative Kriegsszenarien aus. Schwerstarbeit fuer journalistischen Strategen, denn auf der Krim ist noch kein Schuss gefallen, es gibt kaum Auseinandersetzungen zwischen den "russischen Besatzern" , der einheimischen Bevoelkerung oder den ukrainischen Soldaten. Krieg findet nicht statt. (Clausewitz: Der Krieg beginnt, wenn der Feind sich wehrt.)

Trotzdem werden atemlose Berichte und dramatische Bilder aus der Ukraine in den Medien verbreitet, immer wieder die gleichen, weil's nicht viele gibt.

Dennoch, die kriegerische Spannung in Europa steigt.

Die westliche Ukraine-Krisen-Berichterstattung trifft auf willige Augen und Ohren. Vielen Menschen in Mittel-Europa haben die Zeit der Abhaengigkeit und Bedrohung durch Russland nicht vergessen. Viele wollen noch immer Vergeltung.
Verstaendlich.

"Allein Russland trifft die Schuld fuer die 40 Jahre des Kalten Krieges. Der Westen hat nur das Schlimmste verhindert und am Ende Europa befreit."

Das ist die entlastende europaeische Erzaehlung ueber die zweite Haelfte des 20. jahrhunderts. Das wird geglaubt.

Was "das Schlimmste" gewesen waere, was die Europaeer erlebt haetten, wenn der Kalte in einen Heissen Krieg umgeschlagen waere, diese Konjunktive wollten in den 90er Jahren weder die Bedrohten noch die Verantwortlichen ausbuchstabieren. Das musste verdraengt werden.

Jetz,t in der Ukraine, kann das verdraengte Grauen von damals ausagiert werden. Als Rache. Als Projektion auf den alten Feind. Als Angst vor einem neuem Krieg, und als schreckliche Lust auf einen Krieg, den man im Gleichschritt mit den USA nur gewinnen kann. Hurra, Hurra, Hurra!

Dass muss aufhoeren.

Das Sprechen ueber den Krieg macht uns gefuehllos fuer dessen Schrecken.
Die voelkerrechtliche Rechtfertigung von Krieg ist die Rationalisierung der Lust am Krieg.
Die jeweils andere Seite fuer die Provokationen verantwortlich zu machen, fuehrt zur Unterscheidung von Kriegsparteien.

Der erste, vielleicht wichtigste Schritt waere also, das Sprechen ueber den Krieg aufzugeben. Die militaerischen Kalkulationen und die geheimen Winkelzuege des Feindes NICHT zu kommentieren. Keine Partei zu ergreifen. Das Bild des "Feindes" vergessen.
Einseitig. Voraussetzungslos.

Der zweite, nicht minder Schritt, waere ein freiwilliger Gewaltverzicht im Konflikt auf der Krim. Nicht wie damals im Kalten Krieg unter Zwang (weil andernfalls die eigene Vernichtung drohte), sondern freiwillig und ohne Vorbedingungen. Wenn es sein muss, als deutscher Alleingang.

Ich erwarte nicht, dass auch nur einer dieser beiden Schritte gegangen wird.

Niemand ist an der Deeskalation der Krise interessiert. Der Westen will seinen Einfluss nach Osten ausdehnen, Russland will seinen Marinestuetzpunkt auf der Krim sichern.

Die Menschen in der Ukraine, die in einem ausgeraubten, armen Land mit ihrem schwierigen Alltag kaempfen, spielen im weltpolitischen Kalkuel der Grossmaechte und Konzerne keine Rolle.

Und der Idealisten vom Maijdan wird aehnliches erleben wie weiland die blauaeugigen "Schwerter zu Pflugscharen"- Buergerrechtler der DDR: Nach ihrem "Erfolg" wurden sie ins geeinten Deutschland der Ruestungskonzerne katapultiert, dorthin, wo aus Pflugscharen Leopard-Panzern geschmiedet werden.

Das alte Motto ist dennoch aktuell und heute vielleicht wichtiger als in den 80er Jahren.

In Deutschland, das im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege angezettelt hat, brauchen wir die Erinnerung an die erfolglos-erfolgreiche DDR-Friedenswegung als Ermutigung und als Warnung.

Nie wieder Krieg!


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Geschrieben von

Aussie42

Mauerberliner(West) bis 1996, 10 Jahre meditieren in Indien bis 2010, jetzt in Australien. Deutschland weit weg.
Aussie42

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