Mühelosigkeit/Gleichzeitigkeit/Gegenwärtigkeit

#TexasText/Jamal Tuschick „(Jazz) ist ein Beispiel dafür, (wie frau/man*) Gift in Medizin verwandelt“. Tina Turner

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“A body is a survival machine for the information that it contains.” Richard Dawkins

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Always stay on the (wo)man. Always work in combinations. Always walk the simple path. And no matter what you do: do it now.

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„Wichtig ist nicht, besser zu sein als alle anderen. Wichtig ist, besser zu sein als du gestern warst.“ Jigoro Kano

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„(Jazz) ist ein Beispiel dafür, (wie frau/man*) Gift in Medizin verwandelt“. Tina Turner

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„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“ Bertolt Brecht

Sumō-Suppe und Bushi-Dutt

Der Mann in der Notaufnahme des Burgfeld-Krankenhauses scheint schon tot eingeliefert worden zu sein. Das Geschäft der Rettung rauscht über den scheinbar hoffnungslosen Fall hinweg. Ärzte bringen noch einen Thorax-Katheter an, eine junge Feuerreiterin der Medizin namens Rei Mori untersucht die Leiche „eines Penners vom Friedrichsplatz“.

So kommt Rei der angeschossene Cole von Pechstein vor. Sie entdeckt einen Blutpfropf. Er wirkt wie ein Flaschenhalsverschluss. Die Organhöhlen laufen voll im inneren Blutbadgeschehen. Die Milz ist ein Fetzen. Ein Leberlappen ist gequetscht. Die Därme sind perforiert. Magensäure steigt auf. Exkremente schwimmen in der Melange und erhöhen das Risiko einer tödlichen Infektion.

Rei erfährt, dass es an ihr liegt, einen Weltmeister im Spiel zu halten. Sie zeigt sich dann am Bett des Rekonvaleszenten mit dem aufmunternden Gebaren einer Gastgeberin im Zentrum gesellschaftlicher Ereignisse. Nonchalant übersieht sie den Trainingsbetrieb im Krankenzimmer. Cole instruiert seine Instruktorinnen. Er stellt eine Task Force zusammen.

Begabung bedeutet, in einer gesellschaftlich relevanten Situation die Nerven zu behalten. (Verfremdeter Johannes R. Becher)

Aus dem Off

Man hatte auf ihn geschossen. Na und. Cole nutzte die Zeit der Wiederherstellung, um seiner besten Athletin Orientierung zu geben. Der künftigen Weltmeisterin Amina widmete er folgenden Abriss.

Heiliger Sandkasten - Ursprünglich war Sumō ein shintōistisches Ernte-Ritual

„Im Ring liegt alles für dich bereit“, sagt Koto Shōgiku. Liebe Amina, verwechsele den Zitierten bitte nicht mit Kotoshōgiku, der die japanische Suprematie restituierte, als er nach Dekaden überseeischer Dominanz in der Königsklasse des Sumō, der Makuuchi-Division, die ausländische Konkurrenz deklassierte.

Vermutlich ist Koto Shōgiku ein Nom de guerre, mit dem der Novize die magische Verbindung zu dem japanischen Herkules herstellt.

„Du kannst alles haben und brauchst dafür nur dich selbst. Du musst dir einen Körper schaffen, der nie verliert.“

Das sagt Koto Shōgiku, und das sage ich dir. Körper bedeutet in diesem Kontext nicht ausschließlich, aber eben auch etwas Metaphorisches. Das Wesen des Sumō umkreist einen zentralen Punkt: das Gleichgewicht. Alles dreht sich darum, das eigene Gleichgewicht zu wahren, und das Gegner:innen*gleichgewicht zu stören.

Die Gaijin-Wahrnehmung von Sumō unterschlägt die religiöse Dimension. Westliche Beobachter:innen* tendieren zu einer reduzierten Auffassung des Ringkampfrituals, das sich nicht isoliert betrachten lässt. In dem Ritual fusionieren koreanische und chinesische Stile. Die Vergleiche fanden zuerst auf den Marktplätzen von Weilern und an den Fürstenhöfen regellos statt. Sie endeten mit dem Tod des Unterlegenen. Die Abkehr von dieser Praxis fällt zusammen mit dem Verzicht auf scharfe Waffen zu Trainingszwecken. Heute erinnert der Bushi-Dutt an die höfische Sonderstellung der Sumōtori. Das japanische Gesetz verbietet die antike Kriegerfrisur allen Nicht-Sumōtori.

Die Halbgötter zum Anfassen leben in hierarchisch gegliederten Wohngemeinschaften. Besonders gern stärken sie sich mit der Sumō-Suppe Chankonabe, einem Eintopf aus Gemüse, Geflügel und Meeresfrüchten. Kartoffeln, Reis, Nudeln und Tofu gehören zur Ringer:innen*diät.

Eben rief Jörg Steinacker an, getrieben von der Idee, er habe etwas begriffen. Begriffen haben wollte er die zunehmende Überlegenheit ausländischer Sumō-Divisionäre als Folge des Umstands, dass sie größer und schwerer seien als die japanischen Athlet:innen*. Ich wiederholte meinen Einwand. Größe und Gewicht müssen im Verhältnis zum Schwerpunkt optimiert werden. Das ist aussichtsreicher bei einem 1.80 m großen und 150 Kilo schweren Ringer als bei einem hawaiianischen Bulldozer, mit über zwei Meter Länge und 250 Kilo Gewicht. Als Hausaufgabe biete ich dir, liebe Amina, Folgendes an. Will du nicht recherchieren, ob die Hypertrophen verletzungsanfälliger sind als die - im Sumō-Rahmen - Normalgewichtigen?

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Amina lebt in einem Tunnel. Cole nennt den Tunnel die Erfolgsröhre. Das Attentat berührt Amina kaum. Sie hält ihren Trainer für unzerstörbar. Sie weiß, dass er es hassen würde, sie abgelenkt zu wissen. Cole liebt Amina für die Fähigkeit, sich zu fokussieren.

Amina lässt nichts an sich herankommen, dass das große Ziel gefährdet. Nächstes Jahr um diese Zeit wird sie Karatevollkontaktweltmeisterin sein. Nichts anderes zählt. Der zusammengeschossene Cole kennt keine größere Freude als seine Beste so bedingungslos zu erleben.

„Trainer, komm auf die Beine. Ich dachte, du fängst Kugeln mit den Zähnen.“

Well, denkt Cole stillvergnügt, so klingen Siegerinnen.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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