Nordkorea ringt um Reformen

Markt der Möglichkeiten Für die eine oder andere bizarre Schlagzeile ist Nordkorea immer gut. Aber hinter den Zirkuskulissen wird gewirtschaftet
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Nordkorea ringt um Reformen
Reformresistent: Der verstorbene Kim Jong-Il, wiederbelebt auf einem Bildschirm während der Feierlichkeiten zum 70jährigen Bestehen seiner Partei

Foto: ED JONES/AFP/Getty Images

Wer eine wirklich spannende Karriere machen möchte, sollte zur nordkoreanischen Eliten gehören. Fast alles ist möglich: man wird vielleicht erschossen (womöglich aufsehenerregend großkalibrig), man äußert sich als Nordkoreaexperte im Guardian, oder man genießt für die Dauer eines Umerziehungstörns beim nordkoreanischen Landvolk die Freuden des einfachen Lebens. Nur wenn man Oberster Führer werden will, muss man todsicher putschen.

Nachrichten vom Aufstieg und vor allem vom Fall hochrangiger nordkoreanischer Offizieller oder Kader sind im Westen und in China gleichermaßen beliebt. Und bei solchen Meldungen bleibt es meistens auch – zumindest in Deutschland. Dabei ereignen sich große Veränderungen gar nicht. Sie ergeben sich in längerfristigen Prozessen, die auch in Nordkorea keineswegs besonders "geheimnisvoll" vor sich gehen.

Viele Chinesen wüssten vielleicht gar nicht, dass auch Nordkorea zur Zeit Reformen durchführe, notierte ein gewisser Zhang Liefu im Mai 2013 in einem Online-Artikel für die im Rahmen ihrer Möglichkeiten liberale südchinesische Zeitung Southern Weekly. Das "auch" hinsichtlich der Reformen hing damit zusammen, dass China – offiziell – seit 1978 eine Politik der Reform und Öffnung durchführt, und seit Jahren versucht, diese oder ähnliche Konzepte auch der Führung des hoch militarisierten und verarmten Nachbarn nahezubringen.

Dass allerdings Zhang von Pyongyangs Reformversuchen wusste, lag auf der Hand: Die nordostchinesische Stadt Dandong liegt unmittelbar an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze, und Zhang Liefu war (oder ist) stellvertretender Vorsitzender des Public-Relations-Verbands in Dandong.

Es handle es sich jedoch um Reformen in kleinem Umfang, so Zhang, die an dem bestehenden Wirtschaftssystem lediglich Reparaturarbeiten durchführten. Die wirtschaftliche Stagnation im Land werde Pyongyang damit kaum überwinden.

Auch die New York Times hatte acht Monate zuvor einen südkoreanischen Beobachter zitiert, der Pyongyang "Reformen innerhalb des Systems" bescheinigt habe, und nicht eine Umstellung auf eine Marktwirtschaft.

Das bedeutete allerdings nicht unbedingt, dass die Reformen konfliktfrei über die Bühne gehen würden: einem im damaligen Artikel ebenfalls von der NYT zitierten anonymen hochrangigen Offiziellen zufolge zog das nordkoreanische Regierungskabinett lukrative Handelsrechte wieder an sich, die zuvor vom Militär wahrgenommen worden waren.

Konflikte um solche Claims markieren das Ende großer Karrieren. Amtlich werden solche Abstürze meistens im weitesten Sinne damit begründet, die erledigten Ex-Mitglieder der Führung seien ihrer Grußpflicht nicht nachgekommen.

Eine Todsünde allerdings hatte sich Chae Ryong Hae wohl nicht erlaubt. Dass er für den Einsturz eines Wassertunnels an einem Kraftwerk verantwortlich gemacht wird, klingt plausibel. Nachlässigkeiten – tatsächlich oder angeblich – werden auch einem der einflussreichsten Politiker Nordkoreas nicht nachgesehen, sondern propangandistisch wirksam geahndet. Damit dokumentiert die Führung, dass es ihr mit den Reformen ernst ist.

Und andererseits darf ein zwar nicht perfekter, aber loyaler Missetäter auf Rehabilitierung hoffen: "langfristig" solle Chae "laut Geheimdienstinformationen" wieder rehabilitiert werden, so die "Deutsche Welle" in einer Bildunterschrift.

Eine erfolgreiche Reformpolitik (in China oder Nordkorea) beginnt mit Agrarreformen. Schon Taiwan hatte das in den 1950er und 1960er Jahren vorgemacht. Und die nordkoreanischen Reformen auf diesem Gebiet legen die Vermutung nahe, dass das Geschäftemachen nach einer langen Phase militärischer Kontrolle über weite Teile der nordkoreanischen Wirtschaft nicht nur wieder Zivilsache werden soll, sondern dass es sich auch um eine Verteilung der ökonomischen Möglichkeiten "von oben nach unten" handelt.

Auf Sino-NK, einer akademischen Website zu chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen, wies Kevin Gray darauf hin, dass landwirtschaftliche Produktionseinheiten den Reformen nach mehr oder weniger gleichbedeutend mit Familien seien. Im reformierten Produktions- und Abgabesystem gelte, dass sechzig Prozent einer Ernte von der Produktionseinheit auf eigene Rechnung vermarktet werden dürfen. Allerdings stellt Gray klar, dass das Maß, in dem solche Reformen bisher tatsächlich umgesetzt worden seien, unklar bleibe.

Im Vergleich zu den chinesischen Reformen seit den 1970er Jahren gebe es in Nordkorea einen weiteren, den Reformern hinderlichen Faktor, so Gray: Während China seinerzeit noch weitgehend agrarisch geprägt gewesen sei, handle es sich bei Nordkorea um eine sehr viel stärker industrialisierte und verstädterte Gesellschaft. Während die Produktivitätsschübe in der chinesischen Agrarwirtschaft viele chinesische Landbewohner für die sich entwickelnde Industrie verfügbar gemacht habe, gebe es heute in Nordkorea keinen solchen Überschuss an Arbeitskräften.

Und generell sei Nordkoreas geopolitische Situation heute weit weniger freundlich als die Chinas vor fast vierzig Jahren, so Gray. Aus Nordkorea werde nicht so bald Shenzhen.

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12:01 27.11.2015
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JR's China Blog

Wer Demokratie für selbstverständlich hält, hat sie vermutlich geschenkt bekommen.
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