Syrien und der Rest der Welt (6)

Jüngere Geschichte Wenn Papst Franziskus zum Frieden in Syrien aufruft, tut er das mit einem weltumspannenden Anspruch. Aber der Anlass ist auch lokal. Er liegt in Syrien - und im Irak
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Syrien und der Rest der Welt (6)

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Ein amerikanischer Student der Universität Chicago, Matthew Barber, fasste am 5. September die Nachrichtenlage über Ma’loula, eine aramäischsprachige Stadt im weiteren Damaszener Umland, zusammen. Sie soll am 4. September kurzzeitig in die Hand von al-kaida-verbundenen Rebellen gewesen sein.

Papst Franziskus wird nicht zuletzt die syrischen Christen im Sinn gehabt haben, als er am 4. September einen Brief an den russischen Präsidenten Putin schrieb, mit dem er hoffte, zu den G-20-Beratungen in St. Petersburg einen „wirksamen geistlichen Beitrag“ zu leisten.

Religiöse Toleranz wäre eine helfende Grundlage für ein stabiles Miteinander in Syrien gewesen – dass es eine solche Toleranz nicht gab, ist allerdings keineswegs nur dem syrischen Regime anzulasten. Syrien wählte nach seiner Unabhängigkeit 1946 einen anderen Weg zur inneren Befriedung einer wenig festgefügten Gesellschaft – den Nationalismus.

Nationalismus ist eine Phase, die zum Kochbuch vieler Staatsgründungen und der damit einhergehenden Entwicklung eines entsprechenden öffentlichen „Bewusstseins“ dazugehörte. Die chinesische Kuomintang (National[istisch]e Partei, KMT) setzte vor und nach 1911 darauf; bei der KP Chinas ersetzt der Nationalismus zunehmend die ursprünglich internationalistische Orientierung (wobei man argumentieren mag, dass der Nationalismus ohnehin in China blieb, als die Nationalisten 1949 nach Taiwan flohen), und auch in gesellschaftlich oder staatlich prekären Ländern wie Paraguay galt unter dem Regime der „Colorado-Partei“ von 1947 bis 1989 der Nationalismus als Doktrin.

In diesem Licht ließe sich verstehen, was Thomas Philipp und Birgit Schaebler in einer Veröffentlichung der Berliner Islamstudien 1998 – basierend auf Forschungen der amerikanischen Historikerin Linda Schilcher, geschrieben hatten (Fußnoten/Quellen ebenda):

In ihren Studien über Syrien im 19. Jahrhundert argumentiert Linda Schilcher, dass das Jabal Druze ein „Probegelände der nationalen Integration“ gewesen sei. Sie führt an, dass die wirtschaftlichen Verbindungen, die das Jabal Druze mit Damaskus zu verbinden begannen, das Substrat späterer nationalistischer Bindungen darstellten, welche zwischen den Drusen des Jabal und den Sunniten von Damaskus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet wurden. Philip Khoury verwendet die Beziehungen zwischen den politischen Eliten des Jabal Druze und Damaskus als zentralen Teil für seine „Re-Interpretation“ der nationalistischen Bewegung während der Jahre des französischen Mandats. Er folgert, dass mit dem Ende der Großen Syrischen Revolte von 1925 bis 1927 die Führung der drusischen Rebellen, angeführt von Sultan Pasha al-Atrash, ein „neues, breit aufgestelltes“ Bündnis errichtet habe, das die Drusen und Damaszener verbinde, und dass es „auf eine ‚erfolgreiche Assimilierung der Drusen in eine syrisch-arabische politische Gemeinschaft‘ verpflichtet gewesen sei“. Basierend auf seiner Analyse des Druze-Damaszener Bündnisses erklärt Khoury die Große Syrische Revolte zu „einem erheblichen Wendepunkt“ in der Entwicklung nationalen Bewusstseins in Syrien. Er kennzeichnet die Bildung einer nationalistischen Bewegung, die „über die Grenzen von Regionen, [sozialen] Klassen und religiösen Linien hinweggeht“.

Furcht als Machtmittel

Soweit der Nationalismus, wie er funktionieren soll. Aber nicht jeder Akademiker oder Forscher unterschreibt lt. Philipp/Schaebler diese prägende Rolle der Revolution in der Entstehung des Nationalismus, und konkurrierende Forscher beschreiben die Integration des Jabal-Druze in den syrischen Staat, die spätestens mit dem Jahr 1946, der formellen syrischen staatlichen Unabhängigkeit, als abgeschlossen galt, als ein längst nicht reibungsloses Unternehmen. Es habe sich um einen durchaus gewaltsamen Prozess gehandelt.

Und das ist der zweite Aspekt der Entstehungsgeschichte vieler Staaten: von Lateinamerika über Ostasien bis zum Nahen Osten waren im vergangenen Jahrhundert neben dem Nationalismus auch Repression und die Verbreitung von Furcht vor Machtmitteln der Regierenden Mittel der Staatenbildung und Staatenerhaltung. Das gilt nicht zuletzt für Syrien.

Für den Außenstehenden und akademisch unbedarften Beobachter (also z. B. JR) liest sich die zitierte Darstellung, basierend auf Schlicher und Khoury, wie ein Narrativ aus eben dem eingangs zitierten Kochbuch, welches ohne positive Narrative nicht auskommt – unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Erzählungen. Ist die Gewalt, welche den Zerfall eines multi-ethnischen oder multireligiösen Staates begleitet, just die Wiederkehr jener Gewalt, welche einen solchen Staat zusammenfügte?

Für manche Angehörige verschiedener Stämme und Religionen wird der Aufstand von 1926 gleichwohl ein verbindendes und identitätsstiftendes Element sein. Nationalismus beruht ja darauf, sich positiv von „Anderen“ – in diesem Falle den Franzosen, die sich auf unzulässiger Basis zu Halbkolonialherren gemacht hatten, abzugrenzen. Und diese unzulässige Herrschaft beruhte auf dem Wortbruch von Europäern: Briten und Franzosen.

Am 16. Mai 1916 hatten London und Paris unter Federführung der Diplomaten Mark Sykes und Francois Georges-Picot einen Vertrag unterzeichnet, der die Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg bestimmen sollte. Weniger als ein halbes Jahr nach diesem britisch-französischen Vertragsabschluss hatte der haschemitische Herrscher von Mekka, Sherif Hussein, einem Bündnis mit Großbritannien zugestimmt, das die Unabhängigkeit der arabischen Halbinsel vom Osmanischen Reich erkämpfen und das Reich – einem Verbündeten der Mittelmächte – zu Fall bringen sollte. Es handelte sich also um eine win-win-Situation, wobei die Araber vermutlich nichts von den Verpflichtungen der Briten gegenüber den Franzosen wussten. Weder eine Teilung Arabiens in verschiedene Staaten, noch die Form des Einflusses, die Frankreich auf arabische Führer in seinem Einflussbereich auszuüben gedachte, entsprachen dem Ziel eines unabhängigen, einigen Arabiens. Vereinfacht ausgedrückt, wollte Frankreich nichts dem Zufall überlassen. Das „Mitspracherecht“, das sie bei der Ernennung von arabischen Funktionsträgern für sich beanspruchten wie auch die Rolle der französischen „Berater“, die sie ihnen beiseitestellen wollten, hätte jeden VR-chinesischen Tibet-Kolonisatoren stolz gemacht.

Auch die staatliche Souveränität, die Syrien – nach dem zweiten Weltkrieg – endlich erlangte, war weit entfernt von der arabischen Einheit, die sich der Sherif von Mekka und seine Söhne einmal vorgestellt hatten. Sie war indessen besser als nichts, und die stark voneinander abweichenden Ansichten darüber, wie „freiwillig“ auch nur die Bildung dieses Einzelstaates vor sich gegangen war, mag eine Ahnung davon vermitteln, wie anspruchsvoll das Ziel eines „ganzen, einigen Arabiens“ gewesen wäre.

1920 hatte Syrien kurzzeitig als Königreich unter Feisal, einem der Söhne des Sherifs von Mekka, existiert, bevor es unter das französische Mandat fiel, gegen das sich Jabal Druze 1925 erhob. Das Syrien nach dem zweiten Weltkrieg war von vornherein eine Republik. Schon 1949 erlebte das Land seinen ersten Militärputsch. Und hier waren nicht mehr so sehr Briten oder Franzosen die Einflussnehmer, sondern eine neue Macht, die sich die Demokratie – und ihre weltweite Verbreitung – auf die Fahnen geschrieben hatte.

So jedenfalls beschrieb der Dokumentarfilmer Adam Curtis im Juni die Hintergründe des Putsches – seine Darstellung beruht auf der Lektüre des amerikanischen Agenten Miles Copeland. Die amerikanische „Initiative“ trug kaum einer örtlichen Gegebenheit Rechnung, von demokratischer Praxis bei den Wahlen im Jahr 1947 konnte keine Rede sein, und die vom entstehenden Chaos entnervten Amerikaner, die ihrer eigenen Ansicht nach diskret Einfluss nahmen, wussten sich offenbar nicht anders zu helfen, als – vorübergehend – eine Diktatur zu unterstützen, die dabei helfen sollte, undemokratische Angehörige der Oberschicht zu isolieren und politisch auszuschalten.

Herrschaft der Ba'ath-Partei

Eine Demokratie wurde nicht daraus – stattdessen folgte in den Jahrzehnten danach ein Putsch dem anderen. Die Ba’ath-Partei, die zunehmend an Einfluss gewann, übernahm schließlich vollends die Macht, aber selbst die Ba’ath-Partei bestand aus verschiedenen Lagern, insbesondere Pro-Nasser-Politikern, die einen endgültigen staatlichen Zusammenschluss mit Ägypten im Rahmen der „Vereinigten Arabischen Republik“ anstrebten, und einem sozialistischen Flügel, dem auch der spätere Machthaber Hafez al-Assad angehörte. Das Ende der ägyptisch-syrischen Integration war das Ende eines Traums mancher ba’athistischer Denker und Visionäre. Einer von ihnen war Michel Aflaq, ein syrischer Christ, ein Philosoph, Soziologe, und arabischer Nationalist. Manche Angehörigen der Ba’ath-Partei sehen ihn als hauptsächlichen Autoren der Ba’ath-Ideologie.

Der Ba’athismus sollte das Sektierertum überwinden, so Curtis – das war das große Ziel der Bewegung. Aber das Sektierertum nahm zu, nachdem 1970 Hafez al-Assad und seine vier engsten Genossen die Macht übernommen hatten. Denn die einzige religiöse Bevölkerungsgruppe, die nun keine poltiische Macht mehr ausübte, war die sunnitische Bevölkerungsmehrheit: Assad selbst und zwei weitere Machthaber waren Alewiten, und zwei weitere der Fünf waren Ismailiten. Und der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen, so Curtis, war nicht zuletzt ein Ergebnis der französischen Mandatsherrschaft, die „ein Programm des Teile-und-Herrsche“ praktiziert habe, um existierende Spaltungen anzuheizen. Hinzu kam, so Curtis, der soziale Aspekt: Landeigentümer und Händler waren überwiegend Sunniten (und religiös gesehen Teil der Bevölkerungsmehrheit). Sie waren nun von der politischen Macht abgeschnitten. Es war der „Triumph einer niederklassigen Bauernbevölkerung und städtischen unteren Mittelklasse gegen die alten städtischen Eliten. Und die Sunniten hassten es.“

Update, 10.09.13:

Ein BBC-Dokumentarfilm (Robin Barnwell, 2013) erläutert u. a. die französische Politik des "Teile und Herrsche" etwas näher. Dank an A. M. für den Hinweis.

Hafez al-Assad sei kein Sektierer gewesen, so Adam Curtis. Aber angesichts des sektiererischen Erbes, das Frankreich Syrien hinterlassen habe, hievte er einen Mann seines Vertrauens nach dem anderen in staatliche Machtpositionen. Sunniten, Drusen und andere „Verdächtige“ mussten gehen oder wurden gegangen, oft mit blutiger Gewalt. Schließlich schaltete Assad auch die vier Mitbegründer seiner Macht aus.

1966 floh Michel Aflaq aus Syrien, und die Ba’ath-Partei zerfiel in eine syrische und eine irakische Fraktion. Auf dem Wirklichen 9. Parteitag der Ba’ath-Partei (so nannten ihn die irakischen Veranstalter im Februar 1968 in Beirut) wurde Aflaq zum Generalsekretär gewählt, und lebte ab 1968 in Baghdad.

Das blieb mit einer vorübergehenden Unterbrechung bis kurz vor seinem Tod so, und er starb bei einer Herzoperation in Paris 1989. Er war – im Irak jedenfalls – ein geachteter Mann geblieben; gleichzeitig aber faktisch nicht viel mehr als eine Sockenpuppe Saddam Husseins. Laut irakischen Behörden soll er „heimlich“ zum Islam konvertiert sein; Familienmitglieder bestreiten das.

Jede Frage danach, ob Aflaqs Vision einer arabischen Einheit – wenigstens in Syrien – eine Chance gehabt hätte, wird wohl unvermeidlich mit der Fahrradkette beantwortet.

Die panarabische Idee

Unabhängig allerdings von allen ausländischen Interventionen und Machtanmaßungen, die jeder arabische Nationalist – zu Recht – als Gründe für das einstweilige Scheitern der panarabischen Idee und vielleicht auch der syrischen „Idee“ anführen kann: zu Bruch geht auch ein Konzept, das inneren Frieden durch Verbreitung von Furcht erreichen wollte. Und das trotz der Tatsache, dass Syrien in mancher Hinsicht ein Modell für andere arabische Länder hätte sein können: die sozialistische Prägung der Ba’ath-Machthaber sorgte für eine Orientierung der Wirtschaftspolitik an sozialen Kriterien. Laut dem Factbook der CIA lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Syrien zuletzt bei gut 75 Jahren – im wesentlich „reicheren“ Saudi-Arabien sind es knapp 75 Jahre.

Daten der Beiruter Publikation „Executive“ vom September 2007 zufolge sind (oder waren) China, Indien und Russland Hauptakteure in der syrischen Öl- und Gasindustrie, und insgesamt war es Syrien demnach spätestens ab 2004, einem Jahr, in dem die damalige Bush-jr-Administration einen neuen Satz von Sanktionen gegen Syrien verhängt hatte, anscheinend recht gut gelungen, sich in der globalen Wirtschaft minus Amerika zurechtzufinden. Dabei wird geholfen haben, dass Syrien sich schon in den 1990ern langsam von einer zentral gelenkten Planwirtschaft zu einer „gemischten“ Wirtschaft entwickelt hatte.

Darauf ließe sich die Hypothese aufbauen, dass diese Art „alternativer Weltwirtschaft“, die europäische Unternehmen allerdings bis vor kurzem, als die EU Sanktionen verhängte, keineswegs ausschloss - und Amerika hatte sich, wie letzthin die EU, längst selbst ausgeschlossen –, Washington ein Dorn im Auge war. Das ist kein rauchender Colt; so wenig wie jedes andere Indiz. Aber es ist ein mögliches Teil der Zielhierarchien, die gegen Syrien arbeiten könnten.

Aber auch für die relativ erfolgreiche – und vorübergehend vermutlich rettende – Integration in eine „chinesisch oder BRIC-geführte“ Seite der Weltwirtschaft zahlte die syrische Politik einen Preis. Den Sozialismus – wenn man ihn so nennen konnte, ließ das Land hinter sich, und die Armut einer Mehrheit wirkte in der neuen Ungleichheit – vermutlich – umso schmerzhafter.

Der amerikanische Arabist Joshua Landis notierte im März 2011 in der „Time“ online:

Selbst privilegiert in Damaskus aufgewachsen, hat der Präsident mehr mit den hauptstädtischen Eliten gemeinsam als mit den Alewiten der Küstengebirge, die seinen Vater [Hafez al-Assad] an die Macht brachten. Als Bashar al-Assad nach dem Tod seines Vaters 2000 die Macht übernahm, begann er, die Wirtschaft und die Gesellschaft zu liberalisieren. Die gehobene Kultur boomt, und Importe aus dem Ausland, Tourismus und Künste werden wiederbelebt. Syrien ist heute ein wunderbarer Ort, um reich zu sein; für die Gutgestellten ist das Leben freudig und dynamisch.

Aber für die verarmte Mehrheit ergibt sich ein düsteres Bild. Ein Drittel der Bevölkerung lebt von zwei Dollars am Tag oder weniger. Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet, und vier Dürrejahre haben Syriens ländlichen Gebiete zu einem Ödland staubiger und notleidender Orte und Städte wie Dara’a [dem Ort der vermutlich ersten Demonstrationen 2011] gemacht. Das Letzte, was reiche Aleppiner, Homser und Damaszener wollen ist eine Revolution, die eine neue politische Klasse an die Macht bringt, die sich auf die ländlichen Armen stützt, oder ein Abrutschen des Landes in ein Chaos und möglicherweise einen Bürgerkrieg.

Die arabische Rebellion sortiert die Länder des Nahen Ostens aus und unterscheidet nach jenen, die wirkliche Nationen geworden sind, mit einer bindekräftigen politischen Gemeinschaft und einer Fähigkeit, die postkoloniale Ära der Diktatur und Repression hinter sich zu lassen, und jenen die dazu verurteilt sind, mit den Spaltungen von Ethnizität, Sekten und Stämmen zu kämpfen. Libyen zerbricht vor unseren Augen, und der Jemen könnte ebenfalls in einer Abwärtsspirale folgen.

Ausländische Einflussnehmer

Auch ganz abgesehen von Syriens katastrophaler Lage wäre eine Rückkehr der westlichen Investoren an ihre Förderstellen und zu ihren Geschäftsbeziehungen mit Syrien kaum denkbar, so lange sich das Assad-Regime behauptet. Für die Mehrheit der Arabischen Liga und die Türkei dürfte ähnliches gelten. Man befindet sich im unerklärten Krieg miteinander, und dieser Krieg hat Tatsachen geschaffen: er hat das Interesse der Staaten, die sich gegen Damaskus gestellt haben, an einer Beseitigung des Regimes noch gesteigert. Wer unter diesen „Freunden Syriens“ wollte seiner Öffentlichkeit zu Hause, die auf eine „Beseitigung“ des Ba’ath-Regimes inzwischen propagandistisch geradezu geeicht wurde, jetzt noch eine Volte zurück zum Status Quo verkaufen?

In einer französischen Fernsehsendung, in der der frühere französische Außenminister Roland Dumas von einer britischen Vorbereitung des bewaffneten Aufstands in Syrien sprach, debattierte auch Randa Kassis, eine Anthropologin und Journalistin. Sie ist Vorsitzende der Coalition of Secular and Democratic Syrians (Zentrale in Paris, als Coalition Laïque et Démocratique Syrienne oder CLS), die sich für eine Militärintervention in Syrien und für eine Flugverbotszone ausspricht. Die CLS wiederum ist Teil des Syrian National Council (SNC), der wiederum nicht so explizit laizistisch ist wie die CLS. Als eine vergleichsweise große Oppositionsgruppe, die obendrein Syriens Platz in der Arabischen Liga eingenommen hat, zählt sie auch in Beijing als moderate Gruppierung, mit der man zumindest unverbindlich reden könne. Ähnliches gilt in Moskau.

Die Gesprächsbereitschaft dort beruht wohl auch auf dem Wunsch, sich für den Notfall – den Sturz des Assad-Regimes – möglichst viele Seiten in Syrien warmzuhalten. Akzeptabel wären dabei alle diejenigen Kräfte, von denen man keine ungünstige syrische Einflussnahme auf innerchinesische und innerrussische Konflikte wie zum Beispiel in Xinjiang oder Tschetschenien befürchtet.

In dieser Präferenz für moderate Oppositionelle findet sich allerdings auch eine vage Gemeinsamkeit zwischen den westlichen UN-Sicherheitsratsmitgliedern einerseits und Beijing und Moskau andererseits: kein kleinster gemeinsamer Nenner, aber der Punkt, an dem sich die einander gegenüberstehenden Regierungen – wenn sie sich denn einig werden wollten – am nächsten wären.

Das Problem: selbst ein gemeinsamer Wunsch für Syrien wäre noch kein gemeinsames Ziel, und erst recht kein realer Kriegsausgang. Der Weltsicherheitsrat könnte den Konfliktverlauf zwar beeinflussen, aber nach drei Jahren Krieg und Brutalisierung der syrischen Gesellschaft kann er ihn sicherlich nicht mehr entscheiden.

Dass Laizisten oder Moderate nach einem Waffenstillstand oder Kriegsende die Kontrolle über Syrien übernehmen, erscheint heute schwer vorstellbar. Alle ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats könnten daher am Ende die – nichtsyrischen – Verlierer des Konflikts sein.

Und in Syrien unterlägen dann dauerhaft die Menschenrechte. Denn der Prüfstein einer Menschenrechtslage in einem Land sind nicht zuletzt seine ethnischen und religiösen Minderheiten.

Hier drängt sich auch die Frage auf, ob nicht die Belange syrischer Christen auch ein Thema für viele religiöse Hardliner im Westen sein müssten, die sich regelmäßig auf die judeo-christliche Tradition ihrer Länder (oder ihrer eigenen Person) berufen.

Fortsetzung folgt.

Fortsetzung hier.

Wie bereits im 1. Teil gesagt, versuchen die Autoren, ihr (lückenhaftes) Wissen über Syrien und über die Mächte zusammenzutragen, die um Vorherrschaft über oder Einfluss in diesem Land ringen. In diesem Teil stütze ich (JR) mich in weiten Teilen auf den Blog des amerikanischen Arabisten Joshua Landis, und des britischen Dokumentarfilmers Adam Curtis.

Als wissenschaftlich satisfaktionsfähig sollte dieser Beitrag trotz seiner Länge nicht angesehen werden. Vieles bleibt spekulativ. Aufgrund fehlender arabischer Sprachkenntnisse verfüge ich über keinen "eigenen" Zugang zu Syrien --- JR

Voriger Beitrag:

» Helden der Wüste (5), 06.09.13

22:24 07.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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