RE: Andere Wende | 03.09.2017 | 12:23

Lieber Herr Füller, danke für den Auftrag. Ich bin die Woche noch im Urlaub auf Kreta und habe genug Arbeit dabei, aber ich melde mich deswegen noch. - Mir geht es darum, dass wir die DDR neu denken, jenseits der Verklärung und Dämonisierung; dass die Geschichte sachlicher erzählt wird. Geschichte kommt von Geschehen; allein aber mit dem Täter-Opfer-Begriffspaar lässt sich das Geschehene in seiner Gänze nicht erzählen. Meine Eltern waren natürlich Opportunisten, ohne Frage. Und der eigene Opportunismus erträgt sich besser, wenn man ihn als tiefe innere Überzeugung ausgibt. Aber, und jetzt kommt's: Es gibt ein Menschenrecht auf Opportunismus. Die Natur belohnt die Angepassten, normalerweise. Hinzu kommt, dass die SED-Diktatur ein komplett anderes System als das Dritte Reich war. Der Opportunismus meiner Eltern hat Gott sei dank nicht dazu beigetragen (auch nicht indirekt), dass Polen überfallen wurde. Es wurden auch keine Gaskammern gebaut und keine Folterkeller der Gestapo errichtet. Die DDR in eine Linie mit dem Nationalsozialismus zu stellen, ist schlicht unwahr. Genau das aber hat die Stasi-Unterlagenbehörde immer getan und auch der "Forschungsverbund SED-Staat" an der FU-Berlin etc. Dieses Geschichtsbild trug zur Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in den Neunzigerjahren bei, ebenso zur Verharmlosung des Dritten Reiches. Die jungen Nazis in Brandenburg sagen sich seither: "So schlimm kann's ja bei Hitler nicht gewesen sein, wenn alles so war wie in der DDR."

Und was die Aufstiegsgesellschaft bestrifft: Ohne Zweifel hat es in der DDR-Gesellschaft ein Austauschverhältnis gegeben: sozialer Aufstieg gegen politisches Wohlverhalten. Wer aber nicht Schuldirektor werden wollte oder Betriebsdirektor, der ist mit ein paar Lippenbekenntnissen recht gut durchs Leben gekommen. Unter den Bedingungen einer Diktatur bekommt natürlich jede Karriere im Nachinein den Beigeschmack von Kollaboration.

Wie in allen Religionen hat es auch im Kommunismus einen Glauben de jure und einen Glauben de facto gegeben. Ich dene, in der DDR hat es am Ende kaum noch richtige Kommunisten gegeben, stattdessen über 2 Millionen SED-Mitglieder. Im Herbst '89 haben diese Leute die Füße stillgehalten. Das Politbüro war nicht in der Lage, die eigene Parteibasis gegen die Kerzendemonstranten zu mobilisieren.

RE: Andere Wende | 03.09.2017 | 06:08

Jetzt ich nochmal: Das Haus in dem die Familie Krampitz gelebt hat, war ein Zweifamilienhaus. Wir hatten eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung für meine Eltern und meine zwei Brüder (zur Miete!). Im Urlaub haben wir es nicht einmal zum Ballaton gebracht (das waren Verwandte). Mit dem Aufstieg in die Nomenklatura war es also nicht weither. Ich hätte gerne noch ein paar Zeilen mehr Platz gehabt, um von der bedrückenden Enge zu erzählen; auch davon, dass meine Eltern von ihrem beruflichen Aufstieg überfordert waren und deshalb - gelinde gesagt - autoritär wurden. Mir war es wichtig, vom "Staatsvolk der kleinen Leute" zu schreiben. Historiker haben ja bis heute zur DDR keinen praktikablen Herrschaftsbegriff. SED-Diktatur, Homunculis Sovieticus oder Fürsorgediktatur etc. - all die Begiffe haben sich nicht durchgesetzt, sind von der Mehrheit der Leute, die in dem Land gelebt haben, nicht angenommen worden. Und ganz sicher war die DDR ein Unrechtsstaat, aber nicht nur. Und da finde ich eben, dass der Ansatz von Günter Gaus dem Alltag in der DDR sehr nahe kommt. Im Nachhinein wurde ihm vorgeworfen, dass er von den Stasi-Praktiken keine Ahnung hatte; dass er das MfS unterschätzt hat. Das haben ja sehr viele. Man kann aber davon ausgehen, dass der "Ständige Vertreter" gewusst hat, dass in der DDR jeder seiner Schritte überwacht und jedes Wort nach Möglichkeit abgehört wird. Als ich an meiner Diss. zur Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz gearbeitet habe, erzählte mir ein Pfarrer namens Klaus-Reiner Latk, wie er mit einem Pfarrbruder zwei Tage nach der Tat Günter Gaus in der Ständigen Vertretung in Ostberlin aufgesucht hat, um ihm vom Flammentod des Pfarrers zu erzählen. Als die beiden das Büro von Gaus betraten, waren seine ersten Worte: "Meine Herren, Sie sollen wissen, alles was wir hier in diesem Raum besprechen, bleibt unter uns Vieren." Es war also noch ein vierter Mann unsichtbar im Raum... - Und dennoch hat Günter Gaus in seinen Büchern zur DDR der Stasi keinen größeren Raum gegeben. Das finde ich sehr bemerkenswert.

RE: Neues vom Unrechtsstaat | 07.02.2017 | 18:02

@Gelse - Die Kirche hat sich erst nach 1976 geöffnet. "Kirche für Andere" wollte sie schon 1972 werden, wirklich geschehen ist es aber erst nach '76.

Erst durch Brüsewitz sahen sich die Kirchenleitungen unter Druck gesetzt, den Gemeinden und Synoden verständlich zu machen, was sie in den Jahren zuvor unter dem Stichwort "Kirche im Sozialismus" mit staatlichen Stellen verhandelt hatten. Deshalb kann man schon sagen, dass die DDR-Kirche nach dem 18. August 1976 - dem Feuersuizid des Pfarrer Brüsewitz - unter einer starken politischen Anspannung stand, die es in den Jahren zuvor nicht gegeben hat.

Im Zuge der Biermann-Ausbürgerung hat es dann in der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen eine interne Diskussion gegeben. Das Ergebnis fasste Bischof Albrecht Schönherr in einer knappen Aktennotiz für seinen Sekretär Manfred Stolpe zusammen:

„Für Biermann wird laut genug geredet. Für die Schriftsteller wollen wir einiges tun:

Sie lesen.Sie zitieren.Sie einladen.“

Mit anderen Worten: Zu Biermann keine Stellungnahme, dafür aber Solidarität mit den Künstlern, die gegen seine Ausbürgerung protestiert hatten – so in etwa lautete die Linie des DDR-Kirchenbundes. Und so geschah es dann auch: Stefan Heym, Klaus Schlesinger, Bettina Wegner fanden fortan in der Kirche ein aufmerksames Publikum. Aber das war erst Ende 1976! Der oben zitierte Aktenvermerk berichtet von einer wichtigen Weichenstellung für die DDR-Kirchen: Dass in ihren Räumen eines Tages eine kritische Gegenöffentlichkeit entstehen sollte, in der sich Menschen jeden Alters und aller Berufe, Christen und Nichtchristen über die Probleme ihres Landes austauschten – diese Entwicklung hatte, das zeigt die Schönherr-Notiz, ihren Ursprungsimpuls im Protest der Künstler gegen die Biermann-Ausbürgerung.

Interessant ist: Wegen der Biermann-Ausbürgerung haben viele, vor allem Künstler das Land verlassen. Wegen Brüsewitz sind viele geblieben. Seine Tat führte zum "Spitzengespräch" Honecker-Schönherr am 6. März 1978. Bei dieser Begegnung, über die im ND auf der 1. Seite berichtet wurde, erklärte die SED, dass sie die Autonomie der Kirche auch in Zukunft akzeptieren werde. Nur deshalb konnten von da an in den kirchlichen Räumen oppositionelle Gruppen Schutz finden.

RE: Neues vom Unrechtsstaat | 06.02.2017 | 16:46

Lieber Peter Nowak, ich habe zu Brüsewitz eine ganze Dissertation geschrieben. Mach dir die Mühe, das Ding zu lesen, ja? In den Quellen habe ich eine einzige antisemitsche Aussage von Brüsewitz gefunden, die ich dahingehend gedeutet habe, dass er eine dissoziale Persönlichkeitsstörung (also einen an der Klatsche) hatte. Eben dafür habe ich auch andere Belege gefunden. Und zwar jede Menge. Was aber fehlt, sind weitere Quellen für antisemitische Äußerungen. Ich habe auch nichts gefunden, was ihn irgendwie von der deutschen Nation oder so reden ließ. Wenn man bereits nach einer einzigen judenfeindlichen Bemerkung Antisemit ist, leben in Deutschland vielleicht 50 Millionen Antisemiten. Und was Biermann betrifft: Die Kernthese meiner Arbeit ist, dass nicht die Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz das historische Ereignis war, sondern der Protest gegen den Brüsewitz diffamierenden ND-Kommentar gut 2 Wochen danach. Das Skandalmanagement der SED wurde zum eigentlichen Skandal. - Ich denke, nachgewiesen zu haben, dass die Empörung gegen diesen Artikel - gut 100 Leserbriefe - überging in den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung zweieinhalb Monate später. Zum großen Teil handelt es sich um die selben Leute. Die durch Brüsewitz politisierte evangelische Kirche wird nach Biermann ihre Räume für oppositionelle Gruppen öffnen. In diesem Sinne, ist es korrekt, Brüsewitz als Vorläufer von Biermann zu bezeichnen.