Die Letzte Generation hat Recht: Der Losentscheid ist eine gute Idee für die Demokratie

Kolumne Per Los will die Klimaaktivistin Aimée van Baalen die Mitglieder eines Gesellschaftsrates bestimmen lassen, der den Weg zur Emissionsfreiheit bahnt. Konstantin Kuhle von der FDP findet das undemokratisch – er irrt sich
Ausgabe 07/2023
So könnte Demokratie auch aussehen
So könnte Demokratie auch aussehen

Bild: picture-alliance/akg-imagesakg-images

Das ist doch mal ein Vorschlag! Die Letzte Generation fordert die Bundesregierung auf, einen Gesellschaftsrat einzuberufen, der Maßnahmen erarbeiten soll, wie Deutschland bis 2030 emissionsfrei wird. Das Bemerkenswerte daran ist nicht das Ziel, sondern auch der Weg: Die Mitglieder dieses Rates sollen per Los gefunden werden und die deutsche Gesellschaft im Kleinen abbilden. Notfalls müsse dieses Gremium auch das gewählte Parlament überstimmen dürfen. Die 24-jährige Klimaaktivistin Aimée van Baalen stellte die Idee unlängst bei Hart aber fair in der ARD vor und erfuhr sofort Widerspruch von Konstantin Kuhle, dem FDP-Fraktionsvize im Bundestag, der die Forderung als undemokratisch abqualifizierte.

Aber ist sie das wirklich? Wenn am Ende sowieso anders regiert als gewählt wird, wäre eine Ämtervergabe via Zufallsprinzip nicht viel ehrlicher?

Der von Kuhle so arglos diskreditierte Losentscheid gehörte einmal zu den Urprinzipen der Demokratie; damals, als das Volk (griechisch: demos) nicht nur nominell Inhaber der Entscheidungsgewalt war, sondern tatsächlich herrschte (griechisch: kratein). Im alten Athen wurden die meisten politischen Ämter nach einer Vorauswahl im Losverfahren vergeben. Nach Meinung der 2016 verstorbenen Münchner Althistorikerin Maria H. Dettenhofer ging man in der Polis grundsätzlich von der Gleichheit aller Bürger aus, „und entsprechend war auch jeder Athener geeignet, ein öffentliches Amt für einen begrenzten Zeitraum zu bekleiden“. In der Regel habe das jeweilige Amt von demselben Bürger nur einmal für eine einjährige Amtsperiode bekleidet werden dürfen. Ämterhäufung war verboten. Zudem waren alle wichtigen Posten kollegial besetzt, will heißen: Der Einzelne konnte ohne die Zustimmung der Mehrheit seiner Kollegen nichts bewirken. Und auch nichts anrichten. Das war Basisdemokratie!

Nach Platon teilte sich die Gesellschaft der Antike auf in Nährstand, Wehrstand und Lehrstand, also in Bauern, Händler und Handwerker; Krieger und Soldaten sowie schließlich Philosophen, Priester und Lehrer. In diesem Gemeinwesen fristeten die Armen und Schwachen keineswegs ein Schattendasein: In der Ekklesia, der Volksversammlung der Athener, dem Herzstück der attischen Demokratie, die ihre Blüte im 5. Jahrhundert vor Christus erlebte, saßen womöglich Hunderte Bettler. Für eine Aufwandsentschädigung in Höhe eines Tageslohnes sorgten sie dafür, dass das notwendige Quorum von 6.000 Bürgern erreicht wurde. Die Teilnehmer der Ekklesia mussten nur allesamt Männer sein, die ihren Militärdienst abgeleistet hatten. In diesem allerersten „Parlament“ kam den armen Schluckern das gleiche Stimm- und das gleiche Rederecht zu wie den gut betuchten Bürgern.

Und auch wenn es in der Polis viele Menschen gab, die von der Mitbestimmung ausgeschlossen waren (Frauen, Sklaven und zugezogene Fremde), so hat es doch seither nie wieder eine Gesellschaft gegeben, die wie in diesem Stadtstaat einen derart hohen Grad an politischer Partizipation vorweisen konnte. Mindestens sechs Prozent der Bevölkerung waren in der Face-to-Face-Society des alten Athens ständig mit den Geschicken ihrer Polis beschäftigt.

Man stelle sich dergleichen für heute vor: Auf Berlin übertragen, würden über 200.000 Leute im Abgeordnetenhaus sitzen bzw. digital im Homeoffice! Dank WLAN-Anschluss in Wärmestuben und in der Bahnhofsmission stimmen immer auch ein paar Hundert Unbehauste mit ab, und auch Schnorrer, Junkies und U-Bahn-Musiker. Was soll schon schiefgehen? Das neue Landesparlament wäre sicher etwas chaotisch und nicht immer beschlussfähig. Aber es müsste auch keine Wahl wiederholt werden, weil sich die Berliner von vornherein selbst vertreten.

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Geschrieben von

Karsten Krampitz

Historiker, Schriftsteller

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