Aus alt mach neu - deutsches Kino - Vol 2

Film und Kino Seit einigen Jahren werden mehr oder weniger gute Filme nicht nur von Hollywood kopiert sondern auch im deutschen Kino. Fortsetzung einer Bestandsaufnahme.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Teil 1 gibt es hier.

Das Original: ANRUFER UNBEKANNT (EL DESCONOCIDO)

Spanien 2016, von Dani de la Torre, mit Luis Tosar, Javier Gutierez, Goya Toledo, Elvira Minguez

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Ein Investmentbanker in einer nicht näher genannten spanischen Großstadt – wahrscheinlich Madrid, aber es spielt keine Rolle – bricht zu einem Geschäftstermin mit einem Kunden auf. Bevor er aufbricht, hat er noch einen Streit mit seiner verbitterten Ehefrau und will die Kinder vor der Schule absetzen. Im Auto bekommt er einen Anruf auf den Mobiltelefon, in dem von ihm eine bestimmte Summe Geld aus Privatvermögen und Bankanlagen gefordert wird. Bei Nicht-Erfüllung der Forderung wird eine Autobombe gezündet, die auch bei jedem Versuch aktiviert wird, das Fahrzeug zu verlassen. Es folgt eine telefonische Schnitzeljagd, bei der sich auch Polizei und die Bank einschalten. Um die Ernsthaftigkeit der Drohung zu unterstützen, wird in der Nähe ein Bank-Kollege mit seiner Ehefrau im Wagen gesprengt. Die Uhr tickt nicht nur in der Bombe sondern auch auf medizinischer Seite, denn bei der Sprengung der ersten Autobombe wird der Sohn im eigenen Wagen von einem Splitter getroffen, blutet stark und verliert später das Bewusstsein. Es soll nicht viel gespoilert werden, aber im Verlauf der Telefonate erfahren wir, dass unser Hauptdarsteller mit fragwürdigen Immobiliengeschäften zu tun hatte, in deren Verlauf zahlreiche Klienten durch Zwangsräumungen ausgenommen wurden, was unmittelbar mit den Motiven des Täters zu tun hat. Die Handlung spielt sich bis auf wenige Szenen am Anfang ausschließlich im Auto underer Familie oder im näheren Umkreis sowie im Umfeld der Polizei-Einsatzkräfte ab. Schauspielerisch können Spaniens Superstar Luis Tosar und seine beiden Filmkinder total überzeugen. Trotz der filmischen und erzählerischen und auch sozialkritischen Qualitäten erschien ANRUFER UNBEKANNT in Deutschland weder im Kino noch im Heimkino. Immerhin ist der sehr gute Film seit einiger Zeit auf NETFLIX abrufbar. Das soll keine Werbung sein und ich bekomme dafür weder Vorteile noch Geld oder andere Gegenleistungen. Aber ich muss einfach anmerken, dass die mit Abstand besten Filme, die ich neu sah, nicht im Kino liefen sondern auf NETFLIX abrufbar sind, während im Kino nur Superhelden-Achtion-Gülle, Forsetzungen und Neuverfilmungen der immer gleichen Stoffe, deutscher Komödienmüll und Til-Schweigereien liefen.

Die deutsche Neuverfilmung: STEIG. NICHT. AUS.

Deutschland 2017, von Christian Alvart, mit Wotan Wilke Möhring, Emily Kusche, Carlo Thoma, Hannah Herzsprung, Aleksandar Jovanovic und Fahri Yardim

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Was ist neu bzw. anders: Die Handlung ist mehr oder weniger identisch. Unser Familienvater ist kein Investmentbanker sondern Verkaufsmanager bei einer Immobiliengesellschaft. Das macht es dann auch möglich, den Film in Berlin spielen zu lassen, weil originiellerweise fast jeder deutsche Film, der in einer deutschen Großstadt spielt, in Berlin spielt. Bei einer Handlung im Bankenmillieu wäre Frankfurt als Zentrum der europäischen Bankenszene sicher der bessere Standort gewesen. Immerhin hat Regisseur Christian Alvart ein gutes Gespür für Atmoshäre und Handlungsorte, was uns übliche Postkartenmotive und Kameradrohnen-Perspektiven erspart. Der Spannungsbogen wird ordentlich gehalten. Allerdings konzentriert sich Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring überwiegend auf hysterische Anfälle und bleibt weit hinter dem differenzierten Spiel von Luis Tosar zurück. Wer das spanische Original nicht kennt, wird durchaus beeindruckt sein; die meisten Anderen dürften eher genervt sein. Die Kopie bleibt weit hinter dem Original zurück.

Das Original: KLASSEFESTEN 2 – BEGRAEVELSEN

Dänemark 2014, von Mikkel Serup, mit Anders B erthelsen, Nikolaj Kopernikus, Troels Lyby, Andrea Vagn Jensen, Anne Jespersen

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Sänger und Musikproduzent Tommy wird demnächst heiraten und sein Junggesellenabschied wird vorbereitet. Nebenbei ist er neurotisch, weil sein neues Album bei Kritik und Publikum ganz schlecht ankommt. Der getrennt lebende Andreas ist auf der Suche nach einer neuen Lebenspartnerin und scheitert beim Speed-Dating. Niels erfährt beim Junggesellenabschied auf der Bowlingbahn, dass seine Frau Jette einen Seitensprung mit dem Draufgänger Torben hatte, der ausgerechnet dort auf dem Klo der Bowlingbahn verstirbt. Auf Torben´s Beerdigung landet das Trio in der falschen Trauerfeier und zieht mit seinem Trauerkranz wieder ab. In der Trauerhalle öffnen sie den Sarg, um den sprichwörtlichen Riesenpenis des Verstorbenen zu inspizieren; bei der Flucht vor der Pfarrerin schlagen sie ihr aus Versehen mit einer aufgestoßenen Tür die Nase ein und die Hochzeit muss auf den nächsten Tag verschoben werden, an dem auch Tommy heiraten soll. In der Nacht will sich Tommy an eine Musikbloggerin heranbaggern, um bessere Kritiken zu bekommen. Niels f*ckt sie anschließend unter dem Einfluss mehrerer starker Viagra richtig durch, kommt nicht mehr aus ihr heraus und sie müssen sich auf der Suche nach Öl in einem Zebrafell in die Küche manövrieren. Wir lernen noch ein Stripper-Duo kennen, das irrtümlich auf der Trauerfeier auftritt anstatt bei unserem Trio. Schließlich fällt bei der Beerdigung aus Versehen das Kästchen mit den Trauringen ins Grab und muss unter dem Sarg geborgen werden. Zur Hochzeit kommen sie zu spät aber die Liebe triumphiert über alles Andere.
Die Handlung ist sehr seichter Klamauk, sehr makaber, sehr schmutzig, politisch unkorrekt und sehr unterhaltsam. Da alle drei Männer ihre Stärken und auch ihre Schwächen haben, wirken alle drei sympatisch. Die Darsteller spielen augenzwinkernd und hingebungsvoll; niemand nimmt sich ernst. Das Tempo stimmt.

Die deutsche Neuverfilmung: DIE HOCHZEIT

Deutschland 2019, von Til Schweiger, mit Til Schweiger, Samuel Finzi, Milan Peschel, Lilli Schweiger, Katharina Schüttler, Jeanette Hain, Stefanie Stappenbeck und Thomas Heinze

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Was ist neu bzw. anders: Interessanterweise versucht Til Schweiger, sich durch eine Umbenennung von KLASSENTREFFEN 2.0 in DIE HOCHZEIT vom Vorgänger zu distanzieren, der bei Kritik und Publikum durchfiel und unter den üblichen Einspielergebnisen eines Schweigers zurück blieb.
Handlung und Szenen sind teilweise identisch übernommen. Allerdings ist alles sehr schlecht geschrieben, inszeniert und gespielt. Till Schweiger breitet über seinen Musiker Tommy sein gestörtes Verhältnis zu Filmkritikern intensiv auf. Seine beiden Kumpel inszeniert Til Schweiger als hysterisch-gestörte Schreihälse, die im Vergleich zu seiner Rolle erneut als beziehungsunfähige Verlierer herab gewürdigt werden, wodurch es im gesamten Film außer einer Randfigur mit Liebeskummer nicht einen einzigen sympathischen Charakter gibt. Alle Szenen, die im Original funktionieren, verlängert Til Schweiger auf das Mehrfache der ursprünglichen Länge. Besonders Milan Peschel, den ich die meiste Zeit als vielseitigen und sehr guten Schauspieler kannte, tat mir bisher leid. Doch auch bei ihm ist mein Mitgefühl begrenzt, da er sich inzwischen ebenfalls total verschweigern lässt.
Ansatzweise kommt wieder Schweigers Homophobie in Person eines schwulen Hochzeitsplaners als Tuntenklischee durch. Sein fragwürdiges Frauen- und Homosexuellenbild aus KLASSENTREFFEN 1.0, dem schlechtesten Film des vergangenen Jahrzehnts bleibt uns darüber hinaus weitgehend erspart. Außerdem bleiben uns diverse Stunts seiner Frauenfiguren über Tische, Theken und Autos und in den Wäscheschacht erspart, bei denen die Kameraperspektive immer unter die Gürtellinie – genauer unter den Rock – ging. Auf die Szene mit den beiden Stripperinnen verzichtet Schweiger ebenso wie auf einen überfahrenen Hasen und den Blick auf den Penis des Toten im Sarg. Aber die Schafherde gibt es auch hier. In diesen Angelegenheiten scheint jemand Til Schweiger zur Zurückhaltung geraten zu haben und Til Schweiger hielt sich scheinbar teilweise an die Ratschläge.
Dagegen addiert Til Schweiger zur Originalhandlung erneut die Figur seiner Stieftochter in Spe, gespielt von seiner eigenen Tochter Lilli und eine Nebenhandlung über einen Jungen, der seine und Lilli´s Freundin und Niels´ Tochter verließ, weil er in Lilli verliebt ist und dazu die Mädchenfreundschaft strapaziert. Zusätzliches Bonusmaterial ist eine Tortenschlacht vor der Hochzeitszeremonie, die Schweiger an drei Tagen bei 34°C drehen ließ und deren Teilnehmenden ausnahmslos aussehen wie aus der Tourismuswerbung.
Erneut peinigt uns Til Schweiger mit einem hyperaktiven Schnitt, der allerdings nicht ganz so exzessiv ist wie bei KLASSENTREFFEN 1.0. Trotzdem zerlegt Schweiger erneut harmlose Gesprächsszenen in zig Einzeleinstellungen. Eine Woche vor Kinostart waren Lilli und Til Schweiger Gäste zum Höflichkeitsplausch bei Barbara Schöneberger in der NDR-Talkshow, wo ein Ausschnitt von 50 Sekunden mit einem Dialog über Tommy´s Hochzeitsgelübde gezeigt wurde, den Til Schweiger tatsächlich in 40 Einstellungen zerhackte. Eine Autoverfolgungsjagt mit Karambolagen bei FAST & FURIOUS oder TRANSFORMERS ist dagegen Entspannung pur.

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Die englischsprachige Schmusepop-Kakophonie üblicher Til-Schweiger-Filme wird zu Gunsten klassischer deutscher Schlager reduziert; das ist nicht unbedingt mein Musikgeschmack aber immerhin abwechslungsreich, wobei Schweiger auch permanent fast alles ohne Rücksicht auf den Szenenablauf damit zumüllen lässt.
Die Produktplatzierungen: Am ärgerlichsten ist allerdings die penetrante Werbung für zahlreiche Produkte aus Til Schweiger´s Unternehmen. Wir sehen Werbung für einen Versicherungskonzern, für den Schweiger gemeinsam mit seiner Tochter Emma Tiger macht(e). Til Schweiger hat eine eigene Biermarke, ein Weingut auf Mallorca, mehrere Restaurants und Hotels sowie einen Vertrieb für Mode und Wohnungsdekoration. Im Film sehen wir mehrfach Szenen mit Til´s Bier, Til´s Wein, Til´s Zirbenholz-Brotkorb und vermutlich Til´s Kleidung und Til´s Geschirr. Der gesamte Film ist ausgestattet wie Schöner-Wohnen aus Til´s Möbel- und Einrichtungskatalog. Gedreht wurde in Til´s Pizzeria, Til´s Restaurant und Til´s Hotel; die Sponsorenliste im Abspann besteht zur Hälfte aus Til-Schweiger-Unternehmen. Co-Hauptdarsteller Samuel Finzi tritt übrigens als eines von mehreren Models im Internetshop von Til´s Mode- und Einrichtungsmarke auf. Til Schweiger lässt sich seine minderwertigen Filme also nicht nur mit deutscher Filmförderung finanzieren sondern auch seine weiteren Unternehmungen durch Aufträge bzw. Werbung davon profitieren. Wer spontan an das böse K-Wort denkt, sollte sich keine Vorwürfe machen.
Til Schweiger ist ein genialer Geschäftsmann; das muss man ihm lassen. Als Filmemacher hat er keine Ahnung von Filmsprache und Tempo und ist einfach unfähig.
Fazit: Und immer, wenn man denkt, schlimmer geht es nicht mehr, kommt tatsächlich Til Schweiger daher. Wer das auf der Leinwand sieht, erlebt erneut eine filmische Nahtoderfahrung zum Fremdschämen.
Natürlich hat auch Til Schweiger das Recht, Filme zu drehen und ins Kino zu bringen. Dann sollte er sie mit den Einnahmen aus früheren Filmen und seinen zahlreichen Unternehmen und Subunternehmen finanzieren. Aufgrund seines diskussionswürdigen Produktplatzierungs-Verhaltens sollte Til Schweiger auf die schwarze Liste kommen und nie wieder einen Pfennig oder Cent Filmförderung erhalten.

08:52 22.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Betzwieser

Personifizierter Ärger über Meinungsmanipulation, Kino- und Kabarattliebhaber
Martin Betzwieser

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