Failed Gemeinde

Tröglitz Was tun gegen den rechten Mob? Der ehemalige Bürgermeister und Pfarrer Markus Nierth zieht Bilanz
Michael Jäger | Ausgabe 42/2016 8

Am meisten berührt die Passage, in der zwei afghanische Flüchtlingsfamilien gefragt werden, ob sie denn in dem für sie vorgesehenen Ort überhaupt untergebracht werden wollen. Sie sind die ersten Ankömmlinge von 40 in Tröglitz, Sachsen-Anhalt. Zu diesem Zeitpunkt, Juli 2015, haben Neonazis das vorbereitete Flüchtlingsheim schon abgefackelt, sodass man sie stattdessen auf Privatunterkünfte verteilen wird. Sie antworten: „Ja, wollen wir. Das wird schon gehen. Wir haben Autobomben und viele Tote erlebt.“

So viel Terror, dass sie die Flüchtlinge abschrecken, können die Nazis gar nicht entfesseln. Die Frage ist, ob sich die Deutschen abschrecken lassen. Als entscheidend schält sich heraus, ob mögliche Träger der Willkommenskultur imstande sind, von selbst eine Öffentlichkeit für ihr Anliegen herzustellen. In Tröglitz hängt alles vom Ich-Erzähler ab, dem Pfarrer und ehrenamtlichen Ortsbürgermeister Markus Nierth. Von den zuständigen staatlichen Stellen wird er praktisch nicht unterstützt. Deren Marschroute ist von Anfang an, mit den Tröglitzern erst dann zu sprechen, wenn sie Fakten präsentieren können. Die Ängste regten sich natürlich früher: als bekannt wurde, dass Asylbewerber kommen würden.

Nierth und seine Frau tun, was sie können. Nierth macht auch Fehler. Statt sofort das mündliche Gespräch mit den Bürgern zu suchen, die er seit 20 Jahren persönlich kennt, schreibt er ihnen Weihnachten 2014 einen überlangen Brief. Im richtigen Gefühl, ihre Ängste mitnehmen zu müssen, formuliert er ungeschickte Sätze: „Keiner will sie. Ich eigentlich auch nicht. Aber sie sind einfach da.“ Ausdrücken wollte er, „dass wohl alle Tröglitzer, auch ich, lieber ihr bequemes, ruhiges Leben fortsetzen wollten“. Aber nun steht es auf dem Papier, „lieblos hingeschrieben“, und viele sehen sich nur in der Abwehr bestätigt, obwohl der Brief im Ganzen dafür wirbt, den Flüchtlingen eine Chance zu geben.

Ein Kreisratsmitglied der NPD ruft zu einer Kundgebung auf. Die Dynamik ist auf seiner Seite. Endlich sagt mal einer, was wir denken, finden nicht wenige Bürger. Als er für den 8. März eine Demo vor Nierths Privathaus anmeldet und genehmigt bekommt, tritt dieser zurück. Dass sein Schritt zur Hauptmeldung in der Tagesschau wird, ja dass The Tokyo Shimbun, Washington Post und Le Monde davon berichten, hat er nicht erwartet. Die Kollegen im Ortsrat bleiben aber gleichgültig. Später wirft ihm einer vor, er sei „mediengeil“ und habe dadurch erst die Krise hervorgerufen. Ein Minister der Landesregierung unterstellt ihm, er weiche vor den Rechten zurück. Dabei ist sein Rücktritt Protest gegen diesen Staat, der ihn ins Messer der Rechten laufen lässt. Am 31. März lädt endlich Landrat Götz Ulrich zur Informationsveranstaltung ein und erweist sich als geschickter Moderator. In die „Tröglitzer Erklärung“, die für Unterstützung der Flüchtlinge wirbt, tragen sich 40 Bürger mit Hilfsangeboten ein.

Spontane Öffentlichkeit

Doch Tröglitz kommt nicht zur Ruhe, die Nazis schlagen schnell zurück. Am 4. April, dem Tag zwischen Karfreitag und Ostern, legen sie Feuer. Landrat Götz Ulrich erhält Morddrohungen.

Auch in Westdeutschland gab und gibt es viele Brandanschläge, es scheint aber, dass Rechtsextreme dort geringere Chancen haben, weil sich leichter eine spontane Öffentlichkeit gegen sie bildet. Als auch in Zorneding bei München ein Pfarrer wegen Morddrohungen zurücktritt, wird die Kirchengemeinde aktiv. 3.000 Menschen unterstützen ihn umgehend mit einer Lichterkette. Nierth und seine Mitautorin, die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Juliane Streich, führen den Unterschied auf die DDR-Vergangenheit zurück, in der die Austragung öffentlicher Konflikte nicht möglich war.

In Tröglitz wendet sich das Blatt erst, als die ersten Flüchtlinge ankommen, denn nun sehen die Bürger, dass es gewöhnliche Menschen sind. „Der elfjährige Sajad kommt nach seinem ersten Tag in der Tröglitzer Grundschule grinsend nach Hause und sagt: ‚Alles Freund.‘“

Info

Brandgefährlich. Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht. Erfahrungen eines zurückgetretenen Ortsbürgermeisters
Markus Nierth, Juliane Streich Ch. Links 2016, 216 S., 18 €

Die Fotos der Beilage

Nikita Teryoshin wurde 1986 in St. Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß, und lebt seit 2000 in Deutschland. Erst studierte er an der Essener Folkwang-Schule Fotografie, dann in Dortmund. Aber primär fotografiert er einfach. Über die Jahre entstand so eine Sammlung von Bildern, die er, wie er selbst sagt, „ganz ohne Augenzwinkern“ in die Kategorien Street, Documentary & Everyday Horror unterteilt: irgendwo zwischen entfesselter Dokumentarfotografie und subjektivem Journalismus. Am liebsten arbeitet Teryoshin auf eigene Faust, er kooperiert jedoch auch mit nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen wie „The Daily Mail“, „Emerge“, „Galore“, „Vice“ oder „Wired“. Die Fotografien für unsere Beilage stammen aus seiner Serie „space time discountinuum“. Mehr unter teryoshi.com

06:00 21.10.2016
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