Döpfner-Debatte: Die Deutschen und das Gesochs

Meinung Alle reden darüber, wie der Springer-Verleger auf die Ostdeutschen schaut. Dass sich keiner über dessen Herabwürdigung der Muslime aufregt, macht unsere Autorin fassungslos
Ausgabe 16/2023
Mathias Döpfner hat nicht nur eine Rechtschreibschwäche
Mathias Döpfner hat nicht nur eine Rechtschreibschwäche

Foto: Sven Simon/Imago Images

Das Wort Gesocks schreibt sich mit ck und kommt wahrscheinlich vom veralteten Verb „socken“ für davonlaufen, weggehen. Herumziehendes Pack also. Für Mathias Döpfner dürften das Neuigkeiten sein. „free west, fuck the intolerant muslims und all das andere Gesochs“ lautet eine der privaten Nachrichten aus der Feder des Springer-Vorstandschefs, die von der Zeit veröffentlicht wurden. Was er da sagt, weiß er natürlich ganz genau. Der Duden definiert den Begriff als „Gruppe von Menschen, die als minderwertig betrachtet und daher verachtet oder abgelehnt wird“. Mathias Döpfner verachtet viele Gruppen. Die öffentliche Debatte konzentriert sich auf genau eine.

Es kommt beim Freitag nicht oft vor, dass ein einzelner Satz so lange die Redaktionskonferenz dominiert wie der von Döpfner über Ostdeutsche. Entweder Kommunisten oder Faschisten seien sie, meint der mächtigste Verleger der Republik, dazwischen machten sie es nicht. Logisch, der Freitag mit seiner Ost-West-Geschichte muss sich dazu verhalten. Aber je mehr Zeit in unserer Konferenz vergeht, desto mehr kommt der Eindruck auf, die Leaks hätten in nichts anderem bestanden als diesem Satz.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung Carsten Schneider hält Döpfner nach der Veröffentlichung für „nicht mehr tragbar“. Spiegel, Taz, Neue Zürcher Zeitung, in ihren Titeln zur Geschichte beziehen alle sich ausschließlich darauf. Die Tagesschau fragt ostdeutsche Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen nach Stellungnahmen. Martin Schirdewan von der Linkspartei ruft Ostdeutschland zum Boykott der Bild auf, bis der Vorstandschef fliegt. Am klarsten aber bringt es die Zeit selbst in ihrem Enthüllungsartikel auf den Punkt, wenn sie schreibt, Döpfner lästere über Muslime und „schärfer noch“ über Ostdeutsche.

Sollen auch Muslime Bild boykottieren?

Verzeihung? Dass eine Gruppe ausschließlich aus Kommunisten und Faschisten besteht, ist eine politische Einschätzung. Sie ist natürlich grob falsch und zeigt ein erhebliches Maß westdeutscher Blödheit. Man soll sie Döpfner und seinem Konzern mit Fug und Recht um die Ohren hauen. Aber so beleidigend sie sich anfühlen mag, die Aussage entwürdigt nicht, sie stellt nicht die Gleichwertigkeit des Gegenübers als Mensch infrage. Woher also dieses Missverhältnis in den Reaktionen? Wo sind die Anfragen an den Zentralrat der Muslime zu ihrer Herabwürdigung durch den wichtigsten Medienboss des Landes? Wieso schafft es der „Gesochs“-Satz nicht einmal bei linken Zeitungen in die Schlagzeilen? Wie kann es sein, dass Schirdewan nicht einfällt, die fünfeinhalb Millionen Muslime in Deutschland ebenso zum Boykott aufzurufen wie die Ostdeutschen?

Die Antwort ist so simpel wie schmerzhaft. In jeder Gesellschaft gibt es eine Dominanzgruppe und mehrere Randgruppen. Das muss nicht heißen, dass es den Randgruppen schlecht geht, dass sie weniger Rechte haben oder sonstwie deklassiert sind. In guten Zeiten werden sie als Bereicherung empfunden. Man nennt sie dann Mitbürger und denkt gar nicht darüber nach, was da eigentlich der Unterschied zum Bürger ist. Der tritt polternd und hässlich zutage, wenn die guten Zeiten vorbei sind. Wenn sich die Dominanzgruppe überrannt fühlt. Oder wenn ein gemeinsamer Feind her muss, weil es eine Wahl zu gewinnen oder eine Zeitung zu verkaufen gibt. Wenn es darum geht, Straftäter zu identifizieren, deren Pässe zwar so deutsch sind wie die eigenen, deren Deutschsein einem aber nicht recht einleuchten will. Oder einfach nur, weil man gerade dermaßen mit der eigenen Vergangenheitsbewältigung beschäftigt ist, dass die Entmenschlichung einer ganzen Religionsgemeinschaft zur Randnotiz wird.

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Geschrieben von

Özge İnan

Redakteurin, Social Media

Özge İnan hat in Berlin Jura studiert. Währenddessen begann sie, eine Kolumne für die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline zu schreiben. Nach ihrem ersten juristischen Staatsexamen folgten Stationen beim ZDF Magazin Royale und im Investigativressort der Süddeutschen Zeitung. Ihre Themenschwerpunkte sind Rechtspolitik, Verteilungsfragen, Geschlechtergerechtigkeit und die Türkei.

Foto: Léonardo Kahn

Özge İnan

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