Der Politik entfremdet

Bewegungen Lässt sich über Pegida noch etwas Neues sagen? Ein Sammelband versucht es
Sophie Elmenthaler | Ausgabe 42/2016 2

Knapp zwei Jahre ist es her, dass die Proteste von Pegida ihren Höhepunkt erreichten. Heute gehört die Bewegung zu den am besten untersuchten jüngeren und jüngsten Phänomenen der Sozialwissenschaften. Mindestens zwölf Bücher sind bereits erschienen, nicht weniger als sieben neue Publikationen sind noch für dieses Jahr angekündigt. Der Bielefelder Transcript-Verlag hat nun schon seine zweite Publikation zum Thema herausgebracht. Pegida. Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und „Wende“-Enttäuschung? Analysen im Überblick ist ein Sammelband mit wissenschaftlichen Aufsätzen vorrangig führender Soziologen aus Dresden und Jena, einige Kommunikations- und Politikwissenschaftler sind auch dabei, 25 Männer, zwei Frauen.

Auf 377 Seiten analysieren die Autorinnen und Autoren die Anliegen und demografische Struktur der Pegidisten, verfolgen den Verlauf der Bewegung, analysieren die medialen Reaktionen und stellen Hypothesen über die Ursachen auf. Die Zugänge und Erklärungen der verschiedenen Autoren unterscheiden sich dabei nur in Details, vieles wiederholt sich: Pegida wird als Sammelbecken der von der Politik Entfremdeten verstanden, in dem rechtes politisches Gedankengut zumindest großzügig toleriert, wenn nicht gar unterstützt wird.

Weitere Gemeinsamkeiten sind Versuche, den herausragenden Erfolg der Bewegung in Sachsen historisch mit Königreich und DDR zu begründen. Oder die Feststellung, dass soziale Medien den Anhängern geholfen haben, ihr Weltbild zu festigen und sich von ihren Ansichten widersprechenden Informationen abzuschotten. Viel beachtet wird auch das paradoxe Verhältnis von Pegida zu den Medien und die Schnittmengen der Bewegung mit der AfD.

All das hat man schon irgendwo gelesen, wenn vielleicht nicht so gut untermauert. Eine größere fachliche Bandbreite hätte dem Band aber sicher gutgetan. Wer wirklich neue Erkenntnisse sucht, wird sie kaum finden, vermutlich sind sie auch nicht mehr so leicht zu haben, nach all dem schon Gesagten.

Immerhin, ein Beitrag sticht heraus, es ist ein Aufsatz des Kultursoziologen Tino Heim, der die Bewegung als Symptom einer Legitimationskrise der marktkonformen Demokratie sieht. Pegida, Parteipolitik und Medien agieren seiner Ansicht nach als epistemologische Komplizen, die sich einerseits gegenseitig vehement ablehnen, sich aber doch ständig aufeinander beziehen. So benutzten Pegida-Redner ständig Beispiele aus den Massenmedien zur Untermauerung ihrer Thesen, um die Quellen im gleichen Atemzug als „Lügenpresse“ zu diskreditieren. Gleichzeitig werfen Medien und Parteien Pegida Chauvinismus und Rassismus vor, bedienen sich aber anschließend der gleichen oder zumindest vergleichbarer Argumente, um etwa die Asylpolitik zu verschärfen. Im Grunde, lautet das Fazit, sei Pegida zugleich Ausdruck von Protest gegen postdemokratische Tendenzen und deren Produkt. Repräsentative Demokratien trennten ohnehin zwischen der Legitimationsbeschaffung und der politischen Entscheidung. Unter den Bedingungen des Neoliberalismus werde diese Legitimationsbeschaffung aber immer schwieriger, weil die Unterstützung der Bevölkerung erodiere, wenn ihre Interessen nicht vertreten würden.

Wer sich für diese Argumentation näher interessiert, braucht allerdings nicht Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und „Wende“-Enttäuschung zu kaufen, sondern wartet wohl besser auf den Band Pegida als Spiegel und Projektionsfläche von Tino Heim, der in wenigen Monaten erscheint. Überhaupt: Bei sieben unmittelbar bevorstehenden Neuerscheinungen lohnt es sich, gründlich zu vergleichen, welche Publikation für einen selbst die meisten Erkenntnisse verspricht.

Info

Pegida. Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und „Wende“-Enttäuschung? Analysen im Überblick
Karl-Siegbert Rehberg u. a. (Hg.) Transcript 2016, 384 S., 29,99 €

Die Fotos der Beilage

Nikita Teryoshin wurde 1986 in St. Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß, und lebt seit 2000 in Deutschland. Erst studierte er an der Essener Folkwang-Schule Fotografie, dann in Dortmund. Aber primär fotografiert er einfach. Über die Jahre entstand so eine Sammlung von Bildern, die er, wie er selbst sagt, „ganz ohne Augenzwinkern“ in die Kategorien Street, Documentary & Everyday Horror unterteilt: irgendwo zwischen entfesselter Dokumentarfotografie und subjektivem Journalismus. Am liebsten arbeitet Teryoshin auf eigene Faust, er kooperiert jedoch auch mit nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen wie „The Daily Mail“, „Emerge“, „Galore“, „Vice“ oder „Wired“. Die Fotografien für unsere Beilage stammen aus seiner Serie „space time discountinuum“. Mehr unter teryoshi.com

06:00 21.10.2016

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