Höcke muss werben, damit er leben kann: Über die mediale Gier nach AfD-Provokationen

Meinung Björn Höcke faselt etwas davon, dass die EU sterben muss, damit „das wahre Europa“ leben kann – und Zeitungen nehmen es dankbar auf. Das generiert ordentlich Klicks. Dabei sollte sich der Journalismus nicht zum Megafon der Rechten machen
Ausgabe 31/2023
Nichts Neues oder Überraschendes von Björn Höcke
Nichts Neues oder Überraschendes von Björn Höcke

Foto: Jens Schlueter/Getty Images

Björn Höcke hatte sich für das Interview mit dem Fernsehsender Phoenix etwas Schmissiges einfallen lassen. Sichtlich erfreut, das Zurechtgelegte im Gespräch am Rande der AfD-Europaversammlung in Magdeburg äußern zu können, sagte er ins Mikro: „Diese EU muss sterben, damit das wahre Europa leben kann.“ Eine Mischung aus Heinrich Lerschs im Ersten Weltkrieg entstandenem und im Nationalsozialismus beliebtem Spruch „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!“ und der Verkehrung der Hamburger Punkband Slime: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“

Höcke weiß: Lässt er die richtigen Töne erklingen, werden sich schon genügend Lautsprecher finden. Um auf Nummer sicher zu gehen, bereitete er seine Parole so vor: „Wenn Sie von mir mal eine populistische Aussage hören wollen, dann kann ich Ihnen das mal in eine Aussage zusammenpacken.“ Der Geschichtslehrer hätte auch sagen können: Jetzt bitte mitschreiben.

Und das taten die Medien: Phoenix brachte kurz nach dem Interview eine Pressemitteilung mit Höckes Lieblingssatz im Titel. Auch der Deutschen Presse-Agentur war die Aussage eine Meldung wert. Schnell war der Satz überall zu lesen: in Bild, FAZ, Focus, Welt, taz, SZ und bei vielen Fernsehsendern. Dank dieses Kommentars steht er nun auch im Freitag.

Entscheidend ist die Relevanz

Zehn Jahre AfD und die Präsidentschaft eines Donald Trump sind offenbar nicht genug gewesen, um ordentlich abzuwägen, ob eine kalkulierte Provokation auch verbreitet werden muss. An einem solchen Satz käme man als Journalist nicht vorbei, heißt es. Echt? Die Entscheidung, etwas aufzugreifen oder es liegenzulassen, zieht sich durch den Medienalltag.

Handlungsleitend sollten dabei nicht Klickzahlen, Affekte oder der Impuls sein, es wie die anderen zu machen. Entscheidend sind journalistische Relevanzkriterien. Und nach diesen hätte es gute Gründe gegeben, die Aussage nicht zu verbreiten. Denn Höcke hat weder etwas inhaltlich Neues oder Überraschendes gesagt, noch hat er dabei eine Form gewählt, die nach seinen Hits zum „Denkmal der Schande“, den „Altparteien“ und der AfD als „letzter evolutionärer Chance“ nicht längst bekannt sein sollte. Höcke beherrscht das Spiel mit Reminiszenzen ebenso wie das mit den Medien. Und diese fungierten einmal mehr als Megafone.

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