Check, Doppelcheck, Gegencheck: Nie wieder News ohne Forensik konsumieren!

Kolumne Wir leben in Zeiten, in denen Nachrichtenkonsum zur Wissenschaft geworden ist. Die Ratgeberin empfielt einen niedrigschwelligen Grundkurs in Sachen Foto-Analyse
Ausgabe 46/2023
Fake News oder real News?
Fake News oder real News?

Foto: Imago/Pond5 Images

Die Ratgeberin

Susanne Berkenheger war früher Netzliteratin (Zeit für die Bombe) und Satirikerin (SPAM bei Spiegel online). Für den Freitag schreibt sie sehr gerne ihre Kolumne „Die Ratgeberin

Morgens, nach meiner täglichen News-Dosis, checke ich seit einigen Wochen auch die täglichen „Fake News“. Als Social-Media-Phobiker werden die mir nicht automatisch zugespült. Und wenn ich dann Leute treffe – im sozial unvermittelten Leben – erzählen die mir Sachen, da bin ich platt: „Echt? Also das kann ich mir jetzt wirklich kaum vorstellen.“

Ja, ich halt nicht, mit meiner durch Mainstreammedien deformierten Einstellung. Klar, typischer Bestätigungsfehler, denke ich dann, man hält nur das für möglich, was zum eigenen Weltbild passt, plus affektheuristisches Vorgehen: Die eigene Gefühlslage, meist eine Empörungsrichtung, soll auch am besten bestätigt werden. Warum sollte ausgerechnet ich gegen diese weit verbreiteten Wahrnehmungsfehler immun sein? Unwahrscheinlich.

Deshalb lese und höre ich derzeit umfangreiche Analysen zu Fragen wie: Hat Israel dieses Krankenhaus in Gaza bombardiert, wie die Hamas meldete? Hat die Hamas den Tod eines palästinensischen Kindes mit einer Plastikpuppe inszeniert, wie die israelische Regierung behauptet? Beides nach heutigem Kenntnisstand eher unwahrscheinlich. Aber ganz sicher ist es eben nicht zu sagen. Und dann gibt es noch die mir berichteten Unglaublichkeiten, die noch nicht gecheckt sind, da muss ich selbst zum sogenannten Debunker werden, also zum Entlarver. Nur wie?

Ruhig mal richtig ranzoomen

Also dazu gibt es wirklich hervorragende Anleitungen, zum Beispiel von der Deutschen Welle. Gut! Wie also gehe ich vor? Angenommen ich habe ein verdächtiges, emotional aufwühlendes Foto vor mir. Es könnte etwa einen Menschen zeigen, dem Gewalt angetan wird, er blutet stark. In dem Fall darf ich jetzt nicht als erstes denken: „Oh nein, wie schrecklich ist das denn?“ Erstmal muss ich die einzelnen Blutstropfen analysieren. Sind die überhaupt realistisch? Sieht Blut wirklich so aus? Dazu ruhig auch mal ranzoomen – wie ein cooler Spurensicherer.

Die Websites, auf die ich das Gewaltopfer als nächstes hochlade, sind entsprechend Forensically und Foto Forensics. Finden sich auch hier keine Verdachtsmomente betreffs des Bluts, geht‘s ab damit zur Bilderrückwärtssuche – Google etwa. Denn wer weiß, ob der Mensch überhaupt aktuell blutet. Das grausige Foto kann ja schon Jahre im Internet kursieren. Allerdings sollte man, warnen die Deutsche-Welle-Checker, „nie auf nur ein Tool vertrauen“. Deshalb gehts noch fix zu Yandex und TinEye.

Besteht das Opfer auch diesen Test, gucke ich, was hinter ihm zu sehen ist. Passen die Gebäude zum angegebenen Ort? Easy: Google Street View. Nun muss ich nur noch herausfinden, ob die Misshandlung vielleicht viel früher als behauptet fotografiert, aber jetzt erst hochgeladen wurde. Dabei hilft das Wetter. Lassen die blutigen Kleider noch erkennen, ob es sich um eine Regenjacke oder ein Sommer-Shirt handelt? Falls ja: Wolfram Alpha liefert Wetterdaten für jeden Ort und jedes Datum. Passt das auch, frage ich mich zur Sicherheit: Ist die Quelle seriös? Nun, das hatten wir schon. Wen ich seriös finde, halten andere für Teil einer Verschwörung, die Verschwörung der vorgeblich Seriösen. Da funkt leicht der Bestätigungsfehler wieder rein. Besser ich halte mich an die Forensik.

Und hat der blutende Mensch hier all deren Tests bestanden, dann, erst dann, darf ich auch denken: „Oh nein, wie schrecklich ist das denn?“ Ich bin allerdings etwas unsicher, ob ich dazu dann noch in der Lage bin.

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