Lasst uns herausfinden, was im Al-Shifa-Krankenhaus wirklich passiert

Meinung Jan van Aken blickt auf den Krieg der Bilder aus Gaza und plädiert für einen gewissenhaften Umgang mit den zahllosen Nachrichten, die uns in Deutschland erreichen. Unabhängige Untersuchungen sind unerlässlich, so der Linken-Politiker
Ausgabe 46/2023
Keiner im Westen weiß, was sich hier wirklich abspielt: Aufnahmen des Al-Shifa Krankenhaus in Gaza
Keiner im Westen weiß, was sich hier wirklich abspielt: Aufnahmen des Al-Shifa Krankenhaus in Gaza

Foto: Bashar Taleb/AFP/Getty Images

Zwölf Frühgeborene, mit ihren viel zu großen Windeln, nackt oder hastig eingewickelt in grüne Tücher. Sie liegen im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Die Generatoren stehen still, kein Benzin, kein Strom, keine Brutkästen mehr für die winzig Kleinen, die damit kaum noch eine Überlebenschance haben. Ich selbst habe einmal monatelang neben einem solchen Inkubator gesessen und kann diese Zeilen nicht ohne Tränen schreiben.

Dieses Bild ist in den Nachrichten der vergangenen Tage zum Symbol für Al-Shifa geworden. Al-Shifa, umstellt von der israelischen Armee. Hier könnte sich eine neue Stufe der Eskalation in der Region entzünden. Solche Bilder machen Krieg. Es ist kein Zufall, dass es Frühgeborene sind. Sie sind die Steigerung von Baby, von Kind, von unschuldig.

Wahrscheinlich ist das Bild echt. Sicher bin ich mir allerdings nicht, denn in Kriegszeiten traue ich meinen Augen nicht mehr. Alle Seiten werfen ihre Propagandamaschinerie an und überfluten uns mit halben Wahrheiten oder ganzen Lügen, um sich die Unterstützung der Weltgemeinschaft zu sichern.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Frühgeborene eine zentrale Rolle für den Verlauf eines Kriegs hatten. 1990 überfiel der Irak den kleinen Nachbarn Kuwait. Kurz darauf schilderte eine kuwaitische Krankenschwester im US-Kongress die Brutalität der irakischen Soldaten, die Frühgeborene aus Brutkästen gerissen und auf dem kalten Boden sterben lassen hätten. Diese Geschichte mobilisierte das amerikanische Volk. Alles daran war gelogen, inszeniert von einem engen Vertrauten George Bushs. Die Krankenschwester war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA.

Tote Kinder emotionalisieren immer, das müssen sie auch. Und im Krieg ist ihr Tod keine Propaganda – sie sterben tatsächlich. So wie am 7. Oktober in Israel. Die Massaker der Hamas waren real. Sie haben in ihrer Grausamkeit die kollektive Erinnerung an die Pogrome wiederbelebt, wir sind in tiefer Trauer mit unseren jüdischen Freund*innen vereint. So wie wir um die Toten von Gaza trauern, die nicht minder real sind. Wer jetzt anfängt, Tote gegeneinander aufzurechnen, hat schon verloren.

Israel behauptet seit 2009, dass sich unter dem Al-Shifa-Krankenhaus eine Kommandozentrale der Hamas befindet. Es mag stimmen oder auch nicht – wir wissen es nicht. In den kommenden Tagen werden uns Tunneleingänge präsentiert werden. Können wir Bildern von Geheimdiensten im Krieg trauen?

Natürlich nicht – aber wir sind diesen Nachrichten im Krieg nicht hilflos ausgeliefert. Es gäbe sie: die Möglichkeit unabhängiger Untersuchungen. Warum nicht in Gaza? Warum gibt es rund um Al-Shifa nicht einige Tage Feuerpause? Dann könnte ein internationales Team unter der Führung der UN sich das Gelände von Al-Shifa genau anschauen und feststellen, ob es dort militärische Kommandozentralen gibt. Das ist keine Hexerei, sondern klassisches UN Fact-Finding. Ja, das kann es auch mitten im Krieg geben, das zeigt die Suche nach dem chemischen Kampfstoff Sarin im syrischen Ghouta 2013.

Wenn es helfen kann, eine weitere Eskalation zu verhindern: Was spricht dagegen? Wer sich dagegen sträubt, hat wohl etwas zu verbergen. Das sind vermutlich alle Beteiligten in diesem Krieg. Und da es ein Nahost-Krieg ist, ist die ganze Welt beteiligt.

Jan van Aken arbeitete bis 2006 als Biowaffeninspekteur für die UN. Er ist Referent für internationale Konflikte bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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