RE: Fuck! Erzähl. | 02.11.2019 | 12:21

"Etwas schwergetan habe ich mir hingegen mit der positiven Bezugnahme auf das Datum 1989. Dafür mag es – insbesondere aus östlicher, bürgerbewegter Sicht – gute Gründe geben." --> das kann und sollte man sicher noch weiter diskutieren, und zwar nicht nur aus West-Ost-Perspektive, sondern auch mal intergenerationell.

RE: Fuck! Erzähl. | 01.11.2019 | 11:14

Echt jetzt? DAS ist Ihr Kommentar zu diesem Interview? (Es waren natürlich zig Leute, die die Blockupy-Proteste organisiert haben. Aber nicht mit allen hatte man gleich viel zu tun.)

RE: Es ist die Zivilisation, Dummerchen | 09.08.2019 | 10:55

Und wo genau schreibe ich, dass Postwachstum oder die Lösung der Klimakrise mit "Klassenkampf nichts zu tun" habe? Das sage ich nicht. Gesellschaftlich hat so ziemlich alles mit der Klimakrise zu tun. Aber Klassenkampf führt halt nicht (automatisch) zu Postwachstum. Organisierter Widerstand gegen Ausbeutung kann die Ausbeutung abschaffen, in dem Sinne, dass der Mehrwert nicht von anderen angeeignet wird; und ist dies erreicht, kann prinzipiell mit der Akkumulationslogik des Kapitalismus gebrochen werden. Aber: Sozialismus bricht nicht per se mit Wachstum. Die Konkurrenz mit anderen Systemen kann den Sozialismus zum "nachholenden Wachstum" oder in andere Konkurrenzzwänge führen; einmal angenommen, die Weltrevolution findet nicht mehr oder weniger zeitgleich statt. Was wiederum bedeutet, dass Klassenkampf nicht per se zur "Lösung der Klimakrise" führt.

RE: Volksfront oder grüne Chance | 20.06.2019 | 13:07

Die Hoffnung wäre, dass das ein oder andere Rot in der Formation GR2 dafür sorgt, dass eben nicht die Natur von den Menschen gerettet wird, sondern die Menschen vor der kaputten Natur. Dafür müsste sich die Linke aber auch mal ein stärker umorientieren: auf ihre Rolle im "grünen Kapitalismus", der ja nun angebrochen ist. Rot müsste über die Funktion als Mehrheitsbeschaffer (die es ja auch erstmal ausfüllen müsste) hinauskommen und das Bündnis sozial gestalten.

RE: Soziales Europa – war da was? | 29.04.2019 | 15:50

Ja, ich denke, dass Sie Recht haben: das Problem ist, dass es noch keine Europäische Öffentlichkeit gibt für gewerkschaftliche Fragen. Bis vor kurzem gab es fast gar keine Europäische Öffentlichkeit - aber das hat sich jüngst geändert, so mein Eindruck: In den Debatten über das Urheberrecht, über den Klimaschutz... "Diese fehlende Öffentlichkeit ist eine der größten Schwächen des europäischen Projekts. Sie herzustellen ist keine politische Aufgabe, sondern eine der Presse." Ich nehme die Herausforderung ja gerne an - aber frage mich, ob die Presse tatsächlich der zentrale Ort dafür ist, da sie sehr entlang der Nationalgrenzen organisiert ist. Sicher, Aufgabe des "Freitag" ist es, progressive Debatten aus anderen Ländern in die deutsche linke Öffentlichkeit zu holen oder dies zumindest zu versuchen. Aber vielleicht können soziale Bewegungen, die teils bereits europäisch entstehen - über die sozialen Medien - sogar noch mehr dazu beitragen?

RE: Ey, frag ruhig! | 13.12.2018 | 21:59

Interessant: das war eigentlich meine Idee gewesen für das Interview, aber erstens wollte Lynn das nicht und zweitens habe ich dann gesehen, dass Annett Heide den schwierigen Konflikt zwischen Eltern und intersexuellem Kind schon unfassbar schön aufgeschrieben hat für das ZEIT-Magazin, über Maxi Bauermeister und die Mutter: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2018-01/intersexualitaet-geschlecht-intergeschlechtlichkeit-identitaet

RE: Klassenstandpunkt | 05.12.2018 | 15:37

Verstehe nicht ganz, warum einige hier nur die Bedenken in meinem Text sehen wollen, nicht aber die grundsätzliche Fürsprache für diese Bewegung mitsamt ihrem Potenzial, Klimapolitik und eine Politik der sozialen Gerechtigkeit zusammen zu bringen. Wie auch immer: hier kommt ein sehr schöner Text unter anderem von der Schriftstellerin Annie Ernaux. Der volle Text ist hier auf französisch: https://www.liberation.fr/debats/2018/12/04/gilets-jaunes-verts-rouges-roses-convergeons_1695973?fbclid=IwAR0KIsPkYVsKLSC7ug8ese1_i6wYyywhXNs5FkvBqCaeRZrGlgOXa9VuYmU

"Die Situation gleicht fast eine Aufstand. Zu den Auseinandersetzungen der Champs-Elysees kommen die von Marseille, Toulouse, die angezündete Präfektur in Puy-en-Velay, ein verwüstetes Kommerzzentrum in Saint-Etienne. Aber vor allem Tausende von Barrikaden seit drei Wochen, Tag und Nacht, bei Regen, Kälte, Ärger, Gelächter, manchmal Schreieren, eine Mischung, das Teilen beim Grillen, der Couscous-Essen, der Tees, Ricard, Cubis de rosé, Loukoums. Die Barrikaden, das sind auch zusammen gefeierte Geburtstage, Fahrgemeinschaften, konkrete Solidaritäten, die sich organisieren, das Ausleihen von Werkzeugen, das Helfen bei den Kindern. Auf Barrikaden kannte man sich vorher nicht, die Leute, die einem eigentlich am Nächsten sind, manchmal phantasierten wir Bedrohungen in sie hinein. Besonders in der armen ländlichen Welt.

Früher haben wir oft entgegengesetzte Wege gewählt, jetzt sind wir uns zumindest einig darüber, was uns am Leben hindert: die bedingubgslosen Geschenke für die Reichsten, die Vergötterung ihrer Tresore, Macron, der ihnen dient. Vorher haben wir nicht über Ökologie gesprochen. Auf den Barrikaden sprechen alle jede Stunde darüber, und man ist sich einig: Verschmutzung reduzieren, das heißt, die verschmutzenden Unternehmen zu besteuern, das Kerosin zu besteuern, den Preis für saubere Autos zu senken, stattdessen die örtlichen Eisenbahnlinien zu erneuern und sie eben nicht zu reduzieren, die Fahrscheinpreise der öffentlichen Verkehrsmittel zu senken, oder sie kostenlos anzubieten, die öffentlichen Dienste der Nähe zu erneuern, anstatt sie zu zerstören ... wie soll man das sonst machen, ohne Auto?

(...)Unsere Weste ist gelb, aber sie ist auch grün, rot, pink. Unsere Gelbweste ist nicht Marine Le Pen, alle Hautfarben finden sich auf den Barrikaden, alle Altersgruppen. (...) Wir rufen linke Organisationen und Unorganisierte auf, sich zu treffen, wir rufen zum Waffenstillstand auf, um gemeinsam einen sozialen Notfallplan zu erstellen, der Angestellten, Prekären, Rentnern, armen Studenten erlaubt, zu existieren mit dem, was es dafür braucht.

RE: Grüner Klassenkampf? | 23.10.2018 | 16:54

Das geht jetzt aber über meinen Artikel hinaus. Darin habe ich ja eben nicht geschrieben, dass es nichts mehr zu tun gebe, sondern im Gegenteil, dass es durchaus vieles zu tun gibt, und zwar wesentlich mehr, als in der Sozialdemokratie bislang politisch behandelt wurde. Dasselbe gilt für die Klassenfrage: es gibt andere Milieus in der Arbeiterinnenklasse als jene, deren Interessen die Sozialdemokatrie in erster Linie vertritt. Eben nicht nur die Verteilerin am Band. Sondern auch die Pflegerin, die soloselbständige Designerin mit 900 Euro netto, die Teilzeit-Mutter und Teilzeit-Texterin. Und es gibt mehr Verteilungsfragen als die nach der Produktion: es gibt auch die Frage, welche Arbeit an wen verteilt wird, wo Identität eine Rolle spielt. An wen wird unbezahlte Care-Arbeit verteilt? An wen bezahlte? Und an wen der Industriejob, der Textjob? Und wer dieser Leute findet am Ende in welcher Partei die Interessensvertretung für sich? Die Antwort habe ich mir nicht ausgedacht: immer mehr finden ihre Vertretung bei den Grünen, nicht in der SPD.

RE: Grüner Klassenkampf? | 23.10.2018 | 11:49

Das "Ende des Industriezeitalters" bedeutet nicht, dass es keine Industrie mehr gäbe - das behaupte weder ich, noch haben die Postoperaisten dies je behauptet. Die Transformation von Arbeit und Gesellschaft verändert jedoch sowohl die Industrie selbst - durch Digitalisierung, durch Auslagerung - als auch die Rolle, die Industrie in der Gesellschaft spielt. Es geht ja nicht darum, dass auf einmal alles affektive oder digitalisierte Arbeit ist und Pizza aus dem Computer kommt. Sondern darum, dass Arbeit, die zuvor politisch vernachlässigt wurde, in den Mittelpunkt rückt. Auch in Hochzeiten des Industriezeitalters wurde erzogen, wurde gesund gemacht, gelehrt, gepflegt, gekocht, geputzt, wurden Identitäten produziert, wurden Ressourcen geborgen, gab es Auseinandersetzungen um diese Ressourcen, wenn auch eher geostrategisch als klimapolitisch - jedoch außerhalb des politischen und wirtschaftlichen Fokus. Einfach nebenher, scheinbar ungeregelt, scheinbar unbezahlt (und doch natürlich über den Arbeiterlohn bezahlt, indirekt, und ganz klar gesellschaftlich geregelt). Diese zuvor unbewusst geregelte Arbeitsteilung wird nun gesellschaftlich organisiert und gerät daher in den Fokus, wird zentraler Bestandteil politischer Auseinandersetzung und also Teil der bewussten Produktion. Die Grünen haben sich seit jeher damit befasst, die Kipping-Linke tut dies ebenfalls, die AfD tut es auf ihre Art - und die SPD schafft diesen Sprung nicht.

RE: Steht erstmal selbst auf! | 17.10.2018 | 12:02

Ich werbe gerne, denn ich halte es für sehr wichtig, aufstehen jetzt gut (und daher: kritisch) zu begleiten. Zum Buch von Rainer Balcerowiak finden Sie in der letzten Ausgabe des Freitag eine Rezension (gleich auch online ;) ). Ich werde nicht zur Buchvorstellung gehen. Aber vielleicht zum Aufstehen-Treffen in Neukölln, das ebenfalls heute stattfindet. Vielleicht sieht man sich ja.