Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke
RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 24.12.2019 | 22:44

Nee, ich glaube, das Ergebnis wäre das Gleiche. Eine deutliche Minderheit der Bevölkerung und eine erdrückende Mehrheit der Journalisten lägen Pitt-Precht zu Füssen. Ist mit der Heiligen Greta ganz genauso.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 24.12.2019 | 11:43

Ein starkes Schrumpfen der Bevölkerung kann tatsächlich zu einem ungünstigen Verhältnis alter zu junger Menschen führen. Ich würde aber auch diesen Alarmismus etwas relativieren wollen. Unsere Gesellschaft hat jetzt schon einen historisch neuartigen hohen Antel älterer Menschen, aber paradoxerweise dennoch eher eine Jugendkultur und einen (im Titel dieses Blogs angesprochenen) zunehmenden Infantilismus.

Ich bin auch nicht der Einzige, der das mit dem Infantilismus so sieht. Wenn Sie bereit sind, sich im Buch "Weiss" von Bret Easton Ellis durch die Diskusionen all der Hollywood-Filme zu kämpfen, die Sie vielleicht nicht gesehen haben, finden Sie drumherum eine erschreckende Gesellschaftsanalyse für die USA - wohlgemerkt der demokratisch-liberalen Gesellschaft Kaliforniens und New Yorks.

Die Alterung der Gesellschaft ist auch deshalb weniger dramatisch als behauptet, weil tatsächlich "50 das neue 40" ist.

Ich mag auch räumliche Distanz, aber Fakt ist, dass im Mittel Leute eher von Grosstädten angezogen werden als vom Landleben. Das ist die empirische Grundlage des 1. Demographischen Gesetzes.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 24.12.2019 | 10:49

Und das kann man auch nicht ändern, es sei denn, jemand würde ein anderes selbstregulierendes Wirtschaftssystem vorschlagen, das wenigstens plausibel ist.

Planwirtschaft funktioniert jedenfalls nicht. Dazu ist das alles viel zu komplex und Menschen sind auch nicht besonders gut darin, an alle Komplikationen zu denken.

Ob Planwirtschaft mit KI ginge, sei vorerst dahingestellt. Im Moment sollte man das jedenfalls nicht versuchen, weil man die KI-Systeme zu wenig versteht, um ihnen unbeaufsichtigt die Lösung komplexer Probleme anvertrauen zu können. Am Ende will ja doch der Mensch noch steuern können.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 24.12.2019 | 10:07

"Empty Planet": Gegen einige GRundthesen dieses Buchs muss ich auch wieder ketzern.

In "Der kalte Planet" habe ich das 1. Demographische Grundgesetz formuliert: "Das Optimum der Lebensbedingungen sozialer Wesen liegt knapp unterhalb der Sättigungspopulation des Planeten."

Das war nicht nur unernst gemeint. Wir kooperieren, wir betreiben Arbeitsteilung. Wir können bessere Lebensbedingungen für uns schaffen, wenn wir mehr sind und wir können einander auch mehr helfen (und bei allem Linkspessimismus helfen wir einander heutzutage viel mehr als in früheren Geschichtsepochen und zwar global).

Sicher, an irgendeinem Punkt sind wir zu viele für die mobilisierbaren Ressourcen. Aber die allgemeine Ansicht, wir seien bereits zu viele, lässt sich nur vertreten, wenn man die (philosophisch ziemlich schwachbrüstige) Position vertritt, es müsse alles so bleiben, wie es vor dem Holozän (oder dem Anthropozän, wenn Sie so wollen) war.

Sobald Sie das vorindustrielle Klima, die vorindustrielle Vegetation und den vorindustriellen Bestand an Lebensformen (Arten) nicht mehr als heilig und Aenderungen als tabu ansehen, gibt es keinen Grund, warum wir nicht 10 oder 12 Milliarden sein könnten - und dabei so gut leben, wie es die meisten Bewohner nördlich des Mittelmeers, von Mexiko und der chinesischen Südgrenze es derzeit tun.

Und der Bestand an Arten, das Klima und die Ressourcen für das Leben waren auf diesem Planeten noch nie stabil.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 23.12.2019 | 22:36

"ist nicht gewiss, dass das Nahrungsdefizit weiter zurückgehen wird. Es könnte sogar wieder wachsen. Deswegen halte ich Vorsichtsmassnahmen beim Verbrauchsmodus wie Reduzierung des Futtermittelanbaues für angebracht."

Sie verstehen, mit Verlaub, die Kinetik des Prozesses und die Anreize nicht.

Russland könnte ja sehr wohl die Anbaufläche vergrössern. Das Problem ist nicht - und zwar nicht im Geringsten - ein Mangel an Produktionskapazität, sondern eine Grenze bei der kaufkräftigen Nachfrage. Auch die EU könnte ja wesentlich mehr produzieren, als sie es jetzt tut.

Dieses Problem lösen Sie nicht und zur Lösung dieses Problems tragen Sie nicht einmal im Geringsten bei, indem Sie weniger Fleisch essen.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 23.12.2019 | 22:29

"Zum Beispiel weil mit einer technisch uneffizienten Lösung mehr Profit gescheffelt werden kann."

Urbane Legende bzw. Verschwörungstheorie. Wenn die Lösung effizient ist, wird entweder ein Start-Up damit reüssieren oder sie wird von einem der grossen Wettbewerber eingesetzt, weil er damit einen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern hat. Manchmal passiert auch beides - erst zeigt ein Start-Up, dass es geht und profitable ist, dann kauft eine grosse Firma das Start-Up und setzt es im grossen Massstab um.

Was effizienter ist, ist halt auf die Dauer profitabel. Darauf beruht ja die stürmische technologische Entwicklung, die man nur leugnen kann, wenn man die Augen sehr, sehr fest geschlossen hält.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 19.12.2019 | 20:50

"Da [Speicherproblem] würde ich halt gerne unterscheiden, ob technisch ungelöst oder ökonomisch."

Es ist immer eine ökonomische Frage. Wenn es deutlich billiger ist, sich an den Temperaturanstieg anzupassen, als ihn zu verhindern, sollte man sich besser anpassen.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 19.12.2019 | 20:45

"Die Zahlen und Prognosen habe ich mir in den vergangenen Jahren immer wieder mal angeschaut.

Und dabei ergab sich eben, dass der globale Verbrauch schneller ansteigt als die Erntemengen."

Sie scheinen mir die argumentative Situation nicht zu verstehen. Die FAO ist die Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen. Niemand hat bessere Daten und diese Organisation hat auch keinerlei Interesse, ein Problem herunterzuspielen, wenn es eines gäbe.

Die Infografik beruht bis 2017/18 auf erhobenen Daten, nur für 2019/20 auf Prognosen und sie widerspricht ihrer Behauptung eklatant. Die Tabelle darunter zeigt, dass das Verhältnis von Reserven zu Verbrauch seit 2015/16 knapp über 30% liegt, es fluktuiert etwas, aber keineswegs dramatisch. 2017/18 (letzte genau bekannte Zahlen) lag die Produktion etwa 1,8% über dem Verbrauch, 2018/19 (Schätzung) etwa 0,4% darunter.

Was an diesen Daten glauben Sie nicht oder wo sehen Sie hier ein Problem?

RE: Das Gegengift | 19.12.2019 | 06:29

Wo ist unten?

Ich dachte, dort wo die Trumps und Johnsons einen grossen Teil ihrer Wähler haben, ganz einfach deshalb, weil die Gegenseite für die Anschauungen und Interessen dieser Wähler nichts übrig hat.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 17.12.2019 | 22:15

"wieso wollen wir riesige Summen aufwenden die kaum noch anderes zulassen um das max. Szenario etwas abzumildern, bereiten uns aber nicht auf das schon postulierte für die nächsten zig Jahre vor?"

Ja, genau das verstehe ich auch nicht (oder halb, dazu mehr unten). Vermeiden kostet Geld, Anpassen kostet Geld. Eine gewisse Anpassung ist sowieso nötig. Was den betriebenen Aufwand angeht, so muss es irgendwo ein Optimum geben, das sehr wahrscheinlich weder bei reiner Anpassung noch bei reiner Vermeidung liegt. Niemand will diskutieren oder auch nur erforschen, wo dieses Optimum liegt. Es gilt als ausgemacht, dass man so viel Vermeidung wie möglich organisieren sollte - erstaunlicherweise auch in Wissenschaftsgebieten, die Interesse haben sollten, ihre Methodik auf die Suche nach dem Optimum anzuwenden.

Warum verstehe ich das halb? Anpassung ist langweilig und ein wenig defätistisch. Vermeidung ist etwas, wofür man kämpfen kann, etwas Heroisches, mit dem man sich als Erleuchteter, der es schon begriffen hat, über die stupiden Leugner und Nicht-Wahr-Haben-Woller erheben kann, über diejenigen, die es noch nicht begriffen haben oder gar nicht begreifen wollen.

Es ist, wie gesagt, ein psychologisches Phänomen, kein rational erklärbares.