Kommentare von Gunnar Jeschke

Gunnar Jeschke 24.04.2017 | 06:52

Das ist ein sehr guter und informativer Artikel, herzlichen Dank.

"dass ohne ihn der Partei herbe Verluste drohen und keine 20 Prozent prognostiziert werden, mit ihm allerdings fast 35 Prozent und Platz eins"

Ich denke, das ist eine über Oesterreich hinaus gehende Zeitgeitserscheinung. Wir durften das in Deutschland bei zu Guttenberg in sehr ähnlicher Weise wie bei Kurz beobachten, in Frankreich beobachten wir es gerade bei Macron. Auch die deutsche SPD hat sich ja durch den Wechsel von Gabriel zu Schulz nicht über Nacht in ihrer Politikfähigkeit verändert, die Wahrnehmung dieer Partei durch etwa 10% der Gesamtwählerschaft hat sich aber umgekehrt.

Ich denke, die Erklärung ist, gemessen an der Komplexität politischer Prozesse, erschreckend simpel. Es gibt ein sehr grosses Potenzial an Leuten, welche die Nase von "politics as usual" voll haben und jeder Erscheinung zufallen, der sie unterbewusst irgendeine grundlegende Veränderung zutrauen. Das lässt für die Zukunft schaudern.

Gunnar Jeschke 03.04.2017 | 23:07

@Mühlenkamper 03.04.2017 | 20:33

Die Sache hat aber auch eine politische Dimension: Mit Hartmut v. Hentig wird ein pädagogischer Standort moralisch desavouiert, der nicht mehr in das neoliberale Kompetenzvermittlungsschema heutiger Schule passt.

Diesen Vorwurf möchte ich Herrn Huckele nicht machen, aber Herrn Füller geht es möglicherwiese schon darum, die "Gunst" des Falles zu benutzen, um gegen ein pädagogisches Konzept zu argumentieren, dass ihm aus ganz anderen Gründen nicht passt. Einigen Kommentatoren des "Falles von Hentig" geht es ganz eindeutig darum.

Gunnar Jeschke 03.04.2017 | 23:02

@Gugel 03.04.2017 | 10:48

weil das nämlichn so toll ist mit dem Mechanismus des Verdängens, gibt es keine Verantwortung

Da legen Sie mir etwas in die Feder, das ich nicht geschrieben habe. von Hentig stellt sich ja sehr wohl die Frage, was falsch gelaufen ist. Er gibt nur nicht so eine einfache Antwort darauf, wie sie die meisten Leute hören wollen. Von denjenigen, die gern den ersten Stein geworfen haben, gab es schon immer viele, von denen, die ohne Sünde waren- eher nicht.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 22:48

@Christian Füller 02.04.2017 | 22:08

das Interview mit Hartmut von Hentig auf dem Blog zum Buch

Vielen Dank für das Link. Hartmut von Hentigs Verständnis der Komplexität und Tragik der Situation scheint mir das Ihrige allerdings, ausweislich eben dieses Interviews, zu übersteigen.

So weit ich das verstehe, scheint von Hentig von den Heiratsüberlegungen Beckers nach dessen Tod aus dessen Aufzeichnungen erfahren zu haben. Hören Sie noch mal genau hin.

Derartige Ausweichstrategien, um eine sozial und gesetzlich sanktionierte sexuellen Neigung zu "neutralisieren", waren übrigens unter Homosexuellen zu Zeiten des Paragraphen 175 gang und gäbe.

Wer aus diesem Interview schliesst, von Hentig habe je wissentlich etwas vertuscht, scheint mir kein sehr guter Beobachter zu sein.

von Hentigs "Vergehen" ist ein umfassenderes Verständnis des Problems, das den Eindimensionalen ihr schönes Bild des absolut Bösen zerstört.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 20:52

Gugel 02.04.2017 | 19:11

Sie haben aber schon gelesen, mit welchen Worten und welcher Differenziertheit sich von Hentig geäussert hat?

Und dass jemand selbst einen einen Partner auch nach Jahren nicht vollständig kennt, gerade in einem Punkt, der für die Partnerschaft kritisch wäre, ist nun wirklich nicht überraschend. Das hat gar nichts damit zu tun. ob jemand Wissenschaftler ist und soll schon in den besten Familien vorgekommen sein.

Natürlich ist so eine Neigung erkennbar. Mein Schuldirektor (1.-8. Klasse) hatte auch eine Neigung für Mädchen in der 7./8. Klasse (das wusste jeder gute Beobachter), aber er hat sie eben nicht ausgelebt. Das ist der Punkt. Die Frage ist nicht, ob von Hentig etwas von Beckers Neigung wusste, sonder ob er gewusst oder auch nur geahnt hat, dass Becker diese Neigung auch auslebt.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 17:57

@Gugel 02.04.2017 | 17:29

Wo hätte ich die griechische Knabenliebe verteidigt?

Aber wenn Sie unbedingt wollen: Dass Minderjährige (definiert als unter 16 Jahre) nicht von Volljährigen sexuell unterwiesen werden dürfen, ist zunächst einmal ein juristischer Fakt, kein allgemein kulturgeschichtlicher oder rational ableitbarer.

Die klassischen Griechen (in einem gewissen Zeitraum), waren nicht die einzige Kultur, die fand, Jugendliche würden besser von Erwachsenen sexuell eingewiesen als von Gleichaltrigen oder etwas älteren nicht Volljährigen. Für beide Ansichten kann man rationale Argumente vorbringen.

Ich persönlich halte unsere heutige Meinung zu diesem Problem für vernünftiger, weil das Machtgefälle sonst zu gross ist und auch Erwachsene sich in sexuellen Fragen in der Regel nicht so beherrschen können, dass Missbrauch bei dieser Art von sexueller Einweisung auszuschliessen wäre. Aber mir ist eben auch bewusst, dass es abgesehen von den rechtlichen Gegebenheiten eine Meinung ist.

Das ist nun allerdings etwas Off-Topic. Ich will in keiner Weise bestreiten, dass Becker in jeder Hinsicht falsch gehandelt hat. Es geht hier aber um von Hentig und um die Frage, ob dessen andere Verdienste plötzlich wertlos sind, weil er nicht ganz die gegenwärtige Mainstream-Meinung vertritt.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 17:47

@Achtermann (Direkt-Antwort-Button funktioniert bei mir nicht)

Welche Fakten meinst Du? "Mir erscheint es unwahrscheinlich,..." ist zunächst mal kein Fakt.

Und wenn Du von 1999 statt 2010 als möglichem Zeitpunkt redest, seitdem es von Hentig wusste, so reden wir immer noch nicht über den Tatzeitraum. Der muss vor 1986 gelegen haben, denn Becker war nur bis 1985 an der Odenwald-Schule.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 17:08

@Moorleiche

Ich habe das Buch noch nicht gelesen, insofern lebe ich auch nur von Sekundärzitaten. Unstrittig scheint zu sein, dass von Hentig recht eng mit Becker befreundet war und dass es keine Hinweise darauf gibt, dass von Hentig während der Taten von diesen wusste.

Ich denke, von Hentigs Interview mit dem Spiegel kann man als seine Sicht 2010 betrachten und ich kann darin nichts Sträfliches erkennen. Es ist ja tatsächlich nicht zu einer wirklichen Aufarbeitung gekommen, in der die verschiedenen Seiten (Becker als geständiger Missbrauchender, weitere Beschuldigte, die es abgestritten hatten, Missbrauchsopfer, andere Schüler, die zur gleichen Zeit die Schulatmosphäre erlebt haben) miteinander gesprochen hätten (das Angebot dazu bestand sogar von Becker, als er noch lebte).

Unstrittig sollte eigentlich auch sein, dass Huckeles Behauptung, von Hentig habe in Briefen das "Kommando" gegeben, die Sache "auszusitzen", eine falsche Tatsachenbehauptung ist. von Hentig hat vielmehr geschrieben, seine eigene (nicht leicht einzuhaltende) Strategie sei es, die Sache auszusitzen. Das ist etwas ganz Anderes, als andere dazu aufzufordern.

Wissen sollte man auch, dass Huckele in einem eigenen Buch (unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers) von Hentig einen "durchdringenden, fast gierigen Blick" auf sich (während eines Besuchs von Hentigs an der Odenwaldschule) vorgeworfen hat. Ich halte die Formulierung "durchdringend, fast gierig" in diesem Kontext für infam, weil sie von Hentig etwas unterstellt bzw. ihn in die Nähe von etwas rückt, ohne dass es auch nur einen Anhaltspunkt dafür gäbe.

Richtig ist allerdings auch, dass von Hentig gesagt hat, dass "die Möglichkeit [bestehe], dass ein Kind einen Erwachsenen verführt". Diesen Satz halte ich für richtig, so lange man dazu sagt, dass ein Kind in sexuellen Fragen prinzpiell nicht einwilligungsfähig ist und die Sache auch dann Missbrauch bleibt, wenn die Initiative (spielerisch) vom Kind ausging. Genau das hat von Hentig aber getan. Er hat konsistent darauf hingewiesen, dass sexuelle Handlungen an Kindern falsch sind und dass es in keinem Falle dazu kommen solle.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 14:55

@Moorleiche

Wenn er es gewusst hätte, während Becker das noch tat und damals geschwiegen hätte, läge der Fall anders. Es geht aber nur darum, dass er sich nach der Aufdeckung nicht geäussert hat - und das ist sein gutes Recht, sowie, dass er seine Sicht der Dinge in einem Buch beschrieben hat, und das ist auch sein Recht.

Man mag das bedauern, man kann dagegen polemisieren, aber ihm deshalb einen Preis abzuerkennen, den er für ganz andere Leistungen bekommen hat, geht eindeutig zu weit.

Es ist "Willst Du nicht meiner Meinung sein, dann schlag ich Dir den Schädel ein" in der abgemilderten Form "dann mach ich Dich öffentlich fertig".

In zivilisierteren Zeiten wäre die Tragik seiner Person (an der Odenwald-Schule gab es ja auch Dinge, auf die er stolz sein konnte) einen Roman wert gewesen. In unserer Zeit wird er intellektuell auf Boulevard-Blatt-Niveau diskutiert, auch wenn die Sätze des Artikels länger sind als in der "Bild"-Zeitung.

Ich denke, ich werde von Hentigs Buch nun lesen.

Gunnar Jeschke 02.04.2017 | 09:51

Nach der Lektüre kann man wohl attestieren, dass Hentig weder von Sexualität noch von Macht und Gewalt etwas versteht.

Herr Huckele sollte näher erklären, worauf er diese Ansicht stützt.

In jedem Fall aber geht es bei Hartmut von Hentig um Sippenhaft für einen Kollegen und Bekannten. Es geht nicht um etwas Falsches, was er selbst getan hätte. Es geht darum, dass er nicht, den Wünschen der Wolhlmeinenden entsprechend, die deren Meinung nach politisch korrekten Sätze abgesondert hat.

Es geht inzwischen also schon nicht mehr nur darum, dass bestimmte Dinge in der Oeffentlichkeit nicht mehr gesagt werden dürfen, ohne dass der Redende in unsachlicher Weise angegriffen wird. Es geht inzwischen schon darum, dass bestimmte Dinge gesagt werden müssen, wenn jemand seine Reputation nicht verlieren will.

Wer nicht versteht, dass das ein Machtspiel ist, der versteht meines Erachtens nichts von Macht. Es ist auch das Gegenteil von offener Gesellschaft. Die veröffentlichte Meinung verengt sich auf einen Korridor des "moralisch Akzeptablen" und entfernt sich von der Meinung derjenigen, die nicht veröffentlichen. Am Ende dieses Prozesses wirken Figuren wie Trump auf viele Leute attraktiv.

Gunnar Jeschke 22.03.2017 | 21:38

und lösen die Unterscheidung von Lehrenden und Lernenden beiläufig auf

Ich schlage vor, wir lösen auch die Unterscheidung zwischen Babys und Eltern auf. Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten.

Ach so, bei dem System würden die Babys nicht groß?

Eben, die Schüler und Studenten werden auch nicht groß, wenn sie nicht von denen lernen, die schon wissen.

Es ist völlig unsinnig, anzunehmen, man müsse nichts mehr wissen, weil ja alles digital verfügbar sein. Man kann nämlich gar nichts finden, wenn man nicht schon etwas weiß und man kann dann nicht mal einschätzen und einordnen, worüber man zufällig stolpert.

Der Zeitgeist in den westlichen Gesellschaften ist heutzutage in vieler Hinsicht krank. Was Didaktik und Pädagogik anbelangt, ist er todkrank.

Gunnar Jeschke 22.03.2017 | 21:16

Herr K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Lande zu leben. Er sagte: "Ich kann überall hungern." Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen. Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also daß er wünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt werden. "Wodurch", fragte Herr K., "bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, daß ich einem Nationalisten begegnete. Aber darum muß man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen."

Bertolt Brecht

Gunnar Jeschke 20.03.2017 | 22:45

Die Software ist Matlab®. Ich teste hier Programme, die ich eigentlich für meine wissenschaftliche Arbeit geschrieben habe.

Es stimmt schon, ab 5 Parteien bräuchte man mehr als 3 Dimensionen für eine exakte Positionierung. Das wird dann aber sehr abstrakt. Man könnte immer noch berechnen, wie gut die Parteien den möglichen Hyperraum ausfüllen, aber das würden nur noch extreme Nerds lesen wollen.

Wenn Sie noch ein paar abstrakte Kenngrößen haben wollen, die wirklich eine poliische Bedeutung haben:

Ich habe sehr viele (1 Million, mehr als das Saarland Einwohner hat) potentielle Wähler mit völlig zufälligen Meinungen zu den 38 Fragen modelliert und die Frage gestellt, wie gross für jeden von Ihnen der maximale Ueberlapp (zwischen -1 und 1) mit einer der sechs Parteien ist, die es in den Landtag schaffen können.

3.3% haben wirklich Pech: Der beste Ueberlapp ist immer noch negativ. Noch schlimmer ist: Der mittlere Ueberlapp ist nur 0.186 und nur für 0.5% ist der Ueberlapp besser als 0.5. Unter dieser Bedingung zufälliger Meinungen zu Einzelfragen wird sich so gut wie niemand gut vertreten fühlen.

Anders gesagt: Wenn keine Bindung an Parteien oder an kohärente Wertesysteme besteht, dann kann ein Parteiensystem die Wähler gar nicht mehr zufriedenstellen.

Ich denke, das ist tatsächlich ein Trend der Zeit, in den Niederlanden, in Frankreich und etwas weniger stark, aber zunehmend auch in Deutschland. Man kann 38 (oder mehr) strittige Fragen nur in einigermaßen guter Näherung auf 3 bis 6 Dimensionen projizieren, wenn es bei den Wählern starke Korrelationen zwischen den Antworten, also typische Antwortmuster gibt. Wenn es keine typischen Antwortmuster gibt, ist eine Parteiendemokratie hoffnungslos inadäquat.

Gunnar Jeschke 20.03.2017 | 20:51

Mir ist gerade aufgefallen dass es positionsmäßig irrelevante Fragen nicht geben kann, höchstens welche die näher zur CDU führen oder welche die konsenslastiger sind.

Im Prinzip könnte eine Frage schon positionsmäßig irrelevant sein, wenn alle einbezogenen Parteien darauf die gleiche Antwort gegeben haben. Wenn wir nur vier Parteien hätten, die Abbildung also exakt wäre, müsste das sogar so sein.

Damit kann man überprüfen, welchen Fehler die Dimensionsanalyse hat. Wenn ich nämlich (δrfi) = √[(δxfi)2 + (δyfi)2 + (δzfi)2] berechne, so habe ich ein Maß dafür, wie stark die Position im dreidimensionalen Raum von der Antwort auf die Frage fi abhängt. Diese Relevanz der Frage bewegt sich in der Dimensionsanalyse zwischen etwa 0.02 (Fehler bei den Fragen, wo sie Null sein sollte) und etwa 0.14.

Solche irrelevanten Frage sind: 27) "Projekte gegen Rechtsextremismus sollen vom Land weiterhin gefördert werden" (alle sechs Parteien, einschließlich AfD dafür), 20) "Deutsche sollen bei der Vergabe von Sozialwohnungen bevorzugt werden" (alle sechs Parteien, einschließlich AfD dagegen). Nahezu irrelevant ist 4) "Das Saarland soll Projekte zur Integration von Ausländerinnen und Ausländern fördern" (AfD neutral, alle anderen dafür. Das sind zugleich die Fragen, mit denen sich die NPD von AfD und LKR absetzt.

Wenig relevant ist auch 34) "Auf dem heutigen Gebiet der "Landschaft der Industriekultur Nord" soll kein Gewerbe angesiedelt werden." Hier gehen die Antworten zwar auseinander, aber unkorreliert zu anderen politischen Ausrichtungen.

Das führt mich aber zu der Frage, wieso fehlt die Draufsicht auf die yz Ebene?

Hier ist sie. Ich stamme halt noch aus der Zeit, als man technisches Zeichnen am Reißbrett gelernt hat. Aus zwei orthogonalen Ansichten kann man die dritte im Kopf konstruieren, das ist nur mühsam und erfordert Training.

Diese Ansicht hat den Vorteil, dass die CDU verschwindet (wenn man aus Richtung SPD guckt). Mit der Klumpigkeit haben Sie Recht. In y-Richtung haben sich alle neuen Parteien zwischen der CDU-SPD-Achse und der FDP angesiedelt. Ich bin gespannt, ob das mit den Fragenkatalogen in NRW und zur Bundestagswahl auch so ausgeht.

Gunnar Jeschke 20.03.2017 | 06:31

Ich bezweifle aber, dass der real existierende Wähler so vorgeht.

Da gebe ich Ihnen völlig Recht. Wenn ich das annehmen würde, stünde ich selbst im Lager der "rational choice" in den Politikwissenschaften. Ich könnte dann noch anhand soziologischer Daten abschätzen, welche Entscheidungen im "objektiven Interesse" der Lute sind und versuchen, ein Wahlergebnis vorherzusagen. Das würde gründlich schief gehen.

All Ihre Argumente treffen zu. Dennoch finde ich es erstaunlich, dass das Parteiensystem im Saarland landespolitisch inhaltlich so ausdifferenziert ist, obwohl Sympathiefaktoren, Traditionen und sachfremde Erwägungen bei der Wahl eine grosse Rolle spielen.

Was die Wichtung der Probleme betrifft, so liesse sich diese leicht einrechnen. Ich habe nur, wie Sikkimoto bemerkt, keine Rohdaten dazu, weder für die Parteien, noch für mögliche Wähler. Ich kann aber eventuell mal einen Versuch machen, was das ändert.

Gunnar Jeschke 19.03.2017 | 18:37

nehmen seltener Führungspositionen ein und setzen häufiger für die Familie aus

Wer das aus dem "Pay gap" nicht herausrechnet, macht sich lächerlich. Die Behauptung, Frauen würden 20% weniger verdienen, ist halt Propaganda.

Wir müssen schon beim Prinzip "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" bleiben. Wenn der Equal Pay Day an den 5.5% echter Differenz festgemacht wird, habt Ihr auch rational denkende Menschen auf Eurer Seite. Das war der 20. Januar.

Meiner Meinung nach sind etwa drei unbezahlte Arbeitswochen im Jahr schlimm genug. Ihr müsst die Wahrheit nicht verzerren, das macht Euch nur unglaubwürdig.

Gunnar Jeschke 15.03.2017 | 21:14

Das mit der zusammenbrechenden Wirtschaft der Türkei wird gern erzählt, aber die Lage ist nicht ganz so dramatisch (2.1 - 4% Wachstum 2016 je nachdem, wen man fragt, das BSP/Kopf sinkt in US$ gerechnet, aber nicht in der Landeswährung).

Die OECD hält das abgeschwächte Wachstum für ein zyklisches Problem, kein strukturelles und erwartet für 2018 eine Erholung.

Die Weltbank erwartet bereits für 2017 (2.7%) ein höheres Wachstum als 2016 (2.1%).

Der türkischen Wirtschaft ging es schon mal besser, aber sie wächst noch, sie kontrahiert nicht und niemand sagt eine Kontraktion (wie etwa in Griechenland) voraus.

Auch in dieser Hinsicht ist das Bild verzerrt, das man aus den Mainstream-Medien ohne Gegenrecherche erhält.

Gunnar Jeschke 14.03.2017 | 06:18

Sie haben das schon richtig gelesen, die kulturelle Perspektive macht etwas aus. Allerdings haben Sie es auch etwas polemisch gelesen, denn zwischen "unterirdisch" und "gehoben" ist viel Platz.

Was ich meine: Der Faschismus-Vorwurf hat in den direkt betroffenen Ländern (Deutschland und die damals besetzten Niederlande) ein ganz anderes Gewicht als in der Türkei. Es ist dort auch üblich, heftiger zu argumentieren als hier.

Ich möchte auch daran erinnern, dass selbst hierzulande immer mal wieder gern mit der Faschismus-Keule operiert wurde und wird. Schon über 30 Jahre her ist jetzt Kohls Gorbatschow-Goebbels-Vergleich. Brandt hat mal Heiner Geißler in eine Reihe mit Goebbels gestellt. Derzeit ist es der Nazi-Vergleich der AfD gegenüber üblich und auch da ist er absurd.

Man sollte auch bedenken, dass Erdogan das absichtlich tut, weil er weiss, wie gut der Knopf funktioniert, den er dort drückt. Es ist dumm, den Kistenkasper zu spielen, der bei jedem Knopfdruck pflichtschuldigst hochschnellt.

Gunnar Jeschke 13.03.2017 | 20:55

Ei, ei, den Calvin müsste ich als Wahlschweizer wohl verteidigen. Der hat den Impuls für die Uhrenindustrie gegeben, weil er durch seine Intoleranz in Bezug auf Schmuck die Juweliere arbeitslos gemacht hat. Uhren waren hingegen akzeptiert.

Aber als Wahlzürcher kann mir das egal sein. Der Zwingli mochte wohl beide nicht so und Anhänger der Todesstrafe für Andersgläubige waren sie alle drei.

Und damit bin ich bei Luther (ich bin ja protestantisch getauft, nur ausgetreten):

„Die Veranlassung zu dieser Schrift war die Besorgniß vor einem Einfalle der Türken in Deutschland und der durch einige Prediger erzeugte Wahn, man solle und dürfe den Türken nicht widerstehen.“

Martin Luther, Vom Kriege wider die Türken

Und das ist keine launige Bemerkung. Die Kriege dieser Zeit wirken tatsächlich bis heute nach, in Wien noch mehr als hier.

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