Nord-Stream-Sabotage: War doch sicher Russland, oder?

Medien Wer sich nicht mehr traut, die USA des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines auch nur zu verdächtigen, der schadet der Demokratie
Ausgabe 40/2022
Nicht nur Russland hat ein Motiv zur Sabotage der Nordstream-Pipelines
Nicht nur Russland hat ein Motiv zur Sabotage der Nordstream-Pipelines

Foto: picture alliance/dpa | Stefan Sauer

Viele Medienschaffende treibt womöglich die Sorge um die eigene Zukunft und Reputation, würden sie die USA ernsthaft in den Kreis potenzieller Täter setzen. Dann landet man schnell in der Verschwörer-Ecke, deren Merkmale Michael Angele in nebenstehendem Artikel eingehend beschreibt. Daher heißt bis auf Weiteres die am häufigsten geäußerte Vermutung: Es war wohl Russland.

Beispielhaft dafür steht ein Beitrag von Michael Thumann. Der außenpolitische Korrespondent der Zeit schreibt am 30. September in einer Online-Kolumne: „Eigentlich nützt die mutmaßliche Sabotage in der Ostsee niemandem. Vielleicht Wladimir Putin, denn er will Angst verbreiten – doch es ruiniert seine Energieindustrie.“

In der Folge diskutiert Thumann kurz, ob die USA ein Interesse haben könnten, Nord Stream zu zerstören. Antwort? Nein. Denn die USA seien (wie auch Polen und die Ukraine) zwar stets gegen das Projekt gewesen. Doch Putin habe die Lieferungen im Zuge des Krieges beendet. „Die russischen Direktlieferungen nach Deutschland waren also gestoppt“, so Thumann. Für die USA „gab es keinen Grund, die Rohre zu zerstören“.

Einen Zeithorizont jenseits des Heute sieht der Autor offenbar nicht. Dennoch schreibt er, dass energieintensive deutsche Unternehmen nun teures LNG-Gas aus den USA beziehen müssten und sie dies dazu bewegen könnte, „ihre Produkte mit billigerem Gas gleich dort herzustellen“, in den USA. Denn ohne Transport sei das Gas in den USA deutlich billiger. Was US-Außenminister Anthony Blinken als „enorme Chance“ für die USA bezeichnet, sieht Thumann nicht als US-Interesse. Im besten Fall kann man hier Naivität unterstellen, im schlimmsten eine Verzerrung des Faktischen. Thumann schreibt: „Russland bleibt künftig auf dem Großteil seiner Gasexportproduktion sitzen. Er (Putin) ruiniert vor allem das Flaggschiff der russischen Energieindustrie“, also Gazprom – das ihm bislang die Mittel für den Ukraine-Krieg lieferte. Man könnte sagen: ein hoher Preis für die diffuse Angst, die Putin versprühen wollte.

Thumanns Text ist symptomatisch: Man schaut auf ein zeitlich, geografisch und geopolitisch klar abgestecktes Feld, und zudem mit der Manier von Frontkämpfern, die nur in eine (Feindes)Richtung zielen. Eine notwendige, erhellende Groß-Perspektive präsentiert indes etwa George Friedman. Kein Verschwörungstheoretiker, kein US-Kritiker, sondern konservativer, nüchterner Geostratege, Buchautor und Inhaber der einflussreichen US-Beraterfirma Geopolitical Futures.

Bereits 2015 sagte Friedman: „Das Hauptinteresse der USA, für das wir im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie im Kalten Krieg gekämpft haben, ist die Beziehung zwischen Deutschland und Russland. Vereint wären sie die einzige Macht, die uns (die USA) bedrohen könnte. Und es ist in unserem Interesse, dass dies nicht geschieht. (…) Für die USA ist es die Urangst, dass deutsches Kapital und Technologie mit russischen Rohstoffen verschmelzen (…).“

Damit ist nicht gesagt, dass die USA der Täter seien und Russland – nicht. Alleine die Tatsache, dass nach jetzigem Stand, wie Gazprom am 3. Oktober mitteilte, eine der beiden Röhren der Nord-Stream-2-Pipeline brauchbar sei, wiese eher in Richtung Moskau.

Allein: Wenn sich die Medien nicht mehr trauen, von Regierungen offiziell nicht ausgesprochene, real existierende Interessen zu diskutieren, und über die Mittel, mit denen diese gestern, heute und morgen umgesetzt wurden und werden, dann: gute Nacht, Demokratie.

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