Auch der Alltag in der DDR war keine verlorene Zeit

Meinung Im Sprechen über die DDR vergessen wir, dass es auch Menschen gab, die ganz normal in dem Land lebten. Die Entwertung dieser Biografien durch die Reduzierung auf Diktatur und Stasi bieten heute einen Nährboden für die AfD
Ausgabe 23/2023
Sieht so etwa verlorene Zeit aus?
Sieht so etwa verlorene Zeit aus?

Foto: Ulrich Hässler / Imago

Geschichte ist nie abgeschlossen, schon weil jede neue Generation das Recht hat, Geschichte noch einmal neu zu erzählen. Um etwa über die DDR zu schreiben, muss man nicht immer und überall dabei gewesen sein. Und man kann auch ganz woanders wohnen, wie die Historikerin Katja Hoyer, die am Londoner King’s College forscht und mit Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949 – 1990 im Diskurs zur DDR-Historie interveniert hat.

Hoyer beharrt darauf, dass die DDR mehr war als Diktatur und Stasi. Wo ist das Problem? Die westdeutsche Nachkriegsgeschichte würde niemand allein über Polizei, Gerichte und Gefängnisse erzählen. Und auch die DDR war mehr als nur der SED-Staat, der hier nicht verklärt werden soll. Wie aber erklärt sich der Streit um Bücher wie das von Katja Hoyer? Um Geschichte wurde schon immer gerungen. Warum ist es nicht egal, worüber sich Historiker streiten? Es ist die Angst vor der verlorenen Zeit. Diese Angst ist nicht neu.

Hitler war fast zehn Jahre an der Macht, als Dietrich Bonhoeffer Ende 1942 aus dem Gefängnis an seine Freunde schrieb: „Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte, leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen.“

Auch der Alltag in der DDR war keine verlorene Zeit. Der Staat war verkommen und verlogen; Menschen saßen im Gefängnis, die niemandem Gewalt angetan hatten, die nicht gestohlen und nicht betrogen hatten. Menschen, die nur rauswollten. Aber auch in diesem Land wurden Häuser gebaut, Alte und Kranke gepflegt, wurde Brot gebacken, hatten junge Leute Liebeskummer. Das berühmte Adorno-Aperçu „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ will so gar nicht auf die DDR passen.

Vielleicht werden eines Tages Soziologen und Historiker darüber diskutieren, inwieweit die Entwertung ostdeutscher Biografien dazu beigetragen hat, der AfD den Boden zu bereiten. Mit Ausnahme Berlins führen die Halbnazis in Ostdeutschland die Umfragen an. Die viel beschworene Brandmauer der Demokraten wird nicht halten. Das linke Milieu schrumpft, während die Klimakrise voranschreitet. Überhaupt wird die Welt in Zukunft nicht friedlicher sein. Und als wäre das alles nicht genug, wird es im Osten bald schon die ersten AfD-Landräte geben. Die CDU wird sich der Rechtspopulisten als Mehrheitsbeschaffer bedienen etc.

Politik ist ein Tauschgeschäft, also werden die Christdemokraten Björn Höcke und Co irgendwas anbieten müssen … Die Union meint es nicht böse. Nur leider, wie wir seit Bonhoeffer wissen, ist die Dummheit immer gefährlicher als die Bosheit. „Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit aber sind wir wehrlos.“ Weder mit Protesten noch mit Gewalt lasse sich hier etwas ausrichten; Gründe verfingen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprächen, würden einfach nicht geglaubt. „Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen immer restlos mit sich selbst zufrieden …“ Schöne neue Welt.

Karsten Krampitz ist Historiker, Schriftsteller und Journalist. Der Titel seiner Freitag-Kolumne, „Sucht und Ordnung“, geht auf sein gleichnamiges Theaterstück zurück, eine „Bettleroper“, die 2014 beim Klagenfurter Ensemble Premiere feierte.

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Geschrieben von

Karsten Krampitz

Historiker, Schriftsteller

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