Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz
RE: Nur noch fünf Fernsehsender? | 28.11.2021 | 23:05

Ich halte die kategorische Gegenüberstellung von Ö/Rs hier und Privaten dort für nicht sehr hilfreich. Kaum jemand würde sagen, man solle nur noch staatlich produzierte Bücher und Zeitschriften lesen. Ebenso würden die meisten die Aussage ziemlich extrem finden, man solle sich in Sachen Fiktionalstoffe nur noch »Das kleine Fernsehspiel« und ähnliche Ö/R-Produktionen angucken und auf Kinofilme (= privat) verzichten. In Teilen der Linken schwingt halt noch immer eine stark unreflektierte Form der Staats-Vergötterung mit. Wobei im Bereich TV es gegenwärtig ja vor allem private Abo-Plattformen wie etwa Netflix sind, die einen Großteil des jüngeren (und auch gebildeteren) Publikums ziehen. Die ich an der Stelle gern mal mit »Spiegel«, »Zeit« & Co. vergleichen würde – auch in Anbetracht des Umstands, dass dort teilweise Qualitäten geboten werden, die bei den Ö/R nicht mal unter idealtypischen Bedingungen drin wären.

Zum Trash bei RTL & Co.: Vieles davon könnte man sich vom Hals schaffen, wenn man diese Gesellschaft konsequent regulieren würde und einfach sagt: Formate, in denen Menschen auf unwürdige Weise dargestellt werden oder zu selbstentäußernden Handlungen gezwungen werden, sind verboten. Die Serie »Squid Games« wurde schließlich auch deswegen so erfolgreich, weil sie die Verneoliberalisierung des Freizeitbereichs, der in den letzten 30 Jahren stetig vorangetrieben wurde, auf die Spitze treibt. Doch auch hier muß man, denke ich, differenzieren: Wenn jemand sich via »Dschungelcamp« selbst zum Horst machen will, soll das eben so sein. Man sollte den Sendern nur auf die Finger gucken und Erpresserverträge und ähnliches strikt untersagen.

Wobei – das muß ich jetzt auch ganz klar so sagen – selbst im »Dschungelcamp« mehr gesellschaftliche Wahrheit und somit Erkenntnis steckt als in einem durchschnittlichen Ö/R-Samstagabendkrimi.

RE: Nur noch fünf Fernsehsender? | 28.11.2021 | 21:38

Die Ö/Rs haben zwei Probleme. Das erste ist die untergrottige Programmqualität. Ein Grund dafür – wenn auch nicht der einzige – wurde im Artikel bereits aufgeführt: der Anspruch, sämtliche Formate mit einer pädagogisierenden Patina zu überlegen. Ein weiterer hängt damit zusammen: Nicht zuletzt geschuldet der bräsigen Häuser-Hierarchie hat sich das Gesamtprogramm in eine Richtung entwickelt, das große Teile der Gesellschaft nicht mehr widerspiegelt (Stichwort: 60+-Programme). Verstärkt wird dieses Sich-Zurückziehen auf das, was die großen Parteien als ihre gesellschaftlichen Kerngruppen erachten, durch den neoliberal-biedermeierlichen Trend der letzten 20 Jahre – wobei neoliberal und biedermeierlich nicht in jedem Fall dasselbe sind, sich in ihren schlechten Seiten jedoch idealtypisch ergänzen.

Das zweite Problem hängt mit dem ersten zusammen, ist allerdings struktureller Natur. Weil ARD/ZDF & Dritte gemerkt haben, dass ihnen die ganze U50-Klientschaft vom Haken geht, haben sie’s mit allerlei Sondersendern und Sonderformaten versucht – jene Nischensender eben, die perspektivisch nunmehr eingespart werden sollen. (arte war übrigens der erste dieser Sondersender. Dass dieser nun ebenfalls mit über Bord gehen soll, zeigt den Provinzialismus der Sparkommissare in- und außerhalb der Anstalten in seinem ganzen erbärmlichen Zustand.) Bei den Sondersendern und Sonderformaten (wie etwa die Netzformate unter dem Label Funk) ist zwar ebenfalls nicht alles Gold, was glänzt. Sie zeigen jedoch immerhin, dass zumindest Teile des Apparats innerhalb der Häuser das Problem erkannt haben und mit zweckdienlichen Maßnahmen angehen wollen.

Lange Rede kurzer Sinn: Eine Diskussion über Programmqualität ist angesichts des Marktes zu kurzgestickt. Zu kurzsichtig ist allerdings auch eine politische Linie, die die Ö/Rs auf alle Fälle stützen will und zu diesem Zweck das gebotene Programm in schöneren Farben darstellt, als dieses bereithält.

RE: Nur noch fünf Fernsehsender? | 28.11.2021 | 09:01

Nunja – »alle Bürger können im Internet mitdiskutieren« klingt arg hochgestochen. Der Diskussionsentwurf steht auf der verlinkten Seite zwar als PDF-Download sowie HTML-Text zur Verfügung – vermutlich, weil sie zu dieser Form Transparenz gesetzlich gezwungen sind. Die – vorgeblich gewünschte – Mitdiskussion der Bürgerinnen und Bürger fällt allerdings eher bescheiden aus – und auch der tonale Duktus erinnert eher an den Ton, mit dem der Staat Bürger(innen) zur Abgabe der Steuererklärung auffordert oder Hartz-IV-Bezieher(innen) zur Mitwirkung. O-Ton auf der Seite:

»Gelegenheit zur Stellungnahme, für Anmerkungen und Feedback besteht bis zum 14. Januar 2022. Bitte nutzen Sie hierzu unser Kontaktformular

Fazit: Das sieht eher NICHT so aus, als sei da Feedback erwünscht.

RE: Der Freiheitsbegriff wurde zur Selbstdarstellung missbraucht | 27.11.2021 | 13:02

»Ich gehe derweil ins literarische Exil.«

Literarisches Exil – klingt gut ;-). Gruss, R. Z.

RE: Bloß nicht dichtmachen | 27.11.2021 | 10:25

Das alles hilft nichts. Wenn wir jemals aus diesem Sumpf raus wollen (und nicht wieder bis in den Mai herumlaborieren mit Halb-Lockdowns, mieser Stimmung usw. und ab nächsten Oktober same prodecure as last year), müßte SOFORT ein harter Lockdown verhängt werden – kombiniert mit Ausgangssperre und allem, was dazugehört.

Auf den Straßen dürften sich nur noch Leute bewegen, die entweder zum Alltagsbedarfs-Einkaufen unterwegs sind, zu Arzt/Arbeit oder eben zu ihrer Impfung. Ein Zero-Lockdown wäre wünschenswert – Arbeit also nur noch in den infrastrukturell unabkömmlichen Bereichen. Mit der Rezeptur wären wir bis Mitte Januar aus dem Schlimmsten raus – eventuell könnte sogar wieder Party steigen. Aber die Deutschen jammern und griesgramen lieber ohne Ende – insofern ist ein endloser Stopp-and-Go-Lockdown wie im letzten Jahr das, was dem Volkscharakter am besten entspricht. Schade nur, dass der selbständige Mittelstand mit dieser Vorgehensweise diesmal wohl weitestgehend über die Wupper gehen wird. Entspricht wahrscheinlich dem heimlichen Ziel der Verantwortungsträger – dann gibt’s halt nur noch Kaffee von Starbucks, und nur noch große Konzerne in Reih und Glied ist auch viel ordentlicher – also deutscher.

RE: Der Freiheitsbegriff wurde zur Selbstdarstellung missbraucht | 27.11.2021 | 10:14

»Das Versagen intergalaktischen Ausmaßes muss aufgearbeitet werden. Entweder justiziell derart, dass Spahn, Mertens und Co. sich nicht nur vor etwaigen Untersuchungsausschüssen verantworten sondern eben auch vor Gericht. Eine Auflösung aller bremsenden Institutionen wie Ethikrat und Stiko wäre ebenfalls sinnvoll. Gleichzeitig wären alle förderalen Strukturen auf ihren Sinn hin zu überprüfen und gegebenenfalls abzuschaffen.«

Sowas von Zustimmung. Auch zur Situationsbeschreibung im Absatz davor. Es wird nur nicht passieren. Seien wir froh, wenn aus dem intergalaktischen Versagen nicht noch ein megaintergalaktisches Universalversagen wird.

Indiz: Ob Ampel oder Schwarz – alle hampeln derzeit rum mit ihren diversen G-Rezepturen (»G« für Globuli); wohl wissend, dass das nichts weiter ist als eine Beruhigungspille ist, um den unabkömmlichen Lockdown hinauszuzögern. Was gleichzeitig heißt: Wenn er dann doch kommt, wird er länger und härter – same procedure as last year. Gleichzeitig wird das einzige, was (mittelfristig) helfen würde, nach bekannter bürokratischer Manier in den Sand gesetzt.

Das einzige, was politisch jetzt noch helfen kann, ist ein intaktes Gedächtnis. Irgendwann wird die Endemie kommen – selbst in D und selbst mit dem dort obwaltenden politischen Personal. Dann wäre eigentlich die Zeit für eine politisch-juristische Abrechnung mit der Mißwirtschaft der letzten 24 Monate.

P. s.: Spahn hat 5.000 Euro Bonuszahlung für die im Dauerfeuer stehenden Pflegekräfte – naja, er hat’s als Idee mal so gesagt; wie stetig. In die Tat umsetzen hätte er es spielend können – die Kohle wäre noch vor Weihnachten überwiesen gewesen. Der schlechte Punkt allerdings ist, dass die Nachfolger sich hier in sybillinisches Schweigen hüllen. – Es ist wirklich rundum z. K. Am besten, man konfrontiert sich mit dem Trauerspiel so wenig wie möglich.

RE: Warum uns eine Impfpflicht in diesem Corona-Winter nicht helfen wird | 26.11.2021 | 21:35

+++ Und dann noch dieser Hinweis, dass angeblich "nur Männer" unter den Juristen nun für eine Impfpflicht argumentieren. Was soll uns das denn nun bitte sagen...? +++

Ja. Zur Entschuldigung von Frau Baureithel kann ich nur anführen, dass es im Anblick der stündlich eintrudelnden Katastrophenmeldungen auf einen Artikel mit animositätsgestrickten Vereinnahmungen wie der zitierten auch nicht mehr ankommt. Aktuelle Meldung: nicht nur Biontech geht aus – auch Moderna; der Bund kann oder will seine zugesagten Lieferkontingente nicht einhalten. Folge: die aktuell wieder etwas in Fahrt gekommene Impfkampagne droht erneut, aufgrund intergalaktischen politischen Vollversagens abzusaufen.

Ich habe mir den Luxus gegönnt und mir heute was anderes angeschaut: wie ein politisch nicht allzuweit vom »Freitag« entferntes Medium – nämlich die taz – mit den Widersprüchen innerhalb ihrer Leserschaft umgeht. Wie hier zu sehen, ist diese Problematik dort durchaus gegeben – was insofern bemerkenswert ist, weil die taz (ebenso wie das nd und fast alle pulikationen on the left side) klar im »Team Vorsicht« positioniert ist und Probleme mit Leserkommentaren dort quasi spiegelbildlich auftreten. Wie zu sehen, war die taz genötigt zu reagieren – und hat es vermittels der hinter dem Link präsenten Sonderbeiträgen zur Corona-Berichterstattung auch nicht unklug gemacht respektive ihre Leser und Leserinnen hier »mitgenommen«.

Desweiteren bin ich heute an den Rand dessen gegangen, wofür man hier in DIESEM Medium möglicherweise gesperrt werden kann und habe mir – weil der »Freitag« ja von sich behauptet, ein »Meinungsmedium« zu sein – unter inhaltlichen Kriterien die letzten 12 Corona-Artikel angeschaut: diesen hier, den, den, den, den, den, den, den, den, den. den und den. Vier dieser zwölf ab Mitte November publizierten Beiträge kann man im weiten Sinn unter die Rubrik »Reportage« oder »Bericht« subsummieren. Zwei arbeiten sich im allgemeinen Sinn am politischen Versagen in dieser Krise ab. Der Rest – also sechs – macht entweder Stimmung gegen die inaugurierte Impfpflicht oder beschäftigt sich allgemein mit dem Problem, dass die »Coronaskeptiker« in den Medien unterrepräsentiert seien.

Fazit: Eine irgendgeartete Pluralität unterschiedlicher Meinungen konnte ich weit und breit nicht vorfinden. Mir erscheint die Corona-Berichterstattung des »Freitag« nicht nur stark monokulturell, sondern speziell auch im Anblick der aktuellen Problemlage völlig outside the Street (okay – mit Ausnahme der nach Stuttgart oder Dresden vielleicht). Im Anblick des Umstands, dass aktuelle Umfragewerte 69 Prozent pro Impfpflicht anzeigen und 63 Prozent die derzeitigen Maßnahmen als nicht weit genug gehend betrachten (Werte, bei denen ich mir sicher bin, dass sie in den folgenden Wochen weiter ansteigen), bin ich schon etwas verdutzt, dass dieses »Meinungsmedium« den Sorgen und ergo auch der Meinung der breiten Bevölkerung Null Rechnung trägt und stattdessen lieber eine Szenerie neoliberal-sozialdarwinistischer bis rechter Totalskeptiker stetig mit Meinungsfutter versorgt. Daher,

liebe Frau Baureithel, lieber Herr Angele, liebe Frau Koester und liebe an der Stelle mitgedachte Restredaktion,

folgender Vorschlag:

In Anbetracht der Tatsache, dass der »Freitag« in Sachen Corona schon länger eine sehr prononcierte Linie fährt und diese trotz wachsender Sorgen in Bevölkerung und Teilen der Leserschaft sogar verstärkt – wäre es da nicht zielführend, den Leserinnen und Lesern an der Stelle in einem geeigneten Format zu erklären, wieso der »Freitag« in Bezug auf die Nöte und Sorgen der breiten Bevölkerungsmehrheit eine derart explizite Position vertritt? Oder, anderws formuliert: aufgrund welcher Situationsanalyse der »Freitag« dazu kommt, die Positionen zu vertreten, die er eben vertritt. Die taz hat es – ausweichlich meiner Links oben – in einer ähnlichen (wenn auch diametral entgegenliegenden) Konstellation getan, und es hat ihr – meine Meinung – nicht schlecht angestanden.

Zugegeben erfolgt der von mir hier offerierte Vorschlag auch aus dem egoistischen Grund, weil ich das allgemeine Diskussions- und Umgangsklima, auch begünstigt von weiter oben aufgeführten Positionen, hier im Forum mittlerweile ziemlich **Zett Kah** finde (inwiewohl ich gleichwohl nicht die Absicht habe, deswegen zum Coronaleugner zu mutieren).

Vielleicht wird’s ja was? Man soll immer optimistisch sein.