Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz
RE: Ein Schatten, der nicht vergehen will | 15.11.2018 | 10:40

Das Problem bei der aus dem SZ-Artikel zitierten Aussage ist, dass die sie wiedergebende Historikerin (übrigens keine geschützte Berufsbezeichnung) die Quellen (Saukels Anweisungen bezüglich der Behandlung von Zwangsarbeitern) aus ihrem faktisch zutreffenden historischen Kontext (stärkere Betonung des »ökonomischen« Aspekts bei der Verwertung der »Ressource« Zwangsarbeiter in der mittleren und späten Phase des Zweiten Weltkriegs) herausreißt und in einen neuen, den NS-Stahlbaron Röchling und die Seinigen entlastenden Zusammenhang neu einfügt.

Das zitierte Gedankengebäude ist bei Frau Plettenberg keinesfalls isoliert oder nur unglücklich geraten. In diesem Interview beim Saarländischen Rundfunk (der Sender übrigens, bei dem sie früher beschäftigt war; den O-Ton muß man sich halt eben anhören) fügen sich die Röchling-entlastenden Einzelaussagen zu einem kompletten Argumentationsteppich zusammen – mit den Spins »gelitten haben alle«, »Röchling war gar nicht so schlimm«, »da schießen die Vergangenheitsbewältiger übers Ziel hinaus«, »da wird übertrieben«, und so weiter.

Ein Hammer ist das unter gleich drei Aspekten. Zum einen ist es unter Historikern bekanntlich gängig, neue Forschungsergebnisse vorzulegen (ob berechtigt oder nicht, sei hier mal dahingestellt). Das heißt: eine historische Arbeit verfolgt in der Regel eine neue (oder bislang unterbelichtete) Interpretation geschichtlicher Ereignisse. Fügt man die wesentlichen Erkenntnisse von Inge Plettenberg zu einer »message« zusammen, kommt letztlich ein ziemlich kruder Geschichtsrevisionismus dabei rum – mit der einzigen Hauptaussage: Röchling war gar nicht so schlimm. Der doppelte Hammer dabei ist, dass die Frau bislang vorwiegend im Umfeld der Einrichtung Weltkulturerbe historisierend aktiv geworden ist – einer Einrichtung, die mit den Nachlassverwaltern des Röchling-Konzerns eng verwoben ist.

Der dritte Punkt ist der, dass diese Form Geschichtsinterpretation woanders (falls sie in der Form überhaupt stattfinden würde) zumindest mit deutlichem Gegenwind konfrontiert wäre. Im Saarland mit seinen zwei dominierenden Monopolmedien Saarbrücker Zeitung und Saarländischer Rundfunk eben nicht. Was hier der springende Punkt ist und der eigentliche Skandal: Möglich ist diese Form von hinhaltendem Widerstand gegen die Aufbereitung der NS-Geschichte an der Saar nur aufgrund der Biotop-Lage. Am Rand des Reichs eben und erinnert etwas an die Form der Selbstexkulpierung, die in Österreich eine lange Tradition hat.

RE: Sinnlose Homöopathiekritik | 13.11.2018 | 22:56

Ich frage mich gerade, ob die stringente Auskommentierung aller Kommentare nicht vielleicht ein homäopathisches Mittel ist zur Steigerung der Podcast-Potenz. Es gibt da schließlich noch andere Mittel – aber die sind ganz sicher NICHT homäopathisch ;-).

RE: Weißer Bademantel, schwarzer Flügel | 13.11.2018 | 19:45

Bin gerade zu faul, was Substanzielleres zu schreiben. Sag’ aber einfach mal – Cool!

RE: Was wollen die Bücher? | 13.11.2018 | 16:06

Oje – zum Stokowski-Lehmkuhl-Showdown nun auch das, was man beim Freitag stetig befürchten muß: ein akademischer Schwurbeltext, der viele Worte macht, aber im Grunde nur eins vermeiden will: in der Sachfrage Partei zu ergreifen.

Da auch Frau Hobrack in bekannter Cloud-Manier die Fakten als bekannt voraussetzt und sich auf »Meinung pur« beschränkt, hier erst mal die Links mit dem »Fakten«:

Stokowski

Lemling (Buchhandlung Lehmkuhl)

Zur Frage, ob man soll oder nicht soll: In der grundsätzlichen Haltung bin ich klar bei Margarete Stokowski. Die Normalisierung von rechtem Gedankengut darf rundweg nicht hingenommen werden. Aber wie soll das geschehen? Naiv bis im Grundimpetus herablassend ist da leider Stokowskis Anspruch (an andere?), wer sich da selbst kundig machen wolle, habe eben die Mühe von Bibliotheken auf sich zu nehmen – sprich also: sich in ein Umfeld zu bewegen, dessen Sitten und Gebräuche die Vorkenntnis akademischer Arbeitsweisen sowie den dazugehörigen kulturellen Habitus erfordert (um von Lagen sowie dem sich daraus ergebenden Umstand, dass er potenzielle Antifa in Bad Hölz wohl kaum die Möglichkeit hat, von dieser antifaschistischen Boykottwaffe Gebrauch zu machen, erst gar nicht zu reden).

Die Buchhandlung mit ihrer Voltaire’schen Haltung gegenüber dem Wort und der Freiheit der Diskussion ist mir zumindest von der grundsätzlichen Haltung her ein gutes Stück näher. Auch faktisch spricht für die Zur-Verfügungstellung von Originalquellen einiges. So habe auch ich die Antaios-Publikation »Mit Linken leben« mit Gewinn gelesen und dem herausgebenden Verlag dafür das Geld halt in den Rachen geworfen. (Meine Meinung: Wer sich kundig machen will, wie die neuen Rechtsaußen »ticken«, findet derzeit kein besseres Buch.)

Das Dilemma des Problems ist, dass es dafür keine vernünftige Auflösung gibt. Provokativ gefragt: Wenn 70 bis 80 Prozent dieser Art Bücher an linke Interessenten weggehen würden – wo wäre dann das Problem? Würde nicht gerade dieser Umstand die Ärmlichkeit der rechten Welterklärungsversuche unter Beweis stellen (auch wenn es, zugegeben, die Propaganda Machine von Kubitschek & Co. mit neuem Schotter füttert)? Die grundsätzliche Problemstellung ist allerdings die: Wozu Fragen aufwerfen (darf man rechte Originalquellen lesen?) und im Anschluss daran ordentlich Energie in ihre Beantwortung verpulvern, wenn sie a) nicht nur zweitrangig sind, sondern b) unter den gegebenen (marktwirtschaftlichen) Verhältnissen auch nicht zu lösen?

Dass ein stalinistischer bzw. gutmenschlicher Literaturkanon auch unter den besten Umständen nicht das Gelbe vom Ei ist, sollte sich bei alldem von selbst verstehen.

RE: Sinnlose Homöopathiekritik | 13.11.2018 | 14:23

Ich wundere mich stetiglich aufs neue, mit welcher Konsequenz dieser Podcast die wirklich brennenden Fragen unserer Zeit aufs Korn nimmt.

RE: Gewerbe und Politik | 13.11.2018 | 10:22

Ich würde die Kandidatur Merz noch weiter zuspitzen: Merz ist der Kampfkandidat des mittleren und gehobenen Bürgertums – jedenfalls, so weit es in der CDU organisiert ist oder (was zum überwiegenden Teil der Fall ist) den Christkonservativen nahesteht. Sollte Merz CDU-Chef oder, was daraus folgt, 2021 oder früher Kanzler werden, droht eine Oligarchisierung und Weiter-Feudalisierung der Politik im Sinn des gesellschaftlich führenden Bürgertums, wie es seit Ende der Adenauer-Ära nicht mehr der Fall war.

Verstärkend hinzu kommt: Während der konservative Konkurrent Spahn die konservativ-christlichen Ressentiments schon aufgrund seiner sexuellen Orientierung nicht zur Gänze befriedigen kann, bringt Merz das zusammen, worauf es den gesellschaftlich bestimmenden Eliten schon immer ankam: das Diktat des Geldes mit dem Etepetete, respektive mit dem gesellschaftlich-kulturellen Machtanspruch des konservativen Bürgertums.

Der Spiegel titelte bereits letzte Woche, was mit Merz im Busch ist: der »Anti-Merkel«, der mit Deutschland etwas »vorhat«. Die Sprache der einseitigen, notfalls uneinvernehmlichen Penetration kommt nicht von ungefähr: Speziell das untere Drittel der Gesellschaft darf sich vergegenwärtigen, vom diesem Kandidaten offen und auf eine sehr uneinvernehmliche Weise penetriert zu werden. Aus diesem Grund: verglichen mit Spahn der (weitaus) gefährlichere Konservative. Darüber hinaus eine Kandidatur, die auch Linke keinesfalls ausschließlich auf die vage Aussicht reduzieren sollten, dass ein marktradikaler Vertreter der Geldoligarchie zwangsläufig auch die Linke featuret.

RE: Leningrader Nächte | 12.11.2018 | 16:02

Okay – CD ist in dem Fall schwer (anders siehts bei käuflich erwerbbaren Musikfiles, etwa im iTunes Store, aus). Als Reinhörtipp hier mal Severnys Interpretation des wohl bekanntesten Criminal Songs. In der YT-Liste sind noch ein paar mehr von ihm – zumindest der Kapitalismus vergisst also keinen ;-).

RE: Leningrader Nächte | 12.11.2018 | 13:36

Yes – etwas anderes Biotop ;-). Obwohl natürlich sowohl Wyssozki als auch sein (noch etwas wilderer) Chansonkollege Arkady Severny genug biografischen Rock’n’Roll in die Waagschale werfen könnten. Zu Wyssozki gibt es irgendwo sogar einen gar nicht mal so schlechten Film (Story: wie er in Asserbeitschan von den dort zuständigen Partei-Apparatschiks, Managern und Kulturfunktionären abgelinkt wird) – bin aktuell nur etwas zu träge, den dazugehörigen Link aus dem Web zu fischen.

RE: Sie nannten uns Sozialhilfe-Adel | 08.11.2018 | 07:05

Famose Idee :-))) Gibts schon eine Seite?