Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz
RE: Fesseln statt kümmern | 23.07.2018 | 08:31

Die Weiße Folter, die im NS ihren alptraumhaften Höhepunkt erreichte und Zehn-, vermutlich Hunderttausende das Leben kostete, erfreute sich bei den jeweiligen Obrigkeiten auch nach ‘45 anhaltender Beliebtheit. Der Grundansatz der Psychiatrie, soziale, gesellschaftliche und psychologische Probleme zu medizinieren, war für alle eine hoch praktische Angelegenheit. In Deutschland war die Psychiatrie der Nachkriegsjahrzehnte lange von Bruchlosigkeit geprägt; sogar in Kriegsverbrechen und Holocaust Involvierte schafften es, in den Apparaten der psychiatrischen Anstalten unterzuschlüpfen und dort bruchlos an ihre Vergangenheit anzuknüpfen.

Die schlimmsten Auswüchse wurden in den 1970ern und 1980ern weggeschliffen bzw. erledigten sich durch den Zahn der Zeit – indem die unmittelbar durch den NS Kompromittierten in den beruflichen Ruhestand gingen. Bürgernahere Therapiemethoden, Gruppentherapie und allgemein die Form des Gesprächs hielten auch in den vormaligen Nervenheilanstalten zunehmend Einzug. Was auch manch gestandenen 68er zu der euphorischen Fehlannahme verleitete, der Komplex der Weißen Folter gehöre weitestgehend der Vergangenheit an. Eine Fehlannahme, von der nicht nur mit der Materie befasste Selbsthilfeorganisationen wie etwa die AG SPAK ein Lied singen können: Der Zwang und die Entmündigung verschwanden nicht. Sie traten nur etwas in den Hintergrund.

Im Zug der Offensive des Marktradikalismus seit den 1990er Jahren zeigt sich zunehmend, dass kosmetische Umbenennungen sowie ein bißchen Therapie-Optik nichts grundlegend geändert haben. Im Gegenteil. Im Zuge des verschärft geführten Klassenkampfs von oben geraten immer mehr Menschen in die Mühle von Grundrechtsentzug und Entmündigung – bis hin zu Maßnahmen im staatlich-medizinischen Bereich. Im Grunde ist dieser komplette Abschnitt im Sozialkampf von einem Backlash geprägt, der sich dadurch auszeichnet, dass immer bruchloser und immer unverhohlener wieder an Praktiken aus der NS-Zeit angeknüpft wird: Fixierung, Zwangsvollpumpung mit harten Barbituraten, Reizentzug, Isolation. Mittlerweile wäre man nicht wirklich überrascht, irgendwo zu lesen, dass auch das Mittel zwangsweise verabreichter Elektroschocks wieder zum Einsatz käme.

Dass Karlsruhe nun über die Rechtmäßigkeit zweier Fälle entscheidet, ist zwar löblich. Im positiven Fall könnte immerhin ein Präzedenzurteil rauskommen. Man sollte allerdings nicht die Fehlannahme hegen, danach sei alles in Ordnung. In Wahrheit sind die zur Verhandlung stehenden zwei Fälle lediglich der Zipfel vom Zipfel dieses Eisbergs. Not täte es darum, die übergriffige Praxis von Behörden im Bereich Grundrechtsentzug und Verwahrung auf breiter Linie anzugehen – auch wenn dies eine möglicherweise jahrzehntelange Auseinandersetzung zur Folge hat und bürgernahe Konzepte wie etwa die Antipsychiatrie aus den 1970ern unter den Trümmern von 30 Jahren entfesseltem Neoliberalismus begraben liegen.

RE: Unten ohne | 21.07.2018 | 16:12

Er hat zuerst »Gauland!« gesagt.

RE: Wer nicht bremst, verliert | 20.07.2018 | 12:48

Sie müssen mal ein Haus bauen. Das ist gar nicht so einfach. Da kommen erst mal Genehmigungen ohne Ende. Geländeausschreibung, Grundbuch, sonstige Ausweisungen. Dann kommt die Baugenehmigung – mit etwas Glück sogar zu Ihnen, nicht Ihren Enkeln <<-- Scherz>. Dann geht der Stress weiter. Suchen Sie sich mal ein ordentliches Bauunternehmen (man will ja nicht mit Schwarzarbeitern … usw.). Da warten Sie ebenfalls, bis der Himmel grau wird – oder Sie bezahlen gleich Mondpreise.

Als nächstes kommen die Komplikationen. Der Architekt hat gepfuscht, Ihnen zuviel berechnet, kann nicht mit dem Bauunternehmer und ist zudem zwischenzeitlich in die Inso gegangen. Dann – Hurra!! – steht irgendwann das gute Stück. Hurra – falsch gedacht. Der Beamte von der Bauaufsicht, der das gute Stück abnimmt, schickt Ihnen eine Liste mit Nachbesserungen, dass Ihnen schwarz vor Augen wird: zusätzlicher Notausgang hier, in den Garten muß eine Dixie-Toilette und das Dachgeschoss können Sie gerade nochmal reinziehen – wegen Öko, Wärmedämmung und so weiter; Danke auch, Frau Künast.

Nach ungefähr 20 Jahren (vielleicht auch nur 10) können Sie endlich die Einweihungsparty in Ihrem guten Stück ausrichten. Da das gute Stück – eigentlich – für die Altersversorgung gedacht war, vermieten Sie die zwei Wohnungen und die zwei Einheiten unterm Dach unter an Studenten. Jetzt fängt der Spaß dann richtig an. Die eine Einheit – geht. In der anderen ist der Wurm drin. Mietnomaden, Mietschulden; ein Mieter, der ständig Krach macht. Die kommen natürlich alle mit dem Kündigungsschutz. Lange Rede kurzer Sinn: Sie sind ständig auf Achse, werden krank, müssen zum Arzt und zum schlechten Ende erhöht Ihnen Ihre Krankenversichtung den Beitrag.

Zu allem kommen die normalen Betriebskosten. Hier mal ein Wasserrohrbruch, im Keller Pfusch beim Estrich; der Mieter will Ihnen die kaputtgegangene Waschmaschine in Rechnung stellen. Sie sind immer obenauf – ein Fakt, für den schon der liebe Staat sorgt: Grundsteuer hier, Abgaben für Serviceversorgungen; zudem meinen die Beamten auf dem Katasteramt, dass Sie eine Art Wiedergänger von dem Zurwinkel sind. In einem Satz: Sie werden ständig zur Kasse gebeten. Das Ende vom Lied: Am Ende brennt das Teil ab – der Mietnomade, der nix hat und ebenfalls in Inso ist, hat im Bett gequarzt.

Was meinen Sie, was die Hausbrandversicherung da sagt? Am Ende sind Sie es, der ins Kittchen wandert – nur, weil Sie ein Haus gebaut haben.

RE: Trumps Agenda | 17.07.2018 | 09:52

Gut an dem Helsinki-Treffen war, dass zumindest ein berechenbarer Staatsmann dort zugange war – Wladimir Putin. Die erratischen Querfronten hingegen, die sein US-Pendant außenpolitisch derzeit versucht zu zimmern, sind weniger Hoffnungszeichen als vielmehr Aktionen, die einem den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Trumps Absichten in Helsinki liegen klar auf der Hand. Abgesehen von seiner Sympathie für autoritär durchregierte Staaten (die ihm – mittlerweile nur noch schlecht camouffliert – als Vorbild für noch zu schaffende US-Verhältnisse dienen) und den damit verbundenen Show- und Signaleffekten nach innen ist es die EU, die der Präsident derzeit im Visier hat. Entsprechend haben die Alarmsignale, die auch die deutschen Kommentarspalten bestimmen, durchaus einen materiellen Grund. Ich würde noch weiter gehen: Trumps Agieren auf der internationalen Bühne hat mehr und mehr Ähnlichkeit mit dem von Hitler, Mussolini und ihren Verbündeten in den Dreißigern: Smash the Weltordnung; America Must Be Great Again!

In Bezug auf das politische US-Koordinatenspektrum ist vor allem die Reaktion von Trumps gemäßigten und demokratischen Gegenspielern ein katastrophales Signal. Wenn Feuerspeien gegenüber Russland die alleinstellende Alternative ist zum autoritären Trump-Kurs, hat sich nicht nur die demokratische Alternative von ganz allein gekillt. Eine vorzugsweise auf Kalte-Kriegs-Merkmale setzende Demokraten-Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2020 wird – vermutlich – auch diese Wahl in den Sand setzen. Zu Recht, muß man leider hinzufügen. Wobei es aktuell so aussieht, als wollten auch die EU-Oberen ihr (außen)politisches Profil vorzugsweise mit einem härteren Anti-Russland-Kurs schärfen.

Letzten Endes also: Zumindest im Lager des Westens Reaktionäre auf BEIDEN Seiten – bei den Nationalstaats-Protektionisten Marke US + Brexit ebenso wie bei den Freihandels-Apologeten der Marken Macron und Merkel. Für den Weltfrieden ist das KEINE gute Nachricht. Für den ärmeren Teil der Menschheit, der zunehmend zwei unterschiedlich abscheulichen Formen der Kapitalverwertung unterworfen wird, ebenfalls nicht.

RE: Die Große Bibliothek bleibt offline | 16.07.2018 | 20:06

Kids beim Bäcker = 1a-Beispiel. Das Bargeldlose ist noch so ein Thema, wo sich die gesellschaftliche Linke meines Erachtens komplett blauäugig verhält – hier dann gleich auch mit der Konsequenz, dass sich allerlei rechts Angesiedelte dieses Thema gekapert haben.

Ansonsten ist es schon richtig: Nur was man anfassen kann, hat letzten Endes auch einen Wert. Ein Umstand, den ich in Sachen Musik durchaus vermisse (nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, dass das Fan-von-einer-Band-einem-Künstler-sein in digitalen Zeiten total aus der Mode gekommen ist).

RE: Die Große Bibliothek bleibt offline | 16.07.2018 | 19:49

Nun ja – Sie laufen in Ihrem Artikel Sturm gegen Versuche, den von dem Netzmultis diktierten Autoren-Buyout gesetzgeberisch einzuhegen: Erwarten Sie ernsthaft, dass von (Mit-)Betroffenen da nur Zustimmung kommt? Klaro auch: Der Kapitalismus bringt Umbrüche. Nichtsdestotrotz scheint mir, dass Gewerkschaften, die sich um die kümmern, für die in der neuen Welt nur noch Grütze als Nahrung vorgesehen ist, eine durch und durch sinnvolle Angelegenheit sind – auch dann, wenn sie das vom Schicksal vorgesehene Voransichdrehen des kapitalistischen Rades im ein oder anderen Fall behindern sollten.

Ansonsten: Die wohlgefälligen Allgemeinplätze, denenzufolge auch in der güldenen digitalen Zukunft jeder das bekommt, was er verdient, habe ich so oder so ähnlich bereits vor 10 Jahren bei den Piraten gehört. Dieselbe unkritische Technik-Anbetung, dieselbe nur notdürftig verhohlene Geilheit, sich die geistigen Produkte anderer für lau aneignen zu können, dieselbe Konzeptionslosigkeit, jenseits irgendwelcher Spielchen wie Liquid Feedbacks angemessene gesellschaftspolitische Forderungen zu stellen. Entsprechend bleibe ich dabei: Wo jemand beim Erwerb eines Literaturwerks nichts anderes einfällt als ein Tool, mit dessen Hilfe sich sinnlose Statistiken über Worthäufigkeiten anfertigen lassen, ist die Chance Buch vielleicht sowieso gelaufen. Bei diesen Leuten ist der Zug »Lesen« abgefahren. Meiner Meinung nach ein Ergebnis von 20 Jahren neoliberalem Kapitalfortschreiten. Ich habe wenigstens noch ein paar Kriterien, um hier eine Einschätzung treffen zu können. Bei diesen jedoch ist – Geiz ist nicht immer geil – jegliches Kriterium abhanden gekommen, noch solche treffen zu können.

Willkommen in der Schönen Neuen Welt. Und verzeihen Sie, dass nicht alle so vorbehaltlos begeistert sein können wie Sie.

RE: Die Große Bibliothek bleibt offline | 16.07.2018 | 19:18

Nun gut; vielleicht sollte ich nicht zuviel lästern. Auch bei mir gibt es Musik (fast) nur noch aus der volldigitalen (iTunes-)Konserve – oder gleich von YouTube. Trotz eigener schlechter Gewohnheiten muß ich konstatieren, dass das Aufkommen share-fähiger Audio-Tonträger (mp3 & Co.) die Branche kaputtgemacht hat. Sicher ist im Elend auch Hoffnung enthalten: Musikalisch beobachte ich seit längerer Zeit einen anhaltenden Trend zum Do-it-yourself-Video, zu handgemachter Musik anstatt Elektronik-Gefrickel und Vermakrtungsformen, die man sich schon vor 20 oder 30 Jahren gern gewünscht hätte. Grosso modo bleibt allerdings: Reicher als früher sind die heutigen Musiker(innen) sicherlich nicht.

In Sachen Buch (nicht: Print; da ist das World Wide Web wichtigstes Nachrichtenmagazin) bin ich klar Old School. Die Haptik eines Buches ist einfach unvergleichbar, und die vielen bücherschmökernden Frauen (es sind hauptsächlich Frauen) im öffentlichen Nahverkehr bestätigen mich darin, dass das alte Buch was hat, was keine elektronische Substituierung in der Lage ist zu bieten. eBooks kenne ich sowohl passiv (als Leser) als auch aktiv als Ersteller von Inhalten, die durch diesen Fleischwolf gedreht werden. Leider fällt das eBook nicht nur in Sachen Grafik hintunter. Die rudimentäre Typografie steht da ganz hinten – beispielsweise dergestalt, dass es für den Scheiss (ähnlich wie bei HTML) kein Silbentrennprogramm (= teuer) gibt.

Die Argumente, dass man sich urlaubstechnisch nicht beschweren will und die Auflösung mancher Lesegeräte zwischenzeitlich nichts zu wünschen übrig lässt, kann ich nachvollziehen. Nichtsdestotrotz werde ich in der Beziehung wohl weiter Snob ;-) bleiben. Natürlich ist in der Buchbranche einiges mehr im Argen als lediglich der Trend zu Datenfile-Formaten. Den – Sorry – tendenziellen Analphabetismus der »Digital Natives« und das damit verbundene Abhandenkommen inhaltlicher Kriterien in fast jeder Hinsicht habe ich ja schon erwähnt. Die Verlage mit ihrem Strukturkonservatismus sind sicherlich ein weiterer Sargnagel hinein in das Medium Buch. Fakt ist: Autor(inn)en – egal ob Buch oder die Text-Verramschbude Internet – haben heute nichts zu lachen. VG Wort und ähnliche Verwertungsgesellschaften werden als Dämme, toitoitoi, noch eine Weile halten. Dahinter jedoch ist der Abgrund – zu sehen auch daran, dass Freitag, ND und andere, die sich auf die Umsonst-Wirtschaft des Internets eingelassen haben, da nicht mehr von wegkommen.

Was bleibt? In zwei, drei Jahrzehnten wird es vermutlich nur noch werbegestützte Textblasen geben – ähnlich wie heute bei Facebook oder YouTube. Seien wir froh, dass es auch dann noch ein paar haltbare, gute Bücher geben wird ;-).

RE: Die Große Bibliothek bleibt offline | 16.07.2018 | 10:33

Bravo – ein Text, der die verschärfte Ausplünderung kreativ Schaffender und die damit einhergehenden Dumpinghonorare lobpreist, hat im Freitag gerade noch gefehlt.

Täte sich der Autor mit der – als Positivbeispiel angeführten – Musikbranche auskennen, wüßte er, dass der Tod der klassischen Tonträger eine komplette Einkunfts-Schiene wegkannibalisiert hat. Kompensiert wird dieser Einkünfte-Wegbruch durch vermehrte Live-Auftritte – aushaltbar dort, wo der öffentliche Sektor (= Staat) noch subventioniert (Oper, Stadtfeste usw.), der reine Ausverkauf da, wo Mini-Gagen in Clubs, Straßenkonzerte, selbstgefertigte YT-Clips oder Gastauftritte bei geschlossenen Veranstaltungen die Alternative sind (etwa dann, wenn zwei gutbetuchte Fans beschlossen haben, den Bund fürs Leben einzugehen). Folge: Als Hauptberuf lebbar ist Musik mittlerweile fast nur noch in der Veronika Fischer-Liga. Die meisten Level darunter können sie sich (fast) nur noch als Hobby leisten.

Nun soll es den Autor(inn)en ebenfalls an den Kragen gehen. Hürden sollen fallen; drohende neue Schutzwälle – wie die Neufasssung des Urheberrechts im EP – sollen nach Möglichkeit verhindert werden. Als Vorboten des kommenden Digitaltext-Paradieses lobpreist Konstantin Nowotny, selbst dann doch lieber bei zahlenden Auftraggebern wie taz, Bento und Freitag zugange, den eBook-Rip im Internet. Und lässt – trotz aller vereinnahmenden Bezugnahmen auf die antike Kultur – die intellektuelle Dünnsuppigkeit der »Digital Natives« in ihrer ganzen Trostlosigkeit durchschimmern. Was tut man mit der – illegal oder halblegal erworbenen – Ware wie zum Beispiel dem Klassikerroman von Jonathan Franzen? LESEN funzt offenbar nicht. Lieber lässt man – damit kennt man sich wenigstens aus – Tools drüberlaufen, welche die Häufigkeit bestimmter Wörter zählen.

Wie man sieht, können Digital Natives mit Literatur sowieso nichts anfangen – weswegen die Frage des Preises sie eigentlich auch nicht tangieren sollte. Digitales Spielzeug für lau gibt es bereits zur Genüge. Da muß nicht auch noch das Buch daran glauben.

RE: Die Nation ist ein Kerl | 15.07.2018 | 11:37

Nehmen wir an der Stelle einfach mal das halbvolle Glas: den Umstand, dass es eine kleine (vermutlich sogar sehr kleine) Minderheit ist, die aktiv und gezielt Hass im Netz einspeist. Das ist erst mal zwar noch keine Gegenhilfe gegen die riesengroße reaktionäre Backlash-Cloud, die sich in der deutschen Gesellschaft (und den Gesellschaften des Westens insgesamt) aufgebaut hat und deren prozentualen Anteil man im weitesten Sinn zwischen 20 und 30 Prozent veranschlagen kann. Es unterstützt allerdings die Beobachtung, dass die Hetze – salopp formuliert: das rechtsradikale »Radioprogramm« – von einem vergleichsweise kleinen Kern kommt.

Dieser – vergleichsweise kleine und grob über den Daumen gepeilt vielleicht 100.000, wahrscheinlich weitaus weniger Individuen umfassende – Kern mag sich wiederum in sich aufgliedern: in rechte Überzeugungstäter mit Intelligenz und Planungskompetenz, notorische Querulanten, sonstige Zukurzgekommene bis hin zu Netztrollen, die Hass als »Game« betreiben sowie einen Kern handfester Psychopathen, dem man auch sonst nicht unbedingt auf der Straße begegnen möchte.

Falls diese Rechnung auch nur im Groben stimmt, dürfte es für Linke bzw. die Zivilgesellschaft nicht ganz unmöglich sein, diese Hasswelle von ihrem äußersten (beiderseits der klar kriminellen Grenzlinie agierenden) Punkt her aufzurollen und die – gemäßigten – Mitläufer peu à peu davon zu überzeugen, dass sie letztlich das Umfeld abgeben für Hater und Gewalttäter der untersten Sorte. Ich gebe zu, dass ich schwer einschätzen kann, wie weit die gesellschaftliche Verrohung bereits fortgeschritten ist und Mordaufrufe gegen eine Sportjournalistin (allein wegen ihres Geschlechts) in diesem Milieu bereits goutiert werden. Sofern diese Form Net-Backlash jedoch in kampagnenartiger Form angegangen werden soll, würde ich die Feststellung in den Mittelpunkt stellen, dass es sich hier letzten Endes um nichts anderes als – unter der Tarnkappe der Netz-Anonymität agierende – Lynchmobs handelt. Das Agieren ist das Gleiche, die Botschaft des Hasses, der Bedrohung und der Zerstörung ist die Gleiche – entsprechend sollten auch die Entscheidungsfragen sowie die eventuell zu tragenden Konsequenzen die Gleichen sein.