Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz
RE: Antisemiten sind immer die anderen | 15.12.2017 | 09:21

Um Israel, die Juden und den mit beiden verknüpften Antisemitismus zu verstehen, muß man sich nur drei Filme anschauen: Exodus, Schindlers Liste und München.

Man vergisst es gern: Der Exodus nach Palästina und die Gründung des Staates Israel hätte in der Form nicht stattgefunden ohne die Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Nazis und die Vertreibung ungezählter weiterer. Im weiteren Sinn war er die Konsequenz aus jahrhundertelangen Pogromen, Ausgrenzungen, Apartheid-Regelungen, religiös-nationalistischem Wahn und religiös-nationalistischer Bigotterie.

Mit anderen Worten: Nach den Greueln des Zweiten Weltkriegs war eine jüdische Heimstatt in Palästina nicht nur das Mindestgebot an Humanität und Gerechtigkeit. Sie war schlichtweg politisch alternativlos. Noch gerechter – man verdrängt es in D leicht – wäre die Aussiedlung von zwei oder drei deutschen Volksgauen gewesen (beispielsweise Sachsen, Hessen oder Bayern) und die Zurverfügungstellung dieses Territoriums für einen jüdischen Staat.

Aus Gründen, für die jeder deutsche Antisemit dreimal am Tag zu seinem Führer oben in Walhalla beten darf (oder besser: zu den Geistern von Churchill, Roosevelt, Stalin und Ben Gurion), ist es dazu nicht gekommen. Die Nachfahren der Überlebenden – und die Nachfahren der Randständigen in den arabischen Staaten, später auch den realsozialistischen Ländern – haben im Lauf der Zeit ein Staatsgebilde aufgebaut, dass vielleicht nicht perfekt ist, sich verglichen mit dem umgebenden Rest allerdings sehen lassen kann: einzige halbwegs funktionierende Demokratie in der Region, noch immer eine vergleichsweise egalitäre Gesellschaft, Frauen (mit die schönsten der Welt) in der Armee und Schwule, Lesben + Techno-Anhänger am Strand nahe Tel Aviv – Ich würde sagen: Das ist schon mal was.

Zumal das Land – auch wenn seine Arbeiterbewegung und seine Kibbuzim mittlerweile ebenso Geschichte sind wie der Genossenschaftssozialismus im ehemaligen Jugoslawien – auch für Linke lange Jahre Identifikationspunkte bot. Welche zumindest bis 1967 auch genutzt wurden. Weshalb linke Ressentiments – gegen Israel, gegen Juden oder gar gegen beide – zumindest stark erklärungsbedürftig sind. Alte Blocklogik nach dem Motto »Der Feind meines Feindes (USA) ist mein Freund«?

Sicher wurden Fehler gemacht; man muß sie hier nicht en detail durchkauen. Die europäischen Juden (und im engeren Sinn die, welche in Deutschland leben) werden in Geiselhaft genommen für eine vergurkte Entwicklung, an der viele Anteil hatten. Warum ist die Situation in den arabischen Ländern so desaströs, so hoffnungslos? Der Libanon etwa war einmal ein modernes Land – dolce vita in Beirut und eine Filmindustrie, die sich für arabische Länder sehen lassen konnte, inklusive. Auch die Ägypter (sowie einige Metropolen an der südlichen Mittelmeerküste) hatten ihre Moderne, ihre politischen Aufbrüche und ihre Versuche, eine zeitgemässe Gesellschaft zu schaffen.

Das alles ist erst mal kaputt. Wer ist daran schuld? Sicher nicht die, über deren angeblichen Einfluss (oder auch Ohnmacht) hier nunmehr über 70 Kommentare lang diskutiert wird.

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 12.12.2017 | 12:29

»(…) Da werden Erkenntnisse zu Tage gebracht, die einem nah gehen können.«

Um ehrlich zu sein: Die Zeit, wo sozialwissenschaftliche Texte noch nahegingen (also 1968 ff.), ist lang vorbei. Ob beinhartes Know-How für Marketing-Umfragen oder poststrukturalistische Wolke Sieben: Was heute unter »Sozialwissenschaften« firmiert, ist größtenteils systemaffirmatives Zeug. Ja – gern lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen (bin auch nicht allwissend). Und Ja – das poststrukturalistische Zeug in der Butler-Schule fällt für mich ebenfalls in die Rubrik »systemaffirmativ« (auch da lasse ich mich gern vom Gegenteil überzeugen – überzeugend gelungen ist das bislang allerdings noch niemandem).

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 12.12.2017 | 12:23

»(…) Um mal einen Vergleich zu wagen: Wir alle sehen die Sonne auf- und untergehen. Die Aufgabe des Physikers ist nun aber nicht, uns die "Binse" mitzuteilen, dass die Sonne auf- und untergeht, sondern warum das so ist bzw., warum es uns so erscheint, dass sie auf- und untergeht. (…)«

Hmja … die aufgestellte Argumentation ist sicherlich ein nicht wegdiskutierbares Pro für die Sozialwissenschaften. Nichtsdestotrotz suche ich immer noch verzweifelt nach den Erkenntnis-Perlen, die sich hinter dem Fremdwörter-Verhau im Interview eventuell verbergen.

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 12.12.2017 | 01:56

»Wenn jemand eine sexuelle, oder wie auch immer motivierte, Gewalttat begeht, so sei verkehrt, daraus pauschalisierend auf alle Menschen zu schließen, die der gleichen Religion oder Herkunft zuzuschlagen seien.«

Whow! Und für die Binse, dass man nicht verallgemeinern sollte (natürlich mit möglichst viel Fremdwörtern umschrieben – sonst versteht der Pöbel noch, dass alles nur heiße Luft ist), darf man sich einen »Prof.« vor den Namen kleben, dass Ganze als »Wissenschaft« deklarieren und mehrere Tausend Zaster pro Monat nach Hause schleppen? Ich hab auch einen. Meiner Erkenntnis nach ist

2 + 2 = 4.

Hierfür hätte ich auch gern eine Professorenstelle.

Vom »Verarschen kann ick mir alleene« zum Münkler. Der kann zwar schreiben, auch verständlich, aber für seine reaktionäre Herrschaftsinteressen-Schwarte zum Dreißigjährigen Krieg würde ich mir am liebsten das Geld zurückgeben lassen. Denke, der zeitweilig hier inserierte Wilson wäre die bessere Wahl gewesen. Vielleicht sollte ich wirklich, wie angedacht, einen Verriss schreiben. Andererseits: der verplemperten Kohle auch noch (unbezahlte) Zeit hinterherschmeißen …?

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 11.12.2017 | 20:16

»Sicher, Akademiker entkommen selten ihrer akademischen Sprache. «

Stimmt – gottlob – nur noch sehr eingeschränkt. Wer heute publizieren will, tut gut daran, den akademischen Abschreckungsslang eben nicht zu pflegen. Ich habe die Veränderung recht gut bei den Historikern mitbekommen. Bei einigen herrscht noch immer diese typisch deutsche Form der Gelehrsamkeits-Zurschaustellung. Aber die kommen über die kleinen Fachverlage, die Nischen nicht hinaus. Ansonsten sind mittlerweile die meisten auf den angelsächsischen Mainstream umgeswitcht und pflegen eine verständliche, aufs Thema neugierig machende Sprache – Stockkonservative wie der Münkler übrigens ebenso wie weiter nach links orientierte. Nur bestimmte Zweige in den Sozialwissenschaften denken, diese spezielle Attitüde aus spätfeudalistischen Zeiten noch aufrechterhalten zu müssen – witzigerweise solche, die ihre spezielle Lehre gern als »links« oder »fortschrittlich« deklarieren.

Für mich hat das durchaus Logik. Wenn die Lehre derart vage ist und abhängig vom Glauben der Gläubigen (und noch hinzukommt, dass man nichts wirklich Verbesserndes zu den Verhältnissen beizutragen hat), liegt die Flucht in den Beeindruckungsjargon nahe. Was soll man sagen? Jede(r) schaut hat, wo er oder sie bleibt.

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 11.12.2017 | 20:03

»Wieso plädieren Sie für einfache Wahrheiten in diesem Zusammenhang?«

Ich plädiere nicht für »einfache Wahrheiten«. Vielmehr bin ich der Meinung, dass diese spezielle Form von Wissenschaft per se ungeeignet ist, über irgendetwas valide Aussagen zu treffen. Das würde Frau Villa und Frau Hark nicht zwangsläufig mitbetreffen – würden sie sich hier als politisch denkende Personen äußern. Dies tun sie jedoch explizit nicht. Stattdessen schieben sie Erkenntnisse einer angeblich objektiven Wissenschaft vor. Da ebenjene Wissenschaft Glaubenssache ist, nehme ich mir das Recht heraus, das ganze für hochgeschäumten Quatsch zu halten.

Zu Ihrer vermuteten Orientierung meiner Person an einer gefühlten Mehrheitsmeinung: Keine Sorge – nichts könnte falscher sein ;-).

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 11.12.2017 | 19:55

»Schreibt ein Naturwissenschaftler seine Formeln an die Tafel, meint auch keiner ›Böhh, versteh ich nicht! Drück dich doch mal klar aus!‹«

Nur schreiben die beiden hier nicht »an die Tafel«. – Gemerkt, wo der Fehler liegt?

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 11.12.2017 | 08:16

»verhandeln … zusammenbinden … normalisieren … Konstruktion … intersektional … kontextspezifisch … positioniert … relevante Zugehörigkeiten … das Diskursive … Dominanz des Agonalen« und so weiter.

Schön, wenn man sich die Wirklichkeit mit einer exklusiven Spezialsprache zusammenleimen kann. Der Anforderung, konkrete Aussagen tätigen zu müssen, ist man in diesem Teil der Sozialwissenschaften anscheinend enthoben – besonders schön zu sehen an PIVs Antwort auf die eigentlich recht einfache Frage: »Wie kann man über sexuelle Gewalttaten von arabischen Flüchtlingen sprechen, ohne rassistisch zu sein?« (In dem Absatz wirft die Dame besonders freigiebig mit Fremdwörtern um sich.)

Andererseits muß ich konstatieren: Hat seine Logik. Die Poststrukturalisten haben sich eh von der Wirklichkeit verabschiedet – gemäß der Parole, dass nicht die Geschehnisse als solche zählen, sondern vielmehr die Sprache darüber, der »Diskurs«. Folglich hat man sich auch nur noch mit Sprache zu beschäftigen – ganz praktisch, wenn man selbst dazu eine Meta-Sprache entwickelt hat, mittels der man – zumindest einigermaßen, halbwegs – Deutungshohheit beanspruchen kann (oder mindestens ein paar Professuren + Mittel- und Unterbau im wissenschaftlichen Betrieb).

Die Vorteile dieser Art Glaubenslehre sind im Interview schön zu besichtigen: Man muß selbst nie Position beziehen. Das oben zu lesende Ergebnis lässt sich jedenfalls recht einfach auf den Punkt bringen: Mehr »sowohl als auch« hört man allenfalls von Priestern.

RE: Warten auf den großen Sprung nach hinten | 10.12.2017 | 16:50

Kommt total gut; werde mich da direktemang nach mehr umsehen :-).

Total einzigartig ist diese Form von Musik allerdings nicht. Clips einstellen funktioniert ja nicht mehr; anstelle dessen hier der YT-Link zu Golem! mit ihrem Titel »Train across Ukraine«.

RE: On ne regrette rien! | 08.12.2017 | 06:48

Von meiner Seite aus: Pardon – aber es wollte nicht klappen. Der Humor von CH und mein Humor sind halt zwei verschiedene Paar Schuh’.

Ohne letzteren zu überhöhen (je nach Temperament halten ihn manche für schräg, fragwürdig oder respektlos): Humor ist KEIN Wert für sich !!! (= ernstgemeint) Anders als bei der Titanic (die, meine Meinung, den Herrschenden in D ebenso als Ärgerniss im Fleisch sitzt wie etwa die Anstalt im ZDF) hatte der »Humor« in CH für mich keine erkennbare Zielrichtung. Zielgruppe war doch mehr oder weniger ein Marktsegment, dass ich mit »Harald Schmidt mit vage linksliberaler Gesinnung« umschreiben möchte.

Kurzum – CH hatte für mich immer eine etwas schmuddelige Ausstrahlung. Schmuddelig im Sinn der Peter Pervers-Figur in alten Pardon-Heften aus den Siebzigern. Ab einem gewissen Alter, so ab 13 oder 15, ist man mit sowas durch. Zur Einstellung: Wenn ich mir den Print-Markt anschaue, sollte ich eigentlich traurig sein oder zumindest besorgt. In Wirklichkeit ist mir die Einstellung – Sorry für die klare Ansage – einfach egal.

Hoffe, dass Sie einen anderen Job finden. Es muß ja nicht unbedingt Humor sein ;-).