Schon mal was von Language Shopping gehört?

Die Ratgeberin Unsere Autorin hat eine Idee, mit der es sich ausgezeichnet klimaneutral in fremde Länder reisen lässt: Language Shopping – besonders in Großstädten lassen sich so leicht erfrischende Alltagsfluchten einbauen. Probieren Sie es mal aus!
Ausgabe 30/2023
Hier ließe es sich auch ausgezeichnet „Language Shoppen“
Hier ließe es sich auch ausgezeichnet „Language Shoppen“

Foto: picture alliance/Uwe Ansbach/dpa

Die Suche nach einem Fahrradhelm spülte mich neulich in einen Laden namens „Radfieber“ in Berlin-Mitte. Froh betrat ich das Etablissement, in dem ich schon die von mir ausgegoogelten Helme sah. Die beiden jungen Mitarbeiter reagierten zunächst geschockt auf mein Erscheinen. Bislang hatte ich jenes schreckbedingte Erstarren, die angstgeweiteten Augen, das Luftanhalten, das ich in bestimmten Läden nach meinem Eintreten wahrnehme, auf mein Alter zurückgeführt. Nicht auszudenken, welche Scherereien sie dann damit hätten. Um also zu zeigen, dass ich noch nicht mit einem Bein im Grab stehe, sondern mich fit halte, sage ich: „Ich bräuchte eine Beratung wegen eines Radhelms.“

Der Jüngere der beiden stößt ein gepeinigtes „Oh!“ aus. Danach Stille. Schließlich ergänzt er leise und demütig: „Mein Deutsch ist nicht gut.“ Ach so. „Maybe in English“, schlage ich vor. „If it’s okay for you ...“, sagt er, etwas erleichtert, nicht ganz überzeugt. Well, however, die sich daraufhin abspielende ausgedehnte Beratung auf Englisch ist supernett. So nett, dass ich ganz vergesse zu fragen, ob der Shopname „Radfieber“ eine Falle ist und mein English-Talk jetzt gerade live auf „Berlin Bitch“ hochgeladen wird. Besser so, denn wer weiß, ob ich das überhaupt gut rübergebracht hätte – in English. Wo ich nicht mal weiß, wie diese Riemen rechts und links vom Helm heißen, weder auf Deutsch noch auf Englisch. Als ich schließlich glücklich den Helm meiner Wahl beim anderen Mitarbeiter an der Kasse bestelle, sagt der „Ist gut?“ und erklärt stolz: „Ich kann ein bisschen Deutsch.“ – „Toll!“, ich lächle erfreut und will schon fragen, so sehr fühle ich mich „outer space“: „Waren Sie denn schon mal in Deutschland?“

Da reißt es mich in die Wirklichkeit zurück. Unglaublich erfrischt durch meinen eingebildeten Kurztrip verabschiede ich mich – „Bye-bye“ – und radle davon. Unterwegs habe ich die Geschäftsidee: Language Shopping! Optimal für alle, die komplett klimaneutral in fremde Länder reisen und dabei ihre Sprachen aufpolieren wollen. Ein Portal oder eine App würde alle Geschäfte anzeigen, in denen das Personal ausschließlich die gewünschte Sprache spricht. Am besten gestaffelt nach Kenntnisstand: Für Anfänger besonders geeignet erscheinen mir große Modeketten, die in jedem Land total gleich aussehen.

Deshalb ist das Language Shopping dort besonders authentisch. Diese könnten gut auch verschiedene Sprachtage einrichten: montags Russisch, dienstags Chinesisch, mittwochs Tschetschenisch … Keineswegs braucht es dazu ein landestypisches Angebot, denn jeder erfahrene Tourist weiß schließlich, dass landestypische Angebote immer nur ein Zeichen für zu vermeidende Tourishops sind. Für Fortgeschrittene eignen sich Angebote mit mehr Beratungsbedarf: Einrichtungs- und Sanitätshäuser, Elektronik- und Baumärkte. Für noch Ambitioniertere: Kfz-Werkstätten, Friseursalons und Optiker (Warum nicht einfach mal die nächste Brille auf Suaheli raussuchen?).

Das absolute Highlight werden natürlich die Sprachtage auf dem Bürgeramt. Bislang wird dieser Service dort ausschließlich für Deutschlerner angeboten. Das immerhin konsequent: Als ich zuletzt auf dem Bürgeramt Pankow war, konnte man in der Fotokabine zwischen sechs Mal deutsch auswählen. Bald habe ich wieder einen Termin. Bitte dann alles auf Französisch, das kann ich nämlich noch gar nicht. Ich freu mich schon.

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