Wer lebt, macht Müll – wer liebt, macht ihn weg

Die Ratgeberin Früher war Berlin arm, aber sexy. Heute ist es immer noch nicht reich, aber verliebt – ins Dreckwegmachen. Darauf setzt zumindest eine niedliche neue Werbekampagne. Andere Städte versuchen es mit Maskottchen oder Touristenbeschimpfung
Ausgabe 34/2023
Mülleimer quellen immer über
Mülleimer quellen immer über

Foto: Imago/photothek

Cayman Islands, Cape Town, New York – überall, wo Menschen sich vergnügen, rufen sie damit Anti-Litter- beziehungsweise Sauberkeitskampagnen ins Leben. So auch in Deutschland, etwa derzeit im beschaulichen Berlin Friedrichshain-Kreuzberg. Die Ansprache variiert enorm nach landestypisch vermuteten Geschmäckern der Bürger.

Die Cayman Islands arbeiten mit Angst und Schrecken. Die dortige Beautification Task Force (Verschönerungseinsatzgruppe) droht auf Plakaten mit sechs Monaten Knast (oder 500 Cayman-Dollar). Denn: „Littering is a Crime“, die Aktion läuft noch bis zum 31. Oktober. Ganz anders Cape Town. Dort setzt man auf Niedlichkeit. Ein Anti-Litter-Maskottchen, das nach einer Abstimmung, nun Bingo heißt, große Augen hat und an Bernd das Brot in grün erinnert, soll die Capetowner an die Mülleimer führen. Dafür hüpft Bingo derzeit durch die Straßen.

Die New Yorker Kampagne wiederum spricht – laut der Hygienebeauftragten – die Sprache ihrer Bürger, und die sei eben frech und deutlich. Plakat-O-Ton: „If you litter, you‘re garbage.“ (Also in etwa: „Wenn du rummüllst, bist du Abschaum.“) Bei so einer Ansprache würden die Berliner und ihre Touristen ganz schön zusammenzucken, denn in Berlin wird Sprache der Liebe gesprochen: #DontLitterWhatYouLove heißt die Kampagne, die noch bis zum 14. September läuft. Die einzelnen Plakatmotive lauten entsprechend: I love Wrangelkiez, I love Kotti, I love Warschauer Straße … Vielleicht funktioniert‘s sogar? Den Volkspark Friedrichshain traf ich noch nie so sauber an wie am Wochenende. Allerdings wurde mir selbiges vom Mauerpark berichtet (nur moderate Vermüllung) und da läuft die Kampagne gar nicht. Sollte sich die Botschaft der Liebe bereits über die Kiezgrenzen hinaus verbreitet haben?

Dann stoße ich auf eine bekannte Installation: Ein kreisrundes Feld voller Papier, Einwegpackungen, Zigaretten, Angekautem, Schlunz, das sich zur Mitte hin verdichtet zu einem mittleren Berg. Der wird von Flüssigkeiten, über deren Provenienz man nicht nachdenken mag, zusammengehalten, und über diesem wiederum thront ein Mülleimer, aus dem das ganze Zeugs zu quellen scheint, wie eine Rakete kurz vorm Abschuss. Was nun, wenn ein Mensch, das Herz voller Liebe, die Hände voller Müll, auf dieses Ding trifft? Fühlt er sich da nicht brüsk abgewiesen, beleidigt, womöglich gar verhöhnt von der aktuellen Kampagne? So dass aus Liebe ganz schnell Hass würde?

Weil das schade wäre, sollte hier ein wenig nachgeschärft werden. Es ist überhaupt nicht schwer: Hundehalter kennen das Prinzip bereits. Man darf niemals ohne Hundetüte angetroffen werden. Entsprechend könnte ein kleiner Zusatzerlass besagen: Jeder, der in Berlin unterwegs ist, muss immer einen großen Müllsack mitführen. Die #DontLitterWhatYouLove-Plakate zeigen dann, was zu tun ist, wenn man auf eine Müllrakete trifft: Alles in den Müllsack! Das wird teilweise schon praktiziert, klappt allerdings nur mit ganz viel Liebe – und mit einem Müllsack.

Andere Länder gehen das Problem professionell an. In Rotterdam etwa kann man seit dem 22. Mai bei einem Müll-Notfall das neue „rapid response anti-litter team“ rufen. Das kommt auf E-Müllfahrrädern, die mit dem Slogan „super schnell schoon“ (super schnell sauber) verziert sind. Für Berlin wäre das glaube ich nichts, da fehlt einfach der Improcharakter.

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