Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
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Wolfgang Michal
RE: Utopielosigkeit aus Selbstzensur | 29.08.2017 | 12:04

Lieber Sebastian Alscher,

also die Piraten konnten sich in der Vergangenheit nicht über mangelnde Medienaufmerksamkeit beklagen. Durch die tätige Mithilfe der Medien lagen die Umfragewerte im Jahr 2012 bei knapp 12 Prozent. Aber die Piraten haben nichts daraus gemacht oder sie konnten nichts daraus machen. Warum? Wo sie doch - Ihre Worte! - ein gutes alternatives Programm vertreten.

Sie schreiben weiter, Parteien, deren Mitglieder ein Durchschnittsalter von 60 Jahren haben, verfolgen höchstwahrscheinlich andere Interessen als Parteien, die jüngere Generationen vertreten. Richtig. Diese Parteien sind eher auf Besitzstandswahrung aus als auf Veränderung (insbesondere wenn sie das internationale Umfeld mit einbeziehen).

Dazu kommt, dass die beiden (noch) großen Parteien, die den derzeitigen Wahlkampf mehr simulieren als führen, in den letzten 20 Jahren an der Regierung waren, die SPD 15 Jahre, die CDU/CSU 13 Jahre. Diese Parteien wollen also nichts anders machen, sondern ihren Kurs fortsetzen - sonst müssten sie ihre eigene Vergangenheit kritisieren. Es sind ja noch immer die gleichen Personen, die in diesen Parteien das Sagen haben.

Es müsste also erst ein Generationswechsel stattfinden. Aber auch der ist - siehe oben - noch keine Garantie.

Beste Grüße

Wolfgang Michal

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 17.07.2017 | 14:12

Dieses neue Interview passt auch ganz gut zu unserem Thema: https://netzpolitik.org/2017/interview-mit-frank-pasquale-wie-facebook-und-google-die-digitale-oeffentlichkeit-dominieren/

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 16.07.2017 | 15:21

@Rafaela

Sie haben Recht. Warum, glauben Sie, nutzen wir diese Alternativen nicht? Dummheit? Bequemlichkeit? Unwissen? Misstrauen? Bei Suchmaschinen haben wir ja das gleiche Problem. Und in der Politik im Prinzip auch :-)

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 14.07.2017 | 16:59

@Harsdorfer

Auch der "Maschinenraum der Expertenwirtschaft" bewahrt offensichtlich nicht vor dem Nebelkerzenwerfen. Niemand vergleicht hier Algorithmen mit Spülmaschinen. Es geht auch nicht darum, ob Algorithmen exakt das tun, was man ihnen einprogrammiert hat. Es geht vielmehr darum, welche Ergebnisse sie im Hinblick auf unterschiedliche Nutzer produzieren. Wenn Sie eine Spülmaschine bestellen, bekommen Sie unter Umständen einen anderen Preis angezeigt als ich etc.pp. Solche Dinge lassen sich ermitteln, und zwar völlig unabhängig davon, ob Herr Gödel ein guter Mathematiker war, zwei mal zwei 4 oder der Quellcode bekannt ist. Wir müssen, wenn schon, dann in den zur Debatte stehenden Kategorien diskutieren.

@Rafaela

Johnny Haeusler bzw. Nathan Schneider werden Twitter nicht alleine kaufen wollen oder können. Natürlich geht es nicht darum, nur den Privat-Besitzer wechseln zu wollen. Haeuslers Aufruf war eine legitime Zuspitzung, um das Thema anzufixen. Leider haben sich seine Kollegen aus der Netzszene aber lieber in Schweigen gehüllt.

Was die Dezentralisierung angeht, so bin ich d'accord, aber was Vergesellschaftung ist (vor allem, wie sie organisiert ist) müssten Sie schon mal ausbuchstabieren. Mit der "Logik des Kapitals" zu argumentieren ist das eine, ein Alternativ-Modell konkret zu beschreiben, das andere.

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 13.07.2017 | 11:08

@Rafaela

Danke für die Hinweise, die mir aber teilweise schon bekannt waren. Um den zentralen Punkt vorwegzunehmen: Mit dem Thema Demokratisierung der Digitalwirtschaft - und das beinhaltet Ihren Punkt "öffentliche Daseinsvorsorge" - beschäftige ich mich seit langem, stelle aber fest, dass dieses Thema von Netzaktivisten und Netzpolitikern kaum bearbeitet wird.

http://www.wolfgangmichal.de/2017/07/setzen-die-netzaktivisten-die-richtigen-prioritaeten/

http://www.wolfgangmichal.de/2012/02/monopol-kapitalismus/

Insbesondere müsste wohl diskutiert werden, wie diese Überführung in öffentliche Daseinsvorsorge praktisch gestaltet werden soll: Entflechtung der Firmen, Betriebsverfassung, Transparenzpflichten, Nutzermitbestimmung etc.? Wie würde eine Demokratisierung - im Unterschied zur Verstaatlichung, die wahrscheinlich weder Sie noch ich wollen - aussehen?

Ansonsten kann ich Ihren kritischen Einwänden weitgehend zustimmen, ich wäre allerdings nicht so pessimistisch, was die Testbarkeit von Algorithmen angeht. Hier fände halt der übliche Experten-Wettlauf statt - wie zwischen Hackern und IT-Sicherheitsabteilungen oder zwischen Tresorherstellern und Tresorknackern.

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 12.07.2017 | 18:04

Danke für die Tipps und die interessanten (manchmal auch schicksalsergebenen) Einwände. Natürlich sind solche Gesetze - wie sie Maas vorschlägt - Ersatzhandlungen für die fehlende Bereitschaft, die Internet-Wirtschaft zu demokratisieren. Aber nehmen wir mal an, es gäbe so eine Stiftung Algorithmen-Test nach dem Vorbild der Stiftung Warentest. Das wäre zumindest eine Hilfe für die Verbraucher (Der Maas ist ja auch Verbraucherminister). Die Tester könnten eine (repräsentative?) Personengruppe damit beauftragen, die gleichen Handlungen im Internet auszuführen (bei Suchmaschinen, sozialen Netzwerken, Online-Shops etc.) und dann studieren, welche unterschiedlichen Ergebnisse das bringt. So könnte man Verzerrungen durch Algorithmen feststellen, ohne den Quellcode kennen zu müssen. Das wiederum würde zu einem Bewertungsranking führen, das veröffentlicht werden könnte. Wäre immerhin etwas. Eine Behörde aber, die nur verschiedene Expertenrunden über den gesellschaftlichen Einfluss von Algorithmen labern lässt, wäre überflüssig oder eine ähnliche Schaufensterveranstaltung wie die im Januar vom SPD-Kanzlerkandidaten präsentierte "Digitalcharta".

RE: Facebook muss Redaktion werden | 07.06.2017 | 13:32

@sehwolf

Sorry, aber leider haben Sie nichts verstanden (das liegt vielleicht daran, dass Sie noch nicht den ganzen Artikel kennen). Momentan ist es so, dass Facebook die Gewinne einstreicht, ohne sich an den sozialen Kosten der Plattform zu beteiligen. Von der Allgemeinheit bezahlte Staatsanwälte und Richter sollen für Facebook "den Dreck wegmachen". Der Medienkonzern versteckt sich dabei hinter dem Provider-Privileg, das eigentlich für die Post bzw. die Telekom gedacht war.

RE: Prävention ist eine Allmachtsphantasie | 04.06.2017 | 10:42

@Balsamico

Ich meine den Satz in Paragraph 10, der unterhalb von Satz 2 steht. Und da steht "... oder beaufsichtigt". Das ist m.E. heute der Fall. Facebook wird ja auch massiv dazu gedrängt, die Nutzer zu beaufsichtigen. Facebook ist in einer Catch-22-Situation. Die können machen, was sie wollen, es wird früher oder später darauf hinauslaufen, dass sie immer umfassender die Inhalte prüfen müssen. Und mit jeder Ausweitung der Prüfungen geraten sie immer tiefer in die Situation hinein, die sie nicht wollen: nämlich als Medienunternehmen und nicht als neutraler Kommunikations-Dienstleister gesehen zu werden. Das Telemediengesetz müsste also präzisiert werden.

Was die von Ihnen beschriebene Verhaltensweise von SPON betrifft, so können Verlage alles aussortieren, was ihnen nicht passt, das müssen gar keine strafrechtlich relevanten Inhalte sein. Zeitungsverlage sind ja private Unternehmen. Der Verleger bestimmt die Linie. Schon immer wurden Leserbriefe nach Gusto veröffentlicht. Und die "innere Pressefreiheit", die das ändern könnte, konnte bei uns nie politisch durchgesetzt werden, ein Presserechtsrahmengesetz ist vor vielen Jahren gescheitert.

Die Facebook-Debatte könnte also vieles in Bewegung setzen.

RE: Prävention ist eine Allmachtsphantasie | 03.06.2017 | 16:58

@Balsamico

Der BGH hat seine Entscheidung gefällt, bevor der öffentlich Druck auf Facebook die Firma gezwungen hat, immer mehr Content-Filter und Beaufsichtigungen der Nutzer einzuführen. Deshalb konnte man über den letzten Satz des §10 TMG auch bisher hinwegsehen. M.E. geht das nun nicht mehr.