Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
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Wolfgang Michal
RE: Frische Luft täte dem Mann gut | 10.02.2018 | 16:50

Lieber Christoph Leusch, Sie haben Recht, was die mangelnde Solidarität angeht. Deshalb sollte man sich auch für ein Ende dieser "Haft" einsetzen. Zu Ihrem letzten Absatz: Die Parteinahme für das Deutsche Reich muss man kritisch sehen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es ein Attentat der Anarchisten war, das als Vorwand diente, um die Sozialisten in Deutschland zwölf Jahre lang unterdrücken zu können (Sozialistengesetze 1878-90). Und zwischen 1855 und 1900 war der Anarchismus in dieser Hinsicht sehr 'aktiv'. Das störte den Marsch durch die Institutionen. Beste Grüße Wolfgang Michal

RE: Frische Luft täte dem Mann gut | 07.02.2018 | 19:37

Lieber Christoph Leusch,

Sie schreiben, ich würde Assange den "Anarchismus" krumm nehmen, weil er nicht unterscheide, wem die Leaks nutzen.

Das ist nicht richtig. Wäre die Enthüllungs-Plattform in diesem Sinne 'neutral', würde ich das begrüßen. Wie ich oben geschrieben habe, finde ich es allerdings problematisch, dass die Plattform für politische Interessen zugänglich, d.h. "benutzbar" ist. Siehe das oben geschilderte Beispiel mit Trumps Sohn. Das US-Online-Magazin "The Intercept" hat den Fall ausführlich geschildert: https://theintercept.com/2017/11/15/wikileaks-julian-assange-donald-trump-jr-hillary-clinton/

Das wirft natürlich die Frage auf, wie benutzbar Wikileaks ist?

Davon zu unterscheiden sind seine politischen Auffassungen. Er hätte sich z.B. auch an Bernie Sanders wenden können. Aber Sanders hält er offenbar für einen Heuchler, Kriegsbefürworter und Zionisten, der vollkommen in Hillary Clintons Partei aufgehe. Man kann entsprechende Tweets von Assange über Sanders nachlesen.

Ich könnte über die politischen Ansichten von Assange hinweggehen, wenn er sie unabhängig von Wikileaks machen würde. Aber das ist - siehe oben - nicht der Fall.

Und noch ein Punkt: Um die Denktraditionen, in denen Assange steht, deutlicher zu machen, ist ein Rückblick ins 19. Jahrhundert gar nicht so verkehrt. Man kann - wie Sie richtig anmerken - dafür auch die heftige Kontroverse zwischen Marxisten und Bakunisten im Rahmen der I. Internationale heranziehen. Die Feindseligkeit der Marx-Anhänger gegenüber den Anarchisten war ohne Frage irritierend. Sie ist es bisweilen auch heute noch.

Assange hat "Die Philosophie der Tat" (Bakunin) in vielerlei Hinsicht für sich adaptiert. Dass er - aufgrund seiner Erfahrungen mit den 'linken' Demokraten nach 2010 - bei den libertären Republikanern landete, ist nachvollziehbar. Die Linken haben ihn (auch aufgrund der Anschuldigungen zweier Frauen in Schweden) ziemlich schnell im Stich gelassen.

Letzte Anmerkung: Sie weisen zu Recht darauf hin, dass diejenigen, die sich später auf Marx beriefen, im Lauf des 20. Jahrhunderts mehr zerstört haben als diejenigen, die sich auf Bakunin beriefen. Aber das liegt wohl nicht an den beiden Aktivisten des 19. Jahrhunderts.

Beste Grüße

Wolfgang Michal

RE: Frische Luft täte dem Mann gut | 06.02.2018 | 18:17

Wenn Assange einem Sohn von Trump vorschlägt, er möge ihm doch die Steuererklärung seines Vaters schicken, damit er diese auf Wikileaks veröffentlichen kann, was ist das dann für ein Leaking?

Wenn Assange weiter argumentiert, eine solche Enthüllung von Trumps Steuererklärung würde die Glaubwürdigkeit von Wikileaks erhöhen und dadurch der nächsten Clinton-Enthüllung während des Wahlkampfs mehr Gewicht verleihen, was bleibt dann vom einstigen Wikileaks-Konzept übrig?

Sicher, das alles schmälert nicht den Inhalt früherer Dokumente. Aber der Vorgang zeigt leider, dass Wikileaks für gezielte politische Beeinflussung offenbar benutzbar ist. Ohne die Befragung des Trump-Sohnes wäre das gar nicht bekannt geworden. Und das ist schade. Es fehlt die Transparenz in eigener Sache.

Ich werfe Assange nicht vor, kein Linker zu sein. Ich erkläre lediglich anhand seiner Aussagen, wohin sein Anarchismus tendiert.

Den britischen Haftbefehl wegen Nichteinhaltens der Kautionsauflagen sollte man allerdings aufheben und ihm die Ausreise endlich ermöglichen.

RE: Reiter der Lawine | 16.01.2018 | 22:56

@J.Thiede

Sie wissen natürlich, dass Corbyn kein Freund von New Labour war. Er hat Blairs Politik nie unterstützt. Insofern ist Ihr Einwand ziemlicher Unsinn.

Die Anlehnung an das dezidiert linke Wahlprogramm von 1983 (das ein 'gemäßigter' Labour-Abgeordneter als "längste Selbstmordankündigung der Geschichte" bezeichnete) meint natürlich die Tendenz.

Und was das fröhliche Studieren der Briten angeht, hier mal eine Meldung, die Sie sicher interessiert:

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/studiengebuehren-warum-englische-studenten-nach-deutschland-kommen-a-857169.html

20 Prozent der Studenten in GB kommen aus dem Ausland (und die haben sicher keine armen Eltern).

Und noch was zu den Unterprivilegierten: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-07/grossbritannien-klassengesellschaft-brexit-bildung-ungleichheit

RE: Nicht mehr moderierbar | 11.12.2017 | 18:48

Sorry, es hat ein bisschen gedauert, aber ich brauchte 4 Tage, um Ihren klugen Kommentar zu lesen ;-)

Als "Linkskonservativen" würde ich Sie nun am liebsten in die Sloterdijk-Schublade stecken, aber Sie mögen Schubladen natürlich - wie wir alle - überhaupt nicht. Also lassen wir erst mal das einordnen (Sie wissen wenigstens, wen Sie vor sich haben) und harren der Dinge.

Bis Mai/Juni soll es ja eine neue Regierung geben (sagt jedenfalls der neue SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil). Dann werden wir sehen, wohin die Gespräche, die ja zu Vorsondierungen führen sollen, die wiederum Sondierungen einleiten könnten, die eventuell zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen führen, Union und SPD bringen werden. Da kann noch viel passieren...

RE: Links ist Geschichte | 05.12.2017 | 17:48

Die Nebenwirkungen der Energiewende, die sich nun mal nicht in den Städten, sondern auf dem Land zeigen, führten dort zu den entsprechenden Wähler-Reaktionen. Das ist die Beschreibung der Lage, keine "Vorführung".

RE: Nicht mehr moderierbar | 05.12.2017 | 17:36

Ein sehr interessanter Rundblick, den Sie hier anbieten, "Banana King"! Ich habe mir daraufhin Ihre anderen Kommentare unter anderen Beiträgen angesehen. So ganz schlau werde ich aber nicht aus Ihnen. Wie würden Sie Ihre eigene Position denn beschreiben? Wollen Sie zurück zur Malocherpartei SPD und zur angeblich einheitlichen christlichen Unionskultur? Back to the Fifties? Ist das nicht unmöglich?

Sie bewundern, so viel habe ich verstanden, die beiden Niedersachsen Schröder und Gabriel.

https://www.freitag.de/autoren/wolfgang-michal/links-ist-geschichte

Das sind in Ihren Augen political animals, Vollblutpolitiker. Dagegen, ich will nicht sagen hassen, lehnen Sie Angela Merkel mit einer Spur Bewunderung im Unterton heftig ab.

Am gegenwärtigen Zustand der Parteien lassen Sie kein gutes Haar, nur die AfD, das war jedenfalls mein Eindruck, beschreiben Sie ungewöhnlich milde (es kann aber auch sein, dass Sie diese Partei so verachten, dass sie sie gar nicht für satisfaktionsfähig halten). Sie erwähnen/bedauern z.B. den Verlust des "sozialpatriotischen Flügels" bei der SPD (am Beispiel des Essener Konflikts um Guido Reil).

https://www.waz.de/staedte/essen/essener-guido-reil-in-den-afd-bundesvorstand-gewaehlt-id212722089.html

Was die gegenwärtigen Regierungsbildungsprobleme angeht, so tippen Sie auf eine Art "Konkordanzlösung" für die nächste Regierung. Dieser Wetteinsatz ist ziemlich hoch (würde Ihnen aber viel Anerkennung einbringen, wenn Sie damit richtig liegen). Das würde bedeuten: ein CDU/CSU-Kabinett Merkel IV mit einigen bunten Einsprengseln aus Fachleuten sowie einzelnen Ministern aus SPD und Grünen, vielleicht sogar der FDP (Kubicki bietet sich bereits an, nein, doch wohl eher nicht).

Ich glaube, das ganze Szenario ist ein bisschen zu schlau ausgedacht. Auch die SPD als Partei wäre nicht so schlau, sich auf eine Merkelsche Macron-Lösung einzulassen. Vielleicht wäre der gewitzte Gabriel dazu bereit, da haben Sie Recht, aber gegen den Willen seiner Partei? Wohl kaum. Nein, die heutige CDU taugt - trotz Tauber, Altmaier und Kinnert - nicht als Sammlungsbewegung a la République en Marche.

Vermutlich braucht es diese komplizierten Sandkastenspielchen auch gar nicht. Wenn das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Union und SPD einigermaßen vertretbar ist (auch für die opponierenden Jusos und für das Duo Schwesig/Dreyer; die CSU unter dem Nur-noch-Parteivorsitzenden Seehofer wird ohnehin mitmachen), dann wird es doch eher auf die bewährte, nun etwas kleinere GroKo hinauslaufen. Gabriel hat ihr heute schon die Grundsatzrede gehalten: ein deutsch geführtes Europa in der Welt.

http://www.tagesschau.de/inland/gabriel-rede-103.html

RE: Nicht mehr moderierbar | 02.12.2017 | 17:24

Die Kritik an der zu starken Personalisierung ist teilweise berechtigt. Allerdings ist der politische Richtungsstreit in der CDU - und das gab es unter früheren CDU-Vorsitzenden nicht - untrennbar mit der Person Merkel verbunden. Sie ist das Symbol des inhaltlichen Konflikts, die Reizfigur. AfD, FDP und ihre Sympathisanten reden nicht zufällig bewusst (und meistens abfällig) von der "Merkel-CDU".

Die der Personaldebatte zugrunde liegenden inhaltlichen und strukturellen Konflikte, also die Konflikte zwischen den so genannten Reformern in der CDU und ihren innerparteilichen Gegnern habe ich erst vor kurzem hier beschrieben: https://www.freitag.de/autoren/wolfgangmichal/merkels-union-steuert-in-eine-zerreissprobe

Für eine neuerliche große Koalition bedeutet das, dass sich deren Erfolgsaussichten grundlegend verändert haben: Zwei innerparteilich durch erhebliche Wahlverluste unter Druck stehende Parteien in eine Koalition zu zwingen, um damit die innerparteilichen Konflikte weitere vier Jahre ruhig zu stellen (anstatt sie endlich auszutragen), das kann nicht gut gehen. Es ist deshalb heute wesentlich riskanter für CDU und SPD, sich erneut für eine große Koalition zu entscheiden, als dies 2005 oder 2013 der Fall war.

RE: Lindners Plan ist nicht geheim | 29.11.2017 | 18:02

Ja klar, ich versuche den 'Plan' Lindners zu beschreiben, nicht meinen. Und der gute Marxist ist Ironie. So wie Ihr letzter Satz.

RE: Lindners Plan ist nicht geheim | 28.11.2017 | 16:00

Man sollte die FDP nicht unterschätzen, zumal sie eine starke Lobby in der Wirtschaft und in den Medien hat. Der jetzige Frust der Eliten über die Jamaika-Absage wird vorübergehen.

Um aus der kleinen FDP eine große Sammlungsbewegung machen zu können, bedarf es natürlich einer größeren Krise (das haben AfD und FDP aus dem Jahr 2015 gelernt). Lindner betonte als Begründung für das Aus bei den Jamaika-Sondierungen immer wieder einen bestimmten Satz: Wenn man sich schon bei den vorhersehbaren Dingen nicht einigen könne, sagte er, wie fragil wäre dann erst eine Koalition, die vor unvorhersehbaren Ereignissen stünde. Lindner rechnet also - wie jeder gute Marxist - mit periodisch auftretenden Krisenerscheinungen im Kapitalismus. Darauf will er seine FDP vorbereiten. Er ist erst 38 und denkt darum langfristiger als Merkel, Schulz oder Seehofer.

P.S.: Im Übrigen bin ich überrascht, hier auf freitag.de mal eine richtig gute Diskussion unter einem Beitrag zu sehen. Danke dafür.