Impertinenter Kranich

#TexasText/Jamal Tuschick Cole brachte das Kunststück fertig, Siegerinnen zu schmieden, die von Haus aus talentfrei waren. Er kreierte Leistungsträgerinnen.

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Guten Morgen, mein Name ist Serena Hideyoshi. Professor Tomoko Nanami-Steinbeißer bat mich, etwas Zurechtrückendes zu Cole zu sagen. Das ist nicht einfach. Viele wissen so manches. Zu Cole als Liebhaber möchte ich nur Allgemeinplätze verbreiten. Er blieb eine öffentliche Person auch im Bett. Seine zeitgeschichtliche Größe wollte er nicht geschmälert wissen. Jeder Spiegel half ihm, nicht vom Glauben an sich abzufallen. In der Retrospektive erinnert mich Coles Repertoire an Rummelplatzartistik aus der Stummfilmära.

Ich kriege Gänsehaut am Schreibtisch. Gerade erkenne ich, wie abergläubisch ich werde, sobald Cole ins Spiel kommt. Der Meister war ein Magier. Ich weiß es genau. Ich rechne mich nämlich zu jenen Unbegabten, die von Cole weit über ihre Möglichkeiten hinausgeführt wurden.

Wir kennen das Phänomen der Förderung; die Entdeckung und Dynamisierung von Talent. Cole brachte das Kunststück fertig, Siegerinnen zu schmieden, die von Haus aus talentfrei waren. Er kreierte Leistungsträgerinnen aus dem Nichts. In seiner Aura heimsten Kaderkleinleuchten Titel ein, die unter normalen Umständen nicht einen städtischen Wettkampf gewonnen hätten. Ich bin das beste Beispiel dafür. Und es beweist einmal mehr die Weisheit unserer Ordensäbtissin, dass Professor Tomoko mich bat, ein unvertrautes Bild von Cole zu entwerfen.

Cole, Vollwaise ab dem dritten Lebensjahr, wurde von seiner Großtante, der Großmeisterin Maeve von Pechstein, nach karatepädagogischen Devisen erzogen. Maeve schickte den Großneffen als Siebenjährigen in ein Karatekloster auf Okinawa. Mit zehn expatriierte man das Kind in die Hochburg des White Crane Gong-fu. Die legendäre Shaolin-Mönchstochter Fang Chee-Niang soll in der chinesischen Provinzkapitale Fuzhou beim Beobachten eines impertinenten Kranichs kampfkünstlerisch kreativ geworden sein.

Antike Physiotherapeut:innen* erkannten die optimierte Effektivität von Dǎoyǐn. Sie boten Exerzitien an, die auf Nachahmungen tierischer Bewegungsbilder basierten (Qínxì).

Als Dreizehnjähriger kehrte Cole nach Kassel zurück. In der Rolle eines frühreif und altklug Lehrenden verlief er sich in den Labyrinthen der Grandiosität. Cole litt unter der Vorstellung, das Image der Karateschule Pechstein, der er mit zwanzig bereits vorstand, haarklein aussteuern zu müssen.

Wir sprachen von dem Karatekloster Pechstein und nannten Cole unseren Abt.

Noviz:innen* verrichteten Büroarbeit verkauften Sportartikel und schoben im Karatecafé Sanchin Schichten. Sie dienten ehrenamtlich. Man musste sogar Geld mitbringen, insofern man Coles anspruchsvollen Erwartungen an die Erscheinungen der Repräsentant:innen* seines Dōjō zu entsprechen hatte.

Es gab eine Kleiderordnung. Cole rügte das Personal nach japanischem Vorbild. Da war niemand, der seine Vision von einem idealen Dōjō nicht kannte. Alles war handverlesen, nichts wurde dem Zufall überlassen. Es gab Aushänge, Übungsaufgaben und Referate zu Nuancen, Schattierungen, Maserungen, Valeurs. Nichts erschien geringwertig genug, um im Vorübergehen entschieden werden zu können. Gleichzeitig sollte uns der Gleichmut regieren.

Das Irdische stand zur Disposition. Wir wollten es überwinden.

Unauflösbare Gegensätze waren eine Spezialität, für die Cole immer neue Spitzfindigkeiten ausgrub. Die geistigen Grundlagen des Karate unterrichtete er in Früh- und Spät-Repetitorien. Es war ihm furchtbar ernst damit. Der Mensch ist ein Geistwesen. Folglich fußt Karate auf rationalen Lösungen. Das war ein Cole’sches Credo.

Uns bimste er Binsen ein:

Kampf ist Kopfsache. Intelligenz ist die Highcard.

Vielleicht klingt diese Dimension nicht an, aber ich erinnere mich voller Sympathie und Dankbarkeit. Cole verdanke ich die größten Erfolgserlebnisse, genialsten Augenblicke und stärksten Orgasmen. Mein Leben wäre ohne ihn viel ärmer geblieben. Am meisten ehre ich Cole für Entspannungserleuchtungen, die er mit mir in zähen Prozessen erarbeitete.

Ich war in meinen ersten Trainingsjahren lächerlich langsam, unbeweglich und kaum motiviert. Meine Mutter fand es schick, mich zu Maeve zu schicken. Das war nicht originell, sondern entsprach einer stadtteilspezifischen Mittelstandsmode, die mit vielen Unbeholfenheitszeichen daherkam. Allgemeine Ängste im öffentlichen Raum kulminierten in phantastischen Erwartungen an die Wehrhaftigkeit der Töchter. Mütter imitierten in Konversationen Grundschultechniken. Sie äfften das Kinderprogramm nach. Sie machten abgehackte Bewegungen und grunzten. Zugleich überspielten sie die Peinlichkeit, die sie bei ihren Einlagen überkam. Es gab in ihrer Sphäre überhaupt keinen Maßstab für das Gelingen. Man hätte ihnen alles weismachen können. Diese Frauen waren Karateanalphabetinnen.

Sensei Maeve reagierte auf den Wilhelmshöher Mütterenthusiasmus mit Kaffeekranzangeboten. Sie organisierte Wohltätigkeitsbasare und Ausstellungen von Hobbymalerinnen. Zwar hatte sie in Japan Karate unter traditionellen Vorzeichen studiert und war zu ihrer Zeit vermutlich die beste Praktizierende in Deutschland, trotzdem kam sie den gedankenlosen Begriffen des Publikums pädagogisch entgegen. Ihre Verbindlichkeit höhlte sie aus. Maeve verausgabte sich. Sie flüchtete zu den japanischen Sitzkünsten; den Stab bei der ersten Gelegenheit abgebend.

Der als Karatewunderkind gehandelte Cole gerierte sich puristisch. Er hatte gelernt, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. Er verbarg seinen Geschäftssinn.

Cole verstand die Zeichen der Zeit, als er einen Frauenleistungskader gründete und einen flauschigen, alle involvierenden Fünfjahresplan entwarf. In dieser Spanne sollte die Karateschule Pechstein die erste Kasseler Karatevollkontaktweltmeisterin hervorbringen. Die Sogwirkung des Projekts war unbeschreiblich. Cole ließ einen Tempel errichten, den malerischsten Bau weit und breit. Im exklusivsten Bereich genossen die Initiierten den Komfort eines Fünfsterneplus-Spa.

Wer davon erzählen konnte, gehörte dazu. Weltmeisterin wurde dann übrigens Amina Krasota-Eisenfuß.

Ausgerechnet Amina - Aus dem Off/Im Präsens von damals

Amina sticht nicht heraus. Sie ist die Blasse im Schatten ihrer karateverrückt-flamboyanten Schwester Anzu. Anzu strebt nach Vollständigkeit. Sie will alles wissen. Deshalb studiert sie Karate in einem Dōjō am Fuß des Kumotori im Okuchichibu-Gebirge, und Japanologie in Göttingen.

Amina absolviert eine Ausbildung zur Physiotherapeutin in Wilhelmshöhe. Sie wechselt noch nicht einmal den Stadtteil aus lauter Saumseligkeit. Die japanischen Begriffe spricht sie falsch aus. Sie entschuldigt sich achselzuckend.

Amina ist schneller und beweglicher als alle anderen, die in der Frauenleistungsgemeinschaft zusammengeschlossen sind. Sie kapiert Coles taktische Anweisungen nicht nur. Vielmehr leuchten ihr die Finessen ein. Unter lauter Verblendungen rührt sich ein martialisches Wesen.

Serenas Verwandlung

Amina kämpft gern. Das findet sie selbst befremdlich und würde es nie zugeben; ungeachtet eines Mangels an Anstößigkeit. Eine Karateka*, die nicht kämpfen will, kann sich überhaupt nicht entwickeln. Nur wer weiß, wie es sich anfühlt, k.o. zu gehen, begreift den Nutzen der Techniken für die Selbstverteidigung.

Amina beobachtet Serenas Verwandlung in der Regie von Cole. So als habe Cole mit dem Teufel gewettet, dass er aus der Unfähigsten wenigstens eine Vizedeutsche Meisterin machen könne, und sei es aus schierem Vorwitz.

Eine gehemmte und ungelenke Person, die auf die unglücklichste Weise zu reagieren geneigt ist, entdeckt mit bizarren Verzögerungen die Freuden der Leichtigkeit. Irgendwann unterbricht zum ersten Mal ein flockiger Move das alltägliche Trauerspiel. Serena weiß nicht, wie ihr geschieht. Das Glück durchschießt sie. Sie verweigert dem Gefühl die Zustimmung. Dann sieht sie ihren Trainer so lächeln wie noch nie in ihrer Gegenwart.

Wochen später findet Serena zufällig Anschluss an das bereits verloren geglaubte Glück. Sie will den Augenblick festhalten. Wieder dient ihr Cole als lammfrommer Maßstab für das Gelingen.

„Du schaffst es“, sagt er.

Serena steigt in die Sherpa*-Gruppe auf. Die Sherpas begleiten Amina zum Gipfel. Jede Praktizierende hat das Potential einer Hessenmeisterin. Morgens um sechs treffen sich die Sherpas zur Meditation. Sie schließen sich zu einer Batterie zusammen und produzieren Overflow.

Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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