Karatepädagogik

#TexasText/Jamal Tuschick „Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten.“  Ossip Mandelstam über Stalin

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„Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten.“ Konstantin Ziolkowski

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Das „Stalin-Epigramm“ - In dem heimlich geschriebenen und verbreiteten Gedicht aus dem Jahr 1933 charakterisiert Ossip Mandelstam den Chef der Sowjetunion als „einen Verderber der Seelen und Bauernschlächter“.

„Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten.“

Die lyrische Subversion bildete den Auftakt der Ächtung und Vernichtung Mandelstams in mehreren Akten.

Putin rehabilitiert Stalin, um jene unmenschliche Ordnung anzuzeigen, die in seinen Augen eine so überzeugende Traditionslinie liefert, dass er sie verlängern will.

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Aufgeklärter Katastrophendiskurs

Zu Allerheiligen 1755 forderte das große Erdbeben von Lissabon auf der Stelle dreißigtausend Tote. Goethe fasste das Glück im Unglück:

„Und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist.“

Das Ereignis bestimmte die Richtung des aufgeklärten Katastrophendiskurses. Es transformierte das europäische Denken nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass zwar so gut wie alles in der Erde versank, dass Rotlichtquartier Alfama aber verschont blieb. Der als maurische Siedlung ursprüngliche Bezirk lag höher als die übrige Stadt. Während die Kathedralen im Furor eines dreifachen Angriffs - Erdbeben/Tsunami/Feuer - zusammenbrachen, widerstanden die Bordelle auf ihrem Felsfundament.

Während das Ausmaß der portugiesischen Verheerungen seine Konturen allmählich erkennen ließ, wurde in Paris getanzt. Die Feststellung dieser Gleichzeitigkeit verdanken wir Voltaire. Für Goethe gewann die Kunde vom Beben und der mit dem Beben einhergehenden „Wasserbewegung“ (Immanuel Kant) aka Tsunami die Kraft eines Schlüsselerlebnisses:

„Durch (das) außerordentliche Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert.“ (Originale Rechtschreibung aus „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“)

Voltaire dichtete empathisch: „Betrogene Philosophen. Ihr schreit: „Alles ist gut!“

Er riet der Gemeinde: Kommt her und seht selbst. Guckt euch das Desaster an … die schwelenden Ruinen und abgesprengten Gliedmaße.“

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Maeve döst sich dem Ende der Vorlesung entgegen. Die neunzehnjährige Tochter der Vulkanologin Antigone von Pechstein lebt noch nicht lange wieder in Deutschland. Den Gepflogenheiten ihres Geburtslands bleibt sie vorläufig entfremdet. Kindheit und Jugend verbrachten Maeve und ihre ältere Schwester Ruth auf der japanischen Kaiserinsel Kyūshū in der Präfektur Miyazaki. Nach einer Legende herrschte da die erste japanisch gelesene Königin, zumindest fürstliche Schamanin Himiko, abgeschirmt von tausend Dienerinnen.

Maeve und Ruth folgen beinah von Geburt dem Budo Path von Miyagi Chōjun und Ōyama Masutatsu sowie Chiba Shūsakus Hokushin Ittō-ryū. Bald wird die Jüngere und Passioniertere ihr Wissen an uns Nordhess:innen* weitergeben. Ich schalte mich kurz ein, nur um mich vorzustellen. Mein Name ist Nikolaus Graf Speer zu Schauenburg.

Aus dem Off

Nikolaus, für seine Freund:innen* Kola, praktiziert in seinem eigenen Dōjō, das, im verkleinerten Maßstab, dem Chiba Shūsaku Narimasa Dôjô nachempfunden ist. Für Kola geht nichts über Karate, Schwertkampf und Geschichte. Er teilt mit Maeve eine illustre Verwandtschaft. Beide stammen von Bruno von Pechstein ab. Kurz zur Genealogie.

Der Augustiner-Chorherrenstift Weißenstein

Wir erinnern uns an das Jahr 1143. Kassel ist noch lange nicht Residenzstadt, vielmehr ein Appendix karolingisch-anachronistischer Herrschaft, gelegen an einer Fuldafurt. Beim Urlaub in der alten Heimat Fritzlar trifft Stiftschef Bruno von Pechstein seine Nichte Mechthild. Sie ist Tochter eines Ritters, die Pechsteins sind niederhessischer Uradel. Sie setzen sich auch für Mainzer, Thüringer und Ziegenhainer Interessen ein, sofern der Preis stimmt. Noch ist das Waldecker Land, zu dem Fritzlar geografisch gehört, in Thüringer und Mainzer Hand. Die gleichzeitigen hessischen Ansprüche konkurrieren untereinander. In diesen Konkurrenzverhältnissen entfaltet sich die Pechstein Doktrin. Verwüsten Pechsteins Reiter ein Dorf, dann geht es nach ihren Rechtsbegriffen nicht armen Landsleuten an den Kragen. Die Haudegen spießen Leute auf, die nach allgemeiner Rechtsauffassung keinen Grund kennen, sich als rechtsfähige und ehrbare Personen zu begreifen. Sie sind Gente sin razón. Der spanische Rechtsbegriff koinzidiert mit einer interessanten Figur. Die spanische Kolonialverwaltung erkannte im lateinamerikanischen Ethno-Mix ab 1492 einen Typus sin ombligo - ohne Nabel - als verbindungslose Erscheinung.

Von Mechthild erfährt Propst Bruno, woran es in Fritzlar fehlt. Man braucht ein Krankenhaus. Der Cousin sagt: „Okay, ich stifte dann mal ein Spital.“

So sammelt Bruno Paradiespluspunkte. Als Organisationsstruktur bietet sich ein Kloster an. Augustiner* fördern Augustinerinnen* und fertig ist die Laube ab 1145. Pechsteiner engagieren sich auf der Führungsebene, bis der protestantische Landgraf Philip 1530 den katholischen Pflegedienst einstellt. Und wie heißt die letzte Mater? Gertrud von Pechstein, mich wundert das nicht. Zur Kompensation ihrer Verluste kriegt sie einen schäbigen Flecken im Edertal, der ihr bereits gehörte, bevor er eine Wüstung war. Ich rede von Berningshausen. Der alte Reinhard von Dalwigk hatte das Dorf in Schutt und Asche gelegt.

Zurück in die Gegenwart von 1960

Bikini ist nicht nur ein verstrahltes Atoll. Vielmehr gehört ein Bikini im Wirtschaftswunderland zu den Must-haves jeder statusempfindlichen Adoleszenten. Maeve und Ruth stecken in einem Kulturkampf mit ihrer Mutter. Der Dissens zwischen up to date und gestrig überlagert eine vermiedene Debatte. Repräsentant:innen* der Adenauer-Restauration plädieren für Altbewährtes und bis zur Ranzigkeit Überkommenes. Sie wollen „keine Experimente“. Über Teenager und sogenannte Halbstarke redet man so, als sei die Pubertät eine amerikanische Erfindung. Ein Hauptsatz des deutschen Spießers lautete: Unter Adolf hätte es das nicht gegeben.

Der Rock’n’Roll-Hüftschwung avanciert zum Dekadenzgipfel. Maeve und Ruth stromern einigermaßen unbekümmert durch die Gefilde gediegener Ländlichkeit. Man residiert standesgemäß auf halbem Weg zwischen Kassel und Göttingen hart an der Landesgrenze zwischen Hessen und Niedersachen und so auch an einer Sprach- und Wetterscheide. Die höheren Töchter schwimmen in einem trägen Daseinsstroms, getragen von den Gewissheiten einer in Generationen abgesicherten Zugehörigkeit. Beim Baden in der Weser tragen sie dann doch ihre altmodischen Badeanzüge. Die Zeit der Selbstbestimmung ist noch nicht angebrochen.

Auf einem Vorhof der Freiheit geschieht das Unerwartete. Ruth verliebt sich in den aus Lubbock gebürtigen Tecumseh Sherman Winchester und wird von dem Texaner von jetzt auf gleich schwanger. Tecumseh Sherman will unbedingt ein Texaskind. Die rasch zusammengezimmerte Soldatenfamilie repatriiert nach amerikanischen Rechtsbegriffen. Cole Winchester ist drei, als seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz in den Kordilleren sterben. Maeve nimmt ihn zu sich und macht aus ihm einen Karate-Pechstein. Cole lebt in Maeves Dōjō am Kasseler Lokalbahnhof Wilhelmshöhe.

Neunzehn Jahre später - Tektonisches Furioso

Cole passiert die voralpin-norditalienische Region Friaul-Julisch Venetien. Die Gegend prägt sich auf dem erdgeschichtlich-gewaltsamen Stillstand einer Stirnmoräne aus. Der nicht begradigte Verlauf des Tagliamento dient einer vehementen Ursprünglichkeit als metaphorischer Notnagel. Bei guter Sicht sieht man die Lagune von Grado.

Cole von Pechstein, amtierender Vollkontaktkarateweltmeister, Anwärter auf das 100-Man-Kumite, mit zweiundzwanzig bereits stellvertretender Chef des Hauses Pechstein, Geheimes Präsidiumsmitglied im klandestinen Orden der ritterlichen Schwestern zu Kassel, und soeben in die Fußstapfen seiner Großtante getretener Siegelbewahrer des Kasseler Karate-Grals befährt die Ufermagistrale eines dem slowenischen Karst vorgebauten Transithotspots im Schatten der Dinarischen Alpen.

Cole betrachtet das einmalige Karstrelief. Das deutsche Wort Karst wurde in der akademischen Welt des 19. Jahrhunderts zu einem weltweit kursierenden geologischen Begriff habsburgerscher Provenienz. Er ergab sich aus der feldforschenden Anschauung lokaler Phänomene in der Triester Gegend.

Cole bemerkt die Schneefelder unter dem Gipfel des Kanin. Im Radio erinnert jemand an die Katastrophe vom 6. Mai 1976.

„Das Erdbeben … am Donnerstag, den 6. Mai 1976, um 20:59 Uhr (MEZ) erschütterte die italienische Region Friaul-Julisch Venetien eine Minute lang mit Erdstößen … das Epizentrum des Bebens lag nördlich von Udine am Monte San Simeone … insgesamt kamen bei der Katastrophe 989 Menschen ums Leben.“ Wikipedia

Die Sprecherin nähert sich den seismischen Verheerungen von ihren Bedeutungsrändern. So sei dieses und jenes unversehrt geblieben. Artefakte einer steinalten Praxis blieben in Betrieb, obwohl sie längst archäologische Kleinode waren. Die absurde Ungleichzeitigkeit wirkte sich überall in der erschütterten Zone aus: einem Refugium für Partisanen, Deserteure und Wilderer; ein Transitraum von jeher.

Cole erkennt, wie brüchig jedes menschliche Wir an diesem Ende einer Gletscherbremsspur immer schon war. Lawinen begruben die Anstrengungen von Generationen und bedrohten das mit der Landwirtschaft verbundene Leben.

Cole erkundet den Parallelverlauf zwischen der streckenweise auf Stelzen verlaufenden Statale 13 und dem Tagliamento. Im Schatten der Trasse hütet ein Greis einen Verkaufsstand, den vor Trockenheit raschelnde Knoblauchkränze dekorieren. Der Händler bietet ruralen Kitsch an. Die Vorgebirgsidylle zerfällt zweimal. Einmal im Durchrauschen des Verkehrs und noch einmal in der kleinlichen Unbeholfenheit jener Zeichen, die das Eigentümliche markieren sollen.

Das männlich-juvenile Programm variiert das Herumlungern. Die Energischen kommen nur zu Besuch ins Herkunftshabitat. Sie beanspruchen Raum in den Metropolen. Da, wo es eng ist, und der Meter teuer.

Vor Ort gehören dem Reisenden Hügel und Täler wenigstens für Stunden. Er musst sich nur von den Versorgungsstationen entfernen. Cole genießt den Anblick einer vom Moos drapierten Felsnase.

Jeder Blick erfasst eine Angelegenheit zwischen Berg und Tal, Hügel und Senke, Massiv und Krume, alpine Vertikale und landwirtschaftlichem Bodenhorizont.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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