Behindert und verrückt - aber normal

Inklusion Am 11. Juli 2015 findet zum dritten Mal die Pride Parade in Berlin statt. Ihr Ziel: Die Normalisierung der Lebensumstände behinderter und psychiatrisierter Menschen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Behindert und verrückt - aber normal
Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images
Herr Zander, was ist die Pride Parade?

Die Pride Parade ist eine politische Demonstration, die aber zugleich auch eine Feier ist: Gesellschaftliche Minderheiten gehen auf die Straßen und feiern ihr Selbstbewusstsein, sie präsentieren sich so, wie sie sind, und treten für ihre Rechte ein.

Und woher stammt die Idee für die Pride Parade?
Wir haben uns durch Veranstaltungen aus den USA, Kanada und Australien inspirieren lassen, wie zum Beispiel der Disability Pride Parade. Das sind sehr farbenfrohe, spektakuläre Veranstaltungen die in erster Linie Feiern sind.

Trotz des Feierns handelt es sich aber zugleich um eine politische Demonstration?
Ja. Nur, weil wir auch den Aspekt des Feierns betonen, bedeutet dies nicht, dass es keine gesellschaftlichen Probleme gibt, mit denen behinderte und psychiatrisierte Menschen konfrontiert sind. Ganz im Gegenteil. Deshalb dient die Pride Parade auch dazu, diese Missstände zu kritisieren.

Welchen Menschen soll die Pride Parade denn eine Plattform bieten?
Es geht vor allem um Menschen mit Behinderungen sowie Menschen mit Psychiatrieerfahrungen. Angehörige, Freunde oder einfach Menschen, die das Anliegen unterstützen und die Atmosphäre auf der Pride Parade schätzen, nehmen natürlich auch teil. Es kommen auch viele Leute, die sonst gar nicht oft zu Demonstrationen gehen.

Wie erklären Sie sich das?
Die Pride Parade ist keine „Latsch-Demonstration“: Die Veranstalter haben vieles vorbereitet und auch die Teilnehmer sind sehr aktiv; es gibt Verkleidungen, Transparente, selbstgebastelte große Figuren, Musik. Nichts gegen „normale“ Demonstrationen, die sind auch wichtig. Aber die Pride Parade ist doch anders.

Erstaunlich fand ich, dass Sie die Menschen mit Psychiatrieerfahrungen auch als „verrückt“ bezeichnen: Normalerweise assoziiert man ja eher negative Sachen damit. Geht es um Provokation oder wollen Sie damit diese Negativität des Begriffs aufbrechen?
Ja, das mag für manche Menschen befremdlich wirken, aber tatsächlich handelt es sich dabei um eine Bezeichnung, die sich manche Menschen mit psychiatrischen Erfahrungen als kämpferische Selbstbezeichnung gewählt haben. So wie sich beispielsweise Behindertenaktivisten in den 1980ern auch als Krüppel bezeichnet haben.

Aber was ist der Gedanke dahinter?
Naja, die Idee ist ein bisschen: „Man behandelt uns als Krüppel, dann greifen wir diesen Begriff doch auf und verwenden ihn.“ Es geht um kämpferische Auseinandersetzung. Und in diesem Sinne wird auch die Selbstbezeichnung „verrückt“ verwandt.

Eines der Mottos war „Party3 statt Pathologisierung!“ Was meinen Sie konkret damit?
Dieses Motto bezieht sich vor allem auf den Psychiatrie-Bereich: Sobald man Diagnosen und Krankheitszuschreibungen hat, dann kann man Menschen katalogisieren. Aber auch im Umgang mit Behinderten gibt es aktuell wieder einen Trend zu einem rein medizinischen Verständnis; ein Denken, welches wir als längst überwunden geglaubt hatten.

Was meinen Sie mit einem „rein medizinischen Verständnis“?
Nun, in einer rein medizinischen Betrachtung liegt die Ursache für eine Behinderung in einer medizinisch definierbaren Kondition des Individuums, welches von einer gedachten Norm abweicht. Dem Individuum wird dadurch sozusagen eine Krankenrolle „aufgedrückt“.

Das heißt, Sie wehren sich gegen die Bestimmung eines Zustands als „krankhaft“?
Ja, ganz genau. Dabei muss es um eine soziale Sicht der Behinderung gehen: Das Problem ist nicht das Individuum, sondern dass bestimmte Modelle die Andersartigkeit bestimmter Individuen hervorheben und hierdurch überhaupt erst zu einem Problem machen. Nehmen wir eine Person, die keine Treppen steigen kann: Nicht sie ist das Problem, sondern die Tatsache, dass die oberen Etagen nur über Treppen zu erreichen sind.

Aber medizinische Dimensionen können durchaus eine Rolle spielen.
Ganz klar. Natürlich gehört das auch dazu. Aber man darf diese Problematik nicht nur auf das Medizinische verengen.


Auf Ihrer Seite kritisieren Sie auch bestehende Inklusionskonzepte. Was stört Sie an diesen Konzepten?

Der Begriff der Inklusion wird sehr gern und sehr schnell gebraucht, wenn es um die Umsetzung vernünftiger Modelle im Umgang mit Behinderten geht. Doch wenn man genau hinguckt, dann fällt einem auf, das in Wirklichkeit sehr wenig geschieht.

Woran machen Sie das fest?
Das sieht man beispielweise im schulischen Bereich: So wird beispielsweise gern darauf verwiesen, dass der Anteil behinderter Schüler an „normalen“ Schulen zugenommen habe. Die Bertelsmann-Stiftung hat jedoch in einer Studie festgestellt, dass die Anzahl der Kindern an Regelschulen auch deshalb gestiegen ist, weil mehr Förderbedarf diagnostiziert wird. Es handelt sich also nicht in dem Maße um neue Schüler, die vorher auf Förderschulen waren. Zudem wird Inklusion auch immer wieder unter Finanzvorbehalt gesetzt, nach dem Motto: „Inklusion ja, aber sie soll nicht mehr kosten.“

Außerhalb der Schulen: Welche Bereiche sind Ihrer Ansicht nach noch veränderungsbedürftig?
Es zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Der sogenannte Staatenbericht der Vereinten Nationen zu Deutschland hat sich beispielweise die Behindertenwerkstätten genauer angeschaut. Diese sollen ja eigentlich eine Übergangslösung sein und behinderte Menschen auf den Berufsmarkt vorbereiten. Die Vereinten Nationen mussten aber feststellen, dass sie diese Aufgabe gerade nicht erfüllen. Ein anderes, aktuelle Beispiel, ist der Umgang mit traumatisierten und behinderten Flüchtlingen; diese Menschen erhalten keinen angemessenen und sachgerechten Zugang zu medizinischer Versorgung. Drittens gibt es kein überzeugendes Konzept für den Schutz behinderten Mädchen und Frauen. Studien haben gezeigt, dass gerade diese Menschen in den vergangen Jahrzehnten immer wieder Opfer sexueller Übergriffe wurden.

Das hört sich schrecklich an. Wie hat sich denn die Situation in den letzten Jahren insgesamt entwickelt? Ist sie besser oder schlechter geworden? Gleich geblieben?
Es kommt ganz auf den Bereich an, den man sich anschaut. Ich als Rollstuhlfahrer kann beispielsweise positiv berichten, dass z.B. in Berlin der Öffentliche Personennahverkehr viel zugänglicher ist als vor 25 Jahren . Aber wenn man sich zum Beispiel die Verhältnisse in Wohnheimen oder der stationären Pflege anschaut, da hat sich die Situation nicht verbessert, sondern teilweise aufgrund des Personalabbaus sogar verschlechtert.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nun, es gibt zum Beispiel Einrichtungen, in denen man im Vorhinein für bestimmte Zeitabschnitte angibt, wann man geduscht werden möchte. Außerhalb dieser Zeiten ist dann ganz oft kein Duschen möglich! Stellen Sie sich das mal vor: Unerwartet kündigt sich Besuch an, den Sie gerne sehen möchten, und Sie haben keine Möglichkeit zur körperlichen Hygiene. Ein weiteres Beispiel ist der Umstand, dass taube Menschen theoretisch einen Anspruch auf Kommunikation in Gebärdensprache mit öffentlichen Stellen haben, der in der Praxis aber oft nicht gewährleistet wird und insgesamt viel zu knapp bemessen ist.


Also geht es weniger um das Konzept der Inklusion, sondern um seine Umsetzung?

Ja und nein. Wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung anschaut, dann geht es eigentlich darum, die Institutionen an die behinderten Menschen anzupassen. Stattdessen sieht es in der Praxis so aus, dass die Menschen sich an die Institutionen anpassen müssen.

Wenn man so will, dann geht es darum, nicht die Menschen an das Bett des Prokrustes anzupassen, sondern das Bett an den Menschen.

Ja, ganz genau, das kann man so sagen. Aktuell wird viel gesagt, aber wenig getan. Ich erinnere da beispielsweise an 2011, als von der Leyen noch die Sozialministerin war und ankündigte, dass ein bestimmter Betrag ausgegeben würde, um die Inklusion behinderter Menschen voranzutreiben - und am Ende stellte sich heraus, dass es die ohnehin zuvor dafür vorgesehene Ausgleichsabgabe war und kein zusätzliches Geld. Die Ausgleichsabgabe müssen Unternehmen zahlen, die nicht genügend schwerbehinderte Arbeitnehmer beschäftigen.

Worauf führen Sie das zurück?

Ich denke, dass es vor allem Kostengründe hat. Und das ist sehr kurzfristig gedacht: Natürlich mag es kurzfristig einen Mehraufwand und Mehrkosten geben. Es soll ja immerhin ein Systemwechsel eingeleitet werden. Aber auf Dauer wären die Kosten wahrscheinlich dieselben.

Sie fordern Normalität für behinderte Menschen und Menschen mit psychiatrischer Erfahrung ein. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass Sie auch Neurosen als Form der Normalität beschreiben. Gibt es in euren Augen einen Punkt, ab dem eine psychische Situation behandlungsbedürftig ist?
Man muss hier differenzieren. In erster Linie müssen die Betroffenen involviert werden und selbst entscheiden, ob sie behandlungsbedürftig sind oder nicht. Natürlich gibt es behinderte und verrückte Leute, die Hilfe brauchen und in Anspruch nehmen wollen. Doch es gibt auch welche, die nichts von den üblichen Therapieformen halten und diese nicht in Anspruch nehmen wollen. Es geht auch darum, diesen Erwartungsdruck der Gesellschaft von den Menschen zu nehmen, der auf ihnen lastet. Aber das ist eine Sache, mit der jeder Mensch zu kämpfen hat: der Zwang, sich in einer kapitalistischen Gesellschaft selbst zu optimieren und funktionieren zu müssen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Michael Zander wurde 1973 in Dortmund geboren. Zander ist von Beruf Psychologe und lebt in Berlin.

20:22 10.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Rebuschat

Geboren 1982, zweifacher Familienvater. Volljurist, seit 2011 journalistisch tätig.
Jan Rebuschat

Kommentare 2