Der Zweite Weltkrieg

Buchrezension Der Zweite Weltkrieg gilt weitestgehend als erforscht. In einer neuen Gesamtabhandlung gewinnt der britische Historiker Antony Beevor dem Thema dennoch neue Aspekte ab.
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Bei Buchtiteln zu geschichtlichen Themen sind aktuell zwei Meta-Trends zu verzeichnen. Die eine Richtung kapriziert sich mehr und mehr auf Details: bestimmte, bislang unterbelichtete Aspekte eines Ereignisses beziehungsweise einer Epoche oder aber Detailgeschehnisse, zu denen bislang keine umfassende Darstellung existierte. Beispiel für die letzte Variante: Orlando Figes’ 2011 erschienener Titel zum Krimkrieg. Beispiel für die erste: Timothy Snyders Bloodlands – ein fulminante Untersuchung des Wechselspiels von stalinistischem Terror und NS-Vernichtungskrieg in dem mittelosteuropäischen Landstreifen, zu dem insbesondere Weißrussland und die Ukraine zählen. Der zweite Meta-Trend schlägt quasi die entgegengesetzte Richtung ein: statt mehr Detail & Fokus der ganz große, im Extremfall menschheitsgeschichtliche Blick auf Entwicklung und Zukunftschancen unserer Spezies. Populär wurde diese Richtung vor allem durch die Publikationen des US-amerikanischen Neoanthropologen Jared Diamond.

Nun also der Zweite Weltkrieg. Sicher – der letzte große globale Krieg ist, was seine Auswirkungen anbelangt, bis auf den heutigen Tag präsent. Beispiel: die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Landung in der Normandie – dieses Jahr überschattet von diplomatischen Spannungen aufgrund der aktuellen Ukrainekrise. Doch bietet dieser Krieg überhaupt noch Wissenswertes? Neue, bislang noch nicht ausgelotete Fakten, Erkenntnisse? Der britische Historiker Antony Beevor legt mit Der Zweite Weltkrieg einen Titel vor, der zwar das Rad der Historie nicht neu erfindet. Nichtsdestotrotz gewinnt Beevor dem vielbehandelten Thema ein paar neue Aspekte ab – die Fragwürdigkeit der Festsetzung von Anfang und Ende etwa, das Sich-Bedingen der Ereignisse auf den unterschiedlichen Kriegsschauplätzen und schließlich die Tatsache, dass in Sachen Barbarei nicht nur Deutschland neue Maßstäbe setzte, sondern summa summarum alle Beteiligten.

Ist das schon relativieren? Anders gefragt: Darf man den Krieg einfach erzählen? Antony Beevor, Schüler des bekannten Militärhistorikers John Keegan, gilt in der Branche weniger als Verfechter neuer historischer Theorien – im Unterschied etwa zu Snyder mit seiner aufsehenerregenden Bloodlands-Veröffentlichung. Profiliert hat sich Beevor vor allem als routinierter, gründlich vorgehender und anschaulich schreibender Experte in Sachen Darstellung eines Themas. Publikationen bislang: eine über Stalingrad, eine über den Fall von Berlin, eine zur Invasion in der Normandie und eine Gesamtabhandlung zum Spanischen Bürgerkrieg. Beevors Konzept Nur die Fakten, nichts wird ausgelassen hat dem Autor nicht nur Lob eingebracht. Zu den bisherigen Kritikpunkten – die Darstellung von Vergewaltigungen durch die Rote Armee in Deutschland 1944/45 oder die von Gefangenenerschießungen an der Westfront durch Wehrmacht/SS wie Allierte – dürfte Der Zweite Weltkrieg potenziell einen weiteren hinzufügen: die Darstellung kannibalistischer Praktiken im belagerten Leningrad oder – hier sogar in beabsichtigter, systematisierter Form – bei Verbänden der japanischen Pazifikarmeen.

Die erste Frage, der Beevor nachgeht, ist die der Fragwürdigkeit von Beginn und Ende dieses Konflikts. Einleitung und erstes Kapitel legen dar, dass der Zweite Weltkrieg in Asien nicht nur später endete, sondern auch weitaus früher begann – mit der japanischen Intervention in China. Die Anschlußkapitel widmen sich zwar schwerpunktmäßig der »klassischen« Kriegschronologie auf dem europäischen Schauplatz. In weiteren Kapiteln kommt Beevor jedoch immer wieder zurück auf sein Grundthema: inwieweit sich die Kriegsverläufe in Europa, in Nordafrika und in Fernost gegenseitig bedingten. So beschreibt das erste Kapitel das gegenseitige Lavieren und Sich-Austaxieren der beteiligten Großmächte. Und wie eines zum anderen führte: der russische Sieg in einem eher randständigen Grenzkonflikt mit Japan zu der japanischen Entscheidung, Sibirien außen vor zu lassen und die Strategie der Süd-Expansion zu wählen.

Das narrative Springen von einem Kriegsschauplatz zum anderen erweist sich von Kapitel zu Kapitel mehr als die große Stärke dieser Gesamtabhandlung. Wie eine Entwicklung die andere bedingt, zeigt sich vor allem bei der Beschreibung des großen Wendepunkts Herbst 1942 bis Frühjahr 1943. Die »Torch«-Invasion der Allierten in Nordafrika bereitete nicht nur die Landung in Italien vor. Um Rommel und sein Nordafrika-Corps zu unterstützen, waren zudem Flugkapazitäten vonnöten, die bei der Versorgung der eingeschlossenen Armee in Stalingrad bitter fehlten. Im Fernen Osten sorgte die Strategie des »Inselhüpfens« für ressourcenschonende Erfolge. Auf einer anderen Ebene sorgte das Lend-and-Lease-Abkommen mit der Sowjetunion dafür, dass diese die kritische Kriegsphase ebenso überstehen konnte wie das bis 1941 auf sich allein gestellte Großbritannien. Umgekehrt galt es stets, Ressourcenkontingente effektiv zuzuteilen. Ein Aspekt, der die Meinung, der Sieg der Allierten sei aufgrund ihrer Materialüberlegenheit sowieso sicher gewesen, zumindest einer Gegenüberstellung mit den Fakten unterzieht. Rückblickend ist die Ansicht sicher berechtigt. Aus der Warte der Zeitzeugen hingegen war vieles offen. Beispielsweise für Großbritannien, dass 1940/41 zeitweilig am Rand der Niederlage stand.

Eine reine Militärchronik ist Beevors Gesamtabhandlung nicht – im Gegenteil. Die Market-Garden-Operation der Westallierten im Herbst 1944 etwa wird eher als Marginalie dargestellt – im Unterschied zur Ardennenoffensive der Deutschen, die Beevor als strategisch bedeutsamer bewertet. Die politischen Entscheidungen der jeweiligen Beteiligten nehmen insgesamt einen breiten Raum ein. Ebenso der Kriegsaspekt, der bis heute am meisten (und kontroversesten) diskutiert wird: der Zivilisationsbruch, der in der bisherigen Geschichte einmalige Tiefpunkt in Sachen Barbarei und Grausamkeit. Drei Buchkapitel, narrativ in das Gesamtszenario eingeordnet, schildern Vorgeschichte und Verlauf des Holocaust: von den »wilden« Liquidierungen während des Polenfeldzugs bis hin zur Shoah durch Schusswaffen sowie der anschließenden, industrialisiert-systematisch durchgeführten Shoah durch Gas. Wesensbildender Unterschied zwischen Babi Jar und Auschwitz, so Beevor: Während bei der Shoah durch Schusswaffen die Mörder zu den Opfern kamen, wurden bei der zweiten Variante die Opfer zu den Mördern gebracht.

Der Zweite Weltkrieg wurde mit teils unbeschreiblicher Grausamkeit ausgetragen. Dass der ostasiatische und pazifische Schauplatz dem europäischen oft in nichts nachstand, zeigt die Chronologie des japanischen Eroberungskriegs in China. Die barbarischen Praktiken, welche das japanische Militärregime im Verlauf seiner imperialistischen Expansion an den Tag legte, beschreibt Beevor in schonungsloser Detailtreue: »(…) Obwohl die Niederlage ihres Landes unmittelbar bevorstand, gingen die Greueltaten der japanischen Truppen, die immer noch über eine Million Mann zählten, gegen die chinesische Bevölkerung, besonders gegen Frauen, in den von ihnen besetzten Gebieten weiter. Wie in anderen Okkupationsgebieten wie Neuguinea und den Philippinen sahen die japanischen Soldaten, die kaum noch Verpflegung erhielten, auch hier die lokale Bevölkerung und ihre Gefangenen als Nahrungsmittelquelle an. Der japanische Soldat Masayo Enomoto gestand später, eine junge Chinesin zuerst vergewaltigt, dann ermordet und schließlich geschlachtet zu haben. ›Ich habe die Teile ausgesucht, wo viel Fleisch dran war‹, gab er später zu.«

Der Krieg war 1945 nicht zu Ende. In einigen Ländern – wie zum Beispiel Griechenland – glitt er in einen mit erbitterter Härte geführten Bürgerkrieg über. In den ehemaligen Kolonialgebieten in Afrika und Asien bildete die Zäsur 1945 lediglich den Übergang zu neuen Konflikten, Kriegen, Auseinandersetzungen. Ziel: eine antikoloniale, nationale Befreiung mit dem Ziel einer eigenen Staatsetablierung. Wie wird der Krieg posthum gesehen, wie ist der Blick darauf? Der US-amerikanischen Historikerin Anne Applebaum zufolge, die im vorletzten Kapitel zitiert wird, unterschiedlich. Applebaum: »Als Amerikaner glauben wir, der Krieg sei etwas, das 1941 mit Pearl Harbor begann und 1945 mit der Atombombe endete. Als Briten erinnern wir uns an den ›Blitz‹ von 1940 und an die Befreiung des KZs Bergen-Belsen. Als Franzosen fallen uns Vichy und die Résistance ein. Als Niederländer denken wir an Anne Frank. Selbst als Deutsche wäre uns nur ein Teil der Geschichte bekannt.«

Fazit: Antony Beevor liefert mit seiner Gesamtabhandlung ein ungewöhnlich faktenreiches Panoptikum des Krieges, die jedoch den roten Faden an keiner Stelle verliert. Unvermeidbar, selbst bei über 900 Seiten, ist die Tatsache, dass einige Aspekte zu kurz vorkommen oder gar gar nicht vorkommen. Beispiel: die Parallelwelt etwa der Kollaborateure, Partisanengruppen und ethnisch gemischten Normalbevölkerung etwa in Weißrussland oder der Ukraine – zu der etwa auch größere jüdische Partisaneneinheiten zählten aus Menschen, die sich vor den Massenermordungen retten konnten wie beispielsweise die Bielski-Brigade. Zu wenig nachgezeichnet ist etwa auch der Weg, der von den Bloodlands in Ostmitteleuropa zur Gründung des Staates Israel führte. Nichtsdestotrotz ist es Antony Beevor gelungen, eine in Einzelaspekten bemerkenswerte und in der Darstellung geradezu fulminante Abhandlung dieses globalen Großkonflikts abzuliefern. Gleichwertig anzusehen ist allenfalls noch Eine Welt in Waffen von Gerhard Weinberg aus dem Jahr 1995.

Die Jubiläen erfolgen auch 2014/2015 fast im Monatstakt. Aktuell ist Market Garden an der Reihe – eine Operation, die in den Niederlanden weitaus präsenter ist als hierzulande. Im Dezember dürfte erneut an die Ardennenschlacht erinnert werden. Am 27. Januar folgen die Feierlichkeiten anlässlich der 70jährigen Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, im Mai 2015 der 70. Jahrestag des alliierten Siegs über Nazideutschland. August 2015 schließlich: rundes Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Antony Beevors Buch zum Zweiten Weltkrieg ist sicher keine Abhandlung zu dem Zweck, eine Theorie zu liefern wie man Kriege vermeiden oder sogar überflüssig machen kann. Den Anspruch eines Standardwerks wird Der Zweite Weltkrieg jedoch auf fast souveräne Weise gerecht. Es erhellt, wie der jüngste Großkonflikt verlaufen ist, wie sich die Beteiligten verhielten, welche Motive sie antrieben und schließlich auch, welche Etappen ein Barbarisierungsprozess durchlaufen kann, wenn die Spirale aus Gewalt und Krieg erst einmal losgetreten ist.

In dem Sinn ist Antony Beevors Buch ein lesenswertes Buch.

Antony Beevor: Der Zweite Weltkrieg. C. Bertelsmann, München, August 2014, 976 Seiten, ISBN 978-3-570-10065-1, € 39.99.

Antony Beevor:

britischer Historiker zu zahlreichen Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

--> Biografie in Wikipedia

17:13 21.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Popkultur-Fanatiker und Linkspopulist. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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