RE: Kleiner Mann, warum? | 01.06.2016 | 11:05

Lieber Christian,

Vielleicht nochmal kurz abschließend: Es ist ja an sich durchaus richtig, was du sagst, nur, scheint mir, reden wir womöglich auch ein wenig aneinander vorbei.

Wie gesagt: Natürlich kann man jene Schichten, die gemeinhin unter den Begriff "kleiner Mann" fallen, empirrisch analysieren, fragen, was sie verdienen, wie sie arbeiten, was ihre politischen Haltungen sind etc. Das wäre eine klassische sozialwissenschaftliche Analyse. Kann, muss man machen. Nur will der Text das erstmal gar nicht. Deshalb, weil es zunächst mal nicht um eine konkrete Menge von Menschen geht, sondern eben um eine Diskursfigur (deren Wesen, wie gesagt, in diesem Fall gerade darin liegt, dass man sie empirisch letztlich gar nicht genau beschreiben kann). Sprich: Natürlich sind die hard facts wichtig, wenn man die Realität analysieren und verstehen will. Aber ebenso wichtig sind Narrative und Erzählungen. (Dazu übrigens sehr gut: Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen). Anders gesagt: Mann kann Arbeiter, Banker, Mananger usw. empririsch analysieren, mit ihnen reden usw. - man kann sie aber auch als Sozialfiguren untersuchen (wie es bspw. dieser Band macht: http://www.suhrkamp.de/buecher/diven_hacker_spekulanten-_12573.html)

Und: Ich verhöhne "den kleinen Mann" keinesfalls, zum einen weil der gesamte erste Teil des Textes positiv vom "kleinen Mann" bzw. der "kleinen Frau" spricht! Zum anderen weil sich ein Teil des zweiten Teils ja eben auf jene bezieht, die tatsächlich gar nicht "klein" sind (auch wenn diese in den Reihen der AfD heute weniger sein mögen als vor einem Jahr). Was der Text problematisiert, ist die Tatsache, dass aus der Diskursfigur des (organisierten) Arbeiters, der klassischerweise gegen den - wenn man's good ol' marxistisch formulieren will - Konflikt von Kapital und Arbeit anging, der "kleine Mann" geworden ist, bei dem dieser - bspw. seitens der AfD - kulturell überdeterminiert wird. (Wenn man so will: Ressentiment statt Klassenkampf)

Und: Ich stelle Brie auch nicht - normativ - in eine Reihe mit Söder und Gauland. Nicht nur, weil in der Reihe eben auch Gabriel steht, den du en passant unterschlägst, sondern auch, weil es einfach darum geht, zu zeigen, dass die Figur des "kleinen Mannes" momentan wieder sehr präsent ist - und zwar in allen politischen Lagern.

Beste Grüße,

Nils

RE: Kleiner Mann, warum? | 30.05.2016 | 12:54

Lieber Christian,

Du hast mit deiner Kritik insofern Recht, als dass es in der Tat auch einer soziologisch-empirischen Analyse des „kleines Mannes“ bedürfte. Nur wäre dann direkt die Frage, wie das genau aussähe? Denn selbstverständlich gibt es „die Arbeiter, Prekären, Arbeitslosen und Verzweifelten“, die man jeweils statistisch erfassen und beschreiben könnte. Wobei sich dann vermutlich eine sehr vielschichtige Realität zeigen würde, denn bspw. hat der VW-Arbeiter mit dem Lager-Arbeiter bei Penny ökonomisch relativ wenig gemein.

Die Sozial- und Diskursfigur des „kleinen Mannes“, die eben auch, aber nicht nur eine literarische ist, leistet ja nun aber genau das: Aus einer vielschichtigen Masse an Menschen erzeugt sie im politischen Imaginären ein Kollektivsubjekt, das dann wiederum über einen vermeintlichen Willen verfügt. Sprich: Zu ihrem Wesensmerkmal gehört ja gerade eben, dass sie immer amorph bleibt, dass sie mitunter auch als eine Art rhetorisches Kostüm dient.

Der Text versucht nun diese Diskursfigur zu umkreisen, zu fragen, welche historischen Narrative in ihr stecken, wie sie funktioniert, wie sie instrumentalisiert wird? Und ich finde weder, dass hier irgendwas „wegerklärt“ wird, noch dass der Text den „kleinen Mann“ zum „kaum denkfähigen Depperl“ erklärt. Der Text beschreibt doch eindeutig eine starke Ambivalenz.

Es ging mir also zunächst um die Wirkmächtigkeit einer rhetorischen Figur, eines Narrativs, das im politischen Diskurs wirkt. Demenstprechend war das Anliegen des Textes, erst einmal deutlich zu machen, dass der "kleine Mann" vielleicht eben kein selbsterklärender Begriff ist, der eine bestimmte soziale Realität abbildet, sondern eine Sozialfigur, die einen gewissen symbolischen Überschuss birgt. Aber wie gesagt: Ich gebe dir Recht, im zweiten Schritt müsste man dann vermutlich in der Tat in die konkrete empirische Analyse gehen.

RE: Die Verteidigung der Liebe | 15.11.2015 | 12:32

Danke für den Hinweis mit dem Juli, das hatte ich durcheinander bekommen. Ist jetzt korrigiert.

RE: Dritte Säule der Macht | 30.06.2014 | 16:29

Danke für den Hinweis. Bei dem betreffenden Satz beziehe ich mich tatsächlich auf die "BrandZ"-Studie von Millward Brown, in der die Most Valuable Global Brands ermittelt werden. Sie haben also Recht, dass es korrekterweise "wervollste Marke" statt "wertvollstes Unternehmen" heißen müsste. (Womöglich bin ich - unebwusst - der Formulierung Frank Schirrmachers gefolgt, der Anfang Juni in einem Interview noch von Google als dem "wertvollsten Unternehmen der Welt" sprach - vgl. 04:40min) Deshalb werde ich die Formulierung anpassen.

Beste Grüße, NM

RE: Paris - Berlin. Gefühlt: Wien. | 18.06.2014 | 18:24

Ja, das stimmt. So könnte man es in der Tat auch sehen.

RE: „Ich will nicht beschützt werden“ | 07.06.2014 | 08:56

Kann ich mich nur anschließen: Danke, sehr gerne gelesen!

RE: Der Staat? Kopfsache | 26.05.2014 | 09:05

Vergil und Machiavelli hatten mit Octavian und Lorenzo II. de’ Medici ja auch ihre Helmut Kohls. Und die lassen sich heute immerhin auch noch ganz gut lesen ... ;)

Aber wenn es um die - tatsächlich nicht unwesentliche - Frage der Weiterentwicklung geht, dann wäre in diesem Zusammenhang wohl bspw. Loïc Wacquant zu nennen.

RE: Die Normalität Berlusconis | 17.03.2014 | 22:27

Gern gelesen. Geschichtlich gesehen, wird man Berlusconi wohl als Erfinder einer gleichermaßen vorbildslosen wie degoutanten Ideologems verbuchen müssen: clownesk-krimineller Neoliberalismus kombiniert mit faschistischen Reliquienkult. ("Mussolini did not murder anyone", Berlusconi 2003 im Spectator)

RE: Im Angesicht der LRA | 15.03.2014 | 23:48

Das Arte-Projekt kannte ich zuvor tatsächlich nicht. Deshalb besten Dank für den Hinweis!

Und weil Sie den Bierwerber (und afrikanischen Superstar) Werrason erwähnen: Van Reybrouk wirft ja zu Recht auch einige dringliche Fragen in Richtung Heinecken auf, die, so scheint mir, immer noch nicht beantwortet sind. SpOn hatte dazu vor einiger Zeit auch mal was gebracht.

Beste Grüße, NM

RE: Im Angesicht der LRA | 15.03.2014 | 11:21

Danke für den Hinweis auf David Van Reybroucks "Kongo". Ein tatsächlich unglaublich großartiges Buch, das jedem, der sich für das Thema interessiert (aber eigentlich auch jedem anderen) nur wärmstens zu empfehlen ist. Zumal, so war es zumindest bei mir, einem die aktuelle Berichterstattung nach der Lektüre dann bisweilen auch in einem anderen Licht erscheint.

Gestern hat der Perlentaucher übrigens eine lange Reportage zum Thema Elfenbeinhandel verlinkt

Beste Grüße

NM