Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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RE: Du kannst nichts dafür | 21.04.2019 | 19:46

<<Während eine Ethikerin eine objektive Bewertung von Handlungen und deren Konsequenzen vornimmt, entscheidet der Moralist subjektiv nach dem Schema von Gut und Böse, Schuld und Sühne.>>

Eine "objektive Bewertung von Handlungen" wäre also die Feststellung, dass A den B getötet hat. Dafür gibt es dann nach einer Tabelle x Jahre Gefängnis.

Nun kennt aber unsere Rechtssprechung aus gutem Grund unterschiedliche Arten der Tötung: Fahrlässige Tötung, Tötung aus Notwehr, Tötung durch Unterlassen, Tötung im Affekt, Tötung unter eingeschränkter Schuldfähigkeit, Tötung als Ehrendienst an der Gemeinschaft, Tötung als Soldat im Krieg, Tötung auf Verlangen, Tötung durch einen Minderjährigen. Und natürlich Mord, also Tötung mit einer genau geplanten Tötungsabsicht. Falls es sich um "Mord aus niederen Beweggründen" handelt, wird besonders deutlich, dass es dann auch um "Moral" geht, nicht nur um Ethik. Und natürlich um das "Warum". Das kann auch für jemanden gelten, der zum Mord anstiftet ohne ihn selbst auszuführen. In jedem der genannten Fälle wird man aus unterschiedlichen Gründen zu einer sehr unterschiedlichen Strafzumessung kommen.

RE: CDU-Abgeordneter: Militäreinsatz ist möglich | 15.04.2019 | 21:07

Wahrscheinlich hat sich Herr Wadepuhl, gedacht, was Rommel 1941 in Lybien "geschafft" hat, kann doch die Bundeswehr mindestens genauso gut?

RE: Eigentum ist antastbar | 12.04.2019 | 21:18

Die Forderung nach Enteignung großer Kapitalgesellschaften wie "Deutsche Wohnen" ist zwar gerade populär und läßt sich durch das Grundgesetz untermauern. Aber es geht am eigentlichen Problem völlig vorbei:

Die teuren, leerstehenden Luxuswohnungen in den Ballungsgebieten gehören ja gerade nicht privaten Wohnungsgesellschaften, die mehr als 3.000 Wohnungen besitzen. Sondern sie gehören den weltweit Millionen Anlegern, die angesichts der nicht vorhandenen Zinsen auf Geld lieber in Betongold investieren. Diese Anleger müssen gar nicht vermieten, solange die allgemeine Wohnungsknappheit dafür sorgt, dass leer stehende Immobilien jedes Jahr 5 - 10 Prozent an Wert gewinnen.

Viel schneller und wirkungsvoller als eine sich Jahre dahinschleppende Enteignung von Deutsche Wohnen und Vonovia wäre es, wenn man die nach dem zweiten Weltkrieg in deutschen Großstädten übliche Zwangsbelegung leerer Wohnungen durch das Heer der Wohnungssuchenden wieder einführen würde, bei gleichzeitiger Deckelung der erzielbaren Miete auf ein erträgliches Niveau. Auch müsste die Umwidmung von Wohnraum zu touristischen Kurzzeitvermietungen (vor allem mit AirBnB) in den Ballungsgebieten wenigstens zeitweise untersagt werden. Wer es dennoch tut, kriegt einen Dauermieter zwangseingewiesen.

RE: Wir müssen geduldig sein | 12.04.2019 | 20:56

Ein problematischer Beitrag.

Er übernimmt die im Westen weit verbreitete Sprachregelung, die Hutu hätten 800.000 "wehrlose" Tutsi dahingemetzelt. Dabei war es Paul Kagame, der mit seiner Tutsi-Befreiungsarmee mehrfach aus Uganda in den Norden von Ruanda einfiel und erste Massenmorde an den dort lebenden Hutu beging. Dann erreichte er durch seinen militärischen Druck, dass er Teil einer Gemeinschaftsregierung der Hutu und Tutsi wurde, wobei ein Tutsi Bataillon in Kigali stationiert wurde.

Unter bis heute ungeklärten Umständen wurde am 6.April 1994 das Flugzeug der Präsidenten von Ruanda und Burundi (beides Hutu), beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen. Am glaubhaftesten scheint, dass es von Tutsi-Soldaten abgeschossen wurde, jedoch durfte die UN Beauftragte Carla Ponte die Schuldfrage des Abschusses nicht ermitteln. Ehe das Flugzeug in Nairobi gestartet war, wurden weitere afrikanische Präsidenten, die ebenfalls an Bord gehen wollten, von einem unbekannten Geheimdienstoffizier gedrängt, nicht mit zu fliegen.

Kurz darauf wurde die Hutu Ministerpräsidentin ermordet, die eigentlich von 10 UNO Soldaten geschützt werden sollte, die "zufällig" am Tag des Mordes dienstfrei hatten. Dass daraufhin Hutu über ihre Tutsi Nachbarn mit Äxten und Messern herfielen, ist nicht zu entschuldigen, aber nicht ganz unverständlich.

Kagame mit seiner Tutsi-Armee hätte das Massaker der Hutu in Kigali schnell beenden können, stattdessen zog er mit seiner Truppe in den Westen des Landes um die Reste der offiziellen Hutu Armee zu besiegen.

Die Tutsi waren schon während der deutschen Kolonialzeit bei den Hutu als Herrenmenschen verhasst. Deshalb wurde die Tutsi Aristokratie später von den Hutu aus dem Lande gejagt und lebte als Flüchtlinge in Uganda, bis Kagame, der zeitweise ugandischer Geheimdienstchef war, seine Tutsi Befreiungsbewegung bewaffnete und nach Ruanda einsickern ließ.

Unter dem Vorwand, geflüchtete Hutu Verbrecher im Ost-Kongo verfolgen zu müssen, schlachtete nach dem Sieg über die Hutu in Ruanda die ruandische Tutsi-Armee im Zusammenspiel mit ugandischen Truppen im Ost-Kongo ganze Bevölkerungsgruppen ab. Über die Greueltaten in der Grenzstadt Goma wurde damals im Fernsehen viel berichtet. Die Tutsi sollen dabei im Ost-Kongo viele "Blutdiamanten" erbeutet haben, die zur Finanzierung von Kagames Wirtschaftsaufschwung beitrugen.

Über den "robusten" Umgang mit Oppositionellen hat der Beitrag gut berichtet.

Grundsätzlich ist in Ruanda das Problem der Herrschaft der kleinen Tutsi-Minderheit über die große Hutu Mehrheit nicht befriedet, sondern wird von der Kagame Regierung nur künstlich unter der Decke gehalten. Sollte Kagame einmal aus natürlichen Gründen aus dem Amt scheiden, kann dieser Konflikt schnell wieder hochkochen, auch blutig.

Von hier aus schlecht zu beurteilen ist, inwieweit von dem durch Kagame initiierten Wirtschaftsaufschwung vor allem die Tutsi profitieren.

Eine weitere Gefahr droht aus Burundi, wo ebenfalls Tutsi und Hutu seit Jahrzehnten mehr schlecht als recht zusammenleben. Schon beim Genozid 1994 in Ruanda war es zu bewaffneten Auseinandersetzungen in Burundi gekommen, die teilweise nach Ruanda übergriffen.

RE: Critical Westness | 06.04.2019 | 23:57

Als Kolumbus auf die Insel Hispanola stieß, dachte er, er habe Indien erreicht. Die Autorin hingegen glaubt, sie habe besondere Parallelen zwischen Ossis und Migranden entdeckt. Dabei hat sie bestenfalls "wieder"" entdeckt, dass es zu Problemen kommt, wenn nach Auffassung der Einheimischen zu viele Fremde ins Land strömen, die Arbeitsplätze und Wohnungen streitig machen und die einheimische Kultur zu gefährden drohen. Das war aber schon immer so. Ein Jahr, nachdem meine Eltern 1946 von Meissen nach Oberbayern geflohen waren, kam ich in München als "2. Generation" von ostdeutschen Migranden auf die Welt. Als arme evangelische "Preißn" hatten es meine Eltern schwer unter den katholischen Bayern. Ich ebenso. In die erste Klasse wurde ich mit den paar evangelischen Buben in unserem Dorf in die Mädchenschule eingeschult. Der einzige Vorteil, den ich gegenüber den katholischen bayerischen Buben hatte, war in deren Augen eher ein Nachteil: Ich sprach perfekt Hochdeutsch, was meiner späteren Karriere durchaus förderlich war.

Wenn ich mir die vielen Nachrichtensprecher mit Migrationshintergrund in unserem TV ansehe, ist perfektes Hochdeutsch dafür sicher die wichtigste Voraussetzung und ich frage mich, warum es in der Position so wenige Ossis gibt.

Mit 11 Jahren kam ich zu den Regensburger Domspatzen. Als einziger Evangelischer wurde ich von den katholischen Mitsängern regelmäßig nachmittags während der Freizeit verhauen. Dort musste ich es glücklicherweise nur 1 Jahr aushalten.

Zurück in meinem oberbayerischen Dorf, war mein heimlicher Schwarm Hedwig, die Tochter des örtlichen Elektrohändlers, als katholische Bayerin für mich unerreichbar. So fiel mein Augenmerk auf meinem Schulweg auf liebreizende Chinesinnen, die das örtliche Goethe-Institut besuchten.

Meine Mutter sprach ebenfalls Hochdeutsch und gab vielen Schülern des Goethe-Instituts Nachhilfe. Allerdings waren das andere Ausländer als die, welche wir heute erleben, z.B. reiche Äthiopier, schwedische Studentinnen oder Offiziere der amerikanischen Panzerkaserne im Dorf.

Heute lebe ich zeitweise in Südkorea. Koreaner sind genauso wie die Japaner sehr auf ihre "reine Rasse" bedacht. In meinem Landkreis dort gibt es nur 311 Ausländer. 80% davon sind japanische Ehefrauen von Koreanern. Ich glaube, ich bin der einzige Europäer dort. Somit falle ich niemandem zur Last und werde von niemandem als Bedrohung empfunden. Viel mehr bin ich ein gerne gesehener Exot, der sich Mühe gibt, ein wenig die Landessprache zu sprechen. Schwerer haben es da schon die 25.000 Nordkoreaner, die von Nordkorea nach Südkorea geflohen sind. Die werden misstrauisch beäugt. Könnten ja alle "Agenten" sein.

Ich habe noch nie etwas von "Jammer-Litauern" oder "Jammer-Slowaken" gehört, obwohl die beim Zusammenbruch des sowjetischen Wirtschaftsraums keinen reichen Bruder an ihrer Seite hatten wie unsere Ossis. Unsere Ossis hatten durch den Schlachtruf "und kommt die D-Mark nicht zu uns, dann kommen wir zu ihr" dazu beigetragen, dass es neue Autobahnen und Steuererleichterungen für westdeutsche Zahnärzte gab um DDR Schrottimmobilien zu kaufen, aber kaum Hilfen zum Aufbau einer eigenen wirtschaftlichen Basis. Dies war ja aus Sicht der Wessis auch nicht nötig, weil der Westen alles im Übermaß und besserer Qualität produzierte, was im Osten benötigt wurde. Auch West-Berlin war zur Zeit des Kalten Krieges wirtschaftlich ein Niemand. Das KDW wurde als Konsum-Affront gegen die DDR benötigt, industrielle Arbeitsplätze hingegen nicht. Diese Schwäche hat Berlin heute immer noch. Ob die Berliner Startup Szene einmal eine bedeutende wirtschaftliche Basis für Berlin schafft, muss die Zukunft erweisen. Wenn ja, wird das nur mit Hilfe der Migranden gelingen, die Berlin hip finden.

Von Polen, Tschechen und Esten habe ich noch nie gehört, "30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei es aber nun an der Zeit, die Lebensbedingungen an den Westen angeglichen zu bekommen". Das kann nur gelingen, wenn die Produktivität genauso hoch ist wie im Westen. Und das ist ja leider in der ehemaligen DDR immer noch nicht eingetreten.

Ich kann es zwar nicht empirisch nachweisen, habe aber den Eindruck, dass in Deutschland viel mehr erfolgreiche Firmen von Migranden gegründet werden als von Ossis.

Die baltischen Staaten haben verstanden, dass es für sie keinen Sinn macht, die etablierte Wirtschaft der westlichen Staaten zu kopieren. Sie haben stattdessen gleich mit der Digitalisierung gestartet.

Die DDR mit ihrer IT Wissensbasis bei Robotron hat leider die Chance nicht genutzt, zeitgleich mit Jeff Bezos ein ostdeutsches Amazon zu entwickeln. Konnten die auch nicht, weil ihnen jede Kundenorientierung abging, wie übrigens auch den meisten Westdeutschen. Die Firma, die den Trabi gebaut hat, hätte das erste deutsche Elektroauto bauen sollen, als Daimler, BMW und VW noch gar nicht über so was nachdachten. Stattdessen hat das der US Unternehmer Elon Musk mit Tesla erledigt. An Gelegenheiten hat es also nicht gemangelt.

RE: „Ryanair ist die neue Kohle“ | 05.04.2019 | 20:00

<<Der Umwelt ist es egal, ob sie von einer Ryanair Boeing verpestet wird, oder einer von Lufthansa ocder Air France.>>

So ist es. Fliegen an sich ist eine Umweltsünde. Aber Ryanair ist dabei nicht DER, sondern höchstens einer der bösen Buben. Von den Zuwächsen der CO2 Produktion bei Ryanair müsste man außerdem den Wegfall von Konkurrenten durch Insolvenz abziehen (Air Berlin, Germania, Flybmi, Monarch (beide UK), Primera Air (Island))

Beim Thema "Boeing" fällt mir ein, dass die touristische Nachfrage nach Flugleistungen drastisch einbrechen könnte, falls die ihre Softwareprobleme nicht in den Griff kriegen.

Innerhalb Europas ließe sich der Flugverkehr eindämmen, wenn es ein durchgängiges Hochgeschwindigkeits-Bahnnetz gäbe. Z.B. mit dem Zug von Düsseldorf nach London St.Pankras könnte man es in 5,5 Stunden schaffen. Das wäre durchaus konkurrenzfähig zu einem Flug Düsseldorf-Stansted mit anschließendem Busshuttle nach St.Pankras. Aber der Eurostar in Brüssel wartet nicht, wenn der Thalys aus Düsseldorf verspätet ankommt. Und das Ticket ist dann verfallen, weil es sich um zwei verschiedene private Bahngesellschaften handelt.

Mit dem Zug könnte man in 12 Stunden von Düsseldorf nach Barcelona fahren. Geht aber nicht, weil man entweder in Paris oder in Genf umsteigen müsste. In Paris müsste man dazu sogar den Bahnhof wechseln.

Der Klimawandel sorgt vermutlich selbst dafür, dass einige touristische Flugziele uninteressant werden. Ich komme gerade von einem 3-wöchigen Urlaub an der Costa del "Sol". An 18 Tagen blies ein kalter Sturm, gefühlt 11 Grad, bis zu 6m hohe Wellen verwüsteten die Strände. Und für die ganze nächste Woche ist Regen und Wind angesagt (mit Schnee im Landesinneren). Vielleicht machen wir stattdessen in 20 Jahren Urlaub unter Palmen in Dänemark?

RE: China verstehen und als Chance begreifen | 02.04.2019 | 21:11

Wie der chinesische Journalist Shi Ming neulich im Auslandsjournal richtig bemerkte, ist die chinesische Wirtschaft effektiv, aber nicht effizient. Damit meint er, China baue - koste es was es wolle - eine moderne Infrastruktur auf und pumpe auf Verdacht Milliarden in das Seidenstraßenprojekt. Die Folge ist, dass das Land intern prozentual bereits höher verschuldet ist als Japan.

China hat sicher Erfolge bei der Generierung eines bescheidenen Wohlstands. Offen bleibt aber, ob das Land die Gefahren durch Umweltverschmutzung, Klimawandel und der demographischen Katastrophe dank der 1-Kind Politik bewältigen kann. Auch der geplante Bau von ca. 100 AKWs kann nicht nur gesund sein. Die große Nachfrage Chinas nach Uran aus Minen auf der ganzen Welt, bringt bereits weniger potente Staaten wie Südkorea in Probleme bei der Deckung ihres Uran-Bedarfs (das kleine Südkorea betreibt ca. 30 AKWs auf einer Fläche so groß wie Österreich.)

In kleinerem Massstab hat bereits Südkorea den Chinesen den brutalen, staatlich gelenkten Verdrängungswettbewerb vorgemacht: Man erinnere sich: Samsung und LG fegten Schwergewichte wie Telefunken und Grundig vom Weltmarkt, Hyundai Containerschiffbau schaffte das mit dem Bremer Vulkan, POSCO Steel beinahe mit Thyssen-Krupp. Trotzdem ist der Außenhandelssaldo zwischen Deutschland und Südkorea heute auf wesentlich höherem Niveau ausgeglichen.

Alle industriell erfolgreichen Emporkömmliche haben mal auf die unfeine Art bei den industriellen Vorreitern abgeguckt. In Ratingen steht im Haus Cromford eine funktionierende Wasser getriebene Webmaschine aus dem 18.Jahrhundert. Damals ist extra ein Rheinländer nach USA gefahren, hat sich die dortigen modernen Webstühle genau angesehen und das Gleiche in Ratingen installiert.

Dass die Ostasiaten wirtschaftlich so erfolgreich sind,liegt an ihrer konfuzianischen Tradition mit ihrer Lerntradition. Die verhindert allerdings einen "freien und kritischen Geist", der im Westen immer wieder die Erfindung neuer disruptiver Technologien ermöglicht. Das Modell " du musst immer den Älteren gehorchen" hat eben auch Nachteile. Die Südkoreaner mussten das z.B. bitter erfahren, als 1983 ein Jumbo-Jet der Korean Airlines westlich der sowjetischen Insel Sachalin von einem sowjetischen Kampfflugzeug abgeschossen wurde. Ein jüngerer KAL Pilot, der hinter dem Unglücksflieger in Seoul gestartet war, hatte sich nicht getraut, seinen Rang höheren , vor ihm fliegenden Kollegen auf dessen Abweichung von der Standard-Route aufmerksam zu machen.

RE: Alles, was man zur Europawahl wissen muss | 01.04.2019 | 22:44

Welche Chancen geben Sie der Partei "Volt"? Sie ist m.W. die einzige Partei, die als gesamteuropäische Partei antritt und nicht als Ableger einer nationalen Partei.

RE: Haut ab! | 31.03.2019 | 17:15

Die viel interessantere Frage lautet: Wie hält es Frankreich mit einer wie auch immer gearteten Demokratiebewegung in Algerien? Nach französischem Stattsverständnis ist doch Algerien immer noch trotz formaler Unabhängigkeit das wichtigste französische Einflussgebiet in Nordafrika. Wie kann dort auf Dauer etwas geschehen, was Frankreich nicht gefällt?

RE: Eine pluralistische Linke und die Volksfront | 27.03.2019 | 20:59

Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass Orwell im Schützengraben der POUM einen Halsdurchschuss erlitt, so dass die Welt beinahe nie etwas von diesem großenSchriftsteller erfahren hätte. Außerdem hat Orwell in "Mein Katalonien" eindrucksvoll geschildert, dass die durch die Zwangskollektivierung verarmeten katalanischen Bauern ihre Söhne nicht aus Begeisterung zu den Linken zur POUM Armee an die Front schickten, sondern weil die Soldaten dort einen kleinen, aber regelmäßigen Sold erhielten, von dem häufig ganze Familien leben mussten.

Die Linken waren in Barcelona zu Beginn des Bürgerkriegs keineswegs unterlegen. Der faschistische General Goded, der von Franco aus Mallorca nach Barcelona beordert worden war, um in Katalonien die Macht zu übernehmen, wurde am 20.Juli bei der Landung auf dem Flughafen von Barcelona verhaftet und in die Obhut des linken katalanischen Präsidenten Companys überstellt. Auf Druck des Pöbels musste Companys Goded an die Milizen ausliefern, von denen er bald darauf in der Festung M0ntjuich erschossen wurde, nachdem er zuvor noch durch einen Aufruf an die Franco-Truppen in Valencia verhindern konnte, dass es dort zu einem Blutbad zwischen linken und rechten Truppen kam.

Zu Beginn des Bürgerkrieges wurden am 21. Juli die rechten Offiziere des repubikanischen Schlachtschiffs Jaime I nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Vigo von linken Soldaten erschossen und über Bord geworfen. Die Jaime I sollte dann in die Straße von Gibraltar einlaufen und dort verhindern, dass die Deutsche Lufthansa Francos Soldaten von Nordafrika auf das spanische Festland übersetzt. Die Jaime I wurde vor Malaga von deutschen Kampfflugzeugen schwer beschädigt und musste nach Cartagena zur Reparatur auslaufen, so dass sie für die Verteidigung der Meerenge von Gibraltar ausfiel.

Die Geschichte hätte auch eine andere Wendung nehmen können: Franco war ursprünglich garnicht als Oberbefehlshaber der rechten Putschisten vorgesehen, sondern General Sanjuro, der am 18.Juli mit seinem Kleinflugzeug abstürzte, als er aus seinem Exil in Portugal nach Sevilla flog. Die Ursache für den Absturz war, dass die Maschine durch Sanjuros Prunkuniformen überladen war.

Am Ende des Krieges wollte General Casado, der republikanische Kommandeur von Madrid, mit Franco über einen Waffenstillstand verhanden. Dem widersetzten sich als einzige die Moskau treuen kommunistischen Truppen in Madrid. Es kam zu einem Gemetzel zwischen den Truppen Casados und der Kommunisten mit über 2.000 zu diesem späten Zeitpunkt völlig sinnlosen Toten. Der Rest des Landes war zu diesem Zeitpunkt schon fest in der Hand von Francos Putschisten. Der republikanische Ministerpräsidenten Negrin war da bereits zusammen mit der linken Durchhalteikone Dolores Ibarruri (La Pasionaria) nach Frankreich geflüchtet.