RE: „Ich klage gern“ | 02.03.2019 | 16:23

Jetzt hast du mich kurz verunsichert. Habe ich Louis wirklich falsch interpretiert? Meine Lektüre ist ja auch schon über 4 Monate her. Also habe ich das Büchlein noch mal hervorgekramt - und ein wenig recherchiert, wie man so sagt und schreibt.

(Vorläufiges?) Ergebnis: Louis' autobiographischer Roman (ein angegriffener Politiker nennt ihn "diese Sache") ist nicht neo-marxistisch, wie der Kritiker des DLF meint, sondern - in der Tradition des 19. Jh. (Sue, Hugo, Zola) miserabilistisch. Der Vater (der übrigens noch lebt) wird in eine dörfliche Kontinuität von Arbeiterelend, Krankheit und frühzeitigem Altern,, Alkoholismus, Homophobie, Gewalt, Frauenfeindschaft, Autokult u.ä. gestellt, eine Kontinuität, der auch der ältere Stiefsohn nicht entrinnen kann. Der verprügelt sogar seinen Stiefvater. Natürlich sind die Prolos des Nordens nicht "schuld", aber auch der Kapitalismus wird durch des Autors Fokussierung auf die gerade Regierenden ent-verantwortlicht:

"Die Geschichte deines Körpers ist die Geschichte dieser Namen (er nannte vorher Sarkozy, Hollande, Macron), die einander folgten, um ihn zu zerstören."

Interessant ist die Louis'sche Interpretation der Gelbwesten-Bewegung. In einem Zweitungsbeitrag sympathisiert er natürlich, aber auf seine spezfische Art:

"Jede Person, die einen Gilet jaune beleidigt, bleidigt meinen Vater....

Ich sah leidende Körper, verwüstet durch die Arbeit, durch die Müdigkeit, durch den Hunger, durch die ständige Demütigung der Herrschenden... Ich sah müde Körper, müde Hände zermahlene Rücken, erschöpfte Blicke..."

Ich sehe die GJ nicht auf dieser Art Hungermarsch von Bettlern, sondern auf selbstbewussten Demonstrationen für ein besseres Leben.

Nach Erscheinen des ersten Bestsellers 2014 wurde das Heimatdorf Louis', Hallencourt in der Picardie, natürlich von Journalisten "überfallen". Sie trafen auf empörte Bewohner und eine entsetzte Familie. Die Mutter (die selbstbewusster erscheint als im Roman beschrieben) sagt, diese Geschichte habe sie sehr traurig gemacht. Sie wolle nur noch vergessen. Alle Befragten sagen, die Fakten stimmen nicht. Der Kneipier des Dorfes:

"Das Dorf ist nicht voller Rassisten und Homophoben. Warum muss er auf seiner Familie 'rumhauen?"

Ein alter Freund:

"Was mich stört, ist, dass er seine soziale Klasse mit Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Rassismus verbindet. Offensichtlich trifft das nicht auf die meisten hier zu. In dieser Klasse gibt es auch sehr viel Solidarität. Aber so ist, diese Art Diskurs soll den Pariser Bourgeois Angst machen ... und sich gut verkaufen."

Louis selbst spricht wiederum von "einem diffusen Hass (der Dorfbewohner) auf den Flüchtling aus seiner Klasse".

Am Ende bleibt mir die Erkenntnis, dass - wieder einmal - die Lektüre (angeblich) reaktionärer und zynischer Autoren wie Houellebecq mehr Erkenntnis und Vergnügen bringen kann, als die eines ohne Zweifel linken, der sozialen Frage zugewandten Autoren wie Louis, der fragt: "Wer liest den heute noch Céline?".

Was mich tröstet, ist, dass Kenner des Reaktionärs Balzac, wie Marx, Engels (oder auch Wolfgang Pohrt), mir zugestimmt hätten.

RE: „Ich klage gern“ | 28.02.2019 | 13:58

"Houellebecq ist einfach ein schlechter Schriftsteller"

"Wer liest denn heute noch Céline?"

"Ästhetik ist mit Faschismus vollkommen unvereinbar"

"Ein Rassist kann einfach keinen schönen Satz schreiben"

Solche Sätze sagt man entweder aus Ignoranz oder aus kalkulierter Arroganz, etwa um seine Marktposition als junger Wilder zu behaupten. Edouard weiß, warum er etwas sagt. Auch wenn er behauptet:

"Wenn die Regierung Homophobie stärker bekämpfen würde, könnte sie auch die Reproduktion der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ändern".

Also das ist für die Macronie eine geradezu leichte Übung, die sie auf der verbalen Ebene perfekt beherrscht. Alles zu ändern, um nichts zu ändern, das macht ihr keiner so schnell nach. Die Bremser, die "Konter-Revolutionäre" in der macronschen Revolutionswelt, das sind die Gewerkschaften, die Unflexiblen, die Gelben Westen. Und die werden zu Machos, Homophoben, Gewaltbereiten, Antisemiten gestempelt. Überspitzt und gegen Edouards merkwürdigen Optimismus formuliert: Der Kampf gegen die Homophobie ist eine Selbstverständlichkeit, aber die Reproduktion der sozialen Verhältnisse tastet er nicht an.

Ja, ich habe oben despektierlich vom "vulgärmaterialistischen" neuen Zola" auf dem literarischen Feld geschrieben. Dabei dachte ich an den Determinismus, dem die "Miserarablen" nicht entrinnen können, bei dem Kommunehasser Zola ist er biologisch, bei Edouard durch das fatale soziale Erbe der Virilität bedingt, zumindest tendenziell, denn der Roman endet ja richtig schön:

"... du hast mich angeschaut und schließlich gesagt:

Du hast recht. Du hast recht. Ich glaube, wir brauchen eine gute Revolution."

Macron würde antworten: "Und genau das machen wir." Auch wenn er das Buch nicht gelesen hat.

RE: „Ich klage gern“ | 27.02.2019 | 10:13

Bei Louis weiß ich nie, ob seine Texte Pose oder materialisierte Überzeugung sind. Dieses Interview grenzt ja schon an Parodie und ähnelt spiegelverkehrt den Aussagen Houellebecqs. Als Schüler des Bourdieu-Schülers Eribon weiß er, wie man sich momentan auf dem literarischen Feld zu verhalten hat - als vulgärmaterialistischer neuer Zola gegen den angeblich oder wirklichen Reaktionär und Zyniker Houellebecq, der zum Maß aller Dinge wird.

Bei der Lektüre von "Wer hat meinen Vater ermordet (im Orginal steht "getötet", was es besser trifft)?" wurde mir immer deutlicher, dass sich hinter einer angeblichen schonunglosen und wuchtigen Beschreibung einer verlorenen Arbeiterklasse ihre Verachtung verbirgt. Es ist ein Blick auf eine angeblich omnipräsente Männergewalt eines "wilden Stamms" im Norden, ohne "Kultur", dem Suff ergeben, um den Einbruch der neoliberalen "Mörder" zu ertragen. Im Grunde der konservative Blick des 19. Jahrhunderts auf die "gefährlichen Klassen", der sich auch bezüglich der Gilets jaunes reproduziert.

Das heißt nicht, dass das Buch nicht wirklich gut geschriebene Passagen enthält. Um an Houellebecq und Céline heranzukommen, müsste er jedoch noch ein wenig üben. Er wird dies wissen.

RE: In der Falle | 20.02.2019 | 14:39

Es ist die Stärke der Gilets jaunes, als soziale Bewegung alle politischen und ideologischen Differenzen auszuschließen. Wenn diese zum Vorschein kommen (müssen), schwächen sie sofort die Bewegung. Die wie aus dem Nichts auftauchenden antisemitischen Schmierereien konnten den GJ noch nicht zugeschrieben werden, was die Editorialisten zu merkwürdigen Argumentationen zwang (die GJ haben den Weg zum Antisemitismus "frei" gemacht u.ä.). Die Anpöbeler Finkielkrauts hatten aber offensichtlich gelbe Westen. Aber sie waren alles andere als repräsentativ (ein Salafist als überzeugter GJ ist so selten wie ein neoliberaler LKW-Fahrer bei den Macronisten). Dass gerade Finkielkraut einen der Pöbeler dermaßen in Wut versetzte, hat natürlich auch mit dessen rassistischen Aussagen gegenüber der muslimischen Bevölkerung zu tun, die fatal an die faschistische "Theorie des großen Austausches" erinnern.

Aber, wie Paoli zeigt, hat die Macronie wieder den Punkt, um Mélenchon zu zitieren. Momentan herrscht die große Lähmung. Es ist fraglich, ob sich die GJ diesen Schlag diesmal wieder erholen werden, nachdem sie die Vorwürfe des Rechtsextremismus, der Homophobie, des Antifeminismus, der Verschwörungstheorie, der Kulturlosigkeit, der brutalen Gewalt gegen Menschen und (wertvollen und luxuriösen) Sachen (zum Beispiel die Profanierung des Triumphbogens mit Tags und der Champs-Elysées mit ihrer proletarischen Präsenz) und die reale Erfahrung von Polizeigewalt verkraften konnten. Übrigens ist es im Zusammenhang rasssistischer Ideologie interessant, dass die unfassbare Demütigung von Schülern aus der Banlieue in kolonialrassistischer Herrenattitüde zu keinem nationalen republikanischen Entsetzen geführt hat, also nicht als "Negation dessen, wofür die Republik steht" (Macron) verstanden wurde.

So verfahren wie die Situation der GJ scheint die der Linken insgesamt. Man konnte fast glauben, dass die France insoumise darum bettelte, an der großen Demonstration gegen den Antisemitsmus teilnehmen zu dürfen, also Teil dieser "Union sacrée" zu werden. Der Begriff aus dem ersten Weltkriegs fällt dabei so selbstverständlich, wie es noch Mélenchon vorgeworfen wurde, seinen Status als Abgeordneter der Republik als "sacré" bezeichnet zu haben. Das Tragische ist, dass es allen klar und deutlich ist: die Demonstration gegen den Antisemitismus ist notwendig, und gleichgzeitig ist sie ein ziemlich schamloses Manöver der Macronie (und anderer bürgerlicher Parteien, inklusive Sozialisten), sich der GJ zu entledigen und sich als einzige Alternative im Kampf gegen den Rassemblement national (FN) zu präsentieren. Das wiederum ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Manchmal hat man den Eindruck, Va-Banque-Politik macht den Macron-Männern Spaß. Im figurativen Sinn: Sie agieren als Pompiers pyromanes.

Aber warten wir ab: Das Auftauchen der GJ hat gezeigt, dass in diesen historischen Zeiten das Unerwartete große Chancen hat. Das hat sogar etwas Beruhigendes.

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 12.02.2019 | 13:51

Nachtrag 12 Februar 19:

Das Abgleiten in den autoritären Republikanismus setzt sich fort: Die "hard power" des Staates erleichtert sich die künftige Repression durch das Gesetz gegen die "Casseurs", durch das gegebenfalls das individuelle Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit aufgehoben werden kann (durch die politische (!) Institution des Präfekten), und die "soft power" generiert sich per Zwangspatriotismus. Die Mehrheit der Nationalversammlung wird wohl am Freitag mit den Stimmen der Republikaner, der Marcheure und des RN (?) ein "patriotic act" beschließen, das das Anbringen der Trikolore, der Europaflagge (im Blau der Hl. Maria) und des Refrains der Hymne in jedem Klassenraum (!) vorsieht.

Spinnen die Macronier? Nein, sie halten sich für Strategen.

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 07.02.2019 | 08:46

Die Zeitschrift Marianne hat am 6. Februar eine Umfrage mit einer dieser Sonntagsfragen veröffentlicht. Welcher Kandidat hätte welche Chancen im ersten Präsidentenwahlgang 2022. Bis dahin fließt zwar noch eine Menge (nicht immer sauberes) Wasser die Seine hinunter, aber das Ergebnis entspricht der oben angedeuteten Möglichkeit. So sähen die zukünftigen Chancen aus heutiger Perspektive aus:

Macron, als scheinbarer Phönix: 30% (+6!)

Le Pen: 27% (+6)

Mélenchon: 12% (-7!)

Wauquiez, der Republikaner: 8% (-12!, im Vergleich zu Fillon)

Hamon: 6%

Dupont-Aignan (Debout la France, Le-Pen-affin): 6% (+1)

Faure (PS): 3%

Yadot (ecol.) 2% (die Partei wird bei den Europawahlen hoch gehandelt!)

Die im Beitrag beschriebene Strategie der Macronie scheint aufzugehen, die Politik der "Ruhe und Ordnung" zieht die bisherigen Wähler der Rechten (les Républicains) magnetisch an. Der elektorale Shotdown zwischen der Macronie und dem Rassemblement national (und ihrer Verbündeten) wird wahrscheinlicher. Und angesichts der offensichtlichen tiefen Krise wäre es diesmal nicht so sicher wie 2017, dass Macron obsiegt. Wenn nicht, hätte er das traurige Verdienst, durch seine autoritäre Innenpolitik (Aufhebung prinzipieller Freiheiten, Polizeigewalt) und seine neoliberale Wirtschaftspolitik einem Faschismus des 21. Jhs. den Weg bereitet zu haben.

RE: La Fin De Leur Monde | 05.02.2019 | 08:45

Dazu fällt mir (wieder mal) die Commune 1871 ein. Die begann mit dem "Überlaufen" der Nationalgarde zu den Aufständischen, für die Herrschenden ein Horror (was bleibt ihnen noch, wenn die Legitimation und die übliche Repressionsmacht wegläuft?). Bei der brutalen Unterdrückung wurden dann bewusst Soldaten ländlicher Herkunft eingesetzt. Heuer behauptet der Journalist David Dufresne, der sich eingehend mit der Unterdrückung der GJ befasst hat, dass in Paris überproportional viele Polizisten mit südfranzösischem Akzent eingesetzt sind.

Aber trotz Indoktrination, Gruppenzwang und all dem Kram bleibt doch die sehr alte Frage: wie kann man bewusst einen Menschen verletzen wollen, der nichts anderes tut, als friedlich oder auch wütend zu demonstrieren? Warum haben diese gepanzerten und behelmten Männer (und Frauen) mit ihren "sub-letalen" Waffen nicht den Mumm, sich zu fragen, was sie gerade machen und einmal in ihrem Leben Nein zu sagen?

RE: La Fin De Leur Monde | 04.02.2019 | 11:43

Immer wieder beeindruckend: die Gilet jaunes tanzen mit Musik von Piaf gegen die drohende Räumung ihres Rondpoint an. Besser: gegen die drohenden Polizisten. Denn es sind gewaltaffine Menschen, die die Repression durchführen, bereit, Tränengas, Knüppel und Schlimmeres gegen die Tanzenden einzusetzen. Ohne staatliche Legitimation wäre es schwere Kriminalität. Schwer verständlich, dass - abgesehen von einzelnen Whistleblowern, die dann prompt ein Disziplinarverfahren am Hals haben - so gut wie alle Gendarmen und Polizisten mitmachen.

RE: "Reduzierte Letalität" | 28.01.2019 | 17:59

Auf der Webseite der "Foulards rouges" die langen Beschwerden dieser Verteidiger der Freiheit und Gegner der Gewalt durchgelesen. Sie strotzen vor Verachtung der Plebs. Einige Beispiele:

" Was mir Angst vor der Bewegung der GW macht, ist ihe Übereinstimmung mit einer bestimmten Form des Faschismus: alle sind gleich gekleidet, zeigen unkontrollierte Gewalt ..."

"Also, ihr jungen GW, hört auf, euch zu beklagen und bewegt endlich den Hintern. Wir haben genug von euren Dummheiten, es reicht!"

"Die Bewegung ist das Königreich der Idiokratie... Sie halten sich für "Das Volk" und wollen allen ihre irren Forderungen aufzwingen!!... Was mich aufregt, ist ihre pathetische Attitude, wenn sie zu sagen wagen: Oé (so sprechen diese Unterschichten "oui" aus), oé, die Gewalt, das sind nicht wir, sondern die Kaputtmacher...".

RE: "Reduzierte Letalität" | 28.01.2019 | 15:04

Strafe füs Schnellschreiben: ich muss korrigieren. Die Präfektur gab 10.500 Rote Tücher an, nicht 12.500. Einige bürgerlichen Medien machten daraus "mehr als 10000".