RE: Eine soziale Bewegung, die den Namen verdient | 09.08.2018 | 11:16

Ich muss leider korrigieren. Macron sagte natürlich:

"Wir geben DEN Hassbotschaften nicht nach, wir geben dem Antizionismus nicht nach, denn er ist die wieder erfundene Form des Antisemitismus."

RE: Eine soziale Bewegung, die den Namen verdient | 09.08.2018 | 10:12

Da hilft nur der (leider lange) Rekurs auf die Primärquelle, lieber Kollege.

Zunächst zur Situation. Mitte Juli 2017 hat der frische Präsident Macron die Chance für große Auftritte. Und er ntutz sie gekonnt. Am 14. Juli ist Donald Trump aus Anlass des hundertsten Jahrestags des Kriegseintritts der USA Ehrengast bei der Militärparade. Trump und Macron ziehen alle Register des publikumswirksamen Auftritts. Einen Tag später ist Benjamin Netanjahu Ehrengast bei der Gedenkfeier der "Rafle du Vél d'Hiv" vom 15.7. 1942. Bei dieser Gelegenheit sagt Macron:

"Es ist sehr wohl Frankreich, das die Verhaftungen und dann die Deportation organisiert, die für fast alle der 13152 Personen jüdischer Konfession den Tod bedeutete... und an der kein einziger Deutscher teilnahm."

Im weiteren Verlauf der Rede, auf Marine Le Pen anspielend:

"Ich weise die "Accomodements" derer zurück, für die Vichy nicht Frankreich war. Vichy, das waren sicherlich nicht alle Franzosen, aber es war der Staat und die Verwaltung Frankreichs."

Später:

"Wir geben die Hassbotschaften nicht nach, wir geben dem den Antizionismus nicht nach, denn er ist die wieder erfundene Form des Antisemitismus."

Auf beide Ereignisse (und andere) reagiert Mélenchon in seinem Blog "L'ère du peuple".

Zunächst mokiert er sich über den "karnevalesken Empfang" des "amerikanischen Gorillas" Trump. Macron, der den Kriegseintritt der USA feiere, übersehe, dass 1917 "vor allem das Jahr einer immensen popularen Reaktion gegen den Krieg sei. Diese drückte sich im Sieg der Bolschewiken aus..., aber auch in den zahllosen Rebellionen auf der gesamten Westfront... All dieses wurde unterdrückt, und die Polemik über das Erinnern an die "Appelés insoumis", die damals fusilliert wurden, weil sie den Krieg aufhalten wollten, geht weiter..."

Zur Rede Macrons am 15. Juli äußert sich Mélenchon ausführlicher, als es die Medien darstellten:

"Den Antizionismus mit dem Antisemitismus gleichzusetzen ist eine uralte These der kommunitaristischen Milieus. Diese These wird nun zum ersten Mal vom Präsidenten unserer Republik offizialisiert. Und es ist wahrlich keine kleine Angelegenheit, wenn eine politische Meinung mit einem Delikt verbunden wird, das per Gesetz in Frankreich bestraft wird. Wer könnte es zulassen, dass eine solche Option im Namen des ganzen Landes ergriffen wird, nur weil der Prinz es entschieden hat?"

Im Anschluss kommt Mélenchon zu den Vichy-Aussagen des "Prinzen":

Nach all diesem bedeutet die Erklärung, dass Frankreich für das Vél d'Hiver verantwortlich sei, eine neue maximal intensive Schwellenüberschreitung.In der Tat, niemand kann bestreiten, dass Franzosen persönlich für das Verbrechen verantwortlich waren. Dies gilt vor allem für die Polizei, die die Verhaftungen durchführte, ohne den geringsten Widerspruch, ohne den geringsten Widerstand, aber auch für die Beamten aller Bereiche, die sich soi zu Komplizen machte, sei es aktiv, sei es durch ihr Schweigen... Aber zu sagen, dass Frankreich als Volk, als Nation für dieses Verbrechen sei, bedeutet eine essentialistische, vollkommen inakzeptable Definition unseres Landes.

Frankreich ist nichts anderes als seine Republik. Injener Zeit war die Republik durch die nationale Revolution des Marschalls Pétain abgeschafft. In dieser Geschichtsperspektive war das damalige Frankreich in London mit dem General de Gaulle und überall dort, wo Franzosen gegen den Nazibesetzer kämpften... Niemals, zu keinem Moment haben die Franzosen die Entscheidung des antisemtischen Mordes getroffen! Diejenigen, die nicht Juden waren, sind nicht alle, global und als Franzosen, des Verbrechens schuldig. Ganz im Gegenteil, durch seine Résistance, seine Kämpfe gegen den Eroberer und durch die Wiederherstellung der Republik, hat das französische Volk bewiesen, auf welcher Seite es wirklich stand. Es liegt nicht in der Macht des Herrn Macron, allen Franzosen eine Henkeridentität zuzuschreiben, die sie nicht haben! Nein, nein, Vichy ist nicht Frankreich!"

Die Länge der Zitate war sicherlich wichtig, auch um zu zeigen, dass Mélenchons Geschichtsbild sich von dem Le Pens diametral unterscheidet. Es ist das der Résistance. Ob er diese nicht zu stark idealisiert oder pauschalisiert, darüber wäre lange zu diskutieren.

RE: Eine soziale Bewegung, die den Namen verdient | 07.08.2018 | 16:21

Meine These ist ja, dass es aufgrund historischer Kontinuitäten in Deutschland keine große linke "Sammlungsbewegung" geben kann - im Unterschied zu Frankreich und wohl auch Spanien.

Eines der Probleme ist, dass die diversen Weimarer Querfrontgruppen und die Nazis der Kommune wichtige politische Begriffe und Symbole genommen haben. Bewegung ist solch ein Begriff, der links, sozialistisch, humanistisch sein kann, aber eben auch engstirnig nationalistisch. "Aufstehen" war ein Lied der Friedensbewegung der frühen 80er, die Gruppe hieß/heißt Bots, der Texter Diether Dehm, ein recht bekannter Medienmanager. "Steh' auf, wenn du ein Schalker bist!" singen die Fans in Gelsenkirchen, und das kann man auch als Drohung verstehen. Aber es gibt natürlich unendlich viele Beispiele für eine emanzipatorische Verwendung. Ähnliches gilt für "Aufwachen". Die Nazis zogen ja "Erwachen" vor, weil sie das "Mann der Arbeit aufgewacht..." im Hinterkopf hatten. Es ist wirklich ein Dilemma für neue politische Großprojekte. Welchen Begriff/welches Bild man auch wählt, bestimmte Experten der BILD schließen aus analogem Gebrauch messerscharf auf inhaltliche Übereinstimmung.

Ein Vergleich mit der France insoumise zeigt allerdings die Schwäche der "Aufsteher". Die Mélenchon-Bewegung ist sicherlich noch stärker auf die eine große Autorität fixiert als die Wagenknecht-Bewegten. Das wird durch das französische Wahlsystem der 5. Republik begünstigt. Aber Mélenchon ist auch ein Glücksfall, unvergleichlich charismatischer, witziger, ja, auch umfassender gebildet als Wagenknecht. Und da sind die vielen positiven Ankerpunkte der französischen Emanzipationsgeschichte(n), an die M. virtuos anknüpft, manchmal mit einem republikanischem Pathos, das ich weniger mag.

Und er ist umgeben von einer Kohorte fähiger junger Politikerinnen und Politiker, die die bürgerlichen Journalisten das Fürchten lehren können. Die existiert bei uns wohl weniger. Das Prinzip der France soumise ist der politische Kampf im Parlament und auf der Straße. Dem entspricht eine manchmal gelungene Praxis (la fête à Macron, grandiose Redeauftritte in der Nationalversammlung). Ähnliches schafft das deutsche Pendant noch nicht einmal in der Theorie.

Und trotz all dieser Vorteile stehen vielleicht 20 Prozent der frz. Bevölkerung hinter der FI. Das ist aus deutscher Sicht viel, aus französischer Perspektive eher bescheiden, vor allem angesichts des ungeheuren Arbeitsaufwands der FI. Vielleicht liegt es auch am Antirassismus und einer Pro-Migrationspolitik ohne Wenn und Aber. Da könnte Wagenknecht bei einem Teil der Zielgruppe punkten - Punkte, auf die man allerdings verzichten sollte.

Kurz, für die deutsche Linksbewegung sehe ich recht schwarz, vielleicht auch, weil zu wenig Rot darin ist. Sie zielt ja wohl auch auf potentielle Wähler der AfD. Es könnte passieren, dass diese im Falle des durchaus realistischen kläglichen Scheiterns der Sammlungsbewegung wirklich in die offenen Arme der rechten Sammlungspartei laufen. Auch insofern ist das Unternehmen ein riskantes Spiel.

Aber vielleicht wird die Auf(er)stehung ja erfolgreicher, als ich glaube. Dagegen hätte ich wahrlich nichts. Denn dass die Fahrt gegen die Wand gestoppt werden muss, ist mehr als klar. "Der Mensch lebt nicht von Brot allein, besonders wenn er keines hat. Hat er es, dann ist der Traum des Mehr erst recht fällig und rot (Bloch, 1932).

RE: Der Skandal, das bin ich | 07.08.2018 | 09:46

Es ist grotesk. Die République en marche ist eine als Abrissfirma angetretene Pseudo-Partei mit strikter Hierarchie, deren Abgeordnete wie Angestellte mit eingeimpfter Corporate Identity das Wirtschaftsprogramm der Großbourgeoisie durchziehen (Abweichler werden mit Ausschluss bedroht), geführt von einem sich immer lächerlicher machenden Chief Officer, dessen Popularitätswerte noch schlechter als die Söders hier sind (und das will 'was heißen). Und trotzdem repräsentiert dieser "überzeugte Europäer", Waffenverkäufer, Karls-Preisträger und Aufrüster in Teutonien das Licht, die Vernunft, die Humanität. Die Parteien, ob sozialdemokratisch, grün, freidemokratisch oder christlich, umwerben Macron mit Koalitionsangeboten im kommenden europ. Parlament.

Selbst wenn es um die geplante linke Sammlungsbewegung geht, wird in manchen Medien die REM als angebliches Vorbild genannt, statt, wie es richtig wäre, die France insoumise. Aber hier kennt man halt nur Jupiter.

RE: "Herr Lieutenant, ich bin ein Mädchen!" | 06.08.2018 | 10:54

Ein Schuss in den Ofen sowieso. Ich habe nicht alle Reaktionen auf diesen "konstruktiven"/"destruktiven" Vorschlag der CDU-Gerneralsekretärin (und der Jungen Union, die sich mittels des Themas mit der künftigen Kandidatin verbündet) gelesen. Aber dass, wie mir scheint, die BW-Strategen negativer reagieren als z.B. der Bundeswehrverband oder der Wehrbeauftragte, liegt wohl genau an dieser Diskrepanz. Die einen wollen gnadenlose Effizienz, bei der manches Humankapital nur schaden kann, die anderen Identifikation, Disziplin und (Pseudo-)Sinnstiftung.

RE: "Herr Lieutenant, ich bin ein Mädchen!" | 06.08.2018 | 08:55

Nun, der Wehrbeauftragte des Bundestages, Bartels, kann sich freuen. Annegret Kramp-Karrenbauers Vorschlag einer Dienst- oder Wehrpflicht für alle findet große Resonnanz. Die Medien diskutieren, recht wohlwollend. Die AfD ist natürlich pro, CDU und CSU ebenso, die SPD-Entscheider haben noch verfassungsrechtliche Bedenken, aber die wunderbare Möglichkeit der Soldaten- und Sodatinnenvermehrung ist auch für sie verlockend. Das "Militärische" (Bartels) wird wieder weniger fremd. Die Grünen zögern noch. Nur die Linke steht im Abseits (was sie bekanntlich nicht so mag).

Zum Thema: Der "Ehrendienst am deutschen Volke" stellt die Kasernenfrage natürlich neu, und damit auch das Problem ihrer Namen.

RE: "Herr Lieutenant, ich bin ein Mädchen!" | 05.08.2018 | 09:43

Zumindest bemüht sich von der Leyen (medien-)intensiv, das Image der "Truppe", wie man wohl zu sagen hat, zu verbessern (was auch das wieder bedeuten mag). So wie der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels. Der Sozialdemokrat sieht die "Gefahr, dass der Gesellschaft das Militärische fremd wird". Nach dem 2. Weltkrieg gab es nicht wenige Sozialisten, die sich für eine Gesellschaft ohne "das Militärische" engagierten. Zweimal hatte gereicht.

RE: „Ist das Heroische schlimm?“ | 07.07.2018 | 19:01

"Ihr Text ist in seinen Vorwürfen und Wertungen völlig eindeutig völlig".

Das hoffe ich doch, Columbus. Er geht auf die zielsicher herausgepflückten, einsätzigen Zitate ein, die Dorn in deutscher Kontinuität positiv bewertet. Auf den Kon-Text dieser Einzelsätze einzugehen, wäre unredlich gewesen. Die Auseinandersetzung gilt Dorn und dem Fragensteller, nicht Schiller, nicht Herder.

Vielleicht schreibe ich demnächst etwas zu Herder und der Neuen Rechten. Ich glaube, das ist ein spannendes Thema. Spannender als das (verkürzt) widergegebene Gespräch zum "aufgeklärten Patriotismus" im jahre 2018.

RE: „Ist das Heroische schlimm?“ | 07.07.2018 | 16:04

Was lesen Sie denn alles in meiner Kritik an Dorn und Augstein? Ich bin echt erstaunt, Columbus.

Es ist doch Thea Dorn, die sowohl Schiller als auch Herder auf einen Satz verkürzt, und zwar auf den im rechten deutschen Bürgertum üblicherweise rezipierten. Und um das historisch geformte Rezeptionsmuster im heutigen Kontext geht es, nicht um den originalen Schiller resp. Herder.

Zum Voltaire- und Rousseaugegner Herder als nicht nur unfreiwilliger Stichwortgeber der Gegenrevolution empfehle ich hier - in echter Lämpelmanier - wieder einmal die voluminöse Monographie Sternhells, Les anti-Lumières, Paris 2010 (2. Auflage), vor allem die Seiten 155-18o.

Ich bin vor allem ziemlich überrascht, dass Sie nur wenig auf die konkreten Folgen des Dorn- und partiell auch des Augsteinschen Diskurses eingehen. Und die sind allemal wichtiger als das simple Rechthaben. Da wird die alte Liebe zur "Kulturnation", zum Heroismus, zur Heimat, zum deutschen Wein (fehlt noch die deutsche Treue, das mag noch kommen) als das Natürlichste von der Welt beschworen, und im Mittelmeer ertrinken Menschen auch aufgrund des Nationalismus der Europäer, den sie Patriotismus nennen. Das ist (noch) nicht "Fliegenschiss-Geschichte", aber erschreckend, für mich zumindest.