Ein Hoch auf das Basketball-Team! Deutschlands Spitzensport siecht trotzdem dahin

Leistung Weltmeister im Basketball, Vize-Weltmeister im Eishockey – warum Spitzensport „Made in Germany“ dennoch ein ernstes Problem hat und der DFB auf Tiktok-Pannenvideos setzen könnte
Ausgabe 37/2023
Zum ersten Mal überhaupt Weltmeister im Basketball: Das deutsche Nationalteam wird getragen von Spielern, die ihren Beruf in den USA ausüben, wo sie in ihrer Sportart das höchste Niveau vorfinden.
Zum ersten Mal überhaupt Weltmeister im Basketball: Das deutsche Nationalteam wird getragen von Spielern, die ihren Beruf in den USA ausüben, wo sie in ihrer Sportart das höchste Niveau vorfinden.

Foto: Ezra Acayan/Getty Images

Es gibt in Deutschland ein Institut für Generationenforschung, das hat gerade seine jüngste Erhebung vorgestellt und für den Sport Alarm ausgerufen: Er verliert an Bedeutung – auf beiden Seiten, der aktiven wie passiven. Das Leben der Generation Z, der heute „jungen Leute“, werde dominiert vom Social-Media-Konsum, vor allem von Tiktok-Videos, die nur 15 bis 20 Sekunden Aufmerksamkeit beanspruchen und den User dann per Algorithmus in die nächste, noch größere Sensation treiben. Da kann ein Fußballspiel mit seinen quälenden 90 bis 100 Minuten nicht mithalten. Wenn man nun denkt, wenigstens der 100-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-WM müsste mitreißen – nun ja: Da rennen Menschen geradeaus. Können die keine Kunststücke, oder was?

Das Zukunftsszenario ist ein düsteres, die kommenden Jahre werfen in Deutschland ihre Schatten voraus. Spitzensport „Made in Germany“ ist auf dem absteigenden Ast. Wenn er noch funktioniert, dann aufgrund privater Initiative oder weil Personen bewusst das deutsche Sportsystem aufbrechen.

Zur Ausbildung nach Nordamerika

Ein Hoch auf die Basketball-Weltmeister! Aber man muss sehen: Die Mannschaft wurde getragen von den Spielern, die ihren Beruf in den USA ausüben, wo sie in ihrer Sportart das höchste Niveau vorfinden. Drüben, im unerbittlichen Wettkampf, wird man so gut, wie man zu Hause nie sein kann. Im Eishockey, in dem die Deutschen im Mai sensationell Vizeweltmeister wurden, kommt der Großteil der Spieler zwar aus der heimischen Liga, doch fast jeder aus dem Team hat als Junior eine Ausbildung in Kanada oder den USA gemacht und davon profitiert, wenn es auch nicht zur Topkarriere in der National Hockey League langte. Sich bereits im Sommer in einem Trainingscamp einer harten Auslese zu stellen, kann eine wertvolle Erfahrung sein.

Der spektakulärste deutsche Leichtathlet hat sich ebenfalls in die USA orientiert: der Zehnkämpfer Leo Neugebauer. An seiner Universität in Texas werden 250 Millionen US-Dollar in den Sport investiert, einer wie Neugebauer ist ein Aushängeschild, das die Universität lackiert: Der junge Mann aus Leinfelden-Echterdingen bekommt drei Trainer zur Verfügung gestellt und muss sich nicht um seinen Lebensunterhalt sorgen. In Deutschland müsste er mit ein paar Hundert Euro aus der ehrenwerten Stiftung Deutsche Sporthilfe über die Runden kommen und dürfte die Einrichtungen des nächstgelegenen Olympia-Stützpunktes nutzen. Auch ein Privileg – aber nicht zu vergleichen.

Bloß keine internationalen Trainingsgruppen!

Deutsche Leichtathleten haben angeregt, dass doch auch in Leverkusen, Wolfsburg, Kornwestheim oder wo auch immer die Bundestrainer der Disziplinen agieren, internationale Trainingsgruppen gebildet werden könnten. Geht aber nicht – Bundestrainer werden aus Steuergeldern bezahlt und dürfen nur die eigenen Leute stark machen, nicht die Konkurrenz.

Der Fußball, zuletzt bei allen Turnieren abschmierte, hätte Voraussetzungen, von denen andere Sportarten nur träumen können. Hier sind die Probleme hausgemacht. Vereine und Verband haben sich in Erfolgen gesonnt, sich für „too big to fail“ gehalten und übersehen, dass ein Transfer von Know-how, das man exklusiv bei sich wähnte, in alle Welt stattgefunden hat. Der DFB sollte auf Tiktok setzen: Aus den jüngeren Pannen ließen sich coole Kurzvideos machen. Begeisterung überall!

Günter Klein ist Chefreporter Sport beim Münchner Merkur und monatlicher Sport-Kolumnist sowie Autor des Freitag.

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