Diversity-Marketing des neuen Berliner Senats: Danke, ich verzichte

Meinung Der vielfältigste Senat Berlins eignet sich höchstens als Witz auf Kosten linksliberaler Bessermenschen. Echte Antidiskriminierung geht anders
Ausgabe 18/2023
Im neuen Berliner Senat sitzen in erster Linie Konservative und Sozialdemokraten
Im neuen Berliner Senat sitzen in erster Linie Konservative und Sozialdemokraten

Foto: Omer Messinger/Getty Images

Jetzt also Kai Wegner. Während ich noch damit beschäftigt war, die Annahme des Koalitionsvertrags von SPD und CDU durch sagenhafte 54 Prozent der Berliner Sozialdemokraten kognitiv und emotional zu verarbeiten, stellten die Koalitionäre schon den zukünftigen Senat vor. Unter der Führung des Christdemokraten Kai Wegner, der nicht nur wie ein Versicherungskaufmann aussieht, sondern sogar einer ist, wird der 19. Berliner Senat schon bald die Arbeit aufnehmen.

Und was für ein Senat das ist! Sieben der zehn Verwaltungen werden von Frauen geführt, davon stammen vier aus Ostdeutschland, zwei Senatorinnen und ein Senator haben Migrationshintergrund. Die berühmten alten weißen Männer machen gerade einmal 30 Prozent der neuen Landesregierung aus. Mehr Vielfalt, Verzeihung, Diversity, gab es im Senat noch nie.

Hier sei die „vermeintliche Rückschrittkoalition deutlich fortschrittlicher als ihre Vorgänger“, freut sich Tagesspiegel-Redakteurin Ann-Kathrin Hipp in einem Kommentar vom Dienstag vergangener Woche. Ausländer in Machtpositionen, das ist bekanntlich gleichbedeutend mit Fortschritt. Und dass mit Felor Badenberg eine gebürtige Iranerin die Justizverwaltung übernimmt, ist für sie „eine ganz klare Ansage an all jene, die Kai Wegner und der Partei in den vergangenen Wochen ‚rechte Tendenzen‘ vorgeworfen haben.“ Richtig gelesen, rechte Tendenzen in Anführungsstrichen.

Es geht immer noch um den Mann, der mit dem Slogan „Dynamisch. Demokratisch. Deutsch“ für sich warb, Straftäter anhand ihrer Vornamen auf die Herkunft kontrollieren wollte und über den CDU-Parteikollege Mario Czaja noch vor zwei Jahren sagte, er sei „dichter an den Positionen von Hans-Georg Maaßen als an denen von Angela Merkel“. Schwamm drüber: Wie rechts können Jemandes Tendenzen sein, der Schwarze und Ossis, Cansels und Felors für sich arbeiten lässt?

Absurd, beleidigend, gefährlich

Spaß beiseite, die Geister, die jahrelange Diversitypolitik rief, werden allmählich zu einem handfesten Problem. Vielfalt um nichts als der Vielfalt willen ist zwar in erster Linie eine hervorragende low hanging fruit fürWitze auf Kosten linksliberaler Bessermenschen. Gleichzeitig sabotiert diese Art der Polit-Kosmetik legitime und dringende Anliegen. Es hilft dem Antirassismus nicht, wenn Ann-Kathrins im Tagesspiegel auf iranische Senatorinnen zeigen und damit die stramm rechte Haltung des künftigen Bürgermeisters für passé erklären.

Diese Denkweise ist nicht nur himmelschreiend dumm, sie ist gefährlich. In all ihrer Absurdität hat sie außerdem etwas enorm Reduktionistisches und darin wiederum Beleidigendes. Als Frau soll ich mich gefälligst von Frauen, als Migrantin von Migranten angemessen vertreten fühlen? Politische Weltanschauungen sind etwas für Leute ohne Diskriminierungsmerkmale?

Ich verzichte. Wie treffend eine Regierung mich repräsentiert, ist nicht davon bestimmt, wie viele Frauen, sondern wie viele Linke darin sitzen. Wie sinnvoll ich eine politische Maßnahme finde, mache ich nicht daran fest, wer sie ausführt, sondern wem sie nützt. Im neuen Senat sehe ich nicht sieben Frauen, zwei Migrantinnen und einen Migranten, sondern fünf Konservative und fünf Sozialdemokraten, und bei diesem Anblick wird mir schlecht.

Der Autor Mohamed Amjahid schrieb in dieser Zeitung einmal den treffenden Satz, um eine Ausländerbehörde inklusiv zu gestalten, müsse man sie abschaffen. Den Senat soll Berlin ruhig behalten. Aber wer es mit der Bekämpfung von Rassismus und Sexismus ernst meint, hat auf Gesetze und Strukturen, auf ökonomische Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse zu blicken. Spaß macht das nicht. Aber das hat ja auch niemand versprochen.

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Geschrieben von

Özge Inan | Özge İnan

Redakteurin, Social Media

Özge İnan hat in Berlin Jura studiert. Währenddessen begann sie, eine Kolumne für die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline zu schreiben. Nach ihrem ersten juristischen Staatsexamen folgten Stationen beim ZDF Magazin Royale und im Investigativressort der Süddeutschen Zeitung. Ihre Themenschwerpunkte sind Rechtspolitik, Verteilungsfragen, Geschlechtergerechtigkeit und die Türkei.

Foto: Léonardo Kahn

Özge İnan

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