Das Puppentheater der wütenden Basis

AFD Plus ça change, plus c'est la même chose
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Niemand muss die AFD wählen. Aber jedermann hat das Recht, sie zu wählen, wenn sein Gewissen dagegen nicht Einspruch erhebt. Und zur Einordnung der welterschütternden Ereignisse von der Ostsee: die AFD ist wahrlich nicht die einzige Partei die imstande ist, der Aussicht auf einen Wahlerfolg so ziemlich alles andere unterzuordnen.

Appelliert die AFD an den inneren Schweinehund? Ja, auch. Aber der Wirkungsgrad ist kaum überprüfbar. Und ein weiterer Teil der Stimmen dürfte ihr auf anderen Wegen zufallen.

Ein fast unfehlbares Mittel, erhebliche Teile der Öffentlichkeit gegen sich aufzubringen, besteht darin, sie direkt oder indirekt zum Maulhalten aufzufordern. Der Jubel über die amtliche Flüchtlingspolitik über Presse- und Parteigrenzen hinweg und der Vorwurf gegen "besorgte Bürger" (ein Geusenname rückwärts, mit dem Demonstranten beschimpft wurden), sie hätten wohl Probleme mit Ausländern, waren solche Aufforderungen, oder wurden so aufgefasst.

Dabei dreht sich die öffentliche Debatte - unabhängig davon, ob es um außen- oder innenpolitische Themen geht, für weite Teile der Öffentlichkeit in Wirklichkeit um genau ein Thema: die jeweils eigene Benachteiligung. So gesehen ist die Zumutung, öffentlich zum Schweigen gedrängt zu werden, eine doppelte und dreifache: sie beleidigt alle vorhergegangenen Kränkungen gleich noch einmal mit.

Der Öffentlichkeit wird viel Theater vorgespielt. Das finden nicht alle Wähler lustig, sie hätten gern Revanche, finden aber kein Mittel dazu.

Oder eben doch. Die AFD zu wählen oder Putin oder Marine Le Pen bedingungsgut zu finden bietet besonders wütenden Wählern (oder Internetbürgern) in Deutschland eine Möglichkeit, die Profis in der Politik zu zwingen, sich ihrerseits mal einen Schwank anzugucken: das Puppentheater der wütenden Basis. Weder Herr Holm, noch Wladimir Putin, noch Marine Le Pen sind notwendigerweise Menschen, zu denen wirklich aufgeblickt wird. Sie fungieren als Handpuppen. Sie werden hochgehalten, um dem Establishment vor allem eines mitzuteilen: sogar die sind besser als ihr faulen Hunde.

Und die Funktionäre der etablierten Parteien? Klar, sie sind beleidigt. Sie reißen sich doch jeden Tag ...

Also buhen sie das Puppentheater der Basis aus, und bewerfen es mit faulen Eiern. Denn sie sind enttäuscht - menschlich und als Profis.

Die Laienpuppenspieler von der Basis hingegen zählen die faulen Eier und freuen sich über jedes einzelne.

So sieht der Zwischenstand eines Ringens aus, in dem es darum geht, wessen Belange in der öffentlichen Aufmerksamkeit und der Bemühung um menschlich faire Problemlösungen zu kurz kommen. Man kann darüber streiten, wie weit oder kurz der Weg zu solchen Lösungen sind, oder darüber, ob zum Beispiel die Mindestlohnbemühungen der SPD ein aufrichtiger Versuch waren, dem alten gesellschaftlichen Konsens, dem zufolge niemand im Dreck liegenbleiben dürfe, wieder näherzukommen. Einen großen Vertrauenszuwachs scheint es aber nicht gebracht zu haben.

Der AFD hat konkret geholfen, dass die etablierten Parteien - und allen voran die Union - die Wählerschaft wie Manövriermasse behandelt haben. Stichworte: asymmetrische Demobilisierung und "Hauptsache Mehrheit" (im Parlament). Es ist nicht nur die Flüchtlingskrise, die der AFD hilft. Wenn überhaupt, brachte die - und der propagandistische Umgang damit - "die Fässer zum überlaufen". In einer Öffentlichkeit, in der Symbole fast immer wichtiger sind als das Denken, kann jedes Ereignis, wenn es im entsprechenden Moment auftritt, zu überraschenden Massenreaktionen führen.

Was die AFD außerdem stark macht, ist ein politisches "Massenmanagement" der bereits etablierten Parteien, das sich so gibt, als nehme es die Grundrechte ernst, das aber einen entscheidenden Grundsatz - dass jeder Einzelfall ein faktischer Prüfstein für die Respektierung dieser Grundrechte sei - nicht respektiert.

Vergröbert gesagt, und keineswegs einzelfallgerecht: geht es Wählern einigermaßen gut, lassen sie sich mit Platitüden ruhigzustellen. Geht es ihnen schlecht, lassen sie sich mit (allerdings ganz anderen) Platitüden auf hundertachtzig bringen.

So gesehen hat sich der AFD-Wähler, der vorher SPD, Linke, CDU oder Grün wählte, gar nicht verändert. Er ist nach wie vor - um mit Doktor Schiwago zu sprechen - ein Zirkuspferd, das sich einbildet, es reite sich selbst durch die Manege.

Neu ist nur der Reiter.

09:32 08.09.2016
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