Aus dem Whirlpool direkt aufs Siegerinnentreppchen

#TexasText/Jamal Tuschick Auf einer Metaebene der Betrachtung stieg Amina Krasota-Eisenfuß aus dem Whirlpool direkt aufs Siegerinnentreppchen

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“If you can imagine it, you can achieve it. If you can dream it, you can become it.” Iryna Halai, Quelle

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„Wegen schlechter Bedienung konnte nur wenig Bier getrunken werden.“ Eduard von Keyserling in einem Brief

Supersynergetisch/Karate Cocooning

Die Marineluftbasis auf Tornado Island im Pearl Sound ist nicht nur ein Militärflughafen in der atlantischen Förde. Solange der Kalte Krieg das Weltgeschehen bestimmte, diente der abgeschirmte Platz auch als Horchposten. Mit Hydrophonen (laut Wikipedia, „einem Gerät zur Wandlung von Wasserschall in eine dem Schalldruck entsprechende elektrische Spannung“) spürte man sowjetische U-Boote auf und analysierte die Audiosignaturen ihrer Aktivitäten. Das Sound Surveillance System (SOSUS) unterliegt einer hohen Geheimhaltungsstufe auch dann noch, als man damit nur noch Walgesänge filtert. Die in den Ozean hineinlauschenden Spezialist:innen* arbeiten sogar unter Ausschluss der limitierten Stützpunktöffentlichkeit.

Man isoliert die Spezialist:innen*. Personen, die mit der Auswertung der Audiodaten zuständig sind, sollen keinen Umgang mit dem ahnungslosen Rest der Besatzung haben. Zu den Separierten gehört Kiko Winchester. Privat züchtet die Tontechnikerin im Rang einer Obermaatin fleischfressende Pflanzen, wenn sie nicht Sport treibt.

Die passionierte Karateka Kiko Winchester liebt Kobralilien.

Wer ist Kiko Winchester? Und wie passt sie in unseren Report über die erste Kasseler Karateweltmeisterin Amina Krasota-Eisenfuß.

Die sozial lethargische Amina stand lange im Schatten ihrer karateverrückt-flamboyanten Schwester Anzu. Anzu strebte nach Vollständigkeit. Sie wollte alles wissen. Deshalb studierte sie Karate in einem Dōjō am Fuß des Kumotori im Okuchichibu-Gebirge, und Japanologie in Göttingen.

Manche erinnern sich hoffentlich. 1983 übernahm Cole von Pechstein die von seiner Großtante in Kassel-Wilhelmshöhe gegründete und als gemütliches Nachbarschaftszentrum geführte Karateschule Pechstein. Cole machte allem Zusammengewürfelten und Improvisierten ein Ende. Er setzte eine Designlinie durch. Von seinen Helfer:innen* verlangte er, dass sie einer Kleiderordnung gehorchten.

Cole hatte in Asien durchgestylte Dōjōs inspiziert, die wie Shopping Malls funktionierten. Er hauste wie die Axt im Wald, um sein supersynergetisches Konzept hinter den sieben Bergen vor Kassel durchzusetzen. Er zog ein Wellness-Taj-Mahal auf, mit Angeboten auf drei verglasten Etagen. Im exklusivsten Bereich genossen die Initiierten den Komfort eines Fünfsterneplus-Spa, ohne dass ihnen jemand zugucken konnte.

Jeder kennt die Karateschule Pechstein als erste dezidiert feministische Kampfkunstakademie in Hessen. Seit Jahr und Tag werden da Instruktorinnen* aus- und weitergebildet von Angehörigen des Ordens der ritterlichen Schwestern zu Kassel, denen die Professorin Tomoko Nanami-Steinbeißer als Äbtissin vorsteht. Die Sherpa Sisters stehen in der Tradition jener Hessenmeisterinnen, die wir Sherpas nannten, da sie Aminas Aufstieg zum Karategipfel aufopferungsvoll begleiteten.

Einst fasste sie Cole in einer Gruppe zusammen, die er Frauenleistungskader nannte, obwohl noch keine volljährig war und auch noch keine den geringsten Titel gewonnen hatte. Cole verlegte das Training in eine blickdichte Halle und schloss das Publikum bis in alle Ewigkeit aus. Seine Erklärung für den rigiden Umgang mit der Öffentlichkeit überzeugte alle, obwohl sie vorgeschoben war. Cole behauptete, er wolle Kiebitzen und Spion:innen* keinen Raum bieten.

Die Schülerinnen* verband - nach einem Fünfjahresplan, der seinen festen Platz am Schwarzen Brett hatte und von Cole allein entworfen worden war - das Ziel, gemeinsam die erste Kasseler Karateweltmeisterin hervorzubringen. Sie sollten eine Batterie bilden und die Beste kollaborativ unter Strom setzen.

In der Kaderkeimzeit schien keineswegs ausgemacht, wer die Sherpas überragen würde. Die interne Konkurrenz gebar lauter Konflikte, die Cole merkwürdig ungerührt sämtliche Eskalationsstufen durchlaufen ließ. Er hätte jeden Streit unterbrechen können. An sich war es nicht erlaubt, vom vorgegebenen Übungskurs abzuweichen. Es gab keine individuelle Freiheit. Trotzdem schob Cole den eifersüchtigen Ausbrüchen so lange keinen Riegel vor, bis klar war, wer die Unterstützung aller verdiente.

Ausgerechnet Amina

Amina hatte keine auf ihrer Liste gehabt. Natürlich sahen alle, wie leicht ihr alles gelang; wie akkurat und flockig ihre Ausführungen waren. Genauso offensichtlich fehlte Amina der Ehrgeiz und folglich der überirdische Antrieb, den es unbedingt brauchte.

Da sagte Cole: „Wir sind die Kraft, die Amina Flügel verleiht.“

Nicht, dass das schon irgendwer verstanden hätte. Ohne Ausnahme waren wir Schülerinnen auf dem Weg zum Abitur. Unsere Mütter vereinte eine leidenschaftliche Bewunderung für Maeve von Pechstein. Maeve war ihr Idol: eine Frau, die kämpfen kann. Ich meine, nicht nur so ein bisschen in der größten Not. Sondern mit dem Anspruch auf totale Überlegenheit bereits auf den Konfrontationsvorfeldern. Der bürgerliche Westen unserer Stadt erlag dem Sirenengesang der sagenhaften Tochter einer ebenso sagenhaften Mutter. Ich rede von der Professorin Antigone von Pechstein, die als Vulkanologin auf der japanischen Kaiserinsel Kyūshū (in der Präfektur Miyazaki) ledig mit zwei Töchtern lebte, lehrte und forschte. Nach ihrer Repatriierung verliebte sich Ruth in einen texanischen GI und folgte ihm bald schwanger in Tecumseh Sherman Winchesters Geburtsstadt Lubbock. Da wurde Cole von Pechstein als Colt Winchester geboren. Seine Eltern kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Maeve nahm den dreijährigen Vollwaisen zu sich und erzog ihn zum Karate-Pechstein. Mit sieben brachte sie ihn in einem Karatekloster auf Okinawa unter. Mit zehn erweiterte Cole sein Kampfkunstwissen in China. Mit dreizehn unterrichtete er in der Schule seiner Großtante als arrogant-abgeklärt-altkluges Supermännchen. Er pubertierte im Verein mit den Wilhelmshöher Elevinnen, deren Mütter ausnahmslos am liebsten eine Maeve von Pechstein gewesen wären.

Ach so, ich bin gerade an der Aufklärung des Rätsels vorbeigeschrammt. Kiko Winchester ist Coles Cousine. Die beiden werden sich bald begegnen. Kiko … dazu bald mehr.

Karate Cocooning

Wir hatten erst einmal das Gefühl, dass Amina mehr Aufmerksamkeit bekam als ihr zustand. Manche standen kurz davor, auszusteigen. Wir waren Mimosen und Narzisstinnen, schlecht darin, zurückzustecken, gern dramatisch und auf eine gewittrige Weise konkurrent. Trotzdem gelang es Cole, die erste Kaderformation geschlossen aus der Uneinigkeit und dem Hader in eine verschworene Gemeinschaft zu überführen. Er bestach uns mit Karate Cocooning: mit der Idee, die größtmögliche (für uns erreichbare) Exklusivität bereitzuhalten.

Aus dem Whirlpool direkt aufs Treppchen

Cole suggerierte uns, dass der Weg zum Sieg mit Genuss gepflastert sei. Wir verwöhnten uns auf Geheiß mit Wellness und Flowpow(d)er, während die normalen Beitragszahler:innen* eine knochige Karatekost vorgesetzt bekamen. Yoga, Physiotherapie, Massage, Sauna und Sole ersetzten das antike Gelobt-sei-was-hart-macht-Programm mit einem Kraft- und Ausdauertraining im Rocky-Balboa-Stil. Nie nahm Amina eine Hantel in die Hand. Nie band sie sich Gewichte an die Waden. Nie stürmte sie die Kaskaden im Höhenpark Wilhelmshöhe. Es gab gemächliche Läufe vom Herkules zu den Elfbuchen und retour. Wir unterhielten uns unterwegs wie Spaziergängerinnen. Das Zauberwort lautete Mühelosigkeit.

Cole beschwor das Wunder der Dehnung. Power comes from stretching, erklärte er. Nicht, dass das eine geglaubt hätte. Und doch war es wahr. Die Exzellenz stellte sich bei Amina wie von selbst ein. Übrigens hieß sie mit zweitem Namen Athirat nach einer ugaritischen Meeresgöttin. Auf einer Metaebene der Betrachtung stieg sie aus dem Whirlpool direkt aufs Siegerinnentreppchen.

Bald mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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