Die Frau im Sozialismus

#TexasText/Jamal Tuschick Alle hatten das Gefühl, sich zu wenig zu engagieren. Im Iran, in Afghanistan und in Nicaragua standen die Zeichen auf Revolution. Bei uns tat sich nichts.

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Es war die hohe Zeit der öffentlichen Strickerinnen. Alle hatten das Gefühl, sich zu wenig zu engagieren. Im Iran, in Afghanistan und in Nicaragua standen die Zeichen auf Revolution. Bei uns tat sich nichts. Nachmittags widmete sich Madeleine Wieland der Frau im Sozialismus. Der Veranstaltungstitel zitierte ungenau August Bebels theoretischen Vorstoß „Die Frau und der Sozialismus“. Außer Madeleine und mir hatte das Buch keiner gelesen.

„Frau und Arbeiter haben gemein, Unterdrückte zu sein.“

So knackig beginnt Bebels hunderttausend Auflagen starkes Grundlagenwerk „Die Frau und der Sozialismus“.

Bebel untersucht das Wesen und die Ursachen der Unterdrückung. Er erklärt, dass „naturgemäß“ erscheint, was „immer schon so war“. Er räumt mit dem Aberglauben von den ewigen Werten auf.

„Ewig ist nur der Wechsel.“

Er erkennt: Sitte kommt aus den sozialen Bedürfnissen einer Gesellschaft. (Nicht aus göttlichen Verordnungen.)

Bebel interessiert zunächst die „Stellung der Frau in der Urgesellschaft“. Die Frau rangiert unter dem Arbeiter. „Sie ist das erste Wesen, das in Knechtschaft kam. Die Frau wurde Sklavin, ehe der Sklave existierte.“

Wildheit, Barbarei, Zivilisation

Bebel übernimmt eine dreistufige Unterscheidung. Die Wildheit spricht er als Kindheit der Menschheit an. Einen Begriff von ihrer Verfassung geben ihm ethnologische Studien. Er skizziert in kolonialen Kategorien „rückständige Familien- und Verwandtschaftssysteme, die von unseren grundverschieden sind“. Dem Autor kommt es darauf an, seinen Lesern klarzumachen, dass ihre Lebensbegriffe vielmehr aus der Kultur als aus der Natur geschöpft sind. Er sucht Wege zu mutterrechtlichen Organisationen, um einen angenommen „Urzustand“ von allen Kontaminationen des Jetzt befreit schildern zu können.

„Unter dem Mutterrecht herrschte im Allgemeinen ein Zustand verhältnismäßigen Friedens.“

Worauf er hinauswill: das ist eine Zeit, in der die Frau eine hervorragende gesellschaftliche Rolle spielte. Er nimmt dies als Voraussetzung dafür an, dass sie die einstige Höhe wiedererlangen kann. Sie bringt aus der Urzeit ihre Qualifikation mit.

Bebel weist auf Fehler in der Bibel hin. Er fragt: Wo hat Kain das Weib her, das ihm einen Sohn gebar. Bebel gelangt vom Inzest über die Promiskuität in endogamen Urzeithorden zu Blutverwandtschaftsfamilien.

Schließlich muss der Pool erstmal gefüllt werden, bevor Differenz bis zum Dissens ausgebildet werden kann.

Bebels Emanzipationsvorleistungen binden sich an den europäischen Kulturkreis. Die höchste Kulturstufe erscheint in diesem Kontext als Voraussetzung dafür, die (Frauen nicht „zur Haushüterin degradierende“) Ur-Form des Zusammenlebens im Sozialismus zu reaktivieren.

Bebel erkennt die geringsten Unterschiede zwischen Mann und Frau in archaischen Gemeinschaften im Vergleich zu den Zivilisierten, denen der Autor sich mitteilt. Er geht so weit, es in diesem Zusammenhang bemerkenswert zu finden, dass auch bei den Russen „was Körperlänge anbetrifft, kein so großer Unterschied zwischen den Geschlechtern wie bei Engländern und Franzosen“ besteht. Ich sende der letzten Feststellung ein russisches Sprichwort zu: Der Deutsche kann nicht ohne Eisenbahn, aber der russische Adler schafft es auch zu Fuß.

Im Kerngehäuse der Vertraulichkeit

Abends beschwerte sich Madeleine über meine Zurückhaltung. Ich hatte es vermieden, mit den richtigen Fragen und Einwürfen die Diskussion in Gang zu bringen. Das hatte sich Madeleine selbst zuzuschreiben. In einer Troika gemeinsamer Interessen und Idiotien war es Madeleine, Roland und mir zwei Jahre gelungen, unsere Freundschaft nicht der Liebe wegen aufs Spiel zu setzen. Nun hatten Madeleine und Roland fadenscheinig nicht die Freundschaft, wohl aber ihre Liebe zu etwas Unverbindlichem und Vorübergehendem erklärt. Schon bald wolle man wieder in das ursprüngliche Kerngehäuse der Vertraulichkeit zurückkehren; ich möge mich nur gedulden.

Ich empfand Madeleine und Roland als Abtrünnige, obwohl ich der Abgesprengte war. So seltsam funktioniert Wahrnehmung. Das muss ich ausbauen. Schon im Kindergarten war mir aufgefallen, dass es Prinzessinnen und Schleppenträgerinnen so wie Prinzen und Steigbügelhalter gibt. Nie stand außer Frage, dass ich kein Prinz war. Das wurde so deutlich angezeigt wie die Uhrzeit am Kirchturm. Ich strebte ohne Vorbildung in die Rolle des Beraters einer Prinzessin. Standen die Konstellationen fest, vergaßen alle die Bedingungen ihres Zustandekommens. Dann war man befreundet und hatte Rechte. Es musste einem zugehört werden. Man war in der elternhäuslichen Umgebung der Freundin (zumindest halbwegs) willkommen und genoss Anspruch auf einen Platz am Esstisch. Ich habe oft und mit gutem Appetit in der Gesellschaft unzufriedener Väter gegessen. Ihnen war ich nicht unterlegen. Sie waren schon dabei, Sediment zu werden.

Ich wusste nicht, ob Madeleine und Robert ihre Liebe oder unsere Freundschaft herunterspielten. Ich verstand nicht, wie sie nach all den Freundschaftsbeweisen im Nagelbett der körperlichen Nähe so heiß aufeinander sein konnten. Ich ignorierte meine eigene Strategie. Jeder Versuch einer körperlichen Annäherung hätte die Freundschaft zerlegt. Andererseits durfte ich nicht nur, sondern sollte sogar in der riskanten Zone Zelte der Zurückhaltung aufbauen. Genau wie Roland, nur anders.

Morgen mehr.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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