Meeresschutzbeauftragter: „Der größte deutsche Fischerhafen ist der Frankfurter Flughafen“

Im Gespräch Sebastian Unger ist der erste Meeresschutzbeauftragte der Bundesregierung. Er erarbeitet die „nationale Meeresstrategie“, mit der Deutschland zum Vorreiter werden will – obwohl Nord- und Ostsee in schlechtem Zustand sind. Was hat er vor?
Unsere Ozeane sind in schlechtem Zustand – kann Sebastian Unger das ändern?
Unsere Ozeane sind in schlechtem Zustand – kann Sebastian Unger das ändern?

Fotos: Imagebroker/Imago Images

Blue New Deal

Die Serie „Blue New Deal“ ist ein Projekt von drei freien ReporterInnen – Svenja Beller, Julia Lauter und Martin Theis – und einem Fotografen, Fabian Weiss. Im Freitag werden sie ein Jahr lang nach Lösungen suchen, die sowohl die Ozeane schützen als auch deren Potenzial nutzen, die Erderwärmung zu stoppen.

Alle Artikel zur Serie finden Sie unter freitag.de/blue-new-deal

Das Projekt wird vom European Journalism Centre (EJC) über den Solutions Journalism Accelerator finanziert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt. Alle Reisen werden kompensiert.

Mitte März traf sich in Berlin das „Who's who“ der deutschen MeeresexpertInnen – Abgeordnete des Bundestages, viele mit Wahlkreisen an der Küste, ExpertInnen aus Wirtschaft und Wissenschaft, VertreterInnen der Fischereiindustrie und des Naturschutzes: Es war die erste öffentliche Sitzung des neu gegründeten „Parlamentskreis Meerespolitik“. Eine Ikone der Meeresforschung, die US-amerikanische Ozeanografin Sylvia Earle, schickte per Videobotschaft ein ermunterndes Grußwort: „Es wäre gut gewesen, schon vor 50 Jahren mit dieser Arbeit zu beginnen. Aber besser, sie jetzt aufzunehmen – in 50 Jahren wird es wohl zu spät sein.“ Warum braucht es für tatkräftigen Meeresschutz aber einen neuen Arbeitskreis?

Er soll, so heißt es bei der Eröffnung, der parlamentarische Arm der von der Bundesregierung ausgerufenen „Meeresoffensive“ sein, sie kritisch begleiten und mit Anträgen aus dem Bundestag flankieren. Welche Schutzmaßnahmen demnächst in Nord- und Ostsee anlaufen und was die Arbeit im politischen Berlin und Brüssel konkret für den Schutz der Ozean bedeutet, das fragen wir denjenigen, der für die Erarbeitung der Nationalen Meeresstrategie zuständig ist: Den ersten Meeresbeauftragten der Bundesregierung, Sebastian Unger.

der Freitag: Herr Unger, die Nachrichten, die man über die Meere liest, sind beunruhigend. Wöchentlich gibt es neue Rekorde der Überfischung, der Überhitzung, der Verschmutzung. Wie geht es den Meeren an deutschen Küsten?

Sebastian Unger: Die Meere sind leider in keinem guten Zustand. Wir machen regelmäßige Bestandserfassungen im Ost- und Nordseeraum, auch im Nordostatlantik. Die Klimakrise zeigt dort schon deutliche Auswirkungen, die Wassertemperatur steigt, der Meeresspiegel steigt, und all das wird sich in Zukunft noch deutlich verstärken. Gleichzeitig bedroht die Übernutzung die marinen Ökosysteme, vor allem die Fischerei. Der Schutz der Meere hängt dabei mit vielen Fragen zusammen, die wir zurzeit kontrovers diskutieren: Wie kann die Landwirtschaft in Zukunft den belastenden Nährstoffeintrag in die Meere reduzieren? Wie gestalten wir den Verkehr, dessen Emissionen auch die Meere versauern? Diese Fragen sind auch für die Meere extrem wichtig. Denn all das, was wir bei uns vor der eigenen Haustür machen, hat große Auswirkungen auf das, was weit draußen auf und in den Meeren stattfindet. Darin steckt großes Potenzial für Verschlechterung – aber auch für Verbesserung.

Wenn wir jetzt an der Küste stünden, könnten wir die größten Meeres-Probleme dann überhaupt sehen?

Das ist das Schöne: Wenn wir am Strand stehen, haben wir meist nach wie vor ein tolles Naturerleben. Man braucht schon etwas Hintergrundwissen, um die Probleme zu erkennen. Man müsste auch mal mit Taucherbrille und Schnorchel an unseren Küsten tauchen, um zu sehen, wie sehr die Überdüngung das Algenwachstum antreibt. Oder wie stark der Meeresboden durch Fischernetze umgepflügt wird. All das sieht man nicht, wenn man nur am Strand steht.

Wie schwer ist es, für mehr Meeresschutz zu werben, wenn vom Strand aus betrachtet alles in Ordnung scheint?

Es ist gar nicht so schwer, da der Zustand der Meere auf anderer Ebene deutlich wahrnehmbar ist: In der Ostsee etwa darf zurzeit weder Dorsch noch Hering gefangen werden. Das sind traditionell die Brotfische der Ostseefischerei. Eine prächtige Hansestadt wie Stralsund, die ist quasi auf Hering gebaut. Der Fisch war mal das silberne Gold der Ostsee. Und all das ist jetzt weg. So zeigt sich der Zustand der Meere auch auf wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Ebene. Wir können die Augen nicht weiter davor verschließen, dass wir nicht nachhaltig mit den Meeren umgehen.

Laut dem Weltnaturabkommen von 2022 sollen bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresfläche effektiv geschützt werden. In Nord- und Ostsee haben bereits heute 45 Prozent der Flächen Schutzstatus. Und trotzdem ist ihr Zustand schlecht. Warum reicht der Schutz nicht aus?

Meeresschutzgebiete sind der vielleicht wichtigste Baustein für den Schutz der Ozeane, aber sie reichen nicht aus. Auch die anderen Meeresflächen ringsum müssen nachhaltig und naturverträglich bewirtschaftet werden. Obwohl wir in Deutschland mit gut 45 Prozent Schutzflächen das globale Ziel übererfüllt haben, reicht das aber qualitativ nicht aus. Denn: Man darf in fast allen Schutzgebieten nach wie vor fischen, auch die Schifffahrt ist dort so gut wie gar nicht eingeschränkt. Sensible Arten wie der Schweinswal sind in der zentralen Ostsee sogar vom Aussterben bedroht – das zeigt, dass wir hier nacharbeiten und diese Gebiete stärken müssen, auch durch Einschränkungen von Nutzungen. Zehn Prozent der Ausschließlichen Wirtschaftszone, also dem Gebiet zwischen 12 und 200 Meilen vor der Küste, sollen gemäß der EU-Biodiversitätsstrategie bis 2030 sogar streng geschützt und frei von schädlicher Nutzung sein.

Und wie viele dieser Gebiete werden heute schon streng geschützt?

Davon sind wir noch weit entfernt. In der ganzen EU sind das bisher weniger als ein Prozent der vorgesehenen Fläche. Wir haben in der Nordsee kürzlich erste Maßnahmen zur Einschränkung der Fischerei in unseren Schutzgebieten erreicht: Auf der Amrum Bank haben wir nun ein erstes kleines Fischerei-Ausschlussgebiet, eine „Zero Take Zone“. Aber der Weg dahin war lang. Es ist sehr schwierig, solche Einschränkungen durchzusetzen. Die Zuständigkeit für die Fischerei liegt nicht in den Händen der Nationalstaaten, sondern der Europäischen Union. Das heißt, wir müssen auch in unseren Schutzgebieten alle Fischereibeschränkungen mit den anderen EU-Ländern abstimmen. Am Ende muss dann die EU-Kommission den zwischen den EU-Ländern verhandelten Vorschlag in einen eigenen Rechtsakt umsetzen. Das ist eine komplexe und langwierige Angelegenheit.

Könnte man Fischerei nicht generell in den Schutzzonen verbieten?

Doch, das geht auch. Aber davor stehen eben politische Verhandlungsprozesse mit vielen beteiligten Ländern. Dabei treffen auch die Interessen des Naturschutzes und der Industrie aufeinander. Das macht die Sache entsprechend kompliziert. Da muss man immer wieder Kompromisse finden.

Rechnerisch waren die Fischreserven dieses Jahres in Nord- und Ostsee bereits im Februar erschöpft. Was muss passieren, dass die Überfischung ein Ende hat?

Der rechnerische „End of Fish Day“ ist spannend, da er ein weites Feld aufmacht: Bei der Überfischung geht es nicht nur um den individuellen Konsum, sondern um das ganze Landwirtschaftssystem. Der größte deutsche Fischereihafen ist weder Hamburg, noch Stralsund oder Rostock, sondern der Frankfurter Flughafen. Ein Großteil unseres Bedarfs wird nach Deutschland eingeflogen – zum Teil vom anderen Ende der Welt. Dazu gehören Fische, die wir essen, aber besonders auch die, die als Fischmehl in der Futtermittelindustrie landen. Um die Überfischung zu beenden, muss man also nicht nur über Fischereibeschränkungen sprechen, über Fangquoten und Schutzgebiete bei uns zuhause, sondern auch über grundsätzlichere Fragen: Wie ernähren wir uns? Wo kommen unsere Nahrungsmittel her? Wie und wo werden sie erzeugt? Wie gehen wir mit natürlichen Ressourcen um? Das ist eine umfassende Diskussion, die weit über den Meeresschutz hinausweist.

Die EU-Kommission hat einen Fischerei-Aktionsplan ausgegeben, der die Bewirtschaftung der EU-Meeresschutzgebiete umkrempeln soll – was können wir davon erwarten?

Bei diesem umfassenden Programm der EU-Kommission geht es vor allem darum, Fischerei und Meeresschutz besser zusammenzubringen. Dass Meeresschützer und Fischereivertreter gemeinsam darüber diskutieren, wie zum Beispiel schädliche Fischerei-Praktiken, wie der Einsatz von Schleppnetzen, in Zukunft besser geregelt werden können. Dazu müssen wir als EU-Mitgliedstaaten derzeit berichten, wie der Status quo ist und wie wir strengere Regeln umsetzen könnten. Daran arbeiten derzeit die Kollegen beim Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit uns vom Umweltministerium. Wir hoffen, dass die neue EU-Kommission den Aktionsplan nach der Europawahl weiter schnell vorantreiben wird.

Eine Ihrer wichtigsten Aufgaben als Meeresschutzbeauftragter ist es, die nationale Meeresstrategie auszuarbeiten – wie sieht die aus und wie weit sind Sie damit in den vergangenen eineinhalb Jahren gekommen?

Die Meeresstrategie ist ein Paket von konkrete Maßnahmen zum Schutz der Ozeane, die wir als Bundesregierung und mit ihr bindend vereinbaren. Im Fokus steht zum einen der Schutz der Artenvielfalt und Lebensräume. Zum anderen wollen wir Klimaschutz und Meeresschutz zusammenbringen, weil das intakte Meer ein starker Verbündeter im Kampf gegen die Klimakrise ist – dafür wollen wir unter anderem marine Ökosysteme wie die CO₂-bindenden Seegraswiesen besser schützen und wiederherstellen. Das wird ein wichtiger Beitrag sein. Darüber hinaus geht es auch darum, die Verschmutzung der Meere zu bekämpfen: Neben dem bereits erwähnten Nährstoffeintrag aus der Landwirtschaft gibt es auch viel Plastikmüll oder Öleinträge und anderes aus der Schifffahrt beziehungsweise der Offshore-Industrie. Und wir wollen die Bürgerbeteiligung im Meeresschutz stärken.

In diesem Sommer startet außerdem das „Sofortprogramm Munitionsbergung“, das Teil der Meeresschutzstrategie ist.

Genau, in der deutschen Nord- und Ostsee wurden nach den Weltkriegen rund 1,6 Millionen Tonnen Altmunition versenkt. Und die rosten langsam durch – die enthaltenen Schwermetalle und andere Giftstoffe lösen sich im Wasser. Das ist schon nachweisbar in der Nahrungskette, mit gesundheitlichen Folgen für Menschen. Dieses Sofortprogramm finanziert mit gut 100 Millionen Euro den Bau einer Bergungs- und Entsorgungsplattform.

Sebastian Unger

Foto: Sascha Hilgers/BMUV

Sebastian Unger, 48, ist seit September 2022 der erste Meeresbeauftragte der Bundesregierung und leitet die Unterabteilung des Bundesumweltministeriums für Meeresschutz. Zuvor leitete er den Bereich „Ocean Governance“ am Potsdamer Institut für Nachhaltigkeitsstudien IASS. Als studierter Biologe und Politikwissenschaftler kennt er sich mit Naturschutz und Politik gleichermaßen aus – und muss nun bei der Ausarbeitung der Nationalen Meeresstrategie unter Beweis stellen, ob und wie sich beide Sphären zu einer nachhaltigen Meeresnutzung verbinden lassen.

Ein weltumspannendes Ökosystem lässt sich nicht national retten – welche Rolle spielt bei Ihrer Strategie die globale Perspektive?

Zurzeit laufen die Verhandlungen für das globale Plastikmüll-Abkommen, Deutschland ist dabei eines der Länder, das maßgeblich zum Start der Verhandlungen beigetragen hat und jetzt – gemeinsam mit dem pazifischen Inselstaat Palau – eine der beiden zentralen Verhandlungsgruppen leitet. Bis Ende des Jahres soll aus diesem Prozess ein rechtsverbindliches Abkommen entstehen. Und auch beim Schutz der Hohen See sind wir durch den Beschluss des UN-Hochseeschutzabkommens 2023 vorangekommen. Die Hohe See, das sind all die Gebiete, die jenseits der nationalen Hoheitsgewässer liegen – also fast die Hälfte der Erdoberfläche. Bisher konnten wir dort keine Meeresschutzgebiete einrichten, zudem gab es auch keinen verbindlichen Standard für Umweltverträglichkeitsprüfungen von menschlichen Aktivitäten wie zum Beispiel Fischerei oder Kabelverlegung. Die Hohe See war in Bezug auf ihren systematischen Schutz eigentlich ein wilder Westen: Wer zuerst da war, konnte sie ausbeuten. Ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeit und Endlichkeit der Meeresökosysteme.

Das ist mit dem Beschluss des UN-Hochseeschutzabkommens nun anders?

Ja. Deutschland hat das Abkommen als eines der ersten Länder im September 2023 unterzeichnet und wir treiben gerade intensiv die Ratifizierung voran, also die Verankerung in deutschen Gesetzen. Das wollen wir bis zur nächsten UN-Ozeankonferenz 2025 abgeschlossen haben. Gleichzeitig startet jetzt schon die Umsetzung des Abkommens, etwa indem wir Länder des Globalen Südens mit bis zu 20 Millionen Euro dabei unterstützen werden, Meeresschutzgebiete auf der Hohen See auszuweisen.

Was ist mit der Unterstützung des Globalen Südens auf Hoher See denn gemeint – es gibt ja keine nationalen Zuständigkeiten da draußen?

Die Schutzzonen liegen außerhalb nationaler Gewässer. Aber die Schutzgebiete, die durch dieses neue UN-Abkommen ausgewiesen werden, müssen von einzelnen Staaten vorgeschlagen werden. Dafür muss man wissenschaftlich beschreiben, warum genau dieses Gebiet, und was dort auf welche Art und Weise geschützt werden soll. Doch die Gebiete auf Hoher See sind schwer zugänglich, nur wenige Länder können dort Forschung betreiben. Die Bundesregierung will, dass dieses „Vorschlagen“ nicht allein der Globale Norden unter sich ausmacht, sondern wir wollen zum Beispiel als Deutschland gemeinsam mit Ländern des Globalen Südens konkrete Schutzgebietsvorschläge machen – eben eine faire, gemeinschaftliche Umsetzung des internationalen Abkommens.

Am Ende ist Naturschutz meistens eine Geldfrage: Haben Sie schon ein Budget für die Umsetzung der Pläne, oder müssen sie später noch um das Budget kämpfen?

Bisher hatten wir keine ausreichenden Mittel für einen wirklich effektiven Meeresschutz. Die Situation hat sich aber zum Glück verbessert, da wir nun durch Abgaben der Windenergieindustrie, der sogenannten Meeresnaturschutzkomponente, Gelder haben, die dem Meeresschutz zufließen. Das ist ein Teil der Erlöse aus der Versteigerung von Windenergieflächen in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone, die zwischen 12 und 200 Meilen vor der Küste liegt. Aus den ersten Versteigerungsrunden werden wir 2024 über 420 Millionen Euro bekommen. Das klingt zunächst nach sehr viel Geld. Aber wenn wir uns die langfristigen Herausforderungen ansehen, vor den wir stehen, dann sind das Mittel, die wir auch wirklich dringend benötigen.

Wenn mehr industrielle Nutzung auch mehr Gelder für den Naturschutz bedeutet, führt das dann nicht zu noch mehr Bauprojekten im Meer?

Das sehe ich nicht so, weil das voneinander getrennte Vorgänge sind. Das Geld ist eine wichtige Voraussetzung, um dringend notwendige Schutzmaßnahmen oder Renaturierungsmaßnahmen durchzuführen. Langfristig brauchen wir neben Meeresschutzgebieten auch die Energiewende und Offshore-Windparks, um die Klimakrise abbremsen zu können.

Mitte März wurde der Parlamentskreis Meerespolitik eröffnet – ein Zusammenschluss von ExpertInnen und Abgeordneten, die die Meerespolitik vorantreiben und über ebensolche Konflikte wie die Abwägung zwischen industrieller Nutzung und Schutzanspruch der Meere diskutieren wollen. Was kann dieses Gremium ausrichten?

Der Bundestag ist ein Treiber in Sachen Meeresschutz, viele Initiativen der Meerespolitik haben ihren Ursprung in Abgeordnetenkreisen, wie zum Beispiel das Thema Munitionsräumung. Ich gehe davon aus, dass in dieser Parlamentariergruppe Menschen mit sehr unterschiedlichen Zuständigkeiten und Interessen zusammenkommen werden: Leute, die sich stärker für die maritime Industrie in ihren Wahlkreisen einsetzen, andere mit Fokus auf die Fischerei, andere auf den Naturschutz.

Also noch ein Gremium mehr, in dem man sich streiten kann?

Das gehört zur Demokratie dazu, und ich kann dem nur Gutes abgewinnen.

Gerade gab es wieder Medienberichte über das Kohlendioxidspeicherungsgesetz, das reformiert werden und damit den Weg für die Einspeisung von verflüssigtem CO₂ in den Meeresboden in der Nordsee bereiten soll. Wie weit sind diese Pläne und wie sind Sie involviert?

Als Leiter der Unterabteilung Meeresschutz bin ich da in Diskussionen mit den anderen Bundesministerien, besonders mit dem Bundeswirtschaftsministerium. Für uns im Umweltministerium ist besonders die Frage wesentlich, was wir den Meeren insgesamt noch zumuten können. Die Meere dürfen durch so eine zusätzliche Nutzung keine zusätzlichen Belastungen erfahren, weil wir schon jetzt sehen, dass es den marinen Ökosystemen nicht gut geht und wir die Belastungen zurückfahren müssen.

Muss angesichts des miesen Zustandes der Nord- und Ostsee nicht jede weitere Belastung vermieden werden?

Wir müssen mit Argusaugen darauf achten, was die Meere verkraften können. Ein gutes Beispiel ist die Offshore Windenergie: Einerseits gibt es dort negative Auswirkungen auf Seevögel und Meeressäuger. Auf der anderen Seite brauchen wir die Energiewende, um die Klimakrise effektiv zu bekämpfen. Dafür müssen wir naturverträgliche Lösungen finden. Und ich sehe es auch als eine Verantwortung Deutschlands, zu zeigen, wie der Ausbau einer so wichtigen Energieform so gelingen kann, dass sie keinen Schaden in den Meeren anrichtet.

Viele Menschen haben eine starke Beziehung zum Meer und wollen zum Schutz des Ökosystems beitragen, wissen aber nicht wie. Was können wir für die Ozeane tun?

Da gibt es eine ganze Menge. Auf der individuellen Ebene kann man seinen Alltag hinterfragen: Wie ernähre ich mich, wie bewege ich mich fort? Mein ganzer Lebenswandel hat Auswirkungen, nicht nur auf die Umwelt insgesamt, sondern auch auf die Meere – mit dieser Einsicht kann man was bewegen! Wir brauchen außerdem mehr Menschen, die sich für den Meeresschutz engagieren und auch die Politik aktiv ansprechen. Wir alle, die Bürger und die gewählten Regierungen, müssen dringend sehr, sehr viel mehr tun, um diesen wunderbaren Lebensraum zu erhalten.

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Geschrieben von

Julia Lauter

Freie Autorin

Julia Lauter studierte Philosophie und Politikwissenschaften in Tübingen. Sie arbeitete während ihres Studiums u.a. für die Heinrich-Böll-Stiftung, für das Goethe-Institut Mumbai und im Bundestag. Nach ihrem Volontariat beim Greenpeace Magazin arbeitet sie seit 2017 als freie Journalistin und Autorin mit einem Schwerpunkt auf Wissenschaftsreports und Longreads. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und im Piemont.

Julia Lauter

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