Freigang in der Hölle

#TexasText/Jamal Tuschick Roland lebte gern weit vom Schuss. In Kassel konnte er sich ein Auto, ein Motorrad, eine ausladende Altbauwohnung und zwei Garagen leisten.

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Jambalaya hieß unsere Schulband. Gerade war ihr Frontmann tödlich verunglückt. Seine Freundin hatte am Steuer gesessen. Am Lagerfeuer deklamierte Holger Kühne die Totenklage. Unserem Vorsitzenden in allen Gremien fehlte die Angst, sich lächerlich zu machen. Holgers Ode schweifte aus bis zu Bernd Lunkewitz, der 1969 von einem NPD-Ordner in Kassel angeschossen worden war. Das hatte die Stadt zu einem heißen Pflaster gemacht.

Roland Mansfeld zapfte Bier vom Fass. Er war der einzige Kasseler Genosse, der Madeleine Wielands Frankfurter Verhältnisse aus eigener Anschauung kannte. Er verhehlte den Eingeweihten sein Unbehagen. Inferiorität nagte an ihm. Die Frankfurter:innen* spielten in einer anderen Liga. In ihrem Häuserkampf war der Staat aufgemischt worden. Die Danys und Joschkas weilten nicht hinter den Sieben Bergen im Grimms Märchenland.

Roland lebte an sich gern weit vom Schuss. In Kassel konnte er sich ein Auto, ein Motorrad, eine bourgeoise Altbauwohnung und zwei Garagen leisten. Stets fand er einen Parkplatz direkt vor der Kneipe seiner Verabredung. Sonntags aß er bei den Eltern. Er hing auch an seinen Geschwistern.

Roland hatte alles, was er brauchte, abgesehen von der Gewissheit, Madeleines lautlosen Eskalationen gewachsen zu sein. Sie war dabei, ihn abzuhängen, so wie sie mich zwei Jahre zuvor aus dem Rahmen ihres Lebens genommen hatte. Ein alter Schmerz fühlte sich wohl in mir. Längst genoss ich das Ziehen der Sehnsucht. Das war mein Vorsprung. Ich kostete die Süße des Liebeskummers aus.

Madeleines Fleecejacke wirkte wie ein Proust‘sches Madeleine. (Beiseite gesprochen: Der Zahnarztsohn Georg Kretschmann lernte in der Berlitz School zusätzlich zum Schulunterricht Französisch, um „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ im Original lesen zu können.) Einmal war Madeleine etwas wegen mir passiert. Sie hatte sich einen Fuß vor der Martinskirche gebrochen oder zumindest den Knöchel verstaut. Der Wunsch mich zu sehen, hatte sie sich beeilen lassen.

Die Hast trug die Schuld am Unfall und ich war schuld an der Hast.

*

In der linken SPD gab es unterstützende Verbindungen zu den Spontis und RAF-Derivaten. Von der rechten SPD wurden die Spontis bekämpft. Der Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arndt verantwortete die Baupolitik, die den Häuserkampf provozierte. „Seiner 1965 geäußerten Idee, die bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main zerbombte Alte Oper nicht wiederaufzubauen, sondern sprengen zu lassen, verdankte er den Spitznamen Dynamit-Rudi.“ (Zitiert nach Wikipedia)

Arndt war ein Mann nach dem Herzen meines Vaters und zugleich ein Feindbild der Jusos. Roland und ich schlurften schon in den Puschen der Altvorderen, zufrieden mit den gesellschaftlichen Raumgewinnen im Zuge einer Vermögensumverteilung, der Verbreiterung des Mittelstandes sowie der Bildungsreform. Wir bemusterten den nächsten sozialdemokratischen Prototyp. Das war der Sportlehrer im Karmann-Ghia. Ein Typ wie aus der Camel-Filter-Werbung.

Am Horizont zeichneten sich Kämpfe in Brokdorf und in Walldorf ab. Die Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses war ein SPD-Projekt in nächster Zukunft. In der Partei prallten die Gegensätze aufeinander. Die vermittelnden Instanzen erlagen dem Fieber der Empörung auf allen Seiten.

Offroader im Schrebergarten

Viele hatten nach Holgers Anweisungen gelernt, sich im Wald zu bewegen, aber nur in mir war das Verlangen gewesen, mit der Nacht und ihren Schatten zu tanzen. In unserer Nachbarschaft sangen Falken ein Lied der kubanischen Revolution - Hasta Siempre Comandante. Aprendimos a quererte ... Che Guevara war der schönste Held. Die Jugendarbeit war sozialistisch und weit weg von den Leitlinien der erwachsenen SPD. Den Falken erschien Schmidt als Fremdkörper und Parteizerstörer. Se despierta para verte ... Der Nachwuchs chilenischer Exilant:innen* sang richtiger als der Rest. Ein Jahr nach Allendes Sturz hatte die Nelkenrevolution stattgefunden und wir waren alle Portugies:innen* gewesen.

„Du musst die Gegner:innen* delegitimieren“, erklärte Holger spät in der Nacht auf dem Hoherodskopf. Madeleine schmiegte sich an Roland. Sie garnierte die kämpferische Attitüde des alten Jungsozialisten mit den Signalen eines schwachen Interesses.

Ich hörte gespannt zu. Holgers Janusköpfigkeit zählte zu den schönsten Rätseln meiner Jugend. Er hatte mich (wie viele Heranwachsende aus dem Kasseler Osten) mit Karten-, Knoten-, Kompasskunde, Geländespielen und spaßigem Überlebenstraining Jahre auf Kurs gehalten. Holger war der ewige Hessenmeister im Kraftdreikampf. In der Gesamtschule Waldau bot er Kraftunterricht an. Sprach er zu uns als Pfadfinderführer, klang er wie ein Revanchist beim Referat über die verlorenen Ostgebiete. Der Juso Holger gehörte hingegen zu einem semi-konspirativen linksextremistischen Netzwerk, das den Feierabendterrorismus der Roten Zellen unterstützte. In jeder Rolle erschien Holger so eindeutig, dass niemand an ihm zweifelte. Ich kannte die Widersprüchlichkeit von meinem Großvater. In Opa grüßten sich die Extreme. Das fiel mir vor ein paar Tagen noch mal anders ein. Holgers Reputation verdankte sich einem unwahrscheinlichen Sieg. Dazu an anderer Stelle mehr.

„Wenn du gegen einen Staat antrittst, erkennst du erst mal nichts“, erklärte Holger.

„Der Gegner* erscheint konturlos in seinen Gestalten.“

Madeleine machte es sich noch ein bisschen bequemer auf Rolands Rumpf. Die Held:innen* des Häuserkampfes und die akademischen Erben der Frankfurter Schule standen vor ihrer Attraktivität Schlange. Doch noch gehörte Madeleine zu uns Nordhess:innen*.

„Was macht man, wenn man einen Staat zum Gegner* hat?“

„Du brauchst einen Günter (Guillaume). Sobald er sich bloßstellen lässt, lässt man ihn fallen.“

Holger legte Holz nach. Außerhalb des Feuerscheins ging es im Sekundentakt um Leben und Tod. Es roch nach Kien.

Wir hörten den kräftigen Piss von Pit Kutscher, dem Jüngeren. Er war in sozialistischen Jugendverbänden vergreist. Holger zeigte mich mit dem Finger an.

„Woran erkennt man den Günter?“

„Er dreht sich schneller als die anderen.“

„Was machst du?“

„Ich schalte mich ab und nehme nur, was er gibt. Ich überlasse ihm das Weitere und beschleunige nichts.“

Selbstverständlich sozialistisch

Ich bemerkte einen Ausdruck väterlichen Stolzes. Viele hatten nach Holgers Anweisungen gelernt, sich im Wald zu bewegen, aber nur in mir war das Verlangen gewesen, mit der Nacht und ihren Schatten zu tanzen.

In unserer Nachbarschaft sangen Falken ein Lied der kubanischen Revolution. Hasta Siempre Comandante.

Aprendimos a quererte ... Che Guevara war der schönste Held. Die Jugendarbeit war sozialistisch und weit weg von den Leitlinien der erwachsenen SPD. Den Falken erschien Helmut Schmidt als Fremdkörper und Parteizerstörer.

Se despierta para verte ... der Nachwuchs chilenischer Exilant:innen* sang richtiger als der Rest. Ein Jahr nach Allendes Sturz hatte die Nelkenrevolution stattgefunden und wir waren alle Portugies:innen* gewesen. Es gab immer Grund zur Hoffnung so wie es immer einen Günter geben würde. Man kann nicht Speichellecker eines Granden sein, ohne den Trabant:innen*status süchtig zu lieben. Guillaume war ein Brandtmann gewesen. Er hatte dem Willy der Herzen zu einer Dolchstoßlegende verholfen, die es Brandt erlaubte, über seinen Verhältnissen ehemaliger Kanzler der Bundesrepublik zu sein. Mein Vater hatte ihn schon mit Brigitte Seebacher zusammen gesehen, die Brigitte arbeitete in der Pressestelle des Parteivorstandes im Erich-Ollenhauer-Haus.

Das Gerücht einer Liaison kursierte. Iris Leise, die Astronautin werden wollte und jeden Tag im Park Wilhelmshöhe etwas für ihre Gesundheit tat, hatte mir zuerst von Brandts Neuer erzählt. Ihr Vater war der Ben Witsch auf unserer Landesebene - ein Mann mit Missionen. Er koordinierte die Beziehungen zu den Palästinenser:innen* auch in einer Art Studienwerk, das es israelischen Palästinenser:innen* ermöglichte, in Deutschland zu studieren. Iris kannte Jordanien, schwärmte vom Mittleren Osten und der Geschwindigkeit, mit der Araber:innen* Deutsch lernen. Von ihr wusste ich, dass der SPD-Sicherheitsdienst stets über den Trainingsstand der RAF-Leute informiert war, die zuerst in Jordanien, dann im Jemen und endlich im Libanon Feuerzucht gelernt hatten. Interessen und Neigungen kreuzten und querten sich. Iris wurde von palästinensischen Studierenden wie eine Prinzessin behandelt. Die Hochachtung genoss sie mit gemischten Gefühlen.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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