Unbemannte Kleinflugkörper

#TexasText/Jamal Tuschick Bernd Seiler sah bereits in den 1970er Jahren Drohnen am technischen Horizont. Er nannte sie unbemannte Kleinflugkörper.

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Bernd Seiler sah bereits in den 1970er Jahren Drohnen am technischen Horizont. Er nannte sie unbemannte Kleinflugkörper.

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„In der Poesie kommt die Welt an die richtige Stelle.“ Christoph Meckel

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„Scheußliches Wetter. Crawled out after I to Stadtschänke. Sülze. Grässlich.“ Samuel Beckett 1936 in Hamburg

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“I try to avoid using my frontal deltoid muscle as well as any other part of my front. Instead I use my back!“ Keith Kernspecht

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„Nur aus unserem Leib wissen wir, was wirkende und ertragende Kraft ist. Und dies wissen wir nur aus unserer inneren Empirie.“ Salomon Stricker

Vorübergehend Schnee von gestern

Natürlich wussten unsere Genoss:innen*, dass „die Krise die historische Normalität des globalen Turbokapitalismus“ ist, und der Neoliberalismus, der damals noch anders hieß, „das Leben in eine Ware verwandelt“ (César Rendueles). Trotzdem durfte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden.

In den Augen meines Vaters war der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) „eine Modeerscheinung“. Verachtung für „die Kommunisten spielenden“ Studierenden* sprach sich aus, wenn sich die Genoss:innen* des sozialdemokratischen Ortsvereins nach einer Sitzung noch zwischen Tür und Angel unterhielten; auf einem hallenden Korridor mit quietschendem Linoleumboden zwischen den Klos im ersten Stock des Bürgerhauses, das Jahrzehnte als Volksschule gedient hatte und vom Generationenmief imprägniert war, und einem umgewidmeten Klassenzimmer, das einige aus der Kindheit kannten. Heute weiß ich, worum es ging, darum nämlich, Traditionen nicht ins Sediment sinken zu lassen, sondern sie fleißig im Gedächtnis und folglich am Leben zu halten.

Wem was gehörte, war ein unerschöpfliches Thema. Allerdings erschöpfte sich das einschlägige Interesse im Dorf und in der dazugekommenen, auf Äckern, die „Länder“ genannt wurden, einst in Rekordzeit hochgezogenen Waschbetonsiedlung, in der nun auch individuell gestaltete, mit Spalieren in den Vorgärten bürgerlich erscheinenden Eigenheime bildbestimmend waren.

Wer aus dem Dorf kam und trotzdem Genoss:in* war, geisterte als Außenseiter:in*. Ich erinnere zerschossene Typen, die im Sommer samstags in der Versehrtensportanlagen an der Fulda unter sich blieben. Das waren sie: Versehrte. Die Geschichtsvergessenheit der Bundesrepublik einschließlich der zügigen Wiederbewaffnung empfanden sie als persönliche Katastrophe.

Man war so schnell abgerückt von der Losung „nie wieder Krieg“.

Bilderbuchkarrieren führten von den Christlichen Pfadfinder:innen* über den Fuß- und Handballverein sowie die Freiwillige Feuerwehr in die CDU. Die SPD meiner Kindheit war ein Relikt aus der Zeit vor dem Godesberger Programm. Sie bestand tatsächlich aus sich ermächtigenden Arbeiter:innen*, wenn auch nicht nur. Nach oben aus riss allein der Unternehmer Brinkmann, der nach dem Supermarktleiter Wagner mein zweiter Arbeitgeber wurde. Ich grub seine Beete um und zog einen Versorgungsgraben von der Kasseler Straße bis zu seinem Haus. Schließlich legte ich den feuchten Frontsockel frei und verlegte eine Drainage. Da war ich vierzehn und stolz auf meine Schwielen. Meine Einnahmen und Ausgaben musste ich vor meinem Vater schriftlich verantworten. Das wurde abgezeichnet.

Gern beobachteten mich die Radikalisierten bei der Arbeit. Sie agitierten hämisch über den Zaun, zwei, drei Unentwegte, die im Selbstermächtigungswahn Dummheitsdelikte verwirkten. Ich sagte gern gegen sie aus. Vor Gericht waren sie kleinlaut. Sie kamen in jedem Fall mit einem blauen Auge davon. Immerhin wurden sie verurteilt. Ich traf sie wieder und wieder in Kneipen, auf Konzerten. Schließlich lösten sie sich restlos in der Normalität auf. Während mein Vater zumindest in der Nachbarschaft legendär blieb. Der eiserne Fritz hatte allen die Stirn geboten, mit nicht mehr Rüstzeug als Sinn für und Freude am Mittelmaß.

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Weil ich einmal sitzengeblieben war, erlebte ich den Aufbruch meines Jahrgangs direkt nach dem Abitur in der Position des Zurückgebliebenen; obwohl ich gar nicht wegwollte. Dann war die Schule auch für mich vorbei, ich trat meinen Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt an und bezog mit Simone eine Jagdbaracke der Försterei Fahrenbach auf dem Sonnenacker im Alten Land. Ich kannte den Flecken in der Söhre (dem Kaufunger Wald) seit meiner Kindheit.

Simone, deren Mutter, eine Professorin für Stadtplanung an der Kasseler Gesamthochschule, die bis zum zehnten Lebensjahr ihrer Tochter in Berlin radikalfeministisch aufgetreten war, zeigte kein Interesse an Genies. Sie stand auf Bernds. Die Bernds hörten im Nachgang der 1970er-Jahre immer noch Rory Gallagher. Sie fuhren auf Kreidler Zündapp Mopeds herum. Es gab sie in clever und in verpeilt. Kiffen im Wald war für alle ein Gipfel des guten Lebens, und deshalb gaben sich die Bernds bei uns die Klinke in die Hand. Sie waren umgänglich und kooperativ.

Ich beschränke mich in meinen Schilderungen auf Bernd Seiler, ein Kind der Kolonie im Liliental - einer Arbeiterreihenhaussiedlung, gestaltet nach Volkswohlmaximen in Opposition zu dem ungesunden Wohnen in Mietskasernen. Im Liliental nannte man die Eigenheime wie anderenorts auch Pappschachteln.

Aufgewachsen in einer Pappschachtel und umstellt von Verwandten hatte sich Bernd auf eine Insel der Erforschung zukünftiger Phänomene geflüchtet. War er breit, verkündete er, wie in Zukunft Staaten ihre Grenzen totalitär sichern würden. Bernd beschrieb Grenzsicherungen mit Satelliten, Radar, unbemannten Kleinflugkörpern (Drohnen) und Wärmebildkameras. Smart Borders, das Wort hatte er noch nicht, aber er wusste schon, was es bedeutet, schlösse frau/man die Ausgangsflächen von Migration in Datenringen ein. Das seien unsichtbare Einmischungen in die Angelegenheiten souveräner Staaten. Ohne Vorrede ignorierte Bernd die Koordinaten des Konflikts zwischen den westlichen Gesellschaften und dem Ostblock.

Der Ostwestkonflikt war vorübergehend Schnee von gestern als wir noch jeden Tag auf den Alarm warteten und nicht Wenige die Atomraketen auf uns zufliegen sahen. Die Stationierung der Mittelstreckenraketen und die Proteste dagegen folgten der Logik einer Ungleichzeitigkeit, die es keinem erlaubte, rechtzeitig zu erkennen, was bald bildbestimmend sein würde. Simone verschwand gelegentlich ohne Ade und kreuzte nach drei, vier Tagen in einer bürgerlichen Verkleidung wieder auf. Ihre Freund:innen* kamen und gingen schnell wieder, wenn sie mich allein antrafen.

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Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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