Alltag

Stellenkritik | 15.02.2010 11:00 | Axel Henrici

Dr. Sommer für die Nullerjahre

"Bravo" will sein Online-Team verstärken und sucht einen Multimedia-Mann für den "Dr.-Sommer-Bereich". Unser Redakteur überlegt, ob er sich bewerben soll.

Vorweg ein Disclaimer, weil wir Onliner das so gelernt haben: Der Autor der folgenden Zeilen ist – selbst nach "40-is-the-new-30"-Maßstäben – ein alter Sack. Sollte sich beim Lesen der folgenden Zeilen also der Eindruck eines leicht ironischen Tonfalls einstellen, so richtet sich letzterer nicht gegen die Zielgruppe – schließlich ist das Medium, um das es hier geht, für die Kernleserschaft zwischen 12 und 17 Jahren wöchentlich das wichtigste Entertainment- und Informationsmagazin – sondern gegen... aber dazu später, eins nach dem anderen.

Als Journalist hat man zahlreiche Newsdienste abonniert, u.a. auch solche, die Jobanzeigen offerieren. Man sieht sie sich mit einem halben Auge an, schließlich weiß man nie, doch die meisten klickt man ungelesen weg. Das wäre auch in diesem Fall so gewesen, wenn das halbe Auge nicht über diesen Satz gestolpert wäre: Sie sprühen vor Ideen zur kreativen Aufbereitung von redaktionellen Themen im Internet, pflegen den verantwortungsvollen Umgang mit Jugendlichen in der Sexual- und Lebensberatung und haben ein Gespür für die professionelle und populäre Umsetzung der Dr. Sommer-Themen im Internet. Hey, das klingt doch nach einem spannenden Job für dich, dachte ich und las weiter:

Ihr Aufgabengebiet:
* Erstellung und Implementierung von redaktionellen Beiträgen für den Dr. Sommer-Bereich
* Beratung von Jugendlichen im Bereich Sexualität/Aufklärung via Internet
* Pflege und Ausbau der Dr. Sommer-Online-Datenbank

 

Aufklärung via Internet ist doch mein täglich Brot, überlegte ich. Und mit Datenbanken kann ich zumindest als Nutzer einigermaßen umgehen. Aber wer war noch mal Dr. Sommer?  War das nicht dieser Sexualonkel von...? Genau, da steht es doch, Blindfuchs: Für unsere Redaktion BRAVO.de suchen wir zum nächstmöglichen Termin einen qualifizierten Multimedia-Redakteur (w/m) für den Dr. Sommer-Bereich. Ich suchte also flugs den Internetauftritt von Europas größter Jugendzeitschrift (verkaufte Auflage nach IVW /IV 2009: 512.358 Exemplare) auf und stellte beruhigt fest: Es hatte sich seit fünfundzwanzig Jahren gar nichts geändert (außer dass es damals noch kein Internet gab): "Mein Kumpel drängt mich zum Sex!", las ich, flankiert von "Der Knutschfleck: Tabu oder ein Liebesbeweis?", und dem Da-kann-man-nix-falschmachen-Klassiker: "Erektion: Wenn dein Penis schlapp macht!" (Da dies auch für über 30-jährige interessant ist, sei nachgereicht: Schuld sind Stress, Druck, und falsche Vorstellungen. "Wir sagen dir, was hilft!")

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Na gut, dachte ich, alles noch wie früher. Aber brauchen die überhaupt so jemanden wie mich? Ich fand einen Link zum Dr. Sommer-Team (dass es sich um ein Team handelte, und nicht derselbe Dr. Sommer seit Jahrzehnten rund um die Uhr die immergleichen Nöte Jugendlicher besprach, wusste ich immerhin schon) und versuchte mich schlauzumachen, wurde aber schroff aufgefordert, mich auszuweisen: "drsommerteam.de verlangt einen Benutzernamen und ein Passwort". Der Heinrich-Bauer-Verlag war etwas auskunftsfreudiger:

Seit 40 Jahren steht das Dr.-Sommer-Team von Bravo für kompetente Jugendberatung in allen Fragen rund um Liebe, Körper, Sexualität und Erwachsenwerden. Die große „Dr. Sommer Studie – Liebe, Körper, Sexualität“ von Bravo aus dem Frühjahr 2006 hat deutlich gemacht, wie wichtig Aufklärung und Information von Jugendlichen in unserer Gesellschaft ist.

Und, ganz wichtig: Bravo spiegelt das aktuelle Lebensgefühl der Jugendlichen wider. Kunststück, die Themen Petting, Prüderie und Penislängen werden immer das aktuelle Lebensgefühl der Jugendlichen widerspiegeln. Den Alles-halb-so-wild-Onkel traute ich mir also durchaus zu. Aber wie sah es mit meinen Multimedia-Kompetenzen aus? Gut, ich verfügte, wie verlangt, über einigermaßen fundiertes Knowhow im Online-Journalismus. Doch was würde man von mir verlangen? Einerseits sollte ich sexualmedizinische Grundkenntnisse und eine psychologische/pädagogische Ausbildung haben, andererseits wurden exzellente Kenntnisse im Bereich Bildbearbeitung und Bildauswahl verlangt.

Sollte ich etwa am lebenden Objekt Fotostrecken à la "LoveSchool: Anna zeigt dir, was sie mag!" produzieren? Beunruhigt malte ich mir aus, wie ich mit voll ausgewachsenen Halbwüchsigen das Bildmaterial zu expliziten Teasertexten liefern würde: "Die Missionarsstellung und die Löffelchen-Position sind ihre persönlichen Favoriten beim Liebesspiel. Anna zeigt, wie sie funktionieren!" Meine Frau würde im Quadrat springen. Oder ging es nur darum, in den Archiven der Bildagenturen nach Fotos zu suchen, mit denen sich Angebote wie "Das Kitzler-Quiz: Wie gut kennst du dich aus?" zielgruppengerecht bebildern ließen?

Seit Tagen brüte ich über der Frage, ob ich mich bewerben soll. Aber ich habe Angst. Ich meine: Was wollen die sonst noch von mir? Muss ich Kontakt zu "Angst-vorm-ersten-Mal"-Gruppen auf Facebook halten? Erwarten die, dass ich Sextipps twittere und mir eine Dr.-Sommer-Follower-Gemeinde erzwitschere? Was soll ich tun? Dr. Sommer, bitte helfen Sie mir!

 
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Kommentare
Nelly schrieb am 16.02.2010 um 22:09
Ja, wieviel wird denn da so gezahlt und für wieviel Einsatz (zeitlich, meine ich) ? Das ist doch die wichtige Frage... Vielleicht ergibt sich so eine Querfinanzierung, von BRAVO zum Freitag !
Axel Henrici schrieb am 17.02.2010 um 10:18
Wie rum meinten Sie das mit der Querfinanzierung: damit der "Freitag" sich weiter jemanden wie mich leisten kann – oder damit ich mir weiterhin leisten kann, beim "Freitag" zu arbeiten...? ;-)


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