Karateliebe

#TexasText/Jamal Tuschick Auf Instagram lässt sich eine Karateliebe mit internationaler Ausstrahlung verfolgen. Die Liebenden liefern der Glamourmaschine perfekte Bilder. Die Weltklasse-Karateka Sandra Sánchez und ihr Couch-Gatte Jesus del Moral inszenieren ...

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Auf Instagram lässt sich eine Karateliebe mit internationaler Ausstrahlung verfolgen. Die Liebenden liefern der Glamourmaschine perfekte Bilder. Die Weltklasse-Karateka Sandra Sánchez und ihr Couch-Gatte Jesus del Moral inszenieren sich als ebenso trainingsemsig wie genussfähig.

Sie basteln an ihrer eigenen Ikonografie. Siehe Eingebetteter Medieninhalt

Jesus del Moral postet dazu: “Juntos…apoyarse el uno en el otro hace que consigamos todo lo que nos proponemos.”

Sandra Sánchez gelang etwas Außergewöhnliches. Bei den Olympischen Spielen 2020 setzte sich die Kata-Koryphäe in Japan gegen eine japanische Konkurrentin durch. Sie stach die blendende Kiyou Shimizu aus.

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Persistence but not relentless. No hard feelings. Tensions are reflected by your techniques.” Gong-fu- Commonplace

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Resisting without offering any resistance: that’s part of the art. Advanced Gong-fu- Commonplace

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„Wer nun die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet/Dieser dachte nicht mehr an Kundschaft oder an Heimkehr.“ Homer

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„Abschweifungen sind unleugbar der Sonnenschein - das Leben, die Seele der Lektüre.“ Laurence Sterne

Deklassierende Konstellationen/Sozial halbiert

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr wohnte ich in der Liegnitzer - nahe der Breslauer Straße. Die Straßen waren nach „den verlorenen Ostgebieten“ benannt. Ich war schon beinah erwachsen, als ich in der Tagungsstätte auf dem Hohen Dörnberg zum ersten Mal hörte, dass aus den verlorenen Ostgebieten Vertriebene in der DDR Umsiedler:innen* genannt wurden. Daniela Heise stammte aus einer Umsiedler:innen*familie, die noch vor dem Mauerbau in den Westen gemacht hatte.

Danielas Ahnen kamen aus derselben Gegend wie meine. Mein Ururgroßvater war als katholischer Missionar aus der nordpolnischen Bory Tucholskie aka Tëchòlsczé Bòrë, sprich Tucheler Heide ins evangelische Kassel gekommen. Sein Sohn, ein bei der Reichsbahn beschäftigter Landvermesser, wechselte die Religion. Das wurde gebetsmühlenartig wiedergekäut. Wie bereits die nächste Generation dieses sendungsbewussten, aber kaum sendungsstarken Stammvaters vom alten Glauben abfiel und sich, keinesfalls einer Not gehorchend, der protestantischen Mehrheit anschloss. Man wollte lediglich nicht anecken und es lieber so halten wie die Nachbar:innen*. Dabei gab es katholische Verhaue in Kassel und im Landkreis sowie komplett katholische Städte in der Region.

Da war kein Wille, nichts Beharrliches. Kein zinsstiftendes Erbe verband sich mit der überkommenen Religion. Sie nutzte nichts. Der vom Polnischen noch geprägte Konvertit heiratete in die Kasseler Normalität ein. Die erste Frau meines Urgroßvaters kam so lange nieder, bis sie sich nicht mehr erhob. Der Witwer ging mit vier Töchtern und sieben Söhnen in die zweite Ehe, um neun weitere Kinder in die Welt zu setzen. Man nannte das eine reiche Ernte. Die ältesten neun Söhne besuchten ohne Ausnahme bis zum Abitur dasselbe Gymnasium. Der Rest wurde nach dem Tod des Patriarchen aus der Schule gepflückt und in deklassierende Konstellationen eingefügt. Dies erwies sich als notwendig, obwohl die älteren Geschwister für die jüngeren sorgten. Großonkel Kurt nahm meinen Großvater an Sohnes statt. Der alte Kurt verschaffte dem Halbbruder eine Lehrstelle.

Die Kinder aus der zweiten Ehe waren sozial Halbierte.

Das war ein anhaltendes, Jahrzehnte nachwirkendes, sich hier- und dorthin verzweigendes Unglück. Die Familie war nicht aus einem Guss, sondern vom Zerfall bedroht. Die bereits vom alten Kurt begrüßten sozialdemokratischen Maximen mögen unter solchen Umständen besonders tröstlich gewesen sein. Man glitt ab bis auf den Grund der ehrbaren Arbeiterschaft. Mein SPD-Großvater arbeitete in einer Drahtfabrik. Unter den Nazis duckte er sich. Er lebte mit der Faust in der Tasche, wie mein Vater gern sagt.

Die Faust in der Tasche gehört zum Themenkreis die Gedanken sind frei. Wie es in dir aussieht, geht keinen was an.

Das stelle ich mir manchmal vor: Wie meine zutiefst sozialdemokratischen Großväter zwischen Abstieg und Tod mit zusammengebissenen Zähnen (die Lippen ein Strich) und der Faust in der Tasche dem Tausendjährigen Reich trotzten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jamal Tuschick

Interessiert an Literatur, Theater und Kino
Jamal Tuschick

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